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Einfach losfahren! Ich kann das wirklich nur empfehlen: einfach in den Zug setzen und aussteigen wo man eben aussteigen möchte. Z.B. in Essen. Und dort dem Kulturpfad folgen und im Museum Folkwang landen.

Seit einem Jahr gilt dort, dank einer Spende der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung: Eintritt frei in die Sammlung!

Und das sind im Moment, neben der ständigen Sammlung, gleich acht Ausstellungen, die das große Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen abbilden:

und

Peter KeetmanGestaltete WeltEin fotografisches Lebenswerk

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Peter Keetman Selbstporträt mit Kamera, 1957 Silbergelatine-Abzug 17,2 x 23,3 cm © Stiftung F.C. Gundlach

Und um eben diese Ausstellung wird – muss! – es hier gehen, denn sie läuft nur noch bis zum 31. Juli und es gibt keinen Grund, sie zu verpassen.

Schon im Titel steckt die ganze Schönheit und Tiefe dieser Retrospektive: ‚Gestaltete Welt‘ und ‚fotografisches Lebenswerk‘.

Da offenbart sich der Fotograf als Dokumentarist seiner Zeit und als Mensch und Teilnehmer am Gestaltungsprozess des ‚Menschseins‘, am Aufbau, am Wiederaufbau. Da ist ausserdem der Künstler als Gestalter, als experimenteller Fotograf, als Licht- und Formpoet. Schließlich findet sich in den Fotografien die ‚gestaltete Welt‘, die Natur, deren wundervolle Regeln und Gesetze der Fotograf erkennt.

Die Ausstellung gliedert das Lebenswerk von Peter Keetman in neun Räume, die sich den unterschiedlichen Ideen von ‚Weltgestaltung‘ und der Biografie des Künstlers widmen.

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Peter Keetman Selbstporträt, September 1957 Silbergelatine-Abzug 39,4 x 29 cm © Stiftung F.C. Gundlach

Alles beginnt in den 1930er Jahren mit den Vorbildern und den frühen Jahren der Ausbildung. Der Fotograf sucht und findet seine Vorbilder und eine erste Bildsprache. Albert Renger-Patzsch und die Neue Sachlichkeit prägen den Blick auf die Gesellschaft und in die Natur dieser Jahre.

Der Zweite Weltkrieg hat Peter Keetman sein linkes Bein gekostet. Das ist der Schaden am Körper, den er nun geschwächt durchs Leben zu tragen hat. Keetman musste diesen Krieg als Eisenbahnpionier im Feldzug gegen die Sowjetunion erleben, das Grauen, die Gewalt, die Zerstörung.

Keetman dokumentiert. Seine Kamera wird zum Auge des in der Neuen Sachlichkeit geschulten Chronisten. In diesen Jahren geht es nicht mehr um die Suche nach einer neuen, experimentellen Ausdrucksform. Die Umstände fordern einen direkten Blick.

Zwischen und neben der Düsternis: Bilder der russischen Familie, bei der Keetman Quartier findet. Momentaufnahmen der Menschlichkeit. Eindrücklich und bewegend.

Und nach dem Krieg:

Peter Keetman blickt nicht zurück. Sein fotografischer Blick ist weiter in die Zukunft und auf die Möglichkeiten des Mediums gerichtet. Der Krieg und die Restriktionen nationalsozialistischer Kulturpolitik mögen die Weiterentwicklung und den freien Geist einer experimentellen Ausdrucksform jäh abgebrochen haben – jetzt ist die Zeit für einen Aufbruch, der mit Vergangenem   bricht.

