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Die Geschichte beginnt mit einem Rätsel.

Das heisst: eigentlich beginnt sie damit nicht, denn alles hier soll seine Ordnung haben, darum geht es schließlich. Es ist Inventur, also von vorne:

Inventur in einem Kunstverein. Da geht es natürlich nicht darum, Stifte, Blätter, Tacker, Stühle und Regale zu zählen, um steuerlichen Erfordernissen gerecht zu werden. Da geht es, wie eben in diesem Fall, darum, sich einen Überblick über Kunstbestände zu verschaffen.

DSCF9407Und Kunstbestände heißt in diesem Fall: Jahresgaben.

Für alle Leserinnen und Leser,die noch nicht Mitglied in einem, bzw. vor allem diesem Kunstverein sind, sei das Prinzip kurz erklärt: Künstler, die für eine Ausstellung eingeladen werden, produzieren im Anschluss im Regelfall eine Edition, die dann exklusiv den Mitgliedern des Vereins zum Kauf angeboten wird. Die Preise dafür sind zumeist verhältnismäßig günstig, den Verkaufserlös teilen sich Künstler und Kunstverein. Für den 1831 gegründeten Westfälischen Kunstverein lässt sich der Beginn der Ausgabe von Jahresgaben auf 1840 datieren.

Nun stellte sich für die Sommerpause 2016, also 176 Jahre später, diese spezielle Aufgabe einer Inventarisierung, die Aufgabe eines ordnenden Blickes ‚ins Archiv der Jahresgaben‘.

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Ich war gleich zu Beginn, Ende Juli, für einen ersten Blick auf diese Arbeit dort. Überall in Stapeln die Grafikmappen aus den verschiedenen Depots, also sowohl aus den Räumen des Kunstvereins, als auch aus dem Landesmuseum. Türme von Grafikmappen auf Grafikschränken und Tischen. In der Mitte des Raumes Schwerlastregale voller Kartons, Umschläge und in Luftpolsterfolie verhüllte Skulpturen und Leinwände. Ein Blick auf die Schatztruhe, noch ungeöffnet, geheimnisvoll.

Ein langer Tisch davor ist noch aufgeräumt erwartungsvoll, weiße Baumwollhandschuhe warten darauf, übergestreift zu werden.

Lange wird das hier nicht so übersichtlich bleiben, denke ich. Andererseits wird aber ja alles klar definierten Arbeitsschritten folgen, also keine Chance für Chaos.

DSCF9362Die Arbeit beginnt auf einer dunkelblauen Tischtennisplatte, die jetzt für einige Wochen ihre eigentliche Bestimmung zurückstellen muss und einfach zum Tisch wird.

Jetzt öffnet Anne – sie ist quasi die ausführende Archivarin dieses Projektes und mir in den kommenden Wochen eine große Hilfe und geduldige Lehrerin  – hier die ersten Mappen.

Eine Arbeit von Sol LeWitt. Der Stempel auf der Mappe weist das Werk nicht nur dem Künstler, sondern auch einem Jahr zu: 1971.

In diesem Fall also jedenfalls kein Rätsel: ein Ordner voller Listen, angelegt über die Jahre, ein Verzeichnis der Arbeiten aus dem Bestand, der Versuch einer Übersicht. Zum Künstler dort der passende Eintrag:

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‚Sol LeWitt, Zwei Systeme‘ (Jahresgabe 1971) Siebdruck, 2 Blätter, sign., num. Je 37 x 37 cm72-18 WKV (2/100) (gesehen 28.11.06)‘

Anne, die Hände in den weißen Baumwollhandschuhen, fasst die Blätter vorsichtig an, hebt sie an den Ecken, prüft den Zustand, das Papier, den Druck, das Passepartout.

