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Im Ausstellungsordner zur Ausstellung ‚Schöne Scheiße – Dilettantische Meisterwerke‘ im Museum Ostwall (mehr zu diesem großartigen Katalog später!) steht den Texten über das Werk von Dieter Roth dieses Zitat voran:

‚Was heißt das schon ,ich selber‘, wer ist denn das ich weiß es nicht, ich kann da nichts drüber sagen.’ (Dieter Roth im Gespräch mit Irmelin Lebeer-Hossmann, 1976/1979)

Wenn eine Ausstellung eine Biografie erzählen kann oder soll, so scheint mir, wird in dieser hier die Geschichte eines Mannes erzählt, der zeitlebens auf der Suche war. Nicht nur auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen, sondern vielleicht eben dabei auch auf der Suche nach dem ‚Ich‘ hinter dem Künstler.

Allein die Gliederung der Präsentation in sechs konsequente Abschnitte und Räume offenbart die ewige Suche und das ewige Schaffen müssen und Schaffen wollen auch als Teil der Auseinandersetzung mit dem Ego.

1 Protokolle des Alltäglichen:

3_Tagebuchseiten

Dieter Roth: Tagebuchseiten, 1967 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

Das Leben protokollieren. Und das am Ende nicht nur für sich, ein privates Tagebuch mit Schlüssel, gut versteckt in einem Geheimfach, sondern für die Welt um daran teilzuhaben. 23. Februar 1967: Steht da ‚Was ich kann das kann ich nicht.‘ ?

 

Vielleicht sind sind ja die Exzesse des Suchens und Probierens, des Ortens und Sortierens, des Schreibens, Filmens, Musizierens überhaupt nur möglich oder notwendig, weil es das dauerhafte Hinterfragen des eigenen Tuns gibt, soweit, dass es sich eben auch in Tagebüchern oder Frage/Antwort-‚Spielen‘ offenbart. So wie in der Arbeit, die zusammen mit Emmett Williams entstand:

2_Siebdruckbilder

Dieter Roth: Siebdruckbilder, 1967 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

‚Siebdruckbilder‘ offenbart die Komplexität des Lebens in der künstlerischen Ausdrucksform. Farbkleckse, Pfeile, wie Wirbel, keine klare Richtung, darüber hinaus zerschnittene Blätter. Eine Frage von Emmet Williams bleibt nicht mehr nur Text, sondern wird teil der Antwort selbst. Bild und Text verschmelzen, offenbaren ihre wunderbare Zusammengehörigkeit, aber auch Zerrissenheit, Komplexität, Wandlung.

Und dann ‚Solo-Szenen‘:

128 Monitore, auf jedem ein Datum, ein Ort vermerkt aus dem Zeitraum 1997-98, den letzten Lebensjahren von Dieter Roth. Zu sehen: der Künstler bei der Arbeit, im Bett, in der Küche, auf der Toilette, beim Gehen, Sitzen, Stehen, Liegen, Denken, Schreiben, Schlafen, Leiden…

1_Solo_Szenen

Dieter Roth: Solo Szenen, 1997-1998 Installation view, Aargauer Kunsthaus, ‘Dieter Roth – Selbste’, Aarau, Switzerland (2011) © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: David Aebi

Eine riesige Überwachungszentrale, der Betrachter als Voyeur, der Künstler als selbstgewähltes, selbstoffenbarendes Objekt. ‚Solo-Szenen‘ wird am Ende des Lebens von Dieter Roth die ultimative Offenbarung der Komplexität eines Lebens bei gleichzeitiger Zurschaustellung seiner zutiefst belanglosen Rituale. Bewegend, berührend, traurig.

 

 

 

 

2 Diffuse ‚Selbste‘:

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Dieter Roth: Selbstbild, als Hundehauf in Stuttgart am 27.10.73, 1973 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

Dieter Roth als ‚Hundehauf‘, am Meer, auf dem Nachttopf, als Loch, als grüner Salat, als gemischter Salat, als Löwe….

Dieter Roth als nicht greifbares ‚Selbst‘, als Zeichnung eines Zustandes, zumeist nur von hinten, nur eine Silhouette.

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Dieter Roth: Löwenselbst, 1969 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

 

Der ewig Suchende findet sich auch nicht in der Gegenüberstellung mit sich. Er bleibt sich selbst eine diffuse Rückenansicht. Fast scheint es, als sei ihm auch mit den Mitteln dieses eigentlich so selbstvergewissernden Genres nicht gelungen, wozu es ihn doch treibt: Verortung. Über die Titel mag man schmunzeln können, doch als Selbstporträts eines Künstlers bleiben sie mir eher als verzweifelte Suche in Erinnerung, wenn man, wie hier in dieser Ausstellung, die Chance hat, sie in ein Lebenswerk einzuordnen.

 

3 ‚Automatische Schönheit‘:

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Dieter Roth: Schimmelblatt, 1969 © Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

Kleine Ursache, große Wirkung. Memento Mori. Alles ist einem ständigen Prozess der Veränderung und ein Menschenleben ist dazu angetan, diesen Prozess am eigenen Leib wie an der Umgebung selbst zu erfahren, in dem wir ihn anstossen oder uns ihm aussetzen. Die Abhängigkeit und die Veränderung sind allgemeingültige Grundsätze des Lebens. Kunst kann Abbild einer Veränderung sein, einen bestimmten Zustand manifestieren, oder eben, so zeigt es Roth mit seinen ‚Schimmelbildern‘: den Prozess der Wandlung im Werk ‚begleiten‘.

Da schimmeln Wurst und Käse, Joghurt und Bananen, Gewürze, Schokolade.

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Dieter Roth: Kleiner Sonnenuntergang, 1972 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

Eigentlich geht das so weit, dass der Romantik eines Sonnenuntergangs gar nicht viel abhanden kommt, nur weil die Sonne eine Plockwurstscheibe ist. Man muss ja das eine nicht im anderen sehen, aber man kann schon erkennen, wie sehr der Blick auf Veränderung, auf Werden und Vergehen prägt. Und warum sollte die Landschaftsmalerei nicht aus der Statik ihres Blickes befreit werden, indem eben Käseschimmel den Bäumen von Blatt zu Blatt eine andere Farbe und Fläche verleiht. Und wieviel mehr können ein plattgedrückter Schokoweihnachtsmann und ein ebensolcher Osterhase über die Degeneration von Ritualen erzählen als jede sozial- oder religionskritische Schrift?!

Roth selber weist den ungewöhnlichen Materialien die Kraft der ‚automatischen Schönheit‘ zu. Indem er sie geplant einsetzt, scheint er mir ausdrücken zu wollen: es ist eh alles Chaos, also nutze es zu deinem Zwecke, mache es zu einem schöpferischen Element, in der Kunst, im Leben.

4 Mit Loch und Linie: Blick auf die Welt:

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Dieter Roth: Gesammelte Werke Band 1, 2 bilderbücher. versionen der im forlag ed reykjavik 1957 erschienenen bücher, 1976 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Johanna Berus

Nur auf den erste Blick der vielleicht ‚aufgeräumteste‘ Raum. Die Druckgrafiken hier sind geprägt durch Struktur, Linie, Raster, Geometrie, Organisation.

Und doch verbirgt sich auch hier, wie in allen Werken, die unvermeidbare Dekonstruktion der Sehgewohnheit, das Spiel mit den Ebenen, den Hintergründen, der Hintergründigkeit. Und wie mir scheint geht es wieder um den Versuch der Verortung des Seins, bis hin zur Erkenntnis, das in allen Systemen eine Sollbruchstelle angelegt ist.

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Dieter Roth: München (aus der Serie „Deutsche Städte“), 1970 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

‚München‘ ist nicht wirklich München. Der Name ist nur ein Scherenschnitt, eine Kulisse, dahinter andere Orte, vielleicht sind es Sehnsuchtsorte, neue Orte. Wie die neuen Räume, die durch übereinander gelegte rechtwinklige oder kreisförmige Löcher entstehen, je nach Hintergrund, je nach Überlagerung, je nach Wunsch, nach Zufall.

 

5 Dichtung und Wahrheit:

‚Schöne Scheiße – Dilettantische Meisterwerke‘ präsentiert Dieter Roth als suchenden Künstler, dessen Suche immer auch die nach dem einen, perfekten Medium gewesen zu sein scheint, das im richtigen Moment die richtige Kraftquelle ist.

