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Gerhard Richter Abstraktes Bild (947-2), 2016 Öl auf Holz 40 x 50 cm © Gerhard Richter 2017 (221116)

‚Der Geist ist Scharf auf Bedeutung, auf Sinngebung bei Dingen, die ihm entgehen, auf Widerstand gegen Mehrdeutigkeit, auf Benennen.‘ (Siri Hustvedt) (1)

Bevor es um ‚Neue Bilder‘ gehen kann, diese Geschichte:

Ein ungewöhnlich milder, aber wolkenverhangener Dezembertag des Jahres 2013.

Wie eine steinerne weiße Leinwand leuchtet die Fassade des Atelier Gerhard Richter gegen den grauen Hintergrund. Aus immergrünem Boden strecken zwei Duzend dünne braune Stämme ihre blattlosen Äste gen Himmel.

Bis der Frühling kommt, bis diese Äste wieder Farbe an die Leinwand bringen, wird es noch Zeit brauchen. Wie in jedem Jahr, so wird auch in diesem organisierten Anblick die chaotische Ordnung der Natur wieder ihr Werk verrichten, hin zu dem Punkt, dem unser Wohlgefallen Schönheit zuschreiben wird.

Es ist ein Geben und Nehmen, ständig, beständig, und der Moment dazwischen ist das Bild.

Im hellen Atelierraum, der an diesem Tag die Farbpalette der Natur – zumindest die des Himmels – nur umgestülpt zu haben scheint, hängen vier Leinwände, weiß, bald unsichtbar.

‚Wartend. Aber auf was? […] Vor diesen vier weißen Leinwandflächen in Ihrem ganz sauberen – in gewissem Sinne zu sauberen – Atelier habe ich sofort begriffen, daß sich hier ein geheimes Drama abspielt, ein Drama im Inneren Ihrer Arbeit selbst,‘ schreibt der Kunsthistoriker und Autor Georges Didi-Huberman in seinem Nachwort in Briefform, das den Katalog zur Ausstellung ‚Gerhard Richter Bilder/Serien‘ in der Fondation Beyeler 2014 begleitet. (2)

An diesem grauen Dezembertag ist er Gast hier, vor diesen ‚leeren Gemälden‘, wie er sie nennt.

Ein besonderer Gast. Einige Jahre zuvor hatte er sich in einem Buch mit der Wirkung und Veränderung von vier Fotografien auseinandergesetzt, die 1944 von einem griechischem Häftling des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gemacht und anschließend herausgeschmuggelt werden konnten. Sie sind die einzigen bekannten Bilder, die die Umgebung um die Gaskammern dort dokumentieren.

Wer sie sieht, dem bleibt nichts, als die Angst zu erkennen und den schrecklichen Mut. Viel mehr gibt es in ihnen auf den ersten Blick auch gar nicht zu sehen. Zu weit ist der Fotograf vom Geschehen entfernt, zu unsicher der Bildausschnitt.

Eines dieser Bilder, bzw. eine beschnittene und vergrößerte Version, findet sich schon 1967 in Gerhard Richters ‚Atlas‘ (Fotos aus Büchern, Blatt 19). Die Tatsache, dass es beschnitten ist und damit einen verfälschenden Eindruck über die Rolle des Fotografen, seine Motive, seine Sicherheit beim Fotografieren, hinterlässt, kann ihm zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht bekannt gewesen sein.

Erst in den 1980er Jahren tauchten die umbeschnittenen Aufnahmen auf, über die und über deren Veränderung durch die Veränderung Didi-Hubermann 2007 die Dokumentation ‚Bilder trotz allem‘ verfasst.

Über dem Schreibtisch in Gerhard Richters Atelier hängt seit 2007 eines der unbeschnittenen Motive (Nr. 281) aus diesem Buch.

‚Gerhard Richter: Ja. Ein Foto habe ich noch, bei mir an der Wand. Aber es hat keinen Sinn darüber zu reden, das muss man sehen.

