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‚Never recreate places from your memories, always imagine new places.  Only use details. A street lamp or a phone booth. Never entire areas. Building a dream from your memory is the easiest way of losing your grasp on what’s real and what is a dream.’ (aus: Inception)

‚Gregor Schneider – Wand vor Wand‘ in der Bundeskunsthalle, Bonn

Kollektive Wahrnehmung:

Zu ‚Passageway Nr. 1, Deurle 2006 – Bonn 2016‘: ‚Raum im Raum, hochglänzende Spanplatten auf Holzkonstruktion, 3 Leuchten, 10 Türen, Linoleum Boden grau, Wände hochglänzend weiß, Schallschutzmaterial an der Decke, freistehend, 230 x 200 x 1500 cm.‘

Zu ‚Bathroom and Bedroom, London 2004‘:‚Bathroom: Raum im Raum, Holzfaserplatte auf Holzkonstruktion, 1 Tür, 1 Leuchte, 1 Heizkörper, 1 Glasschrank, 1 Badewanne, 1 Waschbecken, 1 Toilette, Wände und Decke weiß, freistehend, 222,5 x 200 x 285 cm‘

Zu ‚Kinderzimmer (Nr. 2, mit Rohr), Rheydt 2008‘:‚Raum im Raum, Tischlerplatte auf Holzkonstruktion, 1 Rohr (Durchmesser 160 cm, Länge variabel), 1 Tür, 1 Spiegel, 1 Leuchte, PVC auf Boden und 1 Wand beige, 3 Wände weiß, Decke rosa, freistehend, 218 x 332 x 362 cm‘

Zu ‚u r 19 B Liebeslaube, Rheydt 1995 – Venedig 2001‘:‚Raum im Raum, Tischlerplatten auf Holzkonstruktion, 1 Fenster, 1 Leuchte, 1 Badewanne, 1 Heizkörper, 1 Wandschrank, 1 Hocker, 1 Wandschrank, 1 Holzleiter, Holzboden grau, weiß verputzte Wände und Decke, freistehend, 293 x 258 x 359 cm (Korridor 210 x 250 x 82 cm)‘

Nach dem Besuch der Ausstellung:

Handlungsanweisung an mich selbst:

Gehe in einen Raum in deiner Wohnung. Präge dir jedes Detail ein: seine Größe, seine Form, seine Farbe, die Möbel, die Materialien, seinen Zweck. Verlasse den Raum und schließe die Augen. Baue in dem schwarzen Raum hinter deinen Augen den Raum nach, den du gerade verlassen hast. Stelle dich in diesen Raum. Wer bist du? Was definiert dich?

Gregor Schneider

Bathroom, London 2004 Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Wahrnehmung endet an den Projektionsflächen. ‚Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen‘ (Sigmund Freud).

Vielleicht sind ja auch diese Wände, Türen, Möbel, Gegenstände, Tore, Treppen, vielleicht ist dieses Licht nur die Projektion des eigenen Wunsches nach Erkenntnis, nach Erkennen. Der Andere ist vielleicht unser Gedächtnis, aus dem wir unsere Wahrheit konstruieren.

Gregor Schneider sagt über seine Arbeitsweise:

‚Was ich tue, ist das Denken, dreidimensional und konkret, Es denkt für sich, geht dann in der Sache weiter. Alles andere ist etwas ganz Anderes. Ich glaube, dass das Denken in den Dingen steckt, dass diese wiederum sprechen und mein Gedächtnis sind.‘

‚Wand vor Wand‘ ist der Titel der retrospektiv angelegten Ausstellung zu Werken von Gregor Schneider aus den letzten 30 Jahren und bezeichnet damit nicht nur den architektonischen Eingriff der ‚Verdopplung‘ des Raumes durch den Einbau desselben, wie etwa 1985 in ‚Haus u r‘ in Rheydt.

