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Kunst ist Magie. Künstler sind Magier. Wenn aus einem Bergmassiv für 2 Stunden eine Lichtkugel wird, dann ist kraftvollste Zauberei am Werk. Das war am 26. April 1968 der Fall, und wer nicht dabei war und es nicht glaubt, für den haben Gerhard Richter und Sigmar Polke ihre Aktion im Bild dokumentiert.

Wie feinsinnig und ironisch die beiden da der Wirkmacht von Kunst, dem Kult um dieselbe entgegenarbeiten! Sie kennen sich seit 1962, da sind sie frisch auf der Düsseldorfer Kunstakademie, Richter ist 30, Polke 21 Jahre alt, und als Studenten der Klasse von K. O. Götz können sie zu diesem Zeitpunkt ihre großen Karrieren vielleicht nur ahnen oder hoffen.

Sigmar Polke (hinten) und Gerhard Richter (vorne) 1966 Foto: Courtesy Gerhard Richter Archiv © Gerhard Richter, 2016

Sigmar Polke (hinten) und Gerhard Richter (vorne) 1966
Foto: Courtesy Gerhard Richter Archiv
© Gerhard Richter, 2016

Was sie aber mit Bestimmtheit wissen ist: Langeweile und Spießigkeit dürfen nicht aufkommen. Und:

‚Wir können uns nicht darauf verlassen, daß eines Tages gute Bilder gemalt werden, wir müssen die Sache selber in die Hand nehmen!‘ (Polker/Richter 1966)

Museen sind magische Orte. Ausstellungsmacher können Magier sein. Wenn sie z.B. mit Leichtigkeit, Elan und Liebe eine Künstlerfreundschaft feiern, die aus der Zeit gefallen scheint, wie in der Ausstellung ‚Sigmar Polke – Gerhard Richter. Schöne Bescherung‘ im Museum Morsbroich.

Da wird die Grafiketage dieses wunderbaren Hauses zu einer Wunderkammer des künstlerischen Umgangs mit bundesrepublikanischen Befindlichkeiten und zu einer Feier einer künstlerischen Kollaboration.

Gerhard Richter Hotel Diana, 1967 Serigrafie, 59,4 x 84 cm Museum Morsbroich, Leverkusen © Gerhard Richter, 2016

Gerhard Richter
Hotel Diana, 1967
Serigrafie, 59,4 x 84 cm
Museum Morsbroich, Leverkusen
© Gerhard Richter, 2016

‚Schöne Bescherung‘, so fühlt sich das für den etablierten Kunstbetrieb in Nachkriegsdeutschland vielleicht an, wie da zwei Künstler subversiv, ironisch, humorvoll Konventionen hinterfragen.

Wie zwei Künstlerrabauken, die vor der Konfrontation nicht scheuen und alles miteinander teilen: das Hotelzimmer und die Badewanne (selbst die leere).

Und eine Begeisterung für die Populärkultur der Zeit. Mit Perry Rhodan suchen sie sich für die Gestaltung des Künstlerbuches zur gemeinsamen Ausstellung in der Galerie h (Hannover, 1966) einen futuristischen Kompagnon und ein Abbild des Zeitgeistes.

Was für ein Vergnügen das gewesen sein muss, diesen Katalog, dieses Künstlerbuch, gemeinsam zu ersinnen, zu erarbeiten, zu erleben. Er wird gleichsam der Nukleus einer Idee ihrer künstlerischen Arbeit. Bilder und Texte werde kombiniert, Geschichten werden erzählt, Trivialität wird Kunst.

Sigmar Polke Diabolik, 1979 Collage auf den Seiten eines Comic-Hefts, 19,5 x 12,5 x 1 cm Privatsammlung © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: Heinrich Miess, Köln

Sigmar Polke
Diabolik, 1979
Collage auf den Seiten eines Comic-Hefts, 19,5 x 12,5 x 1 cm
Privatsammlung
© The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Foto: Heinrich Miess, Köln

Richter und Polke bedienen sich popkultureller Elemente und spinnen Ideen weiter, mit denen sie die Trivialität zu Kunst werden lassen.

Jahre später wird Polke diese Idee mit der Wandlung und damit der Politisierung von Trivialem in der Serie ‚Diabolik‘ weitertreiben: Ein Comic – hier der über den Superschurken Diabolik – wird zum Medium für Tagespolitik. Die Sprechblasen, ‚Regieanweisungen‘, die Laute werden als Collage mit tagesaktuellen Zitaten aus Zeitungsausschnitten neu befüllt, der Comic selbst zur Tageszeitung bundesrepublikanischen Geschehens.

Gerhard Richter Elizabeth II, 1966 Offsetdruck, 70 x 59,4 cm Museum Morsbroich, Leverkusen © Gerhard Richter, 2016

Gerhard Richter
Elizabeth II, 1966
Offsetdruck, 70 x 59,4 cm
Museum Morsbroich, Leverkusen
© Gerhard Richter, 2016

Gerhard Richters ‚Transformation‘ dagegen wirkt verkopfter. Mit seinen Porträts von Mao und Elisabeth II. widmet er sich zwar ebenfalls Phänomenen der Zeit und entleiht die Vorlage für sein Werk Bildern aus den Medien. Seiner Kunst aber fehlt die humorvolle Auseinandersetzung. Ihnen gemeinsam aber bleibt ein ausgesprochen hellsichtiger Blick auf die Veränderungen in der Medienlandschaft, die Veränderung und Manipulation des Blickes durch und mit dem Bild, das untrügliche Gespür für die Kraft von Bildern, Geschichte und Geschichten zu erzählen.

Die Ausstellung zeigt außerdem an ausgewählten Beispielen, wie Gerhard Richter früh schon eine Technik entwickelt, die (beliebig) reproduzierbare Fotografien aus ihrem Kontext befreit, indem er sie mit malerischen Mitteln nicht nur auf Leinwand überträgt, sondern ihnen mit seiner Technik, Details zu verwischen, ebenso in einen Dialog mit den Erwartungen und Erfahrungen des Betrachters stellt.

Gerhard Richter Tiger, 1965 Fotoverwischung, 140 x 150 cm Museum Morsbroich, Leverkusen © Gerhard Richter, 2016; Foto: dieterklein.de

Gerhard Richter
Tiger, 1965
Fotoverwischung, 140 x 150 cm
Museum Morsbroich, Leverkusen
© Gerhard Richter, 2016; Foto: dieterklein.de

Seine Gemälde ‚Tiger‘ (1965), ‚Teyde-Landschaft‘ (1971) und ‚Wolke‘ (1971) etwa stehen exemplarisch für diese Suche nach dem Allgemeinen im Speziellen, das Spiel mit der kunsthistorischen Komponente von Bildelementen und der Möglichkeit des inszenierten Betrugs.

In einem zeitlichen Abstand von über zwanzig Jahren widmen sich Polke und Richter der schöpferischen Kraft des Chaos in der Kunst:

Die Tuscheflecken, die in Tiefe, Struktur und Farbe Polkes Stenoheft (Ohne Titel. Stenogramm, 1985) durchdringen sind einerseits Ausdruck von Zufälligkeit, könnten die künstlerische Weiterentwicklung eines ‚Unfalls‘ sein, sind in jedem Fall aber verspielte Dynamik. Auf jeder Seite werden diese Zufallsprodukte Anknüpfungspunkte für ein erzählerisches Werk, ganz in der Tradition seiner Kunst, mit Witz und Phantasie.

Sigmar Polke Ohne Titel (Stenogramme), 1985 DIN A5 Ringheft, Tinte, 21,2 x 14,5 cm Privatsammlung © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2016; Foto: Lothar Schnepf, Köln

Sigmar Polke
Ohne Titel (Stenogramme), 1985
DIN A5 Ringheft, Tinte, 21,2 x 14,5 cm
Privatsammlung
© The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2016; Foto: Lothar Schnepf, Köln

‚Rufen Sie mich in Ihrer Mittagspause an‘ oder ‚Mahlzeit!‘ steht da neben den Klecksen, die Notizen in Sprechblasen, verbunden mit feinen Linien und Zeichnungen. Der Zufall wird Mittel zum Zweck einer Kommunikation mit einem unbekannten Adressaten. Wie die Flecken selbst, folgt hier nichts einem vorgegebenen oder auch nur notwendigen Plan.

