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Das beste Gefühl: Man trägt die Erinnerung an eine Ausstellung noch lange mit sich, weil sie begeistert und bewegt hat. Mit jeder Erinnerung an den Besuch verbinden sich Bilder weiter zu Gedanken, lösen sich Ansicht und Absicht und finden vielleicht doch auf ganz neue Weise wieder zusammen. So ging es mir nach dem Besuch der Ausstellung ‚Otto Freundlich – Kosmischer Kommunismus‘, im Museum Ludwig, Köln. Darum dieser Text. Darum so lang, darum so wie er ist.

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Installationsansicht Otto Freundlich. Kosmischer Kommunismus Museum Ludwig, Köln 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier

‚Das Bild, das ich in diesem Sinne malen konnte, war für mich wie eine feine Linie, die Vergangenheit und Zukunft schneidet.‘ (Otto Freundlich, ‚Bekenntnisse eines revolutionären Malers‘, 1935, Ausstellungskatalog Köln, S. 10)

Die Wahrheit ist: eigentlich braucht es nicht mehr Worte, als jene, die Otto Freundlich (* 1878, ermordet 1943 im KZ Majdanek oder Sobibor) selbst zu seiner Arbeit, als seine Arbeit, formuliert hat.

Und doch muss es sein!

Otto Freundlich, "Komposition" von 1940WHM-Inventar 458/15

Otto Freundlich Komposition, 1940 84 x 60 cm Gouache auf Papier Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen Foto: Wilhelm-Hack-Museum / Joachim Werkmeister

Denn man muss eine eigene Sprache finden, hier und jetzt, um sich inmitten der Kunstwerke als Gegenwärtig verorten zu können. Ich glaube, dass sind wir Otto Freundlich schuldig. Nur aus der Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart im Kaleidoskop seiner Farbwelten und Texte können wir meiner Meinung nach eine Verbindung herstellen zu einer eben nur scheinbaren Vergangenheit aus der Freundlich in unsere Zukunft spricht.

‚Im Denken wie im Tun schaffen wir Vernichtung – nie etwas anderes – wenn wir unser und alles Geschaffenen Ursinn nur als ein Wort und nicht als die dauernd notwendige Begleitschaft für unsere sittliche Kraft verstehen und verehren.‘ (Otto Freundlich, ‚Welt – Urwelt‘, in ‚Die Aktion‘, Heft 37/38, 1918, abgedruckt im Ausstellungskatalog Köln, S. 65)

Die Stärke des Individuums als Kraftquelle für die Bewegungen im ‚Meer des kosmischen Gesamtlebens‘, die Anerkennung von Stärke zum Nutzen aller und Schwäche als Antrieb für den Gemeinsinn, oder konkret:

‚Die innige Verbindung aller Flächen auf einem Bilde, von denen jede wie eine Zelle im Organismus die Kraft zu einer andern Zelle überleitet, sodaß es in dem ganzen Organismus nur einen ungehemmten Kreislauf dieser Kräfte gibt;‘ (Otto Freundlich, ‚Bekenntnisse eines revolutionären Malers‘, 1935, Ausstellungskatalog Köln, S. 9)

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Otto Freundlich Kräfte, 1934 64 x 53 cm Öl auf Leinwand Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien Foto: Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Otto Freundlichs Blick auf die Welt und die Menschen hat einen Namen: Sozialismus. Er ist sein Urteil als notwendige Kraftquelle, als Ausgangsbasis für die Idee der Schöpfung des Menschen durch die Kunst und in der Kunst, und er ist Teil eines Urteils, das grausam über ihn als Juden und über seine Kunst richten wird.

Und darum braucht es schließlich in unserer Gegenwart eine eigene Sprache, um etwas zu Freundlich zu sagen: Es gilt, seine Kunst als Teil seines Lebens zu verstehen, und nicht als Teil von dessen Vernichtung.

Die Ausstellung ‚Otto Freundlich – Kosmischer Kommunismus‘, im Museum Ludwig und später im Kunstmuseum Basel, spricht diese ganz eigene Sprache.

Sie ist keine Wiedergutmachung, denn eine Wiedergutmachung des Verlustes von Leben und Werk ist schlicht unmöglich.

Sie ist in Bild und Schrift die Feier eines Lebens, das – wie Millionen andere, deren Individualität durch den schieren Horror der Zahl nicht verlorengehen darf – in einem menschenverachtenden System, erdacht und gesteuert von Menschen, nicht sein durfte. Sie ist in Bild und Schrift die Feier eines Lebens, das – im Gegensatz zu Millionen anderer Leben – durch Bilder, durch Schriften, noch gefeiert werden kann, auch, um für die anderen zu stehen, die keine Stimme, kein Bild haben:

‚Hinein in die Zukunft ohne Grenzen. Das ist unsre Morgenröte, in der die sozial geeinte Menschheit ihren ersten Weltschöpfungstag erlebt.‘ (ebd., S. 12)

 

Otto Freundlich, private Leihgabe, Pastell

Otto Freundlich Sphärischer Körper, 1925 65 x 50 cm Pastell auf Papier Privatsammlung Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln

‚Kosmischer Kommunismus‘: was für eine spannende Utopie, was für eine ganz eigene Sprache das schon ist!

