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Über die Leichtigkeit.

Mit einem Stift in der Hand, oder einem Pinsel, einer Schere, vor einer Leinwand, mit Papier in den Händen oder vor der weißen Seite, gefühlt, digital.

Warten auf den den einen Windstoß, der befreit. Warten auf das Licht, die Gedanken, diesen einen Moment.

Stimmen, Lieder, ein Gespräch, Ablenkung und Konzentration.

Leichtigkeit und Konzentration.

Leichtigkeit ist sicher nie das notwendige Gegenteil von Komplexität. Die Komplexität liegt im Guten immer im Prozess, die Leichtigkeit in der Wirkung.

Dies ist der siebzigste Beitrag, den ich für meinen Blog verfasst habe. Jeder Text entsteht aus einer zutiefst subjektiven Auseinandersetzung mit dem Erlebnis, den Erfahrungen und Emotionen einer Ausstellung. Im besten Fall funktionieren sie als Beweis der Zuneigung zu bestimmten Künstlern, Werken oder Themen. In jedem Fall sind sie der Versuch, diese zu vermitteln.

Ich freue mich sehr, dass es ausgerechnet diese so besondere Ausstellung im Kunstmuseum Picasso ist, über die ich hier berichten kann.

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Henri Matisse, Primavera, 1938, Linolschnitt, Kunstmuseum Pablo Picasso Münster © Succession H. Matisse/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

‚Henri Matisse – Die Hand zum Singen bringen‘ zitiert im Titel eine der Grundbedingungen, der Forderungen, die Matisse für sich und sein künstlerisches Werk, seine Arbeit, aufgestellt hat:

‚Wenn ich Vertrauen habe zu meiner Hand, die zeichnet, dann ist der Grund dafür, dass ich sie daran gewöhnt habe, mir zu dienen […] Die Hand ist nur die Verlängerung der Sensibilität und der Intelligenz. Je geschmeidiger sie ist, umso besser gehorcht sie. Die Dienerin darf nicht zur Herrin werden.‘

‚Die Hand zum Singen bringen‘ hebt ein Motiv der Musik in die bildende Kunst, und so simpel wie erhellend wird deutlich, welche sinnlich raumgreifende Kraft sich hier offenbart:

Wenn Hände singen und Augen hören können, dann ist es Kunst.

Ein Bild zu betrachten bedeutet immer auch, eine Melodie wahrzunehmen. Ganz individuell. Die Hand des Künstlers singt, wir hören.

Was wir hören, wenn wir Bilder hören (eine Auswahl):

Die Vibration der Leinwand, über die ein Pinsel gleitet, oder den Donner explodierender Farbpartikel auf ihr, das sanfte Kratzen eines Stiftes auf Papier, oder das scharfe Rauschen einer Schere, die sich ihren Weg bahnt.

Was wir sehen, wenn wir Bilder hören (eine Auswahl):

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Henri Matisse, Polynesien, Der Himmel, 1946, Teppich, Musée d’Art moderne de Troyes © Succession H. Matisse/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

den flachen Atem eines Modells für eine Aktzeichnung, die Rufe der Vögel über dem polynesischen Meer, das scheue Lächeln einer jungen Frau in Marokko oder das ironische Lächeln einer Nonne, das ungeduldige Räuspern eines Freundes, der in der Villa Le Reve nahe Nizza als Modell sitzt, den bewegten Stoff eines Vorhangs wie eines Kopftuches, das leise bewegte Rascheln des Tutu einer Tänzerin vor dem Spiegel, den kraft- und vertrauensvollen Gesang während eines Gottesdienstes, Jazz, Gedichte.

Die Hand des Künstlers wird zur Stimme einer Melodie, die ihre Resonanz in der Leinwand, auf dem Papier, im Holz, Stein, Linoleum etc., und schließlich verstärkt um den visuellen Eindruck, in uns als Betrachter, als Zuhörer, findet.

Die Lithografien, Aquatinten, Holzschnitte und Radierungen sind ein Konzert aus der Hand des Künstlers.

Und feiern jetzt und hier: Premiere!

Viele dieser Werke haben für Jahrzehnte keine Resonanz in Ohren und Augen gefunden. Sie haben im Tresor einer Pariser Bank gelegen, in der Dunkelheit, für niemanden geklungen. Und dann öffnen sich die dicken Stahltüren, die ihre Melodien für so lange Zeit geschluckt haben, und wir dürfen vor ihnen stehen und dem Klang, den die Künstlerhand erzeugte, wie einer Uraufführung lauschen.

