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Was muss das für ein herrlicher Blick sein von dort oben. Von den Hügeln um Treilles in Richtung Mittelmeer, in der Ferne die Mittelgebirge Esterel und Sainte-Victoire, Saint-Tropez und an klaren Tagen gar Korsika. Und unter einem die Provence, hier in ihrem Himmel, in Tourtour. Die Luft ist erfüllt von Lavendelduft, während man auf sandigen Wegen, zwischen Olivenbäumen, entlang von Weinstöcken, die Schönheit und Größe des Geländes erkundet.

In dieser Landschaft, unter dieser Sonne, diesem Himmel: die Fondation Treilles.

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Max Ernst, Paysage au germe de blé, 1935, Öl auf Karton © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Zwischen 1960 und 1963 erwarb Anne Gruner Schlumberger (1905 – 1993) dieses Paradies und machte es in den folgenden Jahren sich und ihren Gästen zu einer Heimat, angefüllt mit ihrem Enthusiasmus und ihrem Wunsch nach einer Stätte des ungestörten wissenschaftlichen Dialogs.

Und sie füllte die Räume, Innen- wie Außenräume, mit Kunst, der wunderbarsten Idee zur Kontemplation und Anregung.

Im Kunstmuseum Pablo Picasso lebt der Enthusiasmus der Menschenfreundin Anne Gruner Schlumberger nun für einige Wochen auf, indem dort erstmals in Deutschland 126 Werke aus ihrer Sammlung präsentiert werden, die einen Eindruck von ihrer Idee des Miteinanders auch in der Kunst vermitteln.

Auch wenn die Sammlung sich heute als Who-Is-Who der Klassischen Moderne sehen lässt, so ging es der Sammlerin doch nicht in erster Linie um museale Aspekte, sondern um die Freude an der Kunst und die Freundschaft zu den Künstlern.

‚Eine Sammlung ist eine Suche, die sich der Sammler auferlegt. Die heute versammelten und ausgestellten Bilder sind keine Sammlung, sondern eine Folge von Zufällen, denen Sie mit Erstaunen und Überraschung gegenüberstehen werden. Die Werke stammen von Künstlern, die alle auch Freunde waren.‘ (A.G. Schlumberger 1993, s. Katalog S. 9)

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Henri Laurens, Die Flasche aus Beaune, 1917, Mischtechnik © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Takis, Laurens, Brauner, Ernst, Giacometti… Mit viel Liebe und einem Gefühl für die sensiblen Seiten des Künstlerseins berichtet die Sammlerin von den Träumen und Sehnsüchten der Künstler:

‚Sie kamen, um ihre Kunst einzutauschen, um Freundschaft und menschliche Wärme zu finden in der ihnen entgegengebrachten Zuneigung‘ (s.o.)

Wenn ich durch die Räume der Ausstellung im Picassomuseum gehe, stelle ich mir vor, wie mich die Skulpturen von Takis oder Ernst neben denen Afrikanischer Künstler durch die Gärten begleiten, hinter jedem Olivenbaum, hinter jeder Hecke, in jedem Erker ein neuer Blick, ein neuer Einfluss, die Wärme von Stein und Metall in der Sommerhitze. Und in den gut gekühlten Räumen, wie eben hier im Museum, Arp, Brauner, Dubuffet, Klee, Laurens, Léger, Matta, Picasso, Soulages…

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Unbekannter Künstler, Maske der Nafana, geschnitztes bemaltes Holz

Klassische Moderne, Surrealismus, Abstraktion. Die Ausstellungsräume können nicht die Schönheit der Landschaft und die Gastfreundschaft der Räume in der Fondation Treilles imitieren. Hier riecht es nicht nach Lavendel, hier ist es im Sommer nicht wärmer als im Winter, der Blick endet an der nächsten Wand, keine Berge, kein Mittelmeer.

Und doch:

Hier, in dem Parcours durch das Ergebnis einer Leidenschaft, geht diese in der musealen Zusammenstellung nicht verloren. Der Museumsleiter, Prof. Dr. Markus Müller, möchte den Rundgang so verstanden wissen: ‚Wir suchen in der Schau nach neuen Sinnzusammenhängen zwischen den einzelnen Werkgruppen und stellen sie dafür in neuen Ensembles zusammen.‘

Das ist engagiert und verständlich. Und doch bekomme ich schon nach der Lektüre des Eingangstextes, spätestens aber in der Auseinandersetzung mit den Katalogtexten, den Eindruck, dass diese Sortierung unnötig, vielleicht sogar störend ist.

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Pablo Picasso, Kopf eines Fauns, 1964, Kaltnadelradierung © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Ich frage mich, wo ich neue Sinnzusammenhänge sehen soll in einer Sammlung, die die Sammlerin doch, wie oben schon zitiert, klar definiert. Vielleicht ist es dem kunsthistorischen  Anspruch des Museums und seiner Kuratoren geschuldet, dass hier dieser Zugang gewählt wurde. Sei es drum, denn er tut dem Gefühl keinen Abbruch.

Ein Museum ist ein Museum und damit ein Ort der Vermittlung. Dort, wo die sinnlichen Eindrücke eines Ortes nicht zu vermitteln sind, treten die faktischen in den Vordergrund und werden zum Leitgedanken durch die Räume eines Lebenswerkes: Klassische Moderne, Surrealismus, Abstraktion.

Die Ausstellung in Münster rückt bei aller Gleichberechtigung, die Anne Gruner Schlumberger ‚ihren‘ Künstlern in der Art einer freundschaftlichen Auseinandersetzung zuteil werden ließ, drei Künstler in den Fokus exemplarischer Betrachtung: Max Ernst, Victor Brauner und Roberto Matta.

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Victor Brauner, L’intelligence, 1956, Öl auf Karton © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Im Nebeneinander ihrer Arbeit bestätigt sich hier das Bild einer heterogenen Kunstrichtung, die der Surrealismus war. Im Katalog, der dem Trio mit biografischen Essays von Prof. Müller gesondert Beachtung schenkt, wird Brauner zitiert:

‚Ich möchte nicht, dass gesagt wird, ich sei ein surrealistischer Maler – so etwas gibt es nicht! Es gibt nur einen gewissen Typus von Bildern, der mit der Suche der Surrealisten korrespondiert.‘ (Katalog, S. 36)

Die Unterschiedlichkeit auch als Miteinander zu entdecken, ist ein Vergnügen. Sie nicht als kunstgeschichtlichen Parcours erleben zu müssen noch viel mehr. Ihre Lebendigkeit ist das Nebeneinander, das Miteinander. Hieraus entsteht ein Gefühl für den Dialog, den die Werke miteinander führen wollen, so inspirierend und neu, wie es nur Gespräche sein können, die neue Eindrücke zulassen. Eben Gespräche, wie sie nicht zuletzt in der Fondation Treilles zwischen Menschen stattfinden.

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Max Ernst, Geheimnisvoller Garten, 1925, Mischtechnik © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

An diesem Ort, mit der Exklusivität des Blickes auf die wunderbaren Kunstwerke, die hier, in den Gärten und Gebäuden Teil des Dialoges werden, treffen sich Schriftsteller wie Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen in Seminaren und Studienaufenthalten.

Anne Gruner Schlumberger hat zu Lebzeiten und darüber hinaus einen sinnlich erfahrbaren Ort gestaltet.

Dass ein Teil der Werke ihrer Sammlung, die insgesamt über 2000 Stücke umfasst, auf Reisen gehen kann, um in Museen ein größeres Publikum zu erreichen, war ihr ausdrücklicher Wunsch. Den Kuratoren der Ausstellung, Daniele Giraudy, Beauftragte der Sammlung der Fondation des Treilles, und Prof. Markus Müller, Direktor des Kunstmuseum Pablo Picasso Münster, kann man nur dankbar sein, dass dies nun erstmals in Deutschland der Fall ist.

Dass es ausgerechnet im Picassomuseum ist, wundert mich dagegen nicht: in zahlreichen Ausstellungen zuvor hat dieses Haus seinen Blick auf das Besondere und die Kleinodien der Kunst bewiesen.

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Hans Arp, Nach den Gesetzen des Zufalls angeordnete Objekte, 1936, Holzrelief mit Ölfarbe bemalt © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Von Arp bis Picasso, Die Sammlung der Fondation des Treilles, im Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster, bis zum 31. August

Dienstag bis Sonntag und Feiertage: 10.00 bis 18.00 Uhr

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit umfassenden Texten zur Sammlung Schlumberger sowie mit Abbildungen aller ausgestellten Werke erscheinen, der im Museum für 27€ zu erwerben ist.

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