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Edgar Degas Drei Tänzerinnen (blaue Röcke, rote Mieder) um 1903 Pastell auf Papier auf Karton 94 x 81 cm Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler Foto: Peter Schibli, Basel

‚Der Tanz ist die Poesie der Arme und Beine, er ist die anmutige, schreckliche, durch Bewegung beseelte und verschönte Materie.‘ (Charles Baudelaire)

‚Only photography has been able to divide human life into a series of moments, each of them has the value of a complete existence.‘ (Eadweard Muybridge)

Bewegung, bewahrt als Momentaufnahme von Kraft, Anmut, Körperlichkeit. Emotionen in Bronze, fließende Gefühle, Narben des Lebens, Opfer, Liebende.

In seinem Essay zu Edgar Degas beschreibt John Berger eindringlich den Moment der Veränderung, den Moment, der Existenz und Bewegung, Augenblick und Beobachtung, innere und äußere Kraft in den Skulpturen des Künstlers vereint:

‚…as though the sculptor’s hands had felt the terrible nervous energy of the horse in the clay he was handling. The date of this change coincides with Degas‘ discovery of Muybridge’s photographs, which showed for the first time how the legs of the horses actually moved when cantering and galloping.’ 1

Vor dem Rennen

Edgar Degas Vor dem Rennen um 1888 Öl auf Holz (parkettiert) 33,5 x 42,5 cm Kunstmuseum Bern, Legat Georges F. Keller 1981 Kunstmuseum Bern

Pferde, Badende, Tänzerinnen, Bewegung, Anmut, Körperlichkeit sind die große (Bild)Themen von Degas und Rodin.

In der Ausstellung ‚Degas & Rodin – Wettlauf der Giganten zur Moderne‘ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum, bilden die Fotografien von Eadward Muybridge neben den fotografischen Selbstporträts und Fotografien der Künstler, so etwas wie das Scharnier ihrer Verbindung einerseits und ver(sinn)bildlichen den Auftrag, gleichsam die Kampfansage der Moderne an beide andererseits:

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Dornac (Pseudonyme Paul Cardon oder Pol Marsan) Rodin in seinem Atelier vor dem Denkmal für Sarmiento um 1898 Abzug auf Albuminpapier 26,5 x 21 cm Musée Rodin, Paris

 

‚Only photography…‘! Wirklich?

In der beeindruckenden Präsentation der Gleichzeitigkeit von Zeit, Ort und Themen, präsentiert das Museum zwei Künstler, die vielleicht gerade deshalb zu ‚Giganten‘ der Kunst, ihrer Kunst, wurden, weil sie den Wettlauf zur Moderne auch als Wettlauf gegen die Vereinnahmung dieser Zeit durch eine neue Bildsprache, die Fotografie, verstanden und aufgenommen haben.

Selbstporträt

Edgar Degas Selbstporträt in seiner Bibliothek (Porträt einer Büste im Hintergrund) 1895 Silberabzug 18 x 20 cm Musée d’Orsay, Paris

Ganz offensichtlich haben sich beide nicht gegen dieses neue Medium gewehrt; Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, schaut man sich die zahlreichen fotografischen Abbildungen der beiden an. Sowohl Degas, der zu einem begeisterten Fotografen wird, als auch Rodin, nutzen die Chancen und Herausforderungen der Fotografie zur Verstärkung und als eigenständige Ausdrucksform.

Aber (und vor allem):

Beiden gelingt es, in ihrem zeichnerischen, malerischen und vor allem bildhauerischen Werk, Maßstäbe der Modernität zu setzen, besser: Moderne zu definieren. Themen und Umsetzung scheuen die Provokation nicht, auch wenn beide damit zu Lebzeiten ganz unterschiedlich umgehen werden.

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Auguste Rodin Das Eherne Zeitalter 1877 Bronze, Sandguss 180,5 x 68,5 x 54,5 cm Musée Rodin, Paris

Während Rodin allen Stürmen der Kritik, seine Skulptur ‚Das Eherne Zeitalter‘ (1877) nur abgeformt zu haben, entgegentritt und diese entkräftet – und nach dem Ankauf dieser Skulptur durch den Französischen Staat sogar die höchste Genugtuung erfährt – wird Degas die hässlichen Kommentare zu ‚Kleine vierzehnjährige Tänzerin‘ (1880/81) zum Anlass nehmen, nie wieder eine seiner Skulpturen öffentlich zu präsentieren.

