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Im Anfang war das Wort

Alles beginnt mit einer brennenden Lunte. Sie ist das Feuerwerk vor dem Feuerwerk das folgen wird. Von ihr stieben die Funken wie Sternschnuppen in die Dunkelheit. Sie ist die Fanfare, der Prolog, die vorauseilende Erinnerung daran, dass für alles was nun folgt, für jeden fliegenden und manifesten Gedanken, für jedes gesprochene und gedachte Wort und für jedes Bild gilt:

All that is solid melts into air

(K. Marx, F. Engels 1848)

Revolutionäre sind Kinder ihrer Zeit. Ihre Parolen, ihr Aufruf zum Kampf, zum Umsturz, zur Veränderung, folgen aus einer tiefen Unzufriedenheit mit dem Status Quo eines Systems, des Systems in dem sie leben. Für Revolutionäre in der Kunst gelten da keine anderen regeln, scheint es.

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Julian Rosefeldt Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

‚We glorify the revolution aloud
as the only engine of life.
We glorify the vibrations of the inventors.
Young and strong, we march with the flaming torches of the revolution.
This is the place – for the rebellious spirit.

(Aleksandr Rodchenko 1919)

 

Revolution ist das Ergebnis der Emanzipation der eigenen Ideen von den festgefahrenen und starren Regeln, Ritualen und Konventionen der erlebten Gegenwart. Das Ergebnis von ‚Manifesto‚.

Make room for youth,
for violence, for daring!

(U. Boccioni, C. Carrà, L. Russolo, G. Balla, G. Severini 1909)

In den Manifesten, die Julian Rosefeldt für diese Arbeit präsentiert, seien sie Gesellschaft, Politik, bildender Kunst, Theater, Performance oder Architektur gewidmet, äussert sich der pubertäre Geist einer Zeit. Sie sind die die Auflehnung des Heranwachsenden und der Ruf mit einer, nach einer eigenen Stimme. Sie sind immer etwas zu vorlaut und fordernd, zu schreiend, zu verzweifelt, zu wirr oder intellektuell.

We fight without respite against traditionalist cowardice. We no longer feel
ourselves to be the men of the cathedrals, the palaces and the podiums.
We are the men of the great hotels, luminous arcades, straight roads and
beneficial demolitions.

(Antonio Sant´Elia 1914)

In Manifesten wird marschiert, gekämpft, die Fackel getragen, Feigheit und Traditionalismus angeprangert. Die Fesseln von Regeln sollen gesprengt werden, mit Kunst, mit Sprache. Viele der Manifeste sind auch sprachliche Kunstwerke, Spiele mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Sprache. Und ganz unabhängig von ihrer Originalsprache: ‚Manifesto‚ beweist auch die Stärke des Englischen als Lingua franca. Eine ‚Verkehrssprache‘ als Universalsprache des Aufstandes quasi.

We are freeing ourselves
of the impediments of memory, association, nostalgia, legend and myth.
Instead of making cathedrals out of Christ, man or ‚life‘, we are making
them of ourselves, out of our own feelings.

(Barnett Newman 1948)

‚Manifesto‘ präsentiert als raumgreifende, 13-Kanal-Videoarbeit, die Wucht, die Energie, Lebendigkeit, den Enthusiasmus, die Beschwörung, die Emotion, die Tradition und den Wunsch nach Aufbruch, der sich in den präsentierten Manifesten widerspiegelt. 13 Videos, 13 mal Kunst auf Höhe der Zeit, leuchtende Qualität, Perfektion und doch nie unerreichbar verkopft.

Manifesto‘ ist ein Fest der Kunst für die Kunst, mit der Kunst.
Jedes Video für sich lohnt den Besuch, das Zusammenspiel, bis hin zu diesem magischen Moment, in dem alle Videos synchronisiert in Großaufnahme die fantastische Cate Blanchett zeigen: beschwörend, betörend, verstörend, ‚talking on one pitch level into camera’…

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Julian Rosefeldt Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

We must create.
Man no longer imitates.
He invents, he adds to the facts of the world, born in Nature’s breast, new
facts born in his head: a poem, a painting, a statue, a steamer, a car , a plane,

We must create.
Thats’s the sign of our times.

(Vicente Huidobro 1922)

Situationismus, Futurismus, Architektur, Vortizismus, Blauer Reiter, Abstrakter Expressionismus, Estridentismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Dadaismus, Surrealismus, Spatialismus, Pop Art, Fluxus, Merz, Performance, Konzeptkunst, Minimalismus, Film:

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Julian Rosefeldt Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

I say to all: Abandon love, abandon aestheticism, abandon the baggage of wisdom, for in the new culture, your wisdom is ridiculous and insignificant.
Only dull and impotent artists veil
their work with sincerity.
Art requires truth, not sincerity.

