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‚Es gibt im Geiste keinen absoluten oder freien Willen…‘ (Spinoza)

 

Eines vorweg:

Niemals alleine in eine Erwin Wurm Ausstellung gehen! Warum?

Aus gleich mehreren Gründen, die sowohl mit dem Werk, als auch mit der Befriedigung eigener Bedürfnisse zu tun haben:

1.

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Erwin Wurm, The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016 , courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

In seinen ‚One Minute Sculptures‘ steht die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper im Mittelpunkt. Einfache Handlungsanweisungen weisen dem Besucher eine Rolle zu, die ihn einerseits zur ‚Skulptur‘ werden lassen, anderseits aber auch ein intelligentes Spiel mit Befehl und Gehorsam sind.

Hier, im musealen Umfeld, scheinen wir fast bedingungslos bereit zu, unsere Unabhängigkeit aufzugeben, die wir doch ansonsten so hochhalten.

Wir stülpen uns eine altbackene Handtasche über den Kopf, verrenken uns mit einem Stuhl, stellen uns eine Flasche Kloreiniger auf den Kopf oder stecken in einer Hundehütte die Köpfe zum beichten zusammen.

Ohne einen fügsamen Mitwisser bei dieser Aufgabe der eigenen Integrität sind zahlreiche der Verrenkungen allerdings nicht durchführbar.

Erwin Wurms ‚One Minute Sculptures‘ stellen uns auf den Sockel der Kunst, im besten Fall mit einem ‚nützlichen Idioten‘ an unserer Seite.

 

 

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Erwin Wurm, Confessional (One Minute Sculpture), Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

2.

Mit Freunden lacht es sich einfach entspannter.

Man lacht miteinander und nicht übereinander, und man hat gleichzeitig auch das Publikum dabei, dem man vertraut.

‚One Minute Sculptures‘ sind immer auch Performances. Der Weg zur Skulptur führt über die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und die Wandlungen, Verrenkungen, das Scheitern und den Neubeginn präsentiert der Museumsbesucher/Laiendarsteller vielleicht doch am liebsten einem befreundeten Menschen.

3.

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Erwin Wurm, Leopoldstadt, 2004, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016 , courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Es geht doch auch um Dokumentation! Wer soll denn ein Bild von all dem machen, während man selbst, nach vorne übergebeugt und mit Bücher eingeklemmt zwischen Armen und Beinen, da steht und die Sekunden zählt? Die ‚One Minute Sculptures‘ sind auch Manifeste der Vergänglichkeit. Nicht nur, dass wir schon kaum eine Minute in recht unbequemer Pose verbringen können. Um uns herum warten vielleicht auch noch andere Besucher darauf, ihre Körper und ihr Ego herauszufordern.

4.

In Wahrheit geht das ja alles viel weiter, und es kann nie schaden, einen befreundeten, intelligenten und umfassend gebildeten, kunstverständigen Menschen an der Seite zu haben, der bei Aufforderungen wie ‚Make your own Franz Erhard Walther‘ (2001) auch an dessen Selbstinszenierung als Skulptur 1958 denkt, und damit einhergehend die Tiefgründigkeit in den Performances erkennen würde.

 

Ich bin mir natürlich nicht sicher, wie tiefgründig Erwin Wurm diese Arbeit verstanden wissen will. Sicher ist nur – und ich glaube der Künstler ist dieses Risiko bewusst eingegangen-: indem er die Durchführung der Performance, das Befolgen seiner Anweisungen, einem Fremden und mit nicht mehr als diesem einen Satz der Aufforderung überlässt, muss er die Hoheit über die Interpretation seiner Arbeit abgeben und den Ungehorsam des aktiven Publikums erdulden.

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Erwin Wurm, Open your trousers, put flowers in it and don’t think … (One Minute Sculpture), 2002, © Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016, courtesy Studio Erwin Wurm

Der Ausstellungsbesucher muss auf der anderen Seite allerdings auch bereit sein, die mögliche Tiefgründigkeit dieser Idee einer Auseinandersetzung mit dem Körper, dem Skulpturbegriff, den Verweisen auf Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie, zu akzeptieren, selbst wenn er sie nicht teilen oder zu verinnerlichen mag. Wie umfassend Erwin Wurms Idee von der Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, Wandlung, Verwandlung, Konfrontation und Komik ist, zeigen die rund 80 Zeichnungen, die sich auch als Vorbereitungsskizzen für die Skulpturen, als gezeichnete Regieanweisungen, betrachten lassen. Von Selbstentblößung zu Selbstoptimierung ist es nur ein kleiner Schritt, und das verbindende Glied ist der Gehorsam.

‚Von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen’ zeigt in kurzen und knappen Anweisungen den Weg zur ‚Antifigur‘ auf. Disziplin ist der Schlüssel zur Optimierung und wenn das Ziel ‚Gewicht zulegen‘ heißt, dann muss man eben einem klaren Plan folgen, den Erwin Wurm detailreich skizziert.

‚Erwartungshaltung‘ und ‚Skulptur‘ sind die Begrifflichkeiten, die die neuesten Arbeiten von Erwin Wurm verbindend in die Ausstellung fügen.

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Erwin Wurm, Phone, 2015, © Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016, courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, Salzburg, Foto: Eva Würdinger

Wurm zeigt Alltagsgegenstände, die durch ihre Nachbildung in Bronze oder Polyester zu Skulpturen geworden sind, die mit ihrer Größe im Verhältnis zur Originalgröße unseren Erwartungen widersprechen und die die unauslöschlichen Spuren von Gewalteinwirkung zeigen. Ein übergroßes, bronzefarbenes Handy hängt da zum Beispiel an der Wand. Wie zur Vergewisserung heißt das Werk schlicht ‚Phone‘, nimmt damit im Titel ganz direkt Bezug auf den realen Gegenstand, der es aber allein der Größe nach nicht sein kann. Eher wirkt es wie ein Kultgegenstand  aus einer vergangenen Epoche, den die Veränderungen der Zeit und der Erwartungen haben unbrauchbar werden lassen.

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Erwin Wurm, Triple Seat, 2015, © Erwin Wurm, VG BILD KUNST, Bonn 2016, courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, Salzburg, Foto: Eva Würdinger

 

 

 

 

Wie sehr sich Gebrauchsgegenstände durch ihre Nutzung definieren zeigt auch die Skulptur ‚Triple Seat‘, bei der es sich recht eindeutig um die Nachbildung eines Einsitzer handelt. Die Nutzung als Dreisitzer offenbart sich einzig in der Skulptur. Als wären die Personen herausretuschiert worden, bleiben so nur ihre Abdrücke in Arm- und Rückenlehne.

Erwin Wurms Skulpturen erzählen Geschichten. Viele mögen dabei auf den ersten Blick komisch wirken. Jeder weitere Blick offenbart aber eine tieferliegende Auseinandersetzung mit sozialen, körperlichen oder auch sexuellen Herausforderungen und Bedingungen.

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Erwin Wurm, Narrow House, Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

Auch die Arbeit Narrow House, ein detailgetreuer, begehbarer Nachbau von Wurms Elternhaus, gestaucht auf die Breite von 1,10 Meter, setzt sich mit gesellschaftlichen Phänomenen auseinander: Normierung, Standardisierung, Engstirnigkeit, Spießigkeit.

(Jedenfalls hat diese Rezeption bis heute Bestand, denn ursprünglich war die Form des Hauses nur dem Ärger des Künstlers über einen ihm zugewiesenen, viel zu engen Ausstellungsraum in China geschuldet…)

Wie sich der Bewohner des Originalhauses vielleicht in den Jahren der Kindheit und Jugend durch diese provinziellen Gegebenheiten zwängen musste, um die Freiheit zu erfahren, so müssen sich in der Ausstellung die Besucher durch die engen Flure zwängen, in denen jedes Aufeinandertreffen Konfrontation bedeutet, in der einer nachgeben muss, um den Weg frei zu machen.

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Erwin Wurm, Narrow House (Innenansicht), Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

‚Bei Mutti‘ wissen wir was wir bekommen und können uns doch überraschen lassen von ihrer Lebensweisheit und Weitsicht. Ihre Erfahrungen sind Anleitungen um die Gegenwart zu ertragen und die Zukunft zu planen. Ihre Ansagen können schmerzhaft und herausfordernd sein, aber eines Tages werden wir wissen, wofür sie gut waren.

Eine wunderbare Ausstellung, in der Humor auf Tiefgründigkeit trifft und mit der Erwin Wurm einmal mehr beweist, wie nahbar und erfahrbar Kunst sein kann und darf.

P.S.: Sollte ich während der Laufzeit von ‚Bei Mutti‘ noch einmal in Berlin sein: ich würde mich sehr über eine Begleitung durch die Ausstellung freuen! Das macht bestimmt doppelt Freude.

Erwin Wurm ‚Bei Mutti‘, in der Berlinischen Galerie – Museum für Moderne Kunst, Berlin, bis zum 22.8., Mittwoch–Montag 10:00–18:00 Uhr

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