Gregor Schneider

u r 44, Hannelore Reuen. Alte Hausschlampe, Warschau 2000 – Rheydt 2003 Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

‚Wand vor Wand‘ ist zugleich eine Herausforderung von Erwartungen und Sehgewohnheiten: der museale Raum wird gleichsam umgestülpt. Nicht mehr die Wand definiert den Bezugspunkt, sondern die Erfahrung. Und dabei trifft es die Vorstellung, in einem Gemälde zu stehen, das einen Museumsraum darstellt doch nur sehr unzureichend.

Vielmehr steht der Besucher dieser Ausstellung in jedem Raum dieses Parcours neu vor allem in einer Projektionsfläche von fremdgedachter Realität, die wie von unsichtbaren Spotlights, einer Erinnerungsinsel gleich, aus dem unfassbaren Dunkel gehoben wird.

Zu ‚Cold Storage Cell, Düsseldorf 2007‘:‚Raum in Raum, Metallplatten mit Isolierschaum, 1 Leuchte, 2 Türen, 1 Kühler, Wände und Decke licht grau, Edelstahlboden, freistehend, 214 x 300 x 420 cm‘

Gregor Schneider

Wetcell, Düsseldorf 2007 Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Mit Eintritt in den Raum wird die fremde zur eigenen Realität, die Wände Teil einer Architektur des Vorstellbaren, Gefühle, Gerüche, Geräusche Teil einer zu vervollständigenden Notwendigkeit.

Ich will wissen, was zwischen den Wänden ist, will erfahren, was Außen und Innen definiert und will meinen eigenen Standpunkt nach den Gegebenheiten hinterfragen.

Ich will mich nicht als Gefangener, Opfer, Eindringling, Voyeur in diesen Räumen fühlen.

Ich will, dass die Dinge sprechen und auch mein Gedächtnis sind.

Ich will Gestalter sein.

Gregor Schneider

Sterberaum, Rheydt 2005 – 2007 Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

‚Die Dinge werden für sich sprechen, vielleicht wieder anders als vorher. Ich kämpfe nach wie vor gegen die Sprache und gegen Ausschnitte. Gewöhnlich bin ich mit der Macht des Wissens konfrontiert und werde in die Position des Unwissens gedrängt. Meine Erfahrungen vom Leben sind keine Bilder oder Texte. Erfahrungen wenden sich an alle Sinne und beruhen auf einer unfassbaren Welt‘, sagt Gregor Schneider.

‚Was haben diese Dinge mit mir zu tun?‘, lautet die Frage in jedem (Erfahrungs)raum.

Zu ‚Sterberaum, Rheydt 2005 – 2007‘:Raum im Raum, Tischlerplatten auf Holzkonstruktion, 2 Fenster, 2 Türen, 5 Lampen, Parkettboden, Wände und Decke weiß, freistehend, 275 x 544 x 769,5 cm‘

Schneider gibt keine Antwort. Er setzt vielmehr voraus, dass wir erfahren, dass diese Dinge etwas mit uns zu tun haben.

Der Schutt des Goebbelsschen Geburtshauses ist ebensowenig von seiner Geschichte, seiner Form, seiner Räumlichkeit befreit, wie ein schwarzer Kubus auf dem Markusplatz in Venedig, der in der Assoziation nicht die Kopie von etwas, sondern eher eine neu gedachte Kaaba war, und also nicht werden durfte.

Gregor Schneider

Keller, Rheydt 1985 – Venedig 2001 Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Beide Projekte des Künstler, ersteres realisiert – Schneider kaufte das Haus, ‚lebte‘ darin für einige Zeit, wie als Vergegenwärtigung des Lebens dieses einen Vorbewohners als Mensch, riss es schließlich bis auf die Fassade ab, um den Schutt in Warschau und Berlin auszustellen und schließlich auf eine Deponie zu verbringen – letzteres an den scharfen Protesten gescheitert, verdeutlichen in markanten Projekten des Außenraumes diese Erkenntnis aus Erfahrung, die in Innenräumen individueller Erfahrbarkeit nicht minder wirkt.

Wer bin ich? Ich bin die Summe meiner Erfahrungen. Was definiert mich? Die Summe der Erfahrungen Anderer. Das hat diese Ausstellung mit mir zu tun.