In seinen Werken ist sie die feine Linie, die er beschreibt, die zwischen Vergangenheit und Zukunft eine Verbindung herstellt, indem sie beide Zeiten berührt.

Und hier, in der Ausstellung – und zumindest für die Zeit, die wir in ihr verbringen –, ist sie sie die oben beschriebene Gegenwart:

Man darf sie als unzeitgemäß abtun, man darf über sie lächeln, sie spinnert finden, man darf sie sympathisch oder notwendig finden, man darf sie verteidigen oder ablehnen. Und indem man einen Standpunkt bezieht, indem man Haltung einnimmt, geschieht mit und durch diese Kunst etwas ganz wunderbares: Sie wir Bestandteil unseres Lebens, Otto Freundlich wird Teil unseres Lebens. Er wird zu einem streitbaren Geist, zu einer Herausforderung, einer Notwendigkeit in sich.

‚Die Optik scharf abgegrenzter Körper oder Flächen entspricht dem Beamtentum und Bureaukratismus im Staate: alles hat seine Rubrik auszufüllen, im übrigen ist sein leben, seine Neigung und gar sein Freiheitsbedürfnis gleichgültig und wird unterdrückt. Wenn der Künstler die ersten taten vollzogen hat, die Natur aus diesem Beamtentum zu befreien, so tat er es darum, weil ihr ganzes Beieinander durchtränkt war von dem Geiste der Sklaverei, und nicht brach er ihre Ketten, weil ihn Beispiele aufmunterten, weil sein Auge belehrt worden wäre durch die Gegenstände, nein: hier gebot der Geist und sein unabhängiger Sinn, die Freiheit sichtbar zu machen, und strafte den Hang des Sehens fertiger Werte Lügen.‘ (Otto Freundlich, ‚Welt – Urwelt‘, in ‚Die Aktion‘, Heft 37/38, 1918, abgedruckt im Ausstellungskatalog Köln, S. 65)

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Otto Freundlich Komposition, 1930 147 x 113 cm Öl auf Leinwand, auf Sperrholz aufgezogen Musées de Pontoise Foto: Donation Freundlich – Musées de Pontoise

Also:

Die Erinnerung an die Grauen der Vergangenheit ist und bleibt notwendiger Kompass für den Weg in die Zukunft. Das bedrohte oder vernichtete Leben, jedes einzelne, in der Vergangenheit, lässt jedes bedrohte oder vernichtete Leben in der Gegenwart als umso abscheulicheren Akt menschlicher Inhumanität erkennen. Die Vernichtung oder Unterdrückung von Kunst, durch Wort und Tat, ist der düstere Geselle dieser Menschenverachtung, die zuvorderst immer die Verachtung von Individualität ist. Kreativität, in all ihren Facetten, ist Ausdruck von Individualität.

Es tut gut, der Individualität von Otto Freundlichs Werk zu begegnen, und dabei zu erleben, wie es seinen Anspruch, Teil einer kollektiven Weiterentwicklung zu sein, erfüllt.

Man kann und darf vor seinen Arbeiten stehen, und auch nur ihre Farben feiern, ihre vollkommene Abstraktion, die Leuchtkraft, die die Farbigkeit der Glasfenster des Doms von Chartres, an deren Restaurierung der junge Künstler beteiligt war, weiterdenkt, und die ihn und sein Werk wohl geprägt haben.

Man kann diese Farben, Flächen, Linien, Skulpturen, Glasgemälde, Betonglasgemälde,  Ölgemälde, Gouachen, Aquarelle, Skizzen und Texte, die alles in allem doch so wenigen erhaltenen Werke, meiner Meinung nach aber nicht lesen, ohne seine Biografie und seine Ideen, seine politische und philosophische Haltung, mitzulesen.

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Otto Freundlich Fries (Liegende Frau), 1924 24 x 163 cm Glasgemälde Musées de Pontoise Foto: Donation Freundlich – Musées de Pontoise

Und mit diesem Blick auf das Große Ganze wird auf einmal die Ausstellung zu einem Raum einer ganz besonderen Erfahrung: Wenn Freundlich den Menschen durch die Kräfte der Kunst erst erschaffen will, und wenn in der Folge die Individualität zum Kraftquell einer kollektiven Erfahrung werden kann, dann sieht man jeden Menschen in diesen Räumen umso bewusster und näher.

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Otto Freundlich Die Mutter, 1921 120 x 100 cm Öl auf Leinwand (Nessel) Berlinische Galerie, Berlin Foto: Kai-Annet Becker/ Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur

Vor den Werken von Otto Freundlich steht mit jedem Besucher so eine Schöpfung seiner Kraft. Vielleicht nicht in einem ideologischen – niemand wird hier zum Kommunisten, der es nicht eh schon war – aber im übertragenen Sinne:

‚Noch 1939 schrieb Freundlich: ‚Ein Kunstwerk ist dann wahr, wenn sich innere und äußere Kräfte zu einer Einheit verbinden. Das ganze Innenleben, das ganze Außenleben sind die Welten, die zur Einheit im Kunstwerk streben.‘ (Nina Schallenberg, Grenzaufhebungen – Zu den abstrakten Skulpturen von Otto Freundlich‘, im Ausstellungskatalog Köln, S. 181).

