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Kai Eric Schwichtenberg

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Nicht allzu häufig – so mein Eindruck – finden sich Lebensläufe, denen man bei aller Unerreichbarkeit aus der Ferne doch in einer unerschütterlich fühlenden Nähe folgt. Manchmal ist man noch viel mehr als nur ein ‚Fan von‘, vielmehr umfängt einen eine Emotion, die eher an Familie denken lässt.

Künstler, Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, bildende Künstler, evozieren diese Nähe über ihre Arbeit, ihr Werk. Keith Haring, Louise Bourgouise, Niki de Saint Phalle zum Beispiel. So, wie sich ihre Persönlichkeit, ihre Biografie, in den Werken nicht nur spiegelt, sondern fortsetzt, so wurden mir diese drei, unter vielen anderen, zu Freunden, zu Familie.

Pink nude in landscape / [Eurydice Redeviva], circa 1956-1958

Pink Nude in Landscape, 1959 Ölfarbe, kleine Fundobjekte (Fragmente von Töpferwaren, Kiesel, Kaffeebohnen, Knöpfe, Perlen, Nägel, Muscheln …) auf Holz Niki Charitable Art Foundation, Santee Foto: Laurent Condominas © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Bei aller Unterschiedlichkeit – und so übertrieben und konstruiert diese Nähe vielleicht zunächst klingen mag – liegt das vermutlich an den Themen: Stärke und Zerbrechlichkeit, Geschlecht, Körperlichkeit, Sexualität, Unmittelbarkeit, Nonkonformismus, Kampf, Revolution!

Das eigene Nichtkönnen oder Nichtwollen, gelebt durch die Hände Fremder, Künstler, die so nahbar kommunizieren, dass man sich manchmal eben so fühlt, als stünden sie einem zur Seite. Und vor allem die Lebensthemen, denen man nicht entgehen kann, auch weil man ja gar nicht will, die zu begreifen doch manchmal auch das Vokabular fehlt, und die dann der Einfachheit halber als ‚Leben‘ gelten dürfen.

An Niki de Saint Phalle fasziniert die Ungeheurlichkeit. Das fängt ja schon mit dem Namen an: Niki vom heiligen Phallus. Das muss einem erst einmal einfallen! Das ist ihr einfach so zugefallen. Vielleicht ja auch von vornherein ein Auftrag? Wer weiß, wie verschlungen die Wege sind.

Paysage de la mort ou Collage de la mort, 1960

Paysage de la mort ou Collage de la mort 1960 Farbe, Gips, Objekte auf Holz Sprengel Museum, Hannover Foto: Laurent Condominas © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

An Niki de Saint Phalle fasziniert der Kampf!

‚Ich bin eine Kämpferin‘ sagt sie, und so betitelt das Museum Ostwall in Dortmund eine Retrospektive ihres Werkes, die sich, ohne dass das ja ihren Auftrag oder ihren Ausdruck verknappt, dem Kampf widmet.

Bei Niki de Saint Phalle gehören Auftrag und Ausdruck zusammen. Und die wunderbare, bald die ganze Lebensdauer der Künstlerin begleitende Ausstellung, vermittelt in ihren Kabinetten und Räumen die Kraft dieser Notwendigkeit im Werk.

autel_noir_et_blanc

Autel noir et blanc 1962 Farbe, Assemblage verschiedener Objekte auf Holz Niki Charitable Art Foundation, Santee/Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris Foto: André Morin © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Es geht um Familienrollen, Frauenrollen, Frauenbilder. Und vor allem geht es um die Auflehnung gegen Konventionen und patriarchale und klerikale Engstirnigkeit. Niki de Saint Phalle zückt die Waffe. Und zwar nicht einen dieser kleinen Damenrevolver, die damenhafte Zierlichkeit noch in der Gewaltbereitschaft zelebrieren. Sie greift zur Flinte und schießt auf die Gleichgültigkeit, auf die Farblosigkeit, auf die Ideenlosigkeit. Sie bedroht die Konvention als Idee, und indem sie die Gesellschaft mit dem Ergebnis der Bedrohung konfrontiert, schießt sie auch auf die Menschen, die sich verweigern.

Niki de Saint Phalle tötet nicht, sie verletzt schwer und kennt das Heilmittel, das schon in der Verletzung angelegt ist. Ihre Werke fordern zu prinzipiell einfachen Fragen auf: wer bin ich für mich und wer bin ich für andere? Wie groß ist die Schnittmenge zwischen den beiden Ichs und bin ich glücklich damit?

Martyr nécessaire/Saint Sebastien/Portrait de mon amour/Portrai

Martyr nécessaire / Saint Sébastien / Portrait de mon amour / Portrait of myself März/April 1961 Farbe, Zielscheibe, Wurfpfeile, Oberhemd, Krawatte, Zigarettenschachtel, Gewehr auf Holz Privatsammlung, Paris / Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris Foto: André Morin © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Vielleicht ist ihr ja irgendwann die Erkenntnis gekommen, das man einer von Männern und ihren Vorstellungen dominierten Welt und Zeit nicht beikommen kann, indem man sie versucht mit den eigenen Waffen zu schlagen. So zumindest mag sich erklären, weswegen sich Niki de Saint Phalle nach den ‚Schießbildern‘ (Tirs) der extremen Weiblichkeit widmete, einer direkter gar nicht denkbaren Konfrontation mit dem Urpsrung, und Ikonen schuf, deren körperliche und intellektuelle Herausforderung bis heute ungebrochene Kraft und Notwendigkeit verbindet: den Nanas.

lili_ou_tony

Lili ou Tony 1965 Polyesterharz, bemalt, Stoff, Maschendraht und Papier Courtesy Galerie GP & N Vallois, Paris Foto: Aurélien Mole © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Diese manchmal gigantischen Frauenfiguren sind in ihrer körperlichen Schlichtheit, ihrer überbordenden Farbigkeit, in ihrem Volumen so unmittelbar wie tiefgründig.

