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‚What you see is what you get.‘

Visuelle Einflüsse prägen unsere Welt, unsere Vorstellung von Realität.

Mit Bildern werden wir gelenkt, sie geben Muster vor, Ideale, sind Propagandamittel zum Zwecke der Werbung wie der Meinungsbildung, sind Fassade und Tarnung, aber auch Transporter unserer Erinnerung, Blicke in die Vergangenheit, Vergegenwärtigung von Veränderung, visualisierte Emotion.

Hans-Peter Feldmann nutzt die Bandbreite möglicher Wirkungen von Fotografie auf den Betrachter für seine ganz eigene Herangehensweise an die künstlerische Weiterverarbeitung der Motive, wie die retrospektiv angelegte ‚Fotografieausstellung‚ im C/O Berlin belegt.

Indem er in ihnen zum Beispiel Muster der Wiederholung findet und diese Wiederholungen collagiert, entlarvt er allgegenwärtige Methoden der Beeinflussung durch Fotografie.

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Collage © Hans-Peter Feldmann Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Bilder sollen Sehnsüchte wecken, Assoziationen ermöglichen, verlocken. Sie sollen für eine bestimmte Idee, ein Produkt, einen Menschen werben. Im Vordergrund steht die Präsentation des Besonderen, des Einzigartigen. Was wir wissen, Hans-Peter Feldmann offenbart es in seiner Art der Manipulation: Nur Beine, nur Gesichter, rote Lippen, Erdbeeren, Sonnenuntergänge, all die gedachte Individualität ist Kopie, Kopie, Kopie.

Feldmann gibt dem Betrachter dabei die Freiheit, diese Manipulation als Verstärkung im Positiven wie im Negativen zu verstehen. Er erlaubt sich mit den Collagen kein Urteil über die Urteilskraft des Betrachters, sondern weist auf seine Art auf erkannte Muster und Themen hin.

Und er gibt Fotografien die Allgemeingültigkeit, die Kraft als Projektionsfläche zurück, die ihnen innewohnt und die uns mit ihnen verbinden kann.

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Zwei Mädchen mit Schatten © Hans-Peter Feldmann Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Indem er in den Cut-Outs gerade die Gesichter (bis hin zum ganzen Körper) der dargestellten Personen entfernt, werden sie quasi befreit und unseren eigenen Vorstellungen zur Verfügung gestellt. Feldmann stellt uns nicht nur ein Bühnenbild eigener Inszenierung, sondern konfrontiert uns darüber hinaus gerade in diesen Arbeiten auch mit der Vergänglichkeit, dem Verschwinden von Erinnerung, konkreter Vorstellung, Leben.

Die Cut-Outs sind – auch dem Namen nach – ‚ausgeschnittene‘ Biografien, Platzhalter für Allgemeingültigkeit.

Wie elementar unterschiedlich Fotografien wirken können, zeigt im Kontrast zu den Cut-Outs die Arbeit ‚100 Jahre‘, in der 101 Fotografien von Menschen aus dem Umfeld des Künstlers für je ein Lebensjahr – vom acht Wochen alten Säugling bis zur 100 Jahre alten Frau – stehen. Die Banalität der Darstellung von Personen trifft hier auf die Emotionalität der Darstellung von Leben.

Feldmann präsentiert so simpel wie effektvoll die Bilder, die erst durch unseren Blick zu Geschichten verwachsen. Wir kennen das Narrativ und doch suchen wir unsere Stellung darin, blicken zurück und nach vorn, in Sehnsucht oder Freude und vergleichen unser eigenes Lebensjahr im Bild.

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Frauenbeine © Hans-Peter Feldmann Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Mit dem Titel ‚Fotografieausstellung‘ offenbart Hans-Peter Feldmann auf befreiende Weise seinen undogmatischen Blick auf die Kunstwelt, ihre Regeln und Abhängigkeiten. So wie seine Arbeiten größtenteils nicht gerahmt, sondern einfach an die Wand gepinnt präsentiert sind, so möchte er hierin auch ihre Unabhängigkeit vor dem Einfluss einer kanonisierenden Kunstgeschichte äussern und bewahren. Die Fotografien bleiben als Produkte einer alltäglichen Kommunikationsform jeder Interpretation offen und zugänglich.

Und ja, man kann, man muss schmunzeln. Das komische Element, das vor allem die skulpturalen und malerischen Arbeiten und Zusammenstellungen prägt, es findet sich auch hier, wenn auch dezenter, hintergründiger: Feldmann fotografiert ein Autoradio in dem Augenblick, da es schöne Musik spielt. Aus einer auditiven Wahrnehmung wird eine visuelle, der allerdings alle Eindrücke des auslösenden Moments fehlen. ‚Seeing is believing‘, hier wird diese Gewissheit ad absurdum geführt. Wir können uns unser eigenes Musikstück denken und behaupten. Und überhaupt: was ist denn schon ‚schöne Musik‘?

Ebenso wird in ‚Ein Pfund Erdbeeren‘ zu einem Spiel mit Wahrnehmung, Realität, Interpretation, mit Erfahrungen und Beweisen.