Nicholas Serota: Was zeigt es?

GR: […] Es zeigt […] eine Aufnahme von einem KZ-Hof, und die Leute laufen da ganz friedlich rum und wenden Leichen. Das sieht man aber erst, wenn man sehr genau hinguckt. Zunächst wirken sie wie nette Gartenarbeiter. Es gibt da einen wahnsinnigen Kontrast zwischen dem Inhalt und dem Erscheinungsbild.

NS: Haben Sie nicht erwogen, ein Bild nach diesem Motiv zu machen?

GR: Ja, oft.

NS: Haben Sie es begonnen?

GR: Nein, so als kleines Foto, gerahmt, hat es eine ungeheuerliche Wirksamkeit. Da könnte ich nichts hinzufügen, wenn ich es groß malen würde, wahrscheinlich würde es nur schlechter.’ (Gerhard Richter im Gespräch mit Nicholas Serota) (3)

Im Dezember 2013 präsentiert Richter Didi-Huberman sein ‚Drama‘, die ‚Spannung zwischen den vier Photographien des Sonderkommandos auf Ihrem Arbeitstisch und den vier weißen Leinwänden an der Wand im Raum nebenan.‘ (4)

Der Zusammenhang zwischen den beiden Räumen, den beiden Ebenen, zwischen Gedanken, Wunsch und Ausdruck, hat Zeit vergehen lassen. Und es wird Zeit vergehen, Jahreszeiten, noch einmal das Grün der Blätter vor der weissen Wand, noch so häufig das Farbspiel des Himmels als Farbschicht über und unter Farbschicht…

Und wie häufig in dieser Zeit wohl Versuch und Irrtum, Zweifel, Verzweiflung, Müdigkeit, Erschöpfung, Auflehnung, Überzeugung, Einverständnis, Hingabe, Unzufriedenheit, Zufriedenheit.

Im Sommer 2014 beendet Richter die Arbeit an ‚Birkenau (937/1-4)‘ (zu diesem Zeitpunkt noch ‚Abstrakt (937/1-4).

Der Februar 2015 begrüßt Besucher des Albertinums in Dresden mit nasskaltem Wetter. Ein grauer Himmel hängt über der kalten Luft, selten ein Blick auf die Sonne. Ein Kreis von Jahreszeiten hat sich geschlossen, die Geschichte einer Bildwerdung schließt sich ebenfalls.

Im 2. Geschoss des Renaissancebaus in barocker Haut, in einem Gebäude innerer und äußerer, gewollter, geplanter, ungewollter und ungeplanter Veränderung, öffnen sich die lichten Räumen zu den Werken Richters.

Darunter diese vier Leinwände. ‚Seit nunmehr ungefähr sechzig Jahren warten diese Bilder am Rande Ihres Blickfelds, irgendwo in Ihrem Kopf, in der Tiefe Ihres Herzens und rufen, vielleicht, nach einer Geste Ihrer Hand.‘ (5)

Pause

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Gerhard Richter Abstraktes Bild (946-5), 2016 Öl auf Aluminium 27 x 35,5 cm © Gerhard Richter 2017 (221116)

Warum diese Vorrede, warum diese Bildbetrachtung, dieser Werdegang?

Ich glaube, im Ergebnis sind diese vier Bilder ein so tiefer Einschnitt, insofern, dass sie emotional beladen wurden, beladen sind und beladen werden, also gleichsam in alle zeitlichen Himmelsrichtungen wirken, dass sie schließlich ein Pausenzeichen wurden und Aufbruch bedeuten mussten.

Etwas, dass sechzig Jahre zehrte, war geschehen, weil es endlich geschehen konnte.

Und dieses ‚Etwas‘ hat auch etwas verhindert. Über seinen Zyklus ‚18. Oktober 1977‘, bzw. um die zugrundeliegenden Polizeifotos sagt Richter im Gespräch mit Jan Thorn-Prikker:

‚Es [das Gemälde] soll ja auch anders sein als das Photo. Vielleicht kann ich den Unterschied so benennen, […] das Photo löst Entsetzen aus und das Bild mit dem gleichen Motiv eher Trauer. Das würde auch meiner Absicht sehr nahekommen.‘ (6)

Vier große Leinwände, jeweils 260 x 200 cm, mit einer grauen, schwarzen, weissen, Oberfläche, Struktur, Linien, Abstraktion, rote und grüne Stellen schimmern hervor und gewinnen ohne Plan, ohne Struktur Platz im Bild, von Bild zu Bild, gekreuzt, durchbrochen, durchschnitten von Linien, Furchen, einer wachsenden Unruhe.

Und darunter, Schichten tiefer, am Grund, nicht sichtbar: die malerische Übertragung der Fotografien.

Verborgen unter den Zweifeln, der Assoziation, der Annäherung, verborgen unter der Kraft von Malerei, vielleicht diese Erkenntnis: das Gemälde konnte dem Foto als Abbild nichts hinzufügen. Nur die Auslassung ermöglicht vielleicht auch für diese Bilder den Übergang von Entsetzen zu Trauer, so entfernt und unvergleichbar die Sujets auch sind.

‚Jedes Bild, so lässt sich im Sinne Richters formulieren, ist sowohl abstrakt wie gegenständlich; abstrakt im Sinne seiner unabweisbaren Differenz von der Realität und gegenständlich im Sinne einer in Richters Augen ebenfalls unabwendbaren Anbindung an die Realität. Rein abstraktes Sehen, also ein Vorgang, in dem ein Bild nicht mit Bedeutung gefüllt wird, die sich aus dem visuellen Erfahrungsspektrum der uns umgebenden Welt speist, ist nicht möglich. Daraus folgt die ebenfalls unausweichliche inhaltlich-narrative Aufladung jedes Bildes. Ein Bild bleibt bei aller Abstraktion immer im Ansatz der ‚Blick auf dem Fenster‘, also der hypothetische Blick in die sichtbare oder als sichtbar vorstellbarer Welt.‘ (Dorothée Brill) (7)

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Gerhard Richter Abstraktes Bild (946-3), 2016 Öl auf Leinwand 175 x 250 cm © Gerhard Richter 2017 (221116)

Hier und Jetzt: Eine Farbexplosion. Ein Gang durch die abstrakte Malerei als Ausdruck unglaublicher Lebendigkeit.

‚Neue Bilder‘ erscheint mir nach der notwendigen Pause, vielleicht nach einem Durchatmen,  Luftholen und sich sammeln, wie ein Aufbruch in die Ungewissheit der Zukunft mit einem tiefen Verständnis für die Notwendigkeit aller Wege und Irrwege der Vergangenheit, die sich eben auch im Werk zeigen, zeigen dürfen.

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Installationsansicht Gerhard Richter. Neue Bilder Museum Ludwig Köln, 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier

26 Werke, alle entstanden im vergangenen Jahr, es riecht sogar noch nach Farbe, beginnen eine Geschichte quasi von der anderen Seite her zu erzählen. Sie sind ‚Reflexionen über die Wirklichkeit bzw. die Möglichkeiten ihrer Darstellung‘, wie die Kuratorin der Ausstellung, Rita Kersting, es in ihrem Beitrag zum Ausstellungskatalog nennt. (8)

Es ist der glückliche Zufall, die überraschende Entdeckung, frei von Suchen, die vor diesen Bildern mit jeder Faser Leben spürbar werden lässt. Wie Pinsel, Spachtel, Messer, Rakel in gekonntem Chaos Schichten, Flächen, Linien von Farbe und Substanz wieder abtragen, weitertragen, verwischen, vermengen, die vorher Schicht für Schicht aufgebaut und überlagert wurden, das ist pure Lebendigkeit, das ist Leben.

Die Gemälde verkennen dabei in ihrer Struktur, in ihren Tiefen, Rissen, Linien, in den Spuren und Verwischungen eben nicht Abgründigkeiten des Lebens, sondern feiern das Zusammenspiel des Zufalls als Notwendigkeit.

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Gerhard Richter Abstraktes Bild (947-8), 2016 Öl auf Leinwand 50 x 60 cm © Gerhard Richter 2017 (221116)

Vor bald jedem der Bilder stehend sucht der Betrachter nach Halt in einer vorstellbaren Struktur. Und jeder Halt, jeder waagerechte, jeder senkrechte Farblauf, seien es Verwischungen, dick aufgetragene Farbspuren und -tropfen, Furchen, jede Anbahnung und Andeutung einer Handreichung, verliert sich in der Schicht drüber oder darunter.

Kunsttheoretisch analytisch gesprochen:

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Installationsansicht Gerhard Richter. Neue Bilder Museum Ludwig Köln, 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier

‚Bemalungen und Überholungen, Verlorengegangenes und wieder Aufgedecktes gehen erstaunliche Symbiosen ein und beleuchten in einem sozusagen geologischen Sinne ein von Konstruktions- und Dekonstruktionsstadien verursachtes Geschehen des Werdens und Vergehens, das auch Tieferliegendes sichtbar werden oder durch spätere Ablagerungen hindurchschienen lässt.’ (Götz Adrian) (9)

Denn: ja, auch Vergehen spielt in den Bildern in dieser Ausstellung eine Rolle. Feiern die Bilder in ihrer Gänze sicher eher das Leben, so spielt auch der Tod eine (bild)tragende Rolle.

Wo sich alle konkrete Nähe über die Assoziation ergibt, sind nicht nur die Bildstrukturen, das heisst die Risse in den Farbschichten, die scharfen Linien, die Untiefen usw. Ausdruck von Verletzbarkeit – und letzten Endes ein Hin zur Vergänglichkeit.

In manchen Bildern drängt sich Schwarz durch und in die Farbschichten und bei aller Lebendigkeit der Farben darf man auch dem Schwarz zutrauen, Macht über die Leinwand zu ergreifen, sich auszudehnen, zu verdrängen.

Vielleicht liegt hier eine der melancholisch sentimentalen Erkenntnisse, die sich aus der Betrachtung der neuen Bilder gewinnen lässt, und die vielleicht dem Alter des Künstlers, der Lebenserfahrung des Betrachters oder einfach nur der Stimmung geschuldet sind:

Alles ist in Allem angelegt. Im Auf und Ab, in den unkontrollierbaren Bewegungen des Lebens über die Dimensionen einer gedachten Fläche, gibt es kein Entrinnen vor der Konfrontation.

Und weil es in all diesen Bildern eine vorstellbare Welt gibt, für jeden Betrachter eine ganz eigene, neue, und weil eben diese Erkenntnis des Erkennen könnens möglich ist, bis hin zur Gegenständlichkeit, zu Landschaften, Tieren, Vulkanen, Straßen, Wäldern, Explosionen oder zu einer abstrakten Seelenlandschaft, die keinen Halt in Begriffen sucht und braucht, sind diese Bilder überwältigend Wunderwerke.

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Gerhard Richter Abstraktes Bild (947-2), 2016 Öl auf Holz 40 x 50 cm © Gerhard Richter 2017 (221116)

Sie überrumpeln und überfordern im ersten Moment, beim ersten Blick, auf eine Art und Weise, die mir an die Substanz ging. Wenn der Wunsch des Erkennens den freien Blick zunächst trübt, so wird die Wucht des Sehens eine ungeahnte Freiheit bringen, die pure Emotion ist.