Und selbst ihre kleinen Köpfe können der Vorstellung von der Abbildung einer starken Frauenfiguren nichts anhaben. Niki de Saint Phalle begründet selbst: bei allen Veränderungen, denen das Denken unterliegt, bei allen Abhängigkeiten, denen der Kopf ausgesetzt sein mag – die wahre Größe des Körpers ist die Schöpfungskraft.

Leaping Nana, 1970

Leaping Nana (Nana Power) 1970 Siebdruck auf Vélin d’Arches Sprengel Museum, Hannover Foto: Michael Herling © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Dass diese Schöpfungskraft etwas zutiefst körperliches ist, beweist Niki de Saint Phalle mit ihren Werken, vor allem mit den Skulpturen, dem großartigen Skulpturenpark Giardino dei Tarocchi und nicht zuletzt auch durch die Zusammenarbeit mit Jean Tinguely. Ich kenne kein Künstlerpaar, das die Bedingungen der Abhängigkeit und die Notwendigkeiten einer Emanzipation von Konventionen im gemeinsamen Werk so kraftvoll unter Beweis gestellt hat. Hier treffen die metallischen, rostigen, industriellen Werkteile in ihrem ungeölt knarrenden, klappernden und unbeholfenen Bewegungsablauf auf die Zartheit der Farbe, die Größe und Güte der Ergänzung, die Harmonie. Hier sind Kopf und Bauch Gefühl und Leben: nur gemeinsam vollständig.

Nichts in Niki de Saint Phalles Werk verschließt sich der Erfahrbarkeit. Es mag ihr zum Vorwurf gemacht worden sein, dass ihre Werke bunte und beliebige Dekoration sind. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Und wenn die Nanas vielleicht nicht mehr den Aufschrei der Bewusstwerdung einer Geschlechterungerechtigkeit hervorrufen, dann liegt das ganz sicher nicht daran, dass es diese nicht mehr gibt.

Marilyn, 1964

Marilyn 1964 Objekte, Farbe, Wolle auf Maschendraht Niki Charitable Art Foundation, Santee © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Vielmehr, glaube ich, liegt es ein wenig wohl auch daran, das Kunst heute – so kraftvoll sie sein kann – doch häufig eher den verstellenden Blick anbietet. Immer noch eine Ecke bis zur Erkenntnis, immer eine Metaebene mehr. Natürlich: ich kann auch genügend Gegenbeispiele nennen. Und doch – und das wird mir in dieser Ausstellung klar – diese Direktheit, die ihre Kraft aus der Zeit zieht und ihren Platz in den Städten, auf Plätzen, in Brunnen gefunden hat, kann immer noch und unvermittelt gelten, wenn man sie zulässt.

Die Arbeiten von Niki de Saint Phalle sind keine Dekoration. Sie sind bis heute Statement. Sie kehren eine Seelenlandachaft nach außen, sei es über die Schiessbilder, sei es durch die wiederum sehr entwaffnende Darstellung von Ikonen, sei es mit den Nanas, in ihren sehr öffentlich intimen Tagebüchern oder den intim öffentlichen Parkanlagen.

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Amant 1970 Gips Sprengel Museum, Hannover Foto: Michael Herling © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

In ihren chronologischen Stationen, und mit der Möglichkeit der Künstlerin und ihrer Weltsicht selbst in filmischen Dokumentationen zu begegnen, bekräftigt die Ausstellung in Dortmund die Wichtigkeit von Selbstverortung, Wandelbarkeit ohne Beliebigkeit und die Kämpfernatur als Urkraft im Werk von Niki de Saint Phalle.

Ich glaube, man kann viel von ihr lernen. Die Ausstellung setzt diesen Prozess vielleicht erst mit Verzögerung in Gang, was allerdings ausschließlich den doch immer wieder schrecklich herausfordernden Räumlichkeiten des U geschuldet ist. Dazu kann Niki de Saint Phalle ganz sicher nichts. Vermutlich würde es ihr sogar sehr gefallen, dieser männlichen Brachialität ihr Werk entgegenzusetzen.

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Autel des femmes 1964 Fundstücke, Farbe, Gips, Kaninchendraht auf Holz (Triptychon) Sprengel Museum, Hannover Foto: Michael Herling © 2016 Niki Charitable Art Foundation, All rights reserved.

Niki de Saint Phalle – ‚Ich bin eine Kämpferin‘, im Museum Ostwall im Dortmunder U und in Kooperation mit dem Sprengel Museum, Hannover, bis zum 23. April 2017

Dienstag, Mittwoch, Samstag, Sonntag 11:00 – 18:00 Uhr

Donnerstag, Freitag 11:00 – 20:00 Uhr

Montag geschlossen

Der Katalog ist bei Hatje Cantz erscheinen und eine gute retrospektive Ergänzung zu den Informationsblättern, die in jedem Raum die präsentierten Arbeiten benennen und erhellend einordnen.

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