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Beine © Hans-Peter Feldmann Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Mit seinen Fotografien – beziehungsweise gerade jenen, die nicht von ihm sind – hinterfragt Feldmann auch den Kunstmarkt. Seine Werke sind Bilderklau zum Zwecke der Aneignung, unlimitiert, unsigniert. Feldmann bezeichnet sich selbst nicht als Künstler, zur Zeit ist er ‚Rentner‘, und als solcher hat er vermutlich auch ausreichend Zeit, diversen Magazinen mit der Schere zu Papier zu rücken und seiner selbstempfunden einzigen Begabung nachzugehen: dem ‚Gucken‘.

Ein Blick auf das Werk Feldmanns offenbart einen besonders geschulten Blick für das Weibliche. Beine, Münder, Schuhe, Haare und ihre Kleidungsstücke. Und sein Interesse geht offensichtlich noch einen Schritt weiter:

Der ‚Katalog‘ zur Ausstellung im C/O ist ein ganz besonderes Künstlerbuch, dessen Titel ‚Nur für Privat‘ schon einen Hinweis auf den Inhalt geben kann. Feldmann versammelt aus einer Sammlung von über 1000 Fotos eine Auswahl an Fotografien, die in den 70er und 80er Jahren zur Anbahnung von Kontakten in der Swingerszene an Interessenten verschickt wurden.

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Haremsdame © Hans-Peter Feldmann Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Und auch hier stehen Titel und Bilder in dem Widerspruch, der sich ergibt, wenn Privates öffentlich wird, wenn der Kontext bewusst verschoben wird, wenn Voyeurismus siegt und wir uns ertappt fühlen dabei, Grenzen nicht einzuhalten, nicht einhalten zu müssen.

Hans-Peter Feldmanns Werk lädt dazu ein, Grenzen der Wahrnehmung, der Zuordnung, der Kategorisierung zu überschreiten.

Und er scheut nicht davor zurück, vermeintliche Konventionen und Regeln zu brechen, wie er mit seinem Künstlerbuch ‚Die Toten – 1967-1993. Studentenbewegung, APO, Baader-Meinhof, Bewegung 2. Juni, Revolutionäre Zellen, RAF.‘ gezeigt hat. Ihm geht es in der Darstellung nur um die Präsentation des schieren Ausmaßes von Gewalt, eine Trennung nach Tätern und Opfern findet nicht statt.

Für die moralische Einordnung – sollten wir sie verlangen – sind wir als Betrachter zuständig, und uns obliegt die Trennung in Gut und Böse.

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Liebespaar ohne Kopf © Hans-Peter Feldmann Courtesy Mehdi Chouakri, Berlin

Die ‚Fotografieausstellung‘ beweist als Retrospektive der Arbeiten Hans-Peter Feldmanns von den späten 60er Jahren bis in die Gegenwart dessen Gespür für den Blick auf die Wirkung des Profanen, vermeintlich Individuellen und fordert uns als Betrachter dabei zur Positionierung heraus.

Die Resonanz mag dabei von Ablehnung, Unverständnis, Ärger bis zu Begeisterung, Lachen und Freude reichen: so und nicht anders, erscheint mir, hat es der Künstler gewollt. Wir sind aufgefordert, die Kunst im Alltäglichen zu finden, den Kunstbegriff zu hinterfragen, Künstler und ihr Schaffen genau unter die Lupe zu nehmen, nicht alles zu glauben.

Zum 75. Geburtstag des Künstlers bietet C/O mit dieser Ausstellung die Möglichkeit, die Aktualität von Feldmanns Werk auch in seinem Umgang mit der Fotografie zu erkennen.

Hans-Peter Feldmann ‚Fotografieausstellung‘, C/O Berlin bis zum 10. Juli, täglich 11 – 20 Uhr

Das Künstlerbuch ‚Nur für Privat‘ ist im Verlag der Buchhandlung Walther König erschienen und kostet 29,80€.

 

One comment on “Hans-Peter Feldmann ‚Fotografieausstellung‘, C/O, Berlin

  1. kultureventbuero sagt:

    Hallo Kai Eric,

    super Beitrag! Ich habe vor einigen Jahren (uff, gerade nachgesehen, die Ausstellung ist auch schon 13 Jahre her!!) die Ausstellung zu Hans-Peter Feldmann im Museum Ludwig gesehen. Die Foto-Ideen, die er verfolgt, geben einen sehr schönen Spiegel der Gesellschaft ab. Mir gefällt deine Idee, dass wir als Betrachter die moralische Einordnung vornehmen müssen. Man darf also nicht in der Position des Voyers verhaften!

    Feldmann hat mal gesagt, dass er das „Gucken“ zur Kunstform erhoben hat. Er filtert auf diese Weise den Alltag. Wenn es dann dem Betrachter im Museum präsentiert wird, muss dieser dann seinerseits „Gucken“. So entsteht dann ein vielschichtiges Geflecht!

    Viele Grüße von Anke

    Gefällt 1 Person

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