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Peter Keetman Lichtspiegelung im Wasser, 1950 Silbergelatine-Abzug 23,3 x 33,9 cm © Stiftung F.C. Gundlach

fotoform‘ nennt sich die Gruppe, gegründet 1949, zu deren Gründungsmitgliedern Keetman zählt,  und ihren Auftrag und ihre Überzeugung trägt ein Zitat, das quasi leitmotivisch für die ganze Ausstellung steht:

‚Was wir wollen, ist: den Konservativismus brechen, etwas Neues überzeugend bieten, den Leuten die Augen öffnen. Ich bin bestimmt alles andere als ein Fanatiker, aber wir wollen keine flaue Sache unter unserem neuen Namen.‘

Das Manifest der Fotografie: Reduktion, Subjektivität, Gestaltung durch Licht. Und: Einstimmigkeit. ‚fotoform‘ war auch ein Kollektiv der Kritiker. Jedes Bild wurde an jedes Mitglied geschickt, das es auf der Rückseite billigend oder ablehnend kommentierte. Im Ergebnis formte und schärfte sich so ein Profil, das trotz der Kurzlebigkeit dieser Gemeinschaft (Auflösung schon 1952) die Nachkriegsfotografie in Deutschland prägte.

Zurück zur Avantgarde! Das martialische in der ursprünglichen Wortbedeutung wird im künstlerischen Umfeld zum Aufbruch auch aus der Rückbesinnung.

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Peter Keetman Geschwindigkeit, München 1953 Silbergelatine-Abzug 29,2 x 23 cm © Stiftung F.C. Gundlach

Der Krieg ist vorbei und die künstlerische Avantgarde stößt in den Städten auf Menschen in Bewegung. Stillstand kann sich niemand leisten. Wiederaufbau heißt die Maxime menschlichen Handelns. Peter Keetman begleitet diesen Prozess mit der Kamera. Seine Stadt ist München und sein Blick ist der auf die Orte des Neubeginns, die Baustellen, die die Wunden schließen.

Und auch die Menschen in Bewegung fängt er ein: experimentell, durch Mehrfach- und  Langzeitbelichtung oder an den Orten, an denen Bewegung in diesen Tagen und Jahren Vergnügen bedeutet: auf dem Rummel, im Eisstadion. Alles befindet sich im Aufbruch.

Was der Krieg und der Nationalsozialismus unterbunden haben, jetzt ist die Zeit dafür gekommen: Experimente!

Keetman bannt Bewegung. Einerseits die Bewegung, die ‚Lichtspur‘, der Autos in der Stadt. Andererseits quasi das Licht als solches.

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Peter Keetman Pendel-Schwingung, 1952 Silbergelatine-Abzug 23,1 x 17,3 cm © Stiftung F.C. Gundlach

Die Ausstellung widmet seinen Experimenten mit ‚Lichtpendel-Schwingungen‘ einen eigenen Raum. Mit dieser Idee von ‚plastischer Raumschwingung‘ oder ‚lichtgraphischer Komposition‘, wie er sie auch nannte, beschäftigte sich Keetmann schließlich auch von 1948 bis zu seinem Tod 2005. Fotografien wie Zeichnungen aus Licht, filigran, graphisch. Und viele Formen spiegeln die Perfektion natürlicher und harmonischer Rundungen. Der Wandtext erklärt den Entstehungsprozess der Bilder, doch lieber möchte man gar nichts wissen von selbstgebauten Konstruktionen, Drahtseilen, Taschenlampen und Grammophonen.

Von Entstehungsprozessen zu erzählen war dagegen immer auch der selbstempfundene Auftrag von Peter Keetman, wie mir scheint. Nicht nur der Entstehungsprozess im Wiederaufbau von Gebäuden oder des sozialen Lebens einer Stadt nach der Zerstörung.

‚Eine Woche im Volkswagen-Werk 1953‘ dokumentiert das Wirtschaftswunder am Bespiel der seriellen Produktion einer Ikone: dem VW-Käfer.

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Peter Keetman Stoßstangen, a. d. Serie: Eine Woche im Volkswagen-Werk, 1953 Silbergelatine-Abzug 20,3 x 17,5 cm © Stiftung F.C. Gundlach

 

Keetman aber dokumentiert nicht die Menschen, die daran arbeiten und eigentlich auch nicht die Vorgänge – auch wenn in der kompletten Hängung der Serie sehr wohl die Fortschritte der Produktion zum fertigen Auto erkennbar sind. Vielmehr stehen ästhetische Überlegungen erkennbar im Vordergrund: in der Wahl der Bildausschnitte wird kühles Metall zu filigranen Ornamenten und Spiegeln, und an den Förderbändern schweben die Karosserien Körpern gleich zur Vollendung. Auf diesen Bildern finden sich keine Menschen, hier geht es um die visuelle Kraft der Form.