DSCF9381‚Das ist die Vorgehensweise bei jedem Werk, das hier auf dem Tisch landet. Ich schaue mir jedes Blatt an, überprüfe die Signatur, checke das mit den Unterlagen die es schon gibt.  Das heißt mit den Jahresgabenheften des jeweiligen Jahres, so die denn noch vorliegen, oder mit den Listen zu Jahresgaben, die schon einmal angelegt wurden. Und dann gilt mein genauer Blick dem Werk. Also vor allem auch seinem Zustand. Wir haben uns ein System überlegt, nach dem wir die Werke schließlich neu inventarisieren. Alle Informationen zu Künstler, Werk, Auflage, Zustand, Jahr und Lagerort werden dann in einem digitalen Datenblatt zusammengeführt. Dazu kommt eine Fotografie der Arbeit. So wird es schließlich einmal die Möglichkeit geben, Informationen über den kompletten Bestand zu haben, die jeder einsehen und nutzen kann.‘

‚Wenn du das so aufmerksam und genau für jedes Werk machst: wie viele schaffst du denn da bitte am Tag?‘ ‚Vielleicht 20?!‘

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Ich sehe diese Stapel über Stapel hier liegen und mein Respekt für dieses Projekt und die Arbeit, die alle Beteiligten da hineinstecken wächst in jedem Moment. Nur etwa einen Monat Zeit für Sichtung, Einordnung, Zuordnung, Dokumentation, Rahmung, Hängung?

Ich bin gespannt wie das werden wird. Und ich DSCF9379habe den Eindruck, dass alle hier, die an diesem Projekt arbeiten, ebenso gespannt sind, vielleicht auch etwas nervös ob der unvorhersehbaren Momente die da kommen mögen. Aber bei allen spüre ich auch die Freude an dieser besonderen Aufgabe und auch so etwas wie Abenteuersinn.

Später treffe ich Kristina, die Direktorin des Kunstvereins.

‚Empfindest du die Arbeit, die ihr hier gerade macht, diesen Aufwand, eigentlich als Luxus?‘

‚Nein, ich finde nicht, dass das Luxus ist. Sicher ist es nicht die vorrangige Arbeit eines Kunstvereins so eine Inventur zu machen. Aber diese Aufgabe, bis hin zu der Ausstellung, die ja daraus entsteht, soll schließlich drei Dinge vermitteln:

DSCF9430Erstens glaube ich, dass wir es den Kunstwerken, der Kunst, schuldig sind. Diese Werke sind Bestandteil einer reichen Geschichte dieses Vereins und die Vergewisserung über das Was und Wo gehört für mich zum respektvollen Umgang mit dieser Geschichte.

Zweitens schaffen wir Aufmerksamkeit für die Bedeutung, die Jahresgaben für den Kunstverein und vor allem für die Künstlerinnen und Künstler immer schon hatten. Schließlich geht es ja darum, sie und ihre Werke so zu promoten. Die meisten stehen am Anfang einer Karriere und diese Jahresgaben sind die Chance diese zu fördern, Vertrauen zu äussern, Potentiale zu sehen.

DSCF9403Und Drittens wollen wir natürlich am Ende mit so etwas wie einer ‚Best Of‘-Wand auch einmal zeigen was wir so haben,  und Werbung für uns machen. Seht her, der Polke hier: damals war der hier mit seiner ersten institutionellen Einzelausstellung und die Jahresgabe kostete 800 DM. Heute ist das Blatt, das wir noch haben, 200.000 € wert.’

Und natürlich gibt es einen ganz offensichtlichen Grund dafür, warum eine solche Inventur Sinn ergibt: Überall verteilt stehen und liegen die Ordner voller Listen, jede Liste eine eigene Systematik, jede Systematik der Fingerabdruck der Person, die sie einmal erstellt hat. Die Personen wechselten in recht kurzen Zyklen, das ist bis heute nicht anders. Und so muss es eben auch darum gehen ein einheitliches System zu entwickeln, eine Systematik, die vor dem Wandel der Zeit und dem Kommen und Gehen der Personen Bestand haben kann.

‚Hast du eigentlich ein Lieblingswerk? Das ändert sich wahrscheinlich auch jeden Tag, oder?‘, frage ich Anne.

‚Ja, das stimmt. Aber im Moment ist es dieser Holzschnitt. Der ist auch das älteste Stück, das ich hier bisher gesehen habe.‘

DSCF9434Wir gehen in einen Nebenraum, das ‚Schaufenster‘ des Kunstvereins, der für die Wochen der Inventur zur Rahmenwerkstatt umfunktioniert ist. Jedes Werk, das am Ende in der Ausstellung zu den Jahresgaben hängen wird, bekommt hier einen individuell angefertigten Museumsrahmen verpasst. An die Wand gelehnt stehen schon einige frisch gerahmte Arbeiten: Piene, Paik, Albers, Struth, Pankok…. Ein Museum wie ein Plakatständer: durch die Geschichte blättern. Mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass man hier durch die Originale ‚blättert‘.

DSCF9388Auf einem Tisch liegt eine Grafikmappe, der Stempel gibt Aufschluss über den zu erwartenden Inhalt:

‚Walther Bötticher, o.T., 1913, Holzschnitt‘

Anne schlägt die Mappe auf und da ist dieser Holzschnitt von Walther Bötticher. Ich fühle mich sofort ins Jahr 1913 zurückversetzt. Der Ausdruck ist verwirrend, düster, ich sehe leere und entsetzte Gesichter, verrenkte Körper. Sicher, vielleicht tanzen die Menschen hier, vielleicht ist das nur Publikum, klein im Hintergrund. Ich sehe aber eher Leiden, Entbehrung, Hoffnungslosigkeit. Das Werk hat ja nun leider keinen zugeschriebenen Titel, aber es erinnert mich doch stark an die düster ahnenden Werke von Wilhelm Morgner, vielleicht liege ich also nicht so falsch mit meinem Eindruck…

Hier beginnt nun die Geschichte eines Rätsels:
Walther Bötticher wurde 1885 in Hagen geboren, ein früher, ein früh kompletter, selbstsicherer Künstler, praktisch und theoretisch verbunden mit dem ‚Folkwang-Gedanken‘ von Karl Ernst Osthaus und dem künstlerischen Ausdruck von Christian Rohlfs. Ein Individualist, der nicht Mitglied in der Künstlergemeinschaft ‚Die Brücke‘ werden will, mit Emil Nolde als leuchtendem Vorbild. 1916 fällt Bötticher an der Somme. Ein Leben wird beendet, ein großer Unbekannter bleibt.

Karl Ernst Osthaus sagt über ihn:

‚[…] Wer erkennen will, wo heute die Zukunftshoffnungen unserer Kunst liegen, wird sich den Namen dieses Künstlers merken müssen.’ (http://alfredflechtheim.com/kuenstler/walther-boetticher/)

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Das Werk, das wir hier vor uns liegen haben, hat seinen Ursprung also in seinen letzten Lebensjahren, sein Ausdruck ist vielleicht schon der von Vorahnung in diesem letzten Friedensjahr.

Wann nun wurde aus diesem Holzschnitt eine Jahresgabe? Er stammt von 1913, wie der Stempeltext nahelegt. Allerdings gab es weder 1913, noch bis zum Tod des Künstlers eine Ausstellung mit seinen Werken im Kunstverein. Erst im Oktober 1920 zeigte man ihn hier unter dem Titel ‚Neuere Malerei und Plastik westfälischer Künstler‘ zusammen mit Arbeiten von Rohlfs, Viegener, Morgen u.a..

Und dann ereilt das Werk, das Lebenswerk, Böttichers das Schicksal so vieler Werke: Beschlagnahme und Eintrag in die Liste ‚Entartete Kunst‘.

Leben und Werk: Ideologie und Wahnsinn haben einen Künstler endgültig der verdienten Wahrnehmung entrissen.

1935 hat der Kunstverein noch eine Ausstellung mit den Werken Otto Pankoks veranstaltet, gegen politischen Druck, gegen die Ideologie der Zeit. Auch seine Werke: ‚Entartete Kunst‘.

DSCF9414In der aktuellen Ausstellung hängt nun eine Jahresgabe von Pankok aus dem Jahr 1947 (‚Ehra im Wind‘ – dort links lehnt sie noch umgedreht und geheimnisvoll an der Wand) neben dem Werk Böttichers. Eine Respektsbezeugung, eine Notwendigkeit.

Doch woher kommt die Bötticher-Jahresgabe nun?

Mir fällt noch eine Möglichkeit ein: bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts konnten Mitglieder des Kunstvereins, die beim Verkauf oder der Verlosung von Jahresgaben leer ausgegangen waren, sogenannte ‚Nietenblätter‘ erwerben. Das waren dann zumeist Drucke bekannter Werke in Reproduktion, aber in sehr guter Qualität und mit einem eigenständigen Wert.

Vielleicht war dieser Holzschnitt also ein Nietenblatt nach 1920?

War er nicht, wie auch hier ein Blick in die Verzeichnisse belegt…. Die Lösung muss wohl noch etwas warten.

DSCF9924Jedes Blatt, jede Skulptur, Fotografie, Malerei, Grafik, jedes  Textil, jedes Kunstwerk in welcher Form auch immer, wird im Rahmen von ‚Inventur‘ nicht nur in die Hand genommen, begutachtet, vermessen, bewertet und in eine Datenbank eingestellt. Von jedem Werk wird auch – ich habe es oben schon kurz erwähnt – ein Foto gemacht, das dann Bestandteil des Datenblattes wird.

Im kleinen Ausstellungsraum ist hierzu extra ein Reprostudio eingerichtet worden. Hier, unter den Augen und den Objektiven der Fotografin und perfekt ausgeleuchtet, wird auch der Holzschnitt von Bötticher liegen oder gelegen haben. Jetzt gerade liegt dort eine Arbeit von Emil Schumacher.

Zwei Exemplare dieses Werkes sind noch im Bestand des Kunstvereins. Eines davon mit Passepartout.

DSCF9998Deutlich erkennt man beim Anheben desselben einen dunklen gelblich braunen Rand, der unschön dem gesamten Rahmen folgt und das Blatt eigentlich nur noch mit diesem Passepartout ordentlich aussehen lässt. Eine mangelhafte Papierqualität und vielleicht auch die Lagerung haben hier offensichtlich über die Jahre keine gute Arbeit geleistet. Ein Fakt der sich im Datenblatt wiederfinden wird und mit dem man wohl bei einer solch großangelegten Inventarisierung rechnen muss. Auch dieser Zustand wird natürlich ungeschönt fotografisch dokumentiert. Und dass das keine Schnappschüsse sind, die hier gemacht werden, sieht man schon am Aufwand, mit dem jedes Werk eingerichtet wird, mit dem am Computer nachjustiert, die richtige Blende gewählt und schließlich bis ins kleinste Detail die Bildinformation nachbearbeitet wird, um in der Reproduktion den Eindruck des Originals so getreu wie möglich zu vermitteln.

Im Laufe meiner Besuche werde ich immer wieder Werke sehen, die hier einen kleinen Knick, dort eine Verfärbung, Kratzer oder einfach Spuren der Zeit aufweisen.

Insgesamt ist das allerdings eine verschwindend geringe Menge. Immer wieder bin ich überrascht vom Volumen noch vorhandener und verkäuflicher Jahresgaben. Über die Internetseite des Kunstvereins bekommt man inzwischen einen sehr vollständigen Überblick geboten, was noch und zu welchen Preisen zu erwerben ist.

DSCF9931Anne öffnet bei einem weiteren Besuch einen großformatigen, flachen Karton. Darin die Arbeiten ‚Poster (Künstler)‘ und ‚Poster (Politiker)‘ von Katharina Fritsch aus dem Jahr 2005. Zwei Siebdrucke im Format 84 x 59 cm, erschienen in einer Auflage von je 80 Exemplaren, erhältlich als Set für 1600 €.

Fast alle, wenn nicht sogar alle Exemplare sind noch da!

Wie gerne würde ich….

 

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Naja, es gibt auch ‚kleine‘ Jahresgaben, wie z.B. den zu einem Spiel weiterverarbeiteten Faden ‚Cat`s Cradle‘ von Mark Wallingers Arbeit ‚Center of The Zone‘ der Skulpturprojekte 2007. Zwei Meter Faden, eine Spielanleitung, alles in einer Schachtel mit Zertifikat, alles für 88€.

 

 

Die Lösung zum Fall Bötticher bringt schließlich ein Jahresgaben-Heft aus dem Jahre 1977:

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Vielleicht ist das eine enttäuschende Lösung. Im ersten Augenblick mag das jedenfalls so sein: kein Rätsel mehr, kein Mysterium. Aber in Wahrheit bleibt etwas viel Wichtigeres, etwas, das vom Selbstverständnis des Kunstvereins erzählt, von seiner Verantwortung und Verpflichtung:

Sicher, Bötticher gehörte 1977 nicht mehr zu den Künstlern, deren Werk ein Kunstverein mit seinem Fokus auf Gegenwartskunst präsentieren müsste. Aber dieser Verein ist hier vielleicht einer entscheidenden Linie seiner Arbeit treu geblieben, die er schon 1832 in seinen provisorischen Statuten formuliert hatte:

DSCF0562‚[der Verein] richtet seine Zwecke auf die schönen Künste‘,’vorzugsweise auf die bildenden – Malerei, Bildnerei, Baukunst und Zeichnung in allen Formen ihres Ausdrucks, auf Kupfer, Stein usw. -; nach innen: durch gegenseitige belehrende Mittheilung und Unterhaltung in regelmäßigen Zusammenkünften; nach außen: durch Anregung, es sey als Verein, wo es thunlich, oder in seinen einzelnen Mitgliedern, denen ein Einwirken zustehen mögte, um nach Möglichkeit ächten Kunstsinn, und in künstlerischen Leistungen erkannten guten Geschmack zu verbreiten, und nach seinen Mitteln kunstförderlich zu wirken.’ (aus: Betka Matsche-Von Wicht, Der Westfälische Kunstverein in Münster, Westfalen – Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, Band 59, 1981, S. 5)

Kunstsinn und Leistung zu verbreiten und zu würdigen, nach Innen und Außen Organ der Kunst, der Künstler und der kunstinteressierten Öffentlichkeit zu sein:

dscf0564Was für eine großartige Aufgabe, finde ich.

Auch heute noch, 185 Jahre nach seiner Gründung, beweist der Westfälische Kunstverein seine Treue zu alten, weil guten Ideen, und blickt dabei mit einem dem Selbstverständnis innewohnenden Fokus auf Gegenwartskunst doch in die Zukunft.

Jahresgaben sind dabei eben für alle Mitglieder die willkommne Gelegenheit an der Zukunft eines Künstlers schon in der Gegenwart teilzuhaben.

 

DSCF9368‚Wir haben ja nicht mehr den Auftrag eine Sammlung aufzubauen. Das wäre ein anderes Verständnis von unserer Arbeit. Sicher, da liegen die Wurzeln des Kunstvereins. Ursprünglich sollte ja mit den angekauften Werken ein zu gründendes Museum ausgestattet werden. Heute sind die meisten davon ja als Dauerleihgaben der wertvolle Grundstock der Sammlung des Landesmuseums. Aber wir kaufen eben nicht mehr an, und wenn wir eine Jahresgabe in einer kleinen Auflage von vielleicht fünf Exemplaren haben, dann wollen wir die natürlich auch verkaufen. Bei großen Auflagen, da sieht das natürlich schon anders aus‘, erklärt mir Kristina auf meine Frage nach dem Gefühl von ‚Verlust‘ durch den Verkauf von Arbeiten.

DSCF9383‚Wird euch das eigentlich jemand danken, was ihr hier macht?‘, frage ich Kristina und Anne. ‚Also, ich bin ja jetzt schon unglaublich dankbar für die Listen, die schon einmal angelegt wurden! Die sind ja schon wichtige Quellen. Da wird das mit den digitalen Datenblättern erst recht dankenswert‘, ist Anne sich sicher.

‚Außerdem machen wir das ja auch für eine breite, interessierte Öffentlichkeit. In naher Zukunft soll so jeder in der Lage sein, von Zuhause einen Blick in unser Archiv zu werfen. Das wird vermutlich noch etwas dauern, aber ist doch ein großer Schritt‘, ergänzt die Direktorin.

DSCF9953Anne hat bei einem meiner Besuche noch ein ganz besonderes Stück, das sie mir zeigen möchte. Vorsichtig hebt sie eine etwas über DIN A4 große Platte aus dem Regal, auf der eine kleinere Leinwand montiert ist, die Oberfläche noch von Papier geschützt. Vorsichtig entfernt sie die Klebestreifen, während das Werk auf dem Tisch vor ihr liegt.

Sie klappt das Papier zur Seite, und zum Vorschein kommt eine Leinwand, die dick aufgetragene, braune Ölfarbe zieht sich in chaotischen Spuren darüber. Kein Realismus, pure Abstraktion.

Unser Richter‚, sagt sie, fast beiläufig. ‚Einer von 120, die es 1972 als Jahresgabe gab. Mal schauen, was der damals gekostet hat…‘.

Das Jahresgabenheft gibt Aufschluss: 180 DM!DSCF9954

Es ist auch ein wenig zum verzweifeln, denke ich.

Ein Monat ist nun seit meinem ersten Besuch vergangen. Nur ein Monat. Und doch sind die Wände nun in Petersburger Hängung, mit geordneter Leichtigkeit, bestückt mit Kunst.

Was für ein großartiger Anblick!

Alles ist bereitet, uns als Besucher und Betrachter erneut und immer wieder zu erstaunen. Knapp drei Wochen kann man hier nun, an diesen Wänden, in diesen Regalen, Kunstgeschichte erfahren, die Arbeit des Kunstvereins würdigen, Mitglied werden und dann: kaufen!

WP_20160825_09_54_42_ProAuch wenn es nun der Richter, der Polke, der Pankok, der Bötticher u.a. nicht mehr werden, da unverkäuflich, bin ich mir sicher, dass jeder etwas finden kann, das er als Erinnerung, als Erfahrung mitnehmen können wird. Ich z.B. denke über eine Arbeit von Remy Zaugg nach. Hoffentlich wird das was!

Was man in diesen Räumen aber immer finden wird, ist die Lust an Kunst und ihrer Veränderung, die Begeisterung für Menschen und ihre Ausdrucksmöglichkeiten und -formen.

WP_20160825_11_06_43_ProIch kann meine Begeisterung für Institutionen wie diese, die aus bürgerschaftlichem Engagement begründet wurden und bis heute vom Engagement so vieler, unterschiedlicher Menschen getragen werden, gar nicht stark genug zum Ausdruck bringen.

‚Inventur – Einblicke ins Archiv der Jahresgaben‘ ist eine wundervolle wie willkommene Gelegenheit für Mitglieder und Interessenten, diesen Kunstverein und seine Arbeit kennenzulernen und hochleben zu lassen.

Stellvertretend für alle Vorgänger in ihren jeweiligen Positionen gilt mein Dank als Mitglied Kristina Scepanski, Jenni Henke und Tono Dreßen. Dank für den Einblick in die Arbeit an ‚Inventur‘, für Geduld und ein offenes Ohr, gilt Anne Krönker.

‚Inventur – Einblicke ins Archiv der Jahresgaben‘, im Westfälischen Kunstverein, Münster, 2.9. – 18.9.

Eröffnung am 1.9. um 19 Uhr

Dienstag – Sonntag, 11 Uhr – 19 Uhr

Für Dominik

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