Zu ‚Matschraum, Bonn 2016‘:‚Raum im Raum, Spanplatten auf Holzkonstruktion, Leuchten, 1 Tür, Schlammbecken, Boden braun, Wände braun, Verputz, Ton, freistehend, Innenmaße 330 x 380 x 610 cm, Außenhöhe 500 cm.‘

Der Mensch hat gelernt, Gestalter zu sein und sich dabei von den Elementen zu lösen. Die Befreiung aus der Abhängigkeit mag dabei auch exzesshafte Züge angenommen haben, geprägt von kreativen wie zerstörerischen Handlungen.

Gregor Schneider

Matschraum, Bonn 2016 Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Im Begleitheft bleiben von den Erfahrungen die Grundrisszeichnungen, die durch die Ausstellung leiten. Jenseits der Grundrisse, die die Räume abbilden und wie elektrische Schaltpläne anmuten, eine blassgraue Linie, hier und da unterbrochen durch einen ‚Kondensator‘ mit der Aufschrift ‚EXIT‘. Vielleicht ist hier der Erfahrungshorizont, vielleicht ist hier der Ort, an dem eine individuelle Erfahrung gespeichert wird, bevor man diese Räume verlässt und und ihre Reste zu einer kollektiven Erzählung werden. Es gibt diesen Moment des Übertritts und er wirkt wie der notwendige Abschluss einer unwirklichen Transformation: zurück ins Museum.

Wie ein Scharnier liegt davor jedoch noch dieser eine Raum, Kopie eines Museums, Retrospektive in der Retrospektive: gezeigt werden Arbeiten des jungen, dreizehnjährigen Künstlers auf Papier, die ‚Außenhaut‘ eines Zimmers (‚u r 6 Wunderkammer, Rheydt 1989‘), das vom Nachbarraum betreten werden konnte und fotografische Dokumentationen der Arbeiten, die über die reine Abbildung hinaus und vielleicht vor allem Spiegel der Emotionen sind, die die Räume hinterlassen.

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‚Gregor Schneider – Wand vor Wand‘ ist die mit Abstand erschütternste Erfahrung, die ich im Rahmen einer Ausstellung seit langem, wenn nicht überhaupt, gemacht habe.

Sie wirft einen ganz unvermittelt ins Unvermittelbare. Sie konfrontiert mit undenkbaren und gedachten Räumen, sie macht einen zum Gefangenen, zum Liebenden, zum Sterbenden, zum Kind und gleichzeitig zum Beobachter all dieser Rollen und der Idee davon, wie sie sich in einem selbst fügen. Sie lässt Konventionen hinterfragen, schärft die Sinne und öffnet mit dem unbedingten Blick ins Innere den Blick nach Außen.

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Gregor Schneider Kinderzimmer (No. 2) Rheydt 2008 © Gregor Schneider / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Zur Ausstellung ist im DISTANZ-Verlag ein unbedingt notwendiger Katalog erschienen, der den privaten Ausdruck und den politischen Anspruch der Werke Schneiders fasst. Zahlreiche Abbildungen und Kommentare ordnen die Arbeiten ein und bieten einen faszinierenden Überblick über mehr als 30 Jahre künstlerischen Schaffens.

‚Gregor Schneider – Wand vor Wand‘ in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, bis zum19. Februar 2017

Dienstag und Mittwoch: 10 bis 21 Uhr, Donnerstag bis Sonntag, an Feiertagen: 10 bis 19 Uhr, 24.12. geschlossen, 31.12. bis 16 Uhr

Alle Werkbeschreibungen und die Zitate von Gregor Schneider stammen aus dem Begleitheft zur Ausstellung

One comment on “‚Gregor Schneider – Wand vor Wand‘ in der Bundeskunsthalle, Bonn

  1. rainer kühn sagt:

    Ja, da wäre ich gerne hingefahren. Jetzt warte ich in Münster bei den SPM17, bis keine Schlange mehr vorm Museum steht, und dann gucke ich mal, wie der Gregor Schneider so wohnt.;-)

    Gefällt 1 Person

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