Während die Arbeit mit Teilen und Prozessen der Herstellung im Fall von ‚VW‘, ganz unabhängig von einem Auftraggeber, in erster Linie der Betrachtung von Details in einer freien, künstlerischen Annäherung galt, widmete sich Peter Keetman in den 50er und 60er Jahren auch in Auftragsarbeiten für Unternemen der Auseinandersetzung mit Produkten, mit Material und Form.

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Peter Keetman Plastikflaschen, 1963 Silbergelatine-Abzug 29,4 x 23 cm © Stiftung F.C. Gundlach

Im Raum ‚Objekt als Experiment‘ präsentiert die Ausstellung Beispiele seiner spielerisch experimentellen Betrachtung von Objekten. Der individuelle und unabhängige Blick erschafft auch hier Bilder, die von der Leidenschaft für den Blick auf Details zeugen. Das Zusammenspiel von Formen, der Einfluss von Licht und Schatten: Diese Sachaufnahmen zeigen einen Künstler, dem es in der Arbeit für konkrete Produktkommunikation und für Werbung immer auch um die Umsetzung und Weiterentwicklung einer künstlerischen Linie ging.

‚Wir sind – ob wir das nun zur Kenntnis nehmen oder nicht – von einer Welt voller gesetzmäßiger Wunder umgeben.‘

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Peter Keetman Halm im Wasser, 1970 Silbergelatine-Abzug 30 x 23 cm © Stiftung F.C. Gundlach

So schließt sich im Zitat zum Raum über ‚Abstraktion und Natur‘ der Kreis der gestalteten Welt. Der Mensch als Gestalter, der Mensch als Dokumentarist, der Mensch als Experimentator, trifft auf die Magie, Schönheit und Größe einer unergründlichen Natur und auf ihre Gesetze. Im kleinsten Wassertropfen wie im weitesten Blick in die Landschaft von Keetmans Heimat, dem Chiemgau und dem Alpenvorland, beweist die Natur in ihren Formen, Strukturen, Flächen das Wunder der Unabhängigkeit. Der Fotograf steht bewundernd vor den Details, der Mensch ist Zeuge der gestalterischen Kraft.

Zum 100. Geburtstag also ist der Nachlass von Peter Keetman, der sich in der Stiftung F. C. Gundlach und im Museum Folkwang befindet, endlich bereitet für diese große, großartige Retrospektive. Rund 360 Werke präsentieren einen progressiven Fotografen, einen Künstler der und in Bewegung, einen Suchenden und Experimentierenden, einem Menschen mit dem genauen Blick für die Größe und Kraft der kleinen Details von Form und Licht, seien sie menschengemacht oder natürlich.

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Peter Keetman Wassertropfen, 1956 Silbergelatine-Abzug 23,5 x 17,1 cm © Stiftung F.C. Gundlach

Bis zum 31. Juli also: nach Essen ins Museum Folkwang, zu ‚Peter Keetman. Gestaltete Welt – Ein fotografisches Lebenswerk‘.

Ab dem 18. November dann nach Hamburg, in die Deichtorhallen, wo die Ausstellung bis zum 12. Februar 2017 ihre zweite Station findet.

‚Peter Keetman. Gestaltete Welt – Ein fotografisches Lebenswerk‘

Museum Folkwang, bis 31.7., Di, Mi 10 – 18 Uhr, Do, Fr 10 – 20 Uhr, Sa, So 10 – 18 Uhr, Feiertage 10 – 18 Uhr, Mo geschlossen

Bei Steidl ist im Zuge und zur besten Begleitung dieser Retrospektive ein Katalog erschienen. Nicht günstig, aber in bei Steidl gewohnt brillanter Qualität.

ISBN 978-3-95829-204-8, 48 €

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