‚Bei Richter trägt die Abstraktion Züge der figürlichen Bilder, er bezieht diese mit ein und setzt sie den freien Pinselstrichen und Rakelzügen gleich, und umgekehrt nimmt Richter Figürliches wörtlich, lässt es als mögliche Abstraktion sehen.‘ (Dieter Schwarz) (10)

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Installationsansicht Gerhard Richter. Neue Bilder Museum Ludwig Köln, 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier

In der Komplexität der vorstellbaren Welten, die jeder suchen, denken, erkennen kann, liegt für mich die substantielle Nähe zu den Birkenau-Bildern. Dabei geht es mir nicht darum, die eine Abstraktion mit der anderen zu vergleichen, schon gar nicht die Themen miteinander (wobei ja auch der ‚Birkenau-Zyklus‘ zunächst nur ‚Abstrakte Bilder‘ hieß). Es geht mir um eine Vorstellung von der Struktur einer Entscheidung zum Werk.

So wenig eine konkrete Bildsprache ganz offensichtlich der unfassbaren und eben nicht darstellbaren Gräuel gerecht werden kann, die in der Verarbeitung eines Fotos Individuen aufnimmt, ohne ihre Geschichten erzählen zu können, weil sie gefangen sind in diesem letzten, eingefrorenen Blick auf ihr Leben oder ihren Tod und in Ewigkeit nicht mehr für sich und selbst bestimmen können, wie über sie, wie ihrer gedacht wird, so wenig kann die mögliche Welt des lebendigen Betrachters eines Bildes im Hier und Jetzt der Blick aller Betrachter sein.

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Installationsansicht Gerhard Richter. Neue Bilder Museum Ludwig Köln, 2017 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier

Hier sind wir gefangen in unseren eigenen Emotionen, und die einzige Freiheit die bleibt ist die Annahme einer Einladung zur Assoziation. Wir müssen nichts von uns Preis geben, ebensowenig wie der Künstler etwas preisgibt. Wir begegnen uns auf Augenhöhe und in der Anerkennung unendlicher Individualität.

Meiner Meinung nach liegt gerade hier die Stärke von Gerhard Richters Gesamtwerk. Es ist eine ständige Justierung, ein Suchen nach der Form für Freiheit – künstlerische und emotionale. Seine Bilder – seien sie abstrakt oder konkret – sind Einladungen.

Museum Ludwig, Gerhard Richter, Ema, Akt  auf einer Treppe, ML 01116, ML, Köln

Gerhard Richter Ema (Akt auf einer Treppe), 1966 Öl auf Leinwand 200 x 130 cm © Gerhard Richter 2017 (221116) Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Die Ausstellung im Museum Ludwig fügt der Einladung zur Auseinandersetzung mit den neuen Bildern glücklicherweise auch noch eine Einladung hinzu. Sie wird begleitet von einer Präsentation von Werken Richters aus der Sammlung des Museums, darunter die frühen ‚Ema (Akt auf einer Treppe)‘ (1966 und ’48 Porträts’ von 1971/72, zahlreichen Editionen, die dem Haus von Freunden zum Geschenk gemacht wurden – darunter das ganz wunderbare kleine ‚Kreuz‘ (1997) aus Stahl, dann der ‚Zaun‘ (2016), die ‚Geburtstagsedition‘ für das Museum Ludwig, die mit einem deutlichen Augenzwinkern die Komik der ‚Benennung‘ nicht verkennt, oder die wunderbare Arbeit ‚Übersicht‘ (1998), die die Biografien bedeutender Figuren aus der Kunst- und Kulturgeschichte seit 1300 in Form eines Balkendiagrammes vermittelt – selbstverständlich inklusive Richter.

Schließlich bleibt der Blick ein letztes Mal an einem Abbild hängen. In diesem Fall dem eigenen. Gerhard Richter hat dem Museum Ludwig zu dessen Geburtstag einen grauen Doppel-Spiegel geschenkt, zwei Panele, die nebeneinander hängend leicht gegeneinander verkantet sind. Pure Abstraktion und gleichzeitig in jedem verstreichenden Moment und mit jeder Bewegung davor, auch und vor allem erfüllt mit dem konkreten Abbild des Betrachters. Dabei geht es abermals gar nicht um das konkrete ‚Erkennen‘, sondern um ‚Sehen‘. Im Grau der Spiegelfläche verschwindet die äußerliche Individualität bald zur Gänze und wird durch die gefühlte Individualität, durch Gedanken und Emotionen, ersetzt.

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Gerhard Richter Fünf Türen, 1967 Öl auf Leinwand 235 x 550 cm © Gerhard Richter 2017 (221116) Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Spätestens, wenn man diese Möglichkeit, die abstrakte Arbeit von Gerhard Richter zu erfahren, genutzt hat, werden sich in den abstrakten Bildern, den ‚Neuen Bildern‘, Welten öffnen.

So viel Kraft wir hier, in diesem kurzen Gang voller neuer Bilder, habe ich in einem Museum selten gesehen. Für mich ist diese Ausstellung nicht nur der mindestens 26fache Beweis für die Berechtigung der Position, die Gerhard Richter in der Kunstgegenwart und -geschichte einnimmt. Sie ist auch ein erneuter Beweis für die Stärke abstrakter Kunst, für Wandlungsfähigkeit und Konsequenz eines Künstlers und für die unausweichliche, weil notwendige Konfrontation des Museumsbesuchers mit sich selbst.

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Gerhard Richter 11 Scheiben, 2003 Installation 259 x 180 cm © Gerhard Richter 2017 (221116) Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln

Dem Künstler meinen tief empfundenen Respekt und Glückwünsche zum gerade begangenen 85. Geburtstag und dem Museum Ludwig meinen Glückwunsch zu einer ganz offensichtlich durch gegenseitigen Respekt und Anerkennung geprägten Verbindung zu diesem Künstler.

Auch gilt es, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden als zweitem Ausstellungsort und nun auch dauerhafter Heimat des Gerhard-Richter-Archivs, zu ihrer konsequenten und zukunftsweisenden Auseinandersetzung mit dem Werk Richters zu beglückwünschen! Das Albertinum ist und bleibt immer wieder ein Grund mehr, Dresden zu besuchen.

‚Gerhard Richter – Neue Bilder, bis zum 1. Mai im Museum Ludwig, Köln 

Ab dem 20. Mai sind die Neuen Bilder im Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen.

(1) Siri Hustvedt ‚Wahrheit und Richtigkeit’, in ‚Gerhard Richter – Übermalte Fotografien‘, Hatje Cantz 2009, S. 75
(2) Georges Didi-Huberman, ‚Aus dem Plan heraus‘, in ‚Gerhard Richter – Bilder/Serien‘, Hatje Cantz 2014, S. 155
(3)  ‚Ich habe nichts zu sagen, und ich sage es. Gespräch zwischen Gerhard Richter und Nicholas Serota, Frühjahr 2011’ in ‚Gerhard Richter | Panorama‘, Prestel 2012, S. 25
(4) wie (2), S. 172
(5) wie (2), S. 171
(6) Gerhard Richter / Jan Thorn-Prikker – Gespräch über den Zyklus ‚18. Oktober 1977‘, in ‚Gerhard Richter – 18. Oktober 1977‘, Verlag der Buchhandlung Walther König 1989/2015, S. 129
(7) Dorothée Brill, ‚Da hört es auf‘, in ‚Gerhard Richter | Panorama‘, Prestel 2012, S. 245
(8) Rita Kersting, ‚Gerhard Richter‘, in ‚Gerhard Richter – Neue Bilder‘, Verlag der Buchhandlung Walther König 2017, S. 65
(9) Götz Adrian, ‚Von der ‚Lust, etwas Schönes zu malen‘‘, in ‚Gerhard Richter – Bilder aus privaten Sammlungen’, Hatje Cantz 2008, S. 29/30
(10) Dieter Schwarz in (8), S. 41

 

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