Gleichwohl – und vermutlich im Wissen um die Werke im Verborgenen – bezeugt ein Dialog, zitiert im Vorwort zum großartigen Katalog dieser Ausstellung, die Stellung Degas’ als Bildhauer:

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Edgar Degas Kleine Tänzerin 1888 Bronze 42,5 cm Inv. SGP 61 Städel Museum, Frankfurt am Main © Städel Museum – ARTOTHEK

‚Auguste Renoir, der selbst auch bildhauerisch tätig war, äußerte demnach – wohl um 1884 – gegenüber Vollard: ,… Und wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, in der es einen Bildhauer gibt, der sich mit den Alten Meistern messen kann! Und der macht seine Sache gut…‘ Ich [Vollard]: ‚Rodin hat doch soeben den Auftrag für den ‚Denker‘ erhalten und für seine Statue von ‚Victor Hugo‘ und ‚Das Höllentor‘…‘ Renoir: ‚Ich meine nicht Rodin! Ich spreche vom größten Bildhauer, und das ist Degas!‘ 2

John Berger ergänzt diese Anekdote in seinem Essay um dies:

‚When Ambrose Vollard, the Impressionists‘ dealer, asked Degas, why he didn’t have his statuettes cast in bronze, he replied that the tin-and-copper alloy known as bronze was said to be eternal, and he hated nothing more than what was fixed!’ 3

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Auguste Rodin Tanzstudie F um 1911, 1952 (Gussdatum) Bronze, Sandguss 33 x 22,5 x 20,6 cm Musée Rodin, Paris Foto: Christian Baraja

Beim Gang durch die Ausstellungsräume und beim Betrachten der großen und kleinen Arbeiten beider Künstler, vor allem eben jener bildhauerischen, kommt mir eines in den Sinn: So sehr die Technik, das Modelé, diese Werke auch von der ‚Realität‘ entfernen mag, so liegt doch gerade darin die Stärke ihre Emotion, ihrer Nahbarkeit, ihrer Modernität.

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Auguste Rodin Der Mann mit der gebrochenen Nase 1864 Patinierter Gips, vollrunde Form 32,4 x 19,3 x 17,8 cm Musée Rodin, Paris Agence photographique du Musée Rodin – Pauline Hisbacq

Wir sehen keine klassischen Heldengestalten in vollkommener Körperlichkeit und Pose. Wir sehen die gebrochene Nase von ‚Bibi‘, dem Mann vom Pariser Pferdemarkt, wir sehen Liebende und Küssende, deren Körper nicht nur im Akt, sondern vor allem auch im Material verschmelzen.

Wir sehen Balletttänzerinnen in ihren Positionen, das Alphabet des bewegten Körpers. Wir sehen Skulpturen von Pferde in Bewegung, voller Kraft, die nicht nur durch unser Bild von ihnen, sondern aus ihnen selbst wirkt.

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Auguste Rodin Der Kuss 1887 Bronze, Sandguss 85,5 x 51 x 54,5 cm Musée Rodin, Paris Foto: Christian Baraja

In dem Maße und Sinne, in dem sowohl Degas als auch Rodin in ihrer Technik des Hinzufügen von Material und gegen die klassizistische Glätte arbeiteten, eröffneten sie der Oberfläche mit ihren Buckeln und Löchern die Möglichkeit, quasi eine Leinwand für die die sich spiegelnden und brechenden Emotionen der Betrachter zu sein. Jede Ungenauigkeit, jede Delle, jeder Hügel, jede Abweichung von der ‚Norm‘, wird zum Ausdruck von Lebendigkeit jenseits der Fassade.

Gerade in diesem wunderbaren Raum, in dem die Tänzerinnen von Rodin und Degas, auf Leinwand und vor allem aber jene in Bronze, vielleicht zum aller ersten Mal seit sie erschaffen wurden, gemeinsam von Ausdruckskraft, Grazilität und Anmut zeugen, rührt diese Unmittelbarkeit.

"Große Arabeske. Zweite Position"

Edgar Degas Tänzerin, Große Arabeske, zweite Position 1882-1895 Bronze 43 x 28 x 61 cm Hamburger Kunsthalle bpk / Hamburger Kunsthalle / Elke Walford

Hier ist die Poesie der Arme und Beine, von der Baudelaire spricht, hier ist die ganze Existenz des menschlichen Lebens in einem Moment festgehalten, und hier ist vielleicht auch, wie sonst nirgends, zu erfahren, warum die Bronzen Degas’ erst nach seinem Tod gegossen wurden: nicht nur der Moment, der Körper ist ewig gefangen.