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Henri Matisse, Entwurf für Grünes Kelchvelum, 1950-52, Scherenschnitt, Musée Matisse, Nizza © Succession H. Matisse/VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Françoise Fernandez

Über 100 Arbeiten werden nun, als Dauerleihgaben für dieses wundervolle Museum, in der Ausstellung ‚Matisse – Die Hand zum Singen bringen‘ zu einem Orchester erstmaliger und einmaliger Eindrücke.

Sie vermitteln im Zusammenspiel mit Gemälden, Skulpturen, Bühnenkostümen, einem seltenen Scherenschnitt und einem großformatigem Wandteppich als hochkarätigen Leihgaben einen Eindruck von der Kraft der Einfachheit, der Stärke des schnellen, des gekonnten Strichs, der Intensität der Fläche und vor allem: der Kunstfertigkeit des Schöpfers.

‚Ich habe immer versucht, meine Anstrengungen zu verbergen; Ich habe immer gewünscht, dass meine Werke die unbekümmerte Fröhlichkeit des Frühlings haben sollten, der nie die Vermutung aufkommen lässt, welche Anstrengung alles gekostet hat.‘

Sicherheit ohne Überheblichkeit.

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Henri Matisse, Bédouine au grand voile, 1947, Aquatinta © Succession H. Matisse/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Museen sind Räume stiller Musik. Diese Musik erklingt durch meine Augen, in meinem Kopf. Sie ist das Resultat der Schwingungen, der Bewegungen, der Arbeit einer Hand, eines Willens.

Die Ausstellung ‚Henri Matisse – Die Hand zum Singen bringen‘ macht Emotionen hörbar. Von der feinen, fast unhörbaren Melodie der Freundschaft oder Zuneigung, über die Klänge der Natur und der Kultur, von den Eindrücken der Natur und des Körpers zur Begleitmusik der Literatur und des Balletts.

Ein Zeitraum von bald 60 Jahren als Ausdruck von Hingabe, Wandlung, Entwicklung, Gefühl, Erfahrung, Erlebnis, Leben. Matisse ist selbstverständlich mehr als die Arbeiten, die hier präsentiert werden. Aber er ist in erster Linie nicht weniger als dies, vor allem dies:

‚Sobald mein ergriffener Strich das Licht meines weißen Blattes modelliert hat, ohne diesem etwas von seiner zarten Weißheit zu nehmen, kann ich nichts mehr hinzufügen, nichts mehr wegnehmen. Die Seite ist geschrieben, keine Korrektur ist mehr möglich.‘

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Ausstellungsraum mit den Kostümen von Henri Matisse für das Ballett „Le Chant du Rossignol“ (1920)

Was muss das für ein unglaubliches Konzert gewesen sein, als sich die Türen und Fächer des Tresors geöffnet haben, um so viele dieser wunderbaren Werke zu offenbaren, und in ihrer Endgültigkeit auf die Gegenwart loszulassen.

Sie haben Bestand vor den Augen und Ohren der Betrachter und Zuhörer. Ihr Klang hat nichts von seiner Kraft verloren, wenn man ihn hören möchte.

Ich kann nur empfehlen, diese Ausstellung einmal mit dem Blick des Zuhörers zu erleben. Nicht nur die Musik des Balletts durch seine Kostüme, die Matisse 1920 für die Ballets Russes und deren Aufführung von Strawinskys ‚Le chant du Rossignol‘ entwarf, sondern alle Klänge aufzunehmen, zu sehen, die in in den Bildern schwingen, die Stahl und Zeit bisher verbargen. Sie sind einmalig, nicht nur, weil sie erstmalig sind, aber sicher auch vor allem deshalb. Sie sind voller klingender Leichtigkeit, voller Freude. Sie sind die bildgewordenen Gesänge einer Zeitspanne von 1906 bis 1952, und somit vielsagender Ausdruck und Klang eines Künstlerlebens.

‚Henri Matisse – Die Hand zum singen bringen‘, im Kunstmuseum Picasso, Münster, verlängert bis zum 12. Februar 2017.

Montag bis Sonntag und Feiertage: 10.00 bis 18.00 Uhr
Freitag: 10.00 bis 20.00 Uhr

Der Katalog mit großartige Texte von Markus Müller, Ann-Katrin Hahn und Marie-Thérèse Pulvenis de Séligny ist im Kerber Verlag erschienen.

Alle Zitate hier sind diesem Katalog zur Ausstellung entnommen.

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