search instagram arrow-down
Kai Eric Schwichtenberg

ME

HIGH 5

BACKWARD

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

FORWARD

Statistik

@retrospektiven on Twitter

Follow RETROSPEKTIVEN on WordPress.com
münsterBLOGs

‚I’ve always been very interested in endings. In French I often say, “Tout finit mal”—everything ends badly.‘ (aus: Hans Ulrich Obrist and Dominique Gonzalez-Foerster in conversation at Manchester International Festival, 2007 http://www.dgf5.com/print/Endings)

‚Das Leben ist ein Hauch‘ (Oscar Niemeyer)

In den Räumen der Vergangenheit schwebt manchmal noch, ganz leicht, der Duft einer Gegenwart, aufgewirbelt und zu neuem Leben erweckt durch den Hauch, den wir dorthin tragen.

Bild_011

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Dieser Duft wird in unseren Nasen hängen und in unseren Kleidern, bei jedem von uns anders, stärker, schwächer. Wir ziehen ihn hinter uns her und vermischen ihn als Erfahrung mit den anderen Sinneseindrücken unserer Gegenwart.

Wir wissen wohin es diesen Hauch tragen wird, wir wissen um den Fakt eines Endes und um dessen unendliche Möglichkeiten .

In den Räumen der Gegenwart wird jeder Moment aus Erfahrung und Erkenntnis zum Moment der Entscheidung über die Zukunft: Dystopie oder Utopie? Welchen Weg nimmt der Hauch, welche Fenster werden geöffnet, welche Wirbel entstehen? Welche Entscheidungen werden getroffen? Welche Prioritäten gesetzt?

So gehe ich durch die etwa 15 Räume der Ausstellung ‚1887 – 2058‘ im K20 der Kunstsammlung NRW, in denen Arbeiten von Dominique Gonzalez-Foerster aus drei Jahrzehnten zu einem frei erfahrbaren Narrativ zusammengestellt sind. Die Künstlerin selber gibt mir die Freiheiten mit, denn für sie soll ‚eine Ausstellung „nie eine Modell-Erzählung, sondern vielmehr eine Stimulans sein“‚ (s. Vorwort Begleitheft)

Bild_006

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Ich weiss, dass ich das Szenario von 2066, Dystopie im ersten Raum, den ich besuche, nicht erlebt haben kann und vermutlich nie Berichterstatter werde. Und doch stehe ich hier inmitten von 40 Etagenbetten, auf jeder Etage ein Buch, inmitten von Skulpturen, die wie von Geisterhand gewachsen sind:

‚Seit Jahren regnet es, kein Tag, keine Stunde ohne Regen. Das unablässige Wässern hat eine seltsame Wirkung auf Skulpturen im öffentlichen Raum gehabt. Wie riesige tropische Pflanzen haben sie zu wachsen angefangen und sind so noch monumentaler geworden. Um dieses Wachstum zu stoppen, hat man beschlossen, sie im Innenraum zusammen mit zahlreichen Stockbetten aufzustellen, in denen Tag und Nacht Menschen vor dem regen Zuflucht suchen…‘

Bild_019

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Ich akzeptiere diesen Fakt einer zukünftigen Welt. Ich sehe die Skulpturen, die Bücher, die Betten, die bereitgestellt wurden. Allein, die Menschen fehlen. Dieser Raum (die Menschheit?) ist wie ausgestorben. Auf einem LED-Bildschirm sehe ich Bilder einer Aussenwelt wie durch ein Fenster in die Realität jenseits der Museumsräume. Während ich durch die Gänge zwischen den Betten laufe, ihre Sterilität begreife und die wie verloren in jedem Bett liegenden Bücher betrachte, ahne ich: ich habe überlebt.

Ich habe mich für eine andere mögliche Zukunft entschieden und jetzt, hier, bin ich Archäologe und Anthropologe zugleich. Ich begebe mich auf die Spurensuche nach den Resten einer untergegangenen, zukünftigen Welt und dazu muss ich mich mit eigenen Erfahrungen und Erwartungen konfrontieren.