Manipulativ dagegen wirkt Gerhard Richter in seiner Serie ‚November‘ (2008/13) auf den Verlauf der Tinte auf die 54 Blätter ein, aus denen das Werk besteht. Im Laufe des Durchsickerns greift Richter mit Lackfarbe und Bleistift ein. Über alle Seiten hinweg erzählt allerdings das Gesamtwerk auch die Geschichte von Vergänglichkeit, von Leben als Prozess hin zu einer ultimativen Auslöschung. So wie die Tintenflecken im Verlauf immer kleiner werden, mag ‚November‘ als Hinweis auf diese Darstellung eines Lebenszyklus sein.

Gerhard Richter November, 2008 54 digitale Tintenstrahldrucke, gerahmt, verglast, je 21 x 29,7 cm (Blatt) Gerhard Richter Archiv, Staatliche Kunstsammlungen Dresden © Gerhard Richter, 2016

Gerhard Richter
November, 2008
54 digitale Tintenstrahldrucke, gerahmt, verglast, je 21 x 29,7 cm (Blatt)
Gerhard Richter Archiv, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
© Gerhard Richter, 2016

Die freundschaftlich aufrührerische Verbindung der beiden Künstler löst sich in den 70er Jahren zusehends. Beide Künstler schlagen ihre sehr unterschiedlichen Wege ein, Geschichten zu erzählen. Wo Polkes Werk weiter von Ironie, Witz, Groteske und dem Wunsch nach einer erkennbar erzählerischen Perspektive geprägt scheint, entwickelt Richter bald Werkzyklen, deren Kraft meiner Meinung nach nicht in der direkten Erfahrbarkeit liegt.

Die Ausstellung ‚Sigmar Polke – Gerhard Richter. Schöne Bescherung‘ ist wie ein Präsent mit künstlerischer Lebenserfahrung, Lebensweisheit und Klugheit. Sie zeigt die Wirkmacht von Kunst in ihrer Zeit und ihre Stärke, zeitliche und persönliche Veränderungen zu überdauern. Sie zeigt Künstler als Egomanen ihrer Sache, mit aller Liebe zueinander, aber auch der schlussendlichen Notwendigkeit zur Distanz. Und sie zeigt, dass man sich als Betrachter ebenso positionieren kann, wählen darf, ohne dabei etwas auszuschließen.

Gerhard Richter EIS, 1981 Entwurf für den Umschlag zu dem Künstlerbuch EIS, Lackfarbe auf Karton, 19,4 x 24,5 cm Sammlung Mario Pieroni, Rom © Gerhard Richter, 2016; Foto: Heinrich Miess, Köln

Gerhard Richter
EIS, 1981
Entwurf für den Umschlag zu dem Künstlerbuch EIS, Lackfarbe auf Karton, 19,4 x 24,5 cm
Sammlung Mario Pieroni, Rom
© Gerhard Richter, 2016; Foto: Heinrich Miess, Köln

Um diese Erfahrungen machen zu können, für den Genuss und für die Verführung, für den Ansporn und für die Offenbarung, den Einblick und den Ausblick, braucht es Museen und Menschen, die sich mit ihrer Arbeit diesem großen Ziel widmen. Museen sind Identifikationsorte und Gedankenpaläste, deren Wert sich weniger an den ausgestellten Werken, als vielmehr an dem Eindruck bemisst, den sie hinterlassen. Weder der Wert einer Sammlung, noch unzulässige Vergleiche von Besucherzahlen, dürfen dabei Grundlage für die Entscheidung über die Zukunft eines Hauses sein. Auch – oder vielleicht sogar gerade – Städte mit einer angespannten Haushaltslage, deren Ursache ja zumeist in einer strukturellen Veränderung der Wirtschaftslandschaft liegt und unter der viele der Einwohner leiden müssen, brauchen diese Orte des Selbstbewusstseins, der Kraft, der Stärkung – eben der Kunst!

 

Das Museum Morsbroich darf nicht Opfer einer Politik werden, die nicht die Ursachen wirtschaftlichen Wandels bekämpft, sondern Museen als Teil des Problems versteht.

https://www.openpetition.de/petition/online/offene-petition-fuer-den-erhalt-des-museum-morsbroich

 

‚Sigmar Polke – Gerhard Richter. Schöne