Jeder findet hier eine ganz eigene Sprache, um aus der Wahrnehmung eine geteilte Erfahrung zu machen.

Sie kann und darf die der Trauer über die Vernichtung dieses Lebens und so vieler seiner Werke in der Vergangenheit sein.

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Installationsansicht Otto Freundlich. Kosmischer Kommunismus Museum Ludwig, Köln 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier

Sie kann und darf in der Konsequenz Ausdruck von Sorgen über den Stand und den Weg unserer Gesellschaft, unserer Gegenwart sein.

Sie kann und darf jedem die Möglichkeit geben, Worte für eine denkbare Zukunft zu finden.

Sie kann und darf einer Begeisterung über die Kraft und Wirkung von Farbe, Linie, Fläche und Licht Ausdruck verleihen.

In der Konsequenz wirkt in der Ausstellung der ‚kosmische Kommunismus‘: in der kollektiven Auseinandersetzung, im Gespräch oder still, kommt jeder gestärkt daraus hervor.

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Otto Freundlich Kosmisches Auge, 1921/22 81 x 65 cm Pastell auf Karton Privatsammlung, Paris, Courtesy Applicat-Prazan Foto: Applicat-Prazan, Paris

Kunst – lässt sich nun trefflich sagen – fordert doch immer die Individualität heraus, fordert eine Stellungnahme, eine Position. An diese Stärke glaube ich auch und ich finde, sie ist Notwendigkeit.

Aber: Hier, mit dieser Kunst, ist es etwas Besonderes. Die Kuratorin der Ausstellung, Julia Friedrich, benennt es in ihrer ‚Einführung in die Ästhetik von Otto Freundlich‘:

‚Nichts trennt Freundlichs Philosophie so sehr von unserer Zeit als sein vielbeschworenes ‚überindividuelles Prinzip‘, sein Versuch einer ‚Überwindung individualistischer, privater Wertsetzungen‘, ‚egozentrischer Gefühle und Gesinnungen‘. In unserer Gesellschaft, in der, bedingt von ihrer Wirtschaftsordnung, jenseits des Individualismus nur mehr wenig vorgestellt werden kann, lässt sich nur schwer begreifen, wie Nobel die Absicht Freundlichs war. Dadurch droht eine wesentliche Dimension seines Bilddenkens verloren zu gehen.‘ (Ausstellungskatalog Köln, S. 36)

Darum eben gilt es hier zu einer eigenen Sprache zu finden, vielleicht zurückzufinden, vielleicht sie neu zu finden.

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Otto Freundlich Frauenbüste, 1910 52 x 34 x 29 cm Gips, gelb bemalt Museum Ludwig, Köln Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Darum habe ich hier kein einziges Werk beschrieben. Ihr seht einige auf den Abbildungen, die den Text begleiten. Macht euch auf den Weg in diese Ausstellung und erlebt diese Kunst und lasst sie auf euch wirken!

Man kann Julia Friedrich und dem Museum Ludwig – wie auch dem Kunstmuseum Basel als kommender Station – gar nicht dankbar genug sein, dass sie Otto Freundlich mit dieser Ausstellung in die – in diese! darf man sagen – Gegenwart geholt haben.

Hier leuchten seine Werke, hier glüht seine Idee.

Die ergreifende Ausstellung wird von einem Katalog begleitet, der all ihre Ideen, die Herausforderungen, die Philosophie von Otto Freundlich, den schändlichen Umgang der Nazis mit seinem Werk, auch im Zuge der Ausstellung ‚Entartete Kunst‘, und den menschenvernichtenden Wahn ihrer Ideologie, in Essays und wissenschaftlichen Texten mit seinen Arbeiten vereint und einordnet. Seine Lektüre ist so notwendig herausfordernd wie bereichernd.

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August Sander Maler und Bildhauer (Otto Freundlich), um 1925 20,7 x 15,3 cm Vintage, Gelatinesilberabzug August Sander Stiftung, Köln, Courtesy Galerie Julian Sander © Die Photographische Sammlung/ SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn, 2016

‚Otto Freundlich – Kosmischer Kommunismus‘, im Museum Ludwig, bis zum 14. Mai 2017, danach im Kunstmuseum Basel (10. Juni bis 10. September 2017)

Di. – So. (inkl. Feiertage): 10 – 18 Uhr

Jeden 1. Do. im Monat: 10 – 22 Uhr

Montags geschlossen

Der Katalog ist bei Prestel erschienen, kostet im Museum 39 €, im Buchhandel 49,95 €, und wird als erster Katalog zu Freundlichs Gesamtwerk auch auf Englisch erscheinen.

 

Für Dominik

One comment on “‚Otto Freundlich – Kosmischer Kommunismus‘, im Museum Ludwig, Köln

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