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Auguste Rodin Sechs Studien von Tänzerinnen aus Kambodscha Juli 1906 Graphitstift, Aquarell, Fettstift, Gouache 27,1 x 21,2 cm Musée Rodin, Paris Foto: Jean de Calan

Die Malerei und die Zeichnungen, sowohl die Rodins, vor allem aber jene von Degas, bestärken den Eindruck einer intensiven Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper. Jede Haltung ist Bewegung, der Moment auch hier eingefangene Ewigkeit, auch hier Arme und Beine. Die Lebendigkeit ergibt sich nicht aus der oder durch die Mimik – im Gegenteil: die ist kaum vorhanden, Gesichter sind abgewandt, unbeteiligt, beliebig oder nicht zu erkennen. Die Lebendigkeit ist die Bewegung, die Bewegungsfähigkeit, die Wahrnehmung des Körpers, nicht nur durch uns als Betrachter, sondern auch und vor allem durch die Dargestellten selbst.

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Edgar Degas Zwei Tänzerinnen um 1900 Pastell auf Papier 79 x 51 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal Foto: Medienzentrum/Antje Zeis-Loi

Warum hat es noch nie eine solche Ausstellung gegeben? Die Auseinandersetzung mit der Gleichzeitigkeit im Werk beider Künstler scheint doch zu verlockend naheliegend.

Hundert Jahre mussten vergehen, seit Degas’ und Rodins Tod 1917 im Abstand weniger Monate, bis es nun endlich so weit ist, bis nun endlich diese Geschichten von Gemeinsamkeit und Unterschied erzählt werden können.

Dass sie nun im Wuppertaler Von der Heydt-Museum stattfindet, kann beim Blick auch auf die leihgebenden Häuser überraschend erscheinen. Die Überraschung mag weichen, wenn man sich die großen Ausstellungsprojekte der vergangenen Jahre in diesem Haus anschaut: Kandinsky, Renoir, Monet, Sisley, Rubens, Pissarro. Hier ist die große Kunst zu Hause.

Einen erheblichen Beitrag zur Qualität der Ausstellung, und damit zum Renommee, das sowohl das Haus, als auch die Ausstellungsmacher selbstverständlich daraus ziehen können, leistet der Katalog. Ich bin fest der Überzeugung, dass er als Standardwerk zur Auseinandersetzung mit dem ‚gemeinsamen‘ Werk beider Künstler geraten und seinen Beitrag leisten wird.

Der Wettstreit um das Neue in der Kunst – Eine Meisterleistung und Anlass für einen neuen Blick.

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Edgar Degas Ballettunterricht 1880-1900 Öl auf Leinwand 62 x 50,5 cm Privatsammlung

Ich gestehe – und vermutlich liest man das auch heraus: Degas ist mir hier näher als Rodin. Vermutlich liegt das aber vor allem eben daran, dass es eine mir unbekannte Seite zu entdecken gibt. Ich wusste nichts vom Ausmaß des bildhauerischen Werks, wogegen mir zahlreiche Motive und Ideen Rodins vertraut waren. Ich wusste nichts vom eigenbrötlerischen und misanthropischen Charakter Degas’, der mir nun umso mehr als fast schon liebenswerter Kontrast zur Leichtigkeit, Offenheit und Lebendigkeit seiner Sujets steht.

Die Ausstellung kürt keinen Gewinner in diesem ‚Wettlauf‘ zur Moderne. Und das ist auch gut so. Sie überzeugt in der Darstellung des Verlaufs, der Abhängigkeiten und einer wunderbaren Unabhängigkeit.

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Auguste Rodin Der Denker (mittleres Modell) um 1880 bronzierter Gips 72 x 37 x 57,5 cm Musée Rodin, Paris Foto: Christian Baraja

‚Edgar Degas und Auguste Rodin – Wettlauf der Giganten zur Moderne‘, im Von der Heydt-Museum, Wuppertal, bis zum 26. Februar 2017

Di., Mi. 11-18 Uhr, Do., Fr. 11-20 Uhr, Sa., So 10-18 Uhr, Mo. geschlossen

 

 

1 ‚Portraits – John Berger on Artists‘, edited by John Overton, Verso, 2015, Seite 238
2 Ausstellungskatalog, Seite 13
3 ‚Portraits – John Berger on Artists‘, edited by John Overton, Verso, 2015, Seite 239
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