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Dieter Roth: Die die gesamte Scheiße, 1973 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

In über 500 Büchern, die er zeitlebens veröffentlichte, scheint er immer wieder den Ort für  die notwendige Auseinandersetzung mit sich und der Welt gefunden zu haben. Poesie, Comic, Collage, Grafik, Aneignungen, Schnellzeichnungen, Dokumentation. Roth setzt sich auseinander, arbeitet sich ab und lädt den Betrachter ein, die Unvollkommenheit der Ideen zu akzeptieren.

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Dieter Roth: Stempelkasten, 1973 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

 

 

Der ‚Stempelkasten‘ wird zum Werkzeug des kreativen Dialogs über diese Unvollkommenheit, der Benutzer zum Gesprächspartner und Künstler. Die Antwort auf die Frage ‚Wer ist denn das ich?‘ bleibt Roth sich und uns immer schuldig, weil er sie, rastlos suchend, nicht findet. Sein Essay ‚Wer war Mozart?‘ hält den Suchenden und vermeintlich Wissenden den Spiegel vor, beantwortet er die Frage doch mit nur einem Satz: ‚Ich weiss es nicht.‘ Der Suchende, ‚Diter Rot‘:

‚Du gehst das Verwandelbare

Das Wandelbare oder das Begehbare

Und verstehst das Unausstehliche zuletzt

Am Ende’

(aus: Scheisse. neue Gedichte von DITER ROT mit einem Anhänger von Al Fabrik, 1966, Katalog S. 181)

6 Kollaborationen: Konfrontation mit dem Gegenüber:

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Dieter Roth, Richard Hamilton: The Rotham Certificates, 1977 © Dieter Roth Estate, Courtesy Hauser & Wirth, Foto: Jürgen Spiler

Bewunderung scheint eine der starken Triebfedern für die Arbeit von Dieter Roth gewesen zu sein. Bekannt ist das für seine tiefe Bewunderung der Arbeiten von Jean Tinguely, die Roth Inspiration und Ansporn waren, das eigene Werk neu zu denken, Kunst nein zu denken und die eigene Verrottung quasi ‚nachzujustieren‘.

Die Ausstellung präsentiert mit Bildern und Tondokumenten die Ergebnisse eines regen Austauschs von Ideen, Stiften und Stimmen, unter anderem mit Arnulf Rainer und Richard Hamilton. Anfangen, Aufhören, Weiterarbeiten: der Prozess gemeinsamen Schaffens wird in Bild und Text festgehalten, wie in den ‚Rotham Certificates‘, die den gemeinsamen Arbeitsprozess mit Hamilton im Ergebnis präsentieren.

Der Katalog:

Die Ausstellung im Dortmunder U verdankt sich insbesondere der großzügigen Dauerleihgabe des Sammlers Horst Spankus, der dem Museum Ostwall 200 Werke Dieter Roths übergeben hat, die nun die bestehende Sammlung von ca. 200 Werken vervollständigen. 240 Werke zeigt die aktuelle Ausstellung und feiert damit nicht nur den Künstler, sondern auch die Großzügigkeit und das Vertrauen des Sammlers. Dieter Roths Kunst lässt sich nicht von seinem Leben trennen. Der ewig nach Sinn, Ordnung, Inhalt, Struktur, Inspiration, der eigenen Stellung in Leben und Kunst  Suchende und der Sammelnde, für den jedes Detail, jeder Schnipsel, jeder Gegenstand, jedes Material mit Bedeutung aufgeladen werden konnte, vielleicht musste.

Der Katalog in Gestalt eines Aktenordners ist Abbild von Suche und Sammlung, Ordnung und System. Er bietet mit ausführlichen Essays einen umfassenden theoretischen Einblick und ist gleichzeitig Bild- und Bestandskatalog von Ausstellung und Sammlung. Und in ihm ist noch viel Platz! Einfach mal auf den Link oben klicken und sich das Video zum Katalog anschauen. Lohnt sich!

28 €, im Museumsshop.

Dieter Roth: Schöne Scheiße. Dilettantische Meisterwerke, im Museum Ostwall, 21. Mai – 28. August 2016

Dienstag, Mittwoch, Samstag, Sonntag 11:00 – 18:00 Uhr, Donnerstag, Freitag 11:00 – 20:00 Uhr Montag geschlossen

Für meinen Bruder 

One comment on “Dieter Roth, Schöne Scheiße – Dilettantische Meisterwerke, Museum Ostwall

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