Einwurf: Wie großartig, dass Dominique Gonzalez-Foerster hier ihr Narrativ von ‚1887 – 2058‘ verlassen bzw. erweitert hat, weil dieser große, weite Raum ihr einfach die Möglichkeiten bot, ihre Arbeiten aus der Turbine-Hall der Tate Modern London aus 2008 mit neuen Skulpturen wieder zum Leben zu erwecken!

Die Räume eines Lebens sind miteinander verbunden und die Türen zwischen ihnen weit geöffnet. Der Weg durch diese Räume ist frei wählbar und so verweist alles auf alles. In den Räumen ist Bewegung in der Luft, ein reger Austausch, ein ‚Entweder/Oder‘ entsteht aus dem ‚Sowohl/Als auch‘.

Bild_001_01

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Die ‚Eingangstür‘ ist ein Korridor mit rosa gestrichenen Wänden, der Geburtsort – der Geburtskanal? – für eine Entscheidung: ‚rosige Zukunft‘ oder ‚rosarote Brille‘, echter Genuss oder Verklärung, Dystopie, Utopie, destruktiv oder konstruktiv? Dieser Ort verweist auf das Jahr 1986 und damit sowohl auf große Katastrophen (Tschernobyl, Challenger, Ermordung Olof Palme…) wie auf große Aufbrüche (Glasnost, Perestroika, Mir, Eröffnung ‚Cité des sciences et de l’industrie‘…). Vorstellungen der Zukunft scheitern in der Gegenwart dieses Jahres, Vorstellungen für die Zukunft werden von hier ab die Gegenwart prägen.

Die exemplarische Konfrontation mit diesem Jahr trifft auf die Manifestation der (gescheiterten) Utopie aus der Vergangenheit.

Bild_018

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Brasilia: die Vorstellung einer Stadt für die Zukunft, einer Stadt, die das Ende zum Guten hin denkt und die vielleicht ja daran gescheitert ist, dass sich Zukunft eben nur aus den Erfahrungen der Vergangenheit und den Möglichkeiten der Gegenwart definieren lässt.

Dominique Gonzalez-Foersters Kulisse dieser Vorstellung ist nüchterne Konfrontation mit den Mitteln und Wegen jener Zeit: Neon, Weitläufigkeit, Klarheit, Struktur, ‚Brasilia Hall‘. Ich kann mir den guten Willen, den Wunsch nach dem demokratischen Raum, der die Menschen aufnimmt, denken. Doch diese Vorstellung ist eben auch aus der Vergangenheit gedacht und in ihr gescheitert.

Vielleicht, denke ich mir wieder, liegen ja alle Antworten für die ‚rosige Zukunft‘ auf der Hand. In den Räumen der Gegenwart wird jeder Moment aus Erfahrung und Erkenntnis zum Moment der Entscheidung über die Zukunft. (s.o.)

Bild_017

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

In den ‚Séance biographiques‘ werden die Lebensdaten der Besucher zu verschriftlichten  Dokumenten der Individualität. Es geht darum, was wir von uns erzählen und einbringen in die große Erzählung eines Lebens, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Und vermutlich entwickelt sich aus all dem ja eine spannendere, eine neue Geschichte einer gemeinsamen Zukunft, die kein Scherenschnitt, kein Raster, keine Norm ist. Wie würde wohl eine Stadt aussehen, die sich aus diesen Geschichten denken lässt? Vielleicht tritt das Leben hier den Beweis an: Utopien sind die Manifeste einer zum scheitern verurteilten Zukunft.

Was bleibt von uns? Wo stehen wir? Dominique Gonzalez-Foerster konfrontiert uns mit der eigenen Zukunft als Blick in die Vergangenheit.

