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Ich bin mir nicht sicher, ob wir Freunde geworden wären.

‚Otto Dix – Der böse Blick‘, erzählt in einer erstmaligen wie einmaligen Zusammenstellung von Werken des Künstlers aus seiner Düsseldorfer Schaffenszeit eben auch, oder vielleicht sogar vor allem, von und über ihn, über den Charakter, über den unverstellt, unnachgiebigen Blick auf die Gesellschaft als Gesellschaft von Freunden, Partnern, Mäzenen.

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Otto Dix, Liegende auf Leopardenfell (Detail), 1927, Öl auf Tafel, 68 x 98 cm, Herbert F. Johnson Museum of Art, Ithaca, NY, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Kunstsammlung NRW

‚Hinter dem Rücken‘ über jemanden reden, lästern.

‚Meine Bilder werden wahrscheinlich bis auf weiteres das böse Gewissen aller Kunsthändler, Ästheten, Expressionisten und anderer alten Tanten und Gänse sein […].‘ (Dix, ca. 1920)

Ich stelle mir vor, wie dieser, von sich selbst und seiner Wirkung zutiefst überzeugte Mensch, die gesellschaftlichen wie privaten Anlässe nicht zuletzt auch nutzte, um sich ein ausgesprochenes Urteil zu bilden.

Der Blick als Seziermesser und das Werk als Ausdruck einer Charakterstudie, die, je nach Umfeld, nicht in Nuancen, sondern klar, unvermittelt und ohne Rücksicht, Meinung und Zuordnung ins eigene Lebensumfeld ist:

Ekel, Feindseligkeit, Abneigung, Zurückhaltung, Desinteresse, Abhängigkeit, Interesse, Zuwendung, Zuneigung, Vertrautheit, Vertrauen, Freundschaft, Sexualität, Liebe, Familie.

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Installationsansicht im K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Als Otto Dix 1921 nach Düsseldorf kommt, hat er das Leid des zwar bekannten, aber ‚ungeliebten‘ – das bedeutet für ihn vermutlich vor allen Dinge die Tatsache, dass er immer noch wenig verkauft, bald mittellos ist – Malers gerade überwunden. In den Jahren zuvor, in Dresden, und auch jetzt noch, vollzieht sich ein fulminanter Wandel im künstlerischen Ausdruck.

Aus dem Dadaisten wir der unverblümt urteilende Porträtist seiner Zeit und ihrer Menschen, ein Meister der Neuen Sachlichkeit.

Die Ausstellung im Düsseldorfer K20 der Kunstsammlung NRW verfolgt mit ihrer umfassenden Auswahl an Ölbildern, Aquarellen und Radierungen den Weg zu dieser Meisterschaft, zum Künstler mit dem ‚bösen Blick‘.

Vielleicht wären wir auch keinen Freunde geworden, weil sein Blick auch in der Zuneigung zum Porträtierten jene Klarheit, die man gemeinhin ‚ein offenes Wort‘ nennen würde, nie versteckt, im Gegenteil. Selbst jene, denen er Anerkennung, Offenheit und Zuwendung verdankt, werden in den meisten seiner Porträts, mal mehr mal weniger, auch zu ‚Opfern‘ einer scharfen Analyse.

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Otto Dix, Bildnis der Kunsthändlerin Johanna Ey, 1924, Öl auf Leinwand, 140 x 90 cm, erworben durch die Gesellschaft der Freunde der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn, 2016 Foto: © Kunstsammlung NRW

So wie z.B. Johanna Ey, die Düsseldorfer Galeristin, durch deren Verkäufe Dix`scher Werke es ihm vor allem erst möglich war, ins Rheinland zu kommen. In seinem Bildnis wird sie zur Herrscherin über kein Reich. Und selbst dieses scheint auf wackligen Beinen zu stehen. Purpur und Brokat, Haltung und Bildaufbau, mögen den Eindruck eines Herrscherprorträts andeuten, in dem ein Kamm zum Diadem wird. Der Blick aber zeugt von Skepsis, vielleicht sogar Furcht, und eine Hand scheint nur mit Mühe das feine Accessoire eines Tischleins in der Waage zu halten, während die breite Schulter den herabsinkenden Vorhang stützt. Eine Königin in ihrem selbstgemachten Reich, standhaft im Augenblick, die Fragilität ihres Standes körperlich spürbar.

Im Begleitmagazin zur Ausstellung findet sich ein treffendes Gesprächszitat zu diesem Thema:

‚Du, Franz, ich will dich malen, aber schön wirst du bei  mir nicht.‘

‚Otto, wie du mich malst, das fällt auf dich zurück.‘

(Dix im Gespräch mit Franz Radziwill in Dresden, um 1928)

‚ […] Es gibt da keine Objektivität, fortgesetzt erfolgt eine Wandlung; es gibt so viele Seiten eines Menschen […]‘, bekennt Dix, hier bezogen auf die Selbstbildnisse, aber ohne Zweifel anwendbar auf sein Menschenbild im Allgemeinen.

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Otto Dix, Ellis, 1922, Aquarell und Gouache, Kunstmuseum Albstadt (Stiftung Sammlung Walther Groz), © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: Foto: Kunstmuseum der Stadt Albstadt © Kunstsammlung NRW

Die Augen leuchten kränklich gelb, ein flacher Nasenstumpf über dünnen Lippen in einem Gesicht, von Haaren wie zu einer Totenkopfmaske gerahmt. Der übergroße Hut und der feine Schleier können die Hässlichkeit des Anblicks nur schwerlich verhüllen, nicht minder die Pelzstola den langen, dünnen Hals. ‚Ellis‘ (1922) kann die Entbehrungen und Herausforderungen der Halbwelt nur schwer kaschieren. Mit allen Mitteln stemmt sie sich ganz offensichtlich gegen, ja man kann wohl wirklich nicht anders sagen: den Verfall.

In den Düsseldorfer Jahren entstehen bald 400 Blätter, mit denen sich Dix den Rändern der Gesellschaft widmet. Anders als die Ölbilder, bieten ihm die Aquarelle die Möglichkeit, den unvermittelten Eindruck, den Augenblick, den Blick der Augen, die Mimik und Gestik des Gegenüber zeitnah und expressiv zu bannen.

In diesen Bildern werden die Prostituierten, die Freier, die Matrosen, Arbeiter, Artisten und Soldaten in einer unverblümten Direktheit lebendig. Und damit auch Begierde, Erotik und Sexualität. Begehren und Vergehen liegen nah beieinander und Otto Dix findet die Bildsprache, die  das Menschenleben in nervösen Zeiten spiegelt.

‚Hier ist das Feierliche und gleich daneben das Komische. … Wenn es darauf ankommt, können Sie den Menschen groß – und auch ganz klein sehen, sogar viehmäßig. Das gehört zur Vollständigkeit seiner Anlage.‘ (Dix 1965, zitiert im Begleitmagazin)

Über die Viehmäßigkeit, das Kleine im Menschen, konnte sich Otto Dix nicht nur über den Kontakt zur Halbwelt ein Urteil erlauben.

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Otto Dix, Sturmtruppe geht unter Gas vor (Detail), 1924, aus: „Der Krieg“ Zyklen aus 50 Radierungen in fünf Mappen, 2. Mappe, II, 19,6 x 29,1 cm, Otto Dix Archiv, Bevaix, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Kunstsammlung NRW

Ich glaube, dass vor allen Dingen seine Kriegserfahrungen einen entscheidenden Anteil sowohl an seiner künstlerischen Weltsicht, als auch an der Sicht auf das Selbst und seine Stellung in der Gesellschaft hatten.

‚Man muß den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen.‘ (Dix 1961, zitiert im Begleitmagazin)

Auf der einen Seite erkennt Dix den Krieg als etwas ‚Viehmäßiges‘ und als ‚scheußliche Sache‘, zum anderen empfindet er aber ganz augenscheinlich die Notwendigkeit, Zeuge zu sein an diesem Gräuel.

Ich habe keine Vorstellung davon, welche Bilder sich einem ins Gehirn einbrennen, wenn man über Schlachtfelder kriecht, halb im Schlamm versunken über die Felder watet, den Geruch des Geschützfeuers und den der Leichen einatmet, über die man steigen und in deren leere Gesichter und auf deren zerfetzten Körper man blicken muss, während man voran, immer weiter, immer tiefer in den Krieg zieht, gezogen wird.

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Installationsansicht im K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Otto Dix hat diese Bilder in seinem Kopf, und vielleicht war es ja vor allem in der Seele, und nicht nur im Portemonnaie begründet, dass es auch einige Jahre gedauert hat, bis er in der Lage war, sie künstlerisch so umfangreich zu verarbeiten, wie er es dann im Radierzyklus ‚Der Krieg‘ vollbracht hat.

In Düsseldorf wird dieser Zyklus getrennt von den Ölbildern und Aquarellen, in der Grabe Halle, präsentiert. So verstärkt sich einerseits der Eindruck des Grauens, es entsteht – auch durch die Lichtstimmung – eine intimere Atmosphäre für dieses ‚Protokoll des Grauens’, dargeboten auf 50 Blättern, entstanden in Düsseldorf in den Jahren 1924/25. Andererseits verstärkt sich aber auch – so mein Eindruck – beim Betrachter das Gefühl der Unbedingtheit im Werk des Künstlers.

Nur mit dieser Kriegserfahrung, nur mit diesem durch den Krieg ‚geschulten‘ Blick auf den Menschen und die Abgründe seines Charakters, war es Dix möglich, unverblümt, direkt und verletzend in seiner Kunst zu sein. Wovor sollte der Künstler noch zurückschrecken, was der Soldat nicht schon gesehen hat?

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Installationsansicht im K20 Foto: Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Der Mensch fügt dem Menschen doch ganz offensichtlich schrecklicheres Leid zu, als es ein Bild, ein Abbild, die subjektive Sicht eines Künstlers auf sein Objekt, jemals könnte.

Diesen ‚bösen Blick‘ musste man sich also wohl gefallen lassen (können).

Verschont blieb, so scheint mir, nur die Familie und dabei mit besonderer Hingabe die vielgemalte und gezeichnete ‚Frau Martha Dix‘. Sie wird zur Ikone seiner Liebe. Sie setzt er mit ihrem avantgardistischen Haarschnitt und den markanten Gesichtszügen immer wieder in Szene, hebt sie heraus aus der bedeutungslosen Masse austauschbarer Lebensbegleiterinnen und -begleiter. Mit ihr tanzt er begeistert durchs Leben.

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Otto Dix, Bildnis der Tänzerin Anita Berber, 1925, Öl und Tempera auf Sperrholz, Sammlung Landesbank Baden-Württemberg, im Kunstmuseum Stuttgart, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: Kunstmuseum Stuttgart © Kunstsammlung NRW

Und vielleicht begegnen die beiden ja auf einem ihrer Tanzabende der glühend lasziven Tänzerin und Femme fatale Anita Berber, der Dix 1925 ein ebenso glühendes Denkmal setzt, das hier in der Düsseldorfer Ausstellung die Wand und den Raum erleuchtet und zurecht zum Titelbild der Ausstellung gewählt wurde, auch wenn sie der ‚böse Blick‘ doch gar nicht so unvermittelt traf, wie mir scheint. Eher wirkt in Farbwahl, Körperhaltung und im Gesichtsausdruck das Selbstbewusstsein dieser Frau, deren Charakter Dix vielleicht begeistert und für sie und ihre Art zu leben eingenommen hat.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich eine seiner Prophezeiungen über den eigenen Stand, die er 1920, also noch vor seiner Zeit in Düsseldorf, machte, auf vielleicht erstaunliche Weise bewahrheitet:

‚Ich komm uff keinen grienen Zweich‘, sächselt er da, ‚meine Malereien sind unverkäuflich. Entweder ich werde berühmt oder berüchtigt.‘ (Dix, 1920)

Nun, hier ist er beides geworden: berühmt und berüchtigt. Und darüber hinaus ein erfolgreicher Künstler.

Nicht unbedingt ein sympathischerer Mensch, glaube ich. Vermutlich auch im Erfolg immer noch eine Herausforderung für seine Zeitgenossen. Vielleicht scheint es ihm auch wie ein Selbstverständnis, dass seine Arbeit sich endlich auszahlt. Dieses Selbstbewusstsein musste man wohl auch ertragen können.

Ich glaube nicht, dass wir Freunde geworden wären. In der Schärfe und Distanzlosigkeit seiner Beobachtungen steckt mir zu viel Verletzendes.

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Otto Dix, Herren und Damen, 1922, Aquarell und Bleistift , 56,6 x 47,0 cm, Private Collection, Courtesy Richard Nagy Ltd., London, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Kunstsammlung NRW

Aber hier und heute geht es glücklicherweise auch gar nicht darum. Hier geht es darum, das Werk eines Künstlers zu feiern, der seiner Zeit und ihren Menschen ein Denkmal gesetzt hat, auch und vor allem in dem er sie schonungslos porträtiert hat. Ein großer Reiz liegt gerade darin, sich aus der zeitlichen Entfernung Gedanken machen zu können über den ‚bösen Blick‘ und die Geschichten dahinter. Seine Bilder erzählen Geschichten, unverblümt, verstörend, zwischen Ekel und Liebe.

‚Ich bin Augenmensch und kein Philosoph. Deshalb nehme ich in meinen Bildern immer wieder Stellung, zeige, was in Wirklichkeit ist und was um der Wahrheit willen gesagt werden muss.‘ (1966)

Wie entscheidend die Düsseldorfer Jahre für den ‚Augenmenschen‘, für sein Werk und sein Leben, waren, beweist die eindrucksvolle Ausstellung in der Kunstsammlung NRW.

 

‚Otto Dix – Der böse Blick‘, im K20 der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, VERLÄNGERT BIS ZUM 28. Mai 2017

Di. – Fr. 10 – 18 Uhr, Sa., So. und an Feiertagen 11  -18 Uhr

Der großartige Katalog mit ausführlichen und bereichernden Texten zu Leben und Werk von Otto Dix ist bei Prestel erschienen. Beigefügt auf DVD ist der Film „Der schonungslose Maler“, der in Zusammenarbeit mit ARTE und dem WDR produziert worden ist.

 

 

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