(Kazimir Malevich 1916)

 

 

 

Julian Rosefeldt bedient sich der Inhalte der Manifeste, collagiert, arrangiert. Seine Texte sind nicht Kopien der einzelnen Manifeste, sie sind ein neuer Rhythmus, die gemeinsame Sprache verschiedener Zeiten und Personen.

I am against systems;
the most acceptable system is on principle to have non.
Abolition of logic: Dada.
Abolition of memory: Dada.
Abolition of archeology: Dada.
Abolition of the future: Dada.

(Tristan Tzara 1918)

Manifeste sind Aktionen, Demonstrationen, Kampf, Intervention, Performance, Verwandlung, Wandlung.

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Julian Rosefeldt Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Among all the many misfortunes to which we are heir, we are at least
allowed the greatest degree of freedom of thought. Imagination alone offers
me some intimation of what can be, and this is enough to devote myself to it
without fear of making a mistake.

(André Breton 1924)

Manifeste sind der Ort für Wünsche, Forderungen, Träume, Gedanken, Emotionen.

I am for an art that
is political-erotical-mystical,
that does something other than sit on its ass in a museum.
I am for an art that grows up not knowing it is art at all.

(Claes Oldenburg 1961)

Cate Blanchett ist das Gesicht, die Stimme, die Figur und das Symbol für jedes Manifest. Und in der Wahl ihrer jeweiligen Rolle, in der sie den Text, die Texte, inszeniert, liegen Schwere und Leichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Humor, Offenheit oder Dogmatismus. Ihr Spiel ist mal Kontrast zum Inhalt, mal geht sie ganz und gar in dessen ‚Substanz‘ auf. Im Katalog kann man nachlesen, wie sich die Dreharbeiten zu diesen Videos gestaltet haben, wie anstrengend, hochkonzentriert und bis ins kleinste Detail organisiert alles ablief, weil nur zwölf Tage Zeit waren. Ich finde, man darf den Herstellungsprozess von ‚Manifesto‘ nicht ausser acht lassen. Er steigert meine Bewunderung zumindest zusätzlich.

I demand

the complete mobilization of all artistic forces to create the total work of art.
Mighty erections of aquatic giants.

(Kurt Schwitters 1919)

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Julian Rosefeldt Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Idea, form, context.
Idea: The existence of an idea is necessary and sufficient for the existence of
art. Form: The existence of form is necessary but not sufficient for realizing an
an idea. Context: The existence of context is necessary but not sufficient for form through wich an idea has been realized.

(Arian Piper 1969)

 

Julian Rosefeldts ‚Manifesto‘ ist ein eigenes Manifest. Ein Manifest der Manifeste, ein Ort, in dem Ideen über Bilder und Stimmen, Gesichter und Stimmungen, zum Schwingen gebracht werde.

‚Manifesto‘ ist eine brillante Idee und die geniale Zusammenführung von Form und Kontext zu einem stimmigen Kunstwerk über die Triebfedern menschlichen Handelns. Mit der zeitlichen Einordnung der einzelnen Texte geht seine Stärke dabei aber weit über den künstlerischen Kontext hinaus. ‚Manifesto‘ verweist in den sozialen und politischen Raum der handelnden Personen in ihrer Zeit, Vergangenheit und Gegenwart.

Es gibt in diesem Jahr mehrere Orte und mehrere Zeiten, um in dieses Meisterwerk einzutauchen. Ich kann nur jedem empfehlen, die eine oder andere, am besten mehrere Gelegenheiten wahrzunehmen, dies zu tun!

Nothing is original.
Steal from anywhere that resonates with inspiration or fuels your
imagination.

(Jim Jarmusch 2002)

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Julian Rosefeldt Manifesto, 2014/2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

I am at war with my time,
with history, with all authority that resides in fixed and frightened forms.

(Lebbeus Woods 1993)

Julian Rosefeldt ‚Manifesto‘, bis zum 14. Mai 2017 in der Staatsgalerie Stuttgart, und bis zum 21. Mai 2017 in der Villa Stuck, München

Zur Ausstellung ist ein großartiger Katalog bei Koenig Books Ltd erscheinen. Er enthält nicht nur alle gesprochenen Texte als Drehbuch und mit Hinweis auf das zugrundeliegende Manifest, sondern darüber hinaus zahlreiche Videospiels und einen umfangreichen Anhang mit Essays und einem Interview mit Julian Rosefeldt.

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