DSCF8618

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Ein Diorama, wie wir es als altes Präsentationsmedium aus Naturkundemuseen kennen, öffnet den Blick und erzählt in der Momentaufnahme auf diese Ödnis und die darin verstreuten Bücher und losen Seiten vom Werden und Vergehen unserer Kultur. Wie 2066, so scheint auch dies der Blick in die Zukunft zu sein. Allein die Perspektive ist eine andere.

 

 

 

 

Ich kann mich an keine Ausstellung erinnern, deren Besuch mich so sehr herausgefordert hat, Bezüge herzustellen (und herstellen zu wollen!) zwischen Werken, deren Entstehung sich zudem über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten erstreckt.

Bild_015

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Dominique Gonzalez-Foerster hat Orte geschaffen, die sich über kollektive und individuelle  Erinnerungen erschließen, wie auch ihre Rauminstallation ‚Euqinimod & Costumes‘ zeigt, in der die Kleidungsstücke der Künstlerin einerseits ihre ganz persönliche Geschichte über ihren Geschmack und ihre Vorstellung von Außenwirkung erzählen und gleichzeitig und andererseits wir als Betrachter  durch Assoziation und Reflexion eine ganz eigene Geschichte erzählen können bzw. erfahren. Ihre räumlichen und filmischen Inszenierungen sind Wunderkammern der Vorstellungskraft. Gerade ihre teils erstaunlich simplen Eingriffe lassen mir die Freiheit für die Entwicklung einer Erzählung.

Bild_010

Dominique Gonzalez-Foerster – 1887 – 2058 (K20, 23.04. – 07.08.2016) Installationsansicht im K20, © ADAGP, Paris 2016 / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Am Ende einer Reise durch die Zeiten lasse ich mich in der Vergangenheit, ‚1887‘, in einen der Schaukelstühle im ‚Splendide Hotel‘ fallen. Das Chaos einer unwirtlichen Welt hinter mir gelassen – oder jedenfalls durch große Fenster in sicherer Entfernung gehalten – versuche ich die Gedanken zu sortieren.Das waren ja nur einige der Räume, die ich betreten habe, über die ich hier berichte…. Ein kurzer Blick fällt noch in den Ausstellungsführer im Pixi-Fomat, dann fallen mir die Augen zu und vor dem inneren Auge erscheint, zunächst klein in der Ferne, dann immer größer, immer näher, der  ‚Schwarze Fürst‘ von Paul Klee und die rosafarbene Wand, vor die Gonzalez-Foerster ihn hier gehängt hat, ganz am Ende, im letzten Raum. Die Farbe erinnert an den Eingang, das Bild an die Sammlung des Museums, beides zusammen an eine Geschichte von Enrique Vila-Matas. In allem ist Raum für Geschichten, für Bezüge, für Impulse.

Die Vergangenheit hat die Gegenwart eingeholt. Ein Moment Ruhe.

Dominique Gonzalez-Foerster ‚1887 – 2058‘ im K20 der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf, bis zum 7. August

Dienstags bis Freitags 10 – 18 Uhr

Samstags, Sonntags, Feiertags 11 – 18 Uhr

Zur Ausstellung (Centre Pompidou und Kunstsammlung NRW) ist bei Prestel ein Katalog in englischer Sprache erscheinen, der sowohl in der Qualität der Abbildungen als auch in den hervorragenden Essays und Werkbeschreibungen eine unerlässliche Quelle für eine weiterreichende Auseinandersetzung mit dem Werk von Dominique Gonzalez-Foerster ist.

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

RETROSPEKTIVEN

Kunst, subjektiv

fashion@society

Mode trifft Museum.

Pilotstories

Der Luftfahrt Blog

museumlifestyle

a lifestyle blog about the art scene

Vogelsfutter

Kulturblog von frau Vogel

kultur und kunst

aus Leidenschaft

MuseumsGlück

Ein Blog rund um digitale Projekte in Museen

%d Bloggern gefällt das: