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Vom unbewussten Blick zur bewussten Berührung: Wo Oberfläche ist, ist Wahrnehmung. Form, Farbe, Struktur, Textur, Temperatur, Resonanz. Eine klar definierte und doch unendlich vielfältige und wandelbare Situation, die zur Erkenntnis führen mag: Alles ist Oberfläche. Das Auge und/oder der Tastsinn geben dieser Struktur erst einen Namen. Oberfläche wird zum Beispiel zu Skulptur, also einer in einem künstlerischen Kontext erfahrbaren Form. Fläche und Form werden in ihr zur narrativen Einheit.

Mit der Ausstellung ‚An der Oberfläche_On Surface. Die Oberfläche als Bedeutungsträger in der Skulptur‘ widmet sich das Lehmbruck Museum in Duisburg in seiner Tradition einem sowohl augenscheinlich als auch begreifbar naheliegenden Thema. So spielerisch wie konsequent spannt sich dabei der große erzählerische Bogen von den bildhauerischen  Arbeiten Rodins, Lehmbrucks oder Brancusis bis zu den Werken von Berlinde De Bruyckere, Jeppe Hein oder Julian Opie. Damit wird nicht nur die zeitliche Dimension in der Auseinandersetzung deutlich, sondern auch die Wandlung bzw. Weiterentwicklung des Skulpturbegriffes vom 19. zum 21. Jahrhundert.

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Auguste Rodin, Eva, 1881, Foto: Städel Museum

Mit der Skulptur ‚Eva’ (1881) von Auguste Rodin startet quasi die Revolution ‚Oberfläche‘. In diesem Fall bedeutet dies die Emanzipation von einer Vorstellung und Ausprägung von Perfektion. Die Oberfläche wird als sichtbare Struktur der Veränderung wahrgenommen und jeder Zustand ist, gleich einem Standbild, wahrhaftiger Ausdruck dieses Prozesses. Der revolutionäre Mut, diesen ‚unfertigen’ Zustand mit dem Museum als ästhetischem Taktgeber und einem an diesen Vorgaben gewöhnten Publikum zu konfrontieren, mag heute nicht mehr nachvollziehbar erscheinen. Und doch: Oberflächlichkeit ist in einer anderen Ausprägung bis heute – und vielleicht gerade heute – ein gesellschaftliches Thema.

Instagram, Snapchat, Tinder etc… hinter der glatten Oberfläche der Touchscreens und Monitore findet die Suche nach Perfektion ihre Zuspitzung in der Zurschaustellung des Egos als Objekt und in der Erwartung positiver Resonanz einerseits und der Möglichkeit der geträumten Adaption andererseits. Die Momentaufnahme der vermeintlichen Perfektion wird zum Spiegel einer suchenden Gesellschaft, die die Zustände des Werdens und des umperfekten Seins nicht mehr zulassen möchte.

Jeppe Hein_Nothing is the way it has to be

Jeppe Hein, NOTHING IS THE WAY IT HAS TO BE, 2015, Courtesy KÖNIG GALERIE, Berlin, 303 Gallery, New York, and Galleri Nicolai Wallner, Copenhagen, Foto: Studio Jeppe Hein

Als dieser Spiegel eines Seelenzustandes lässt sich sicher auch die Spiegelfläche der Arbeit ‚NOTHING IS THE WAY IT HAS TO BE‘ (2015) von Jeppe Hein sehen. Das Spiegelbild des Betrachters wird hier zum Träger einer klaren Zustandsbeschreibung, die darüber hinaus aber vor allem Handlungsanweisung ist. Oberfläche Spiegel, Oberfläche Körper  und eine selbstbezogene Oberflächlichkeit werden in ihrer Kombination zu einem schier unentrinnbaren Gedankenlabyrinth.

‚Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende‘, lässt sich hier auch Oscar Wilde zitieren. Um welchen Weg zu welchem Ende es geht – um Lebensplanung oder Körperoptimierung – bleibt unter der Oberfläche des Betrachters verborgen. Vor diesem Spiegel steht jeder allein, konfrontiert mit Selbstbild, Abbild, Vergänglichkeit.

Vergänglichkeit als Zustand: Die Büste ‚La portinaia‘ (1883/84) von Madardo Rosso ist die Manifestation einer Bewegung und verbindet darüber hinaus den sichtbaren Eindruck einer bearbeiteten Oberfläche mit der visuellen Wahrnehmung der Skulptur als Abbild einer Person. Nur aus einem bestimmten Blickwinkel schält sich aus einem Klumpen Wachs die Figur heraus, werden Augen, Nase, Ohren eines gebeugten Hauptes erkennbar.

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Medardo Rosso, La portinaia, 1883–1884, Wachs auf Gips, Lehmbruck Museum, Foto: Dejan Saric

Über die Wahl des Materials, dessen Bearbeitung und die Blickführung gelingt Rosso eine einmalig stimmige Konfrontation von Oberfläche und Erwartung. Die Tiefgründigkeit eines Lebens wird in diesem Ausdruck für den tasten Blick spürbar, erlebbar.

Allein die Skulpturen von Rodin und Rosso sind schon Beweis genug, dass die Gestaltung der Oberfläche als Bedeutungsträger ganz sicher nicht der im Sinne eines Abbildes perfekten Wiedergabe der Realität bedarf.

Für den Betrachter bietet die bildhauerische Skulptur bei aller Abstraktion allerdings noch einen entscheidenden Vorteil: Die Erfahrbarkeit als Volumen. Egal wie abstrahiert die Oberfläche Zustände bildet, ich erfahre die Skulptur immer auch als Körper.

214029-Julian Opie. Ann dancing in sequined dress. 2009. Continous computer animation on 52_ LCD screen. Crop. (c) Julian Opie, VG Bild-Kunst, Bonn 2016-65bf3b-original-1466066036

Julian Opie. Ann dancing in sequined dress. 2009. Continuous computer animation on 52” LCD screen, (c) Julian Opie, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Wie weit sich die Abstraktion von Körper und Oberfläche aber treiben lässt, zeigen die Arbeiten von Julian Opie. ‚Ann dancing in sequined dress‘ (2009) ist der Titel einer Computeranimation, präsentiert auf einem 46“ LCD-Bildschirm. Zu sehen ist eine weibliche Figur in einem violetten Kleid, die sich in einer Bewegungsschleife offensichtlich zu Musik bewegt. Körper und Kopf sind in groben Umrisslinien gezeichnet, der Kopf dabei sogar nur ein Kreis. Individuelle Merkmale sind nicht erkennbar.

Wer auch immer ‚Ann‘ ist, dem Künstler ging es meinem Eindruck nach in erster Linie darum, die Bewegung aus der Realität in die Welt der Computeranimation zu transferieren. Merkmale oder Besonderheiten einer ‚natürlichen‘ Oberfläche, also der Individualität eines offensichtlich ja bekannten Menschen, werden zugunsten einer Allgemeingültigkeit von Verhalten in der Darstellung auf einer ‚künstlichen‘ Oberfläche vernachlässigt. Einzig die zwar simple, aber verblüffend echt wirkende Darstellung des Kleides, seiner Pailletten und deren Bewegung, die sich im Tanzen ergibt, erlaubt dem Betrachter die Vorstellung einer stofflichen und erfahrbaren Oberfläche.

Bronze, Wachs, Spiegel, Bildschirm: vier Ausdrucksmöglichkeiten, vier ausgewählte Beispiele. Die Ausstellung ist auch über die Präsentation der Möglichkeiten eine extrem spannende Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte und Künstlergeschichten.

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Stella Hamberg, Szenischer Ausschnitt (blitzlicht) 1, 2015, Courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Mick Vincenz

Dabei zeigt sie neben den Möglichkeiten der Kombination von Materialien und Oberflächen – wie bei Berlinde De Bruyckere, die mit Wachs, Stoff, Decken, Leder, Holz, Eisen und Epoxitharz arbeitet, um ihre verstörend intensiven Arbeiten auszuführen – unter anderem auch die Position einer jungen Künstlerin, die ihren Ausdruck in der Konzentration auf den klassischen Werkstoff der Bildhauerei konzentriert: die Bronze. Im direkten Gegenüber zur polierten und auf einem zweiteiligen Sandsteinsockel präsentierten Bronze von Constantin Brancusi ist ihre Arbeit auch ein gesetztes Statement zu den Möglichkeiten des Materials. Während sich in Brancusis minimalistischer Büste ‚La Négresse blonde‘ (1926) der Raum spiegelt und ihn so gleichsam in die Skulptur aufnimmt, ist die Arbeit von Stella Hamberg, präsentiert auf einem einfachen Palettensockel, tiefschwarz, grob, fragmentarisch. Ihr Titel ‚Szenischer Ausschnitt (blitzlicht) 1‘ (2015) scheint mir dabei wie in einem auch theoretischen Rückgriff an die Ideen von Rodin und Rosso anzuknüpfen: Skulptur als bearbeite Landschaft eines Momentes, als festgehaltene Bewegung.

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Rebecca Horn, Cinéma Vérité 2005, Foto: Karin Weyrich

Was mit Oberfläche passiert, wenn die Bewegung losgelassen bleibt, zeigt Rebecca Horns ‚Cinéma Vérité‘ (2005). Wenn der Metallstab die tiefschwarze Wasseroberfläche in Schwingungen versetzt, wird die turbulente und unberechenbare Bewegung, reflektiert an die Wand des Ausstellungsraumes, zu einem bald psychedelischen, zumindest meditativen Eindruck.

Das undurchdringliche Schwarz des Wassers wird mit seiner spiegelnden Oberfläche auf der anderen Seite zu einem leichten und hellen Spiel von Kreisen, Schwingungen, Wellen und erscheint mir wie eine Manifestation des Ying und Yang. Im ‚Kino der Wahrheit‘ zeigt sich die Vielschichtigkeit und Unberechenbarkeit der Möglichkeiten, die sich unter einer dunklen Oberfläche verbergen. Ganz unabhängig von einer Interpretation der Arbeit gehört das Element Wasser sicher unabdingbar zu einer solchen Ausstellung.

BILD 04

Janett Cardiff, To Touch, 1994, Mixed-Media-Installation, Installation view: Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Vienna, 2004, Foto: Gerald Zugmann

Und schließlich möchte ich noch ein Werk vorstellen, das ganz nebenbei noch mit den anerzogenen Handlungsgewohnheiten des Museumsbesuchers spielt und sie herausfordert. ‚To Touch‘ (1994) heißt die Arbeit von Janett Cardiff, und möchte genau dies: berührt werden. In einem dunklen Raum steht, nur von zwei Spots in Szene gesetzt, ein Holztisch, dessen Oberfläche deutliche Spuren jahrelanger Bearbeitung trägt. Was man nicht sieht: eingelassen in den Tisch sind elektronische Fotozellen. Erst wenn er berührt wird, erst wenn die Fotozellen auslösen, erzählt der Tisch seine Geschichten. Dann erst erklingen die Stimmen aus den unsichtbar im Raum verteilten Lautsprechern.

Die Berührung der Oberfläche steuert die Erzählungen, unser Verhalten mit dem Werk erschafft die Geschichte, die es erzählt. ‚I want you to touch me‘, fordert eine weibliche Stimme auf, oder ‚I can feel your pulse and sweat and the lines from your scars‘ eine männliche. So wie wir auf dem Tisch agieren, reagiert er. In diesem Raum sind bald alle Sinne gefordert: Der Blick ist auf den hell erleuchteten Tisch gerichtet, die Hände berühren erkundend seine Oberfläche und wir lauschen der Geschichte, die sie erzählt.

‚Oberfläche als Bedeutungsträger in der Skulptur‘, hier wird der Titel der Ausstellung in jeglicher Hinsicht erfahrbar, spürbar. Diese – interaktive – Komponente als Bestandteil tut gut. Endlich, nachdem sich in der erwarteten Zurückhaltung der Wunsch etwas anfassen und Oberfläche mit dem Tastsinn erleben zu dürfen, zu bald körperlichem Unwohlsein aufgestaut hat.

Diese Ausstellung fordert alle Sinne. Die hier dargestellten Werke machen dabei ja nur einen Bruchteil der gezeigten Arbeiten aus, der Umgang mit Material und Oberfläche ist damit bei weitem nicht erschöpfend beschrieben.

Im Miteinander und Nebeneinander dieser unterschiedlichen Positionen erfüllt sich ihr Auftrag, der Oberfläche, über die Betrachtung des Materials hinaus, eine weiterreichende Bedeutung zuzumessen, glänzend. Sie ist ein Parcours für den Kopf und dabei doch nicht verkopft.

Für ihre unbedingte Erfahrbarkeit kann man den Ausstellungsmachern, allen voran der Kuratorin Söke Dinkla, nur dankbar sein.

Zur Ausstellung ist bei Wienand ein ausgezeichneter Katalog erschienen, der mit einem ausführlichen Essay die kunsthistorische Tragweite des Themas verständlich vermittelt und darüber hinaus jedes Exponat mit Bild und Text vorstellt und einordnet.

Im Musum € 19,90.

AN DER OBERFLÄCHE_ON SURFACE

Von Rodin bis De Bruyckere. Die Oberfläche als Bedeutungsträger in der Skulptur

Bis 23. Oktober 2016 im Lehmbruck Museum, Duisburg

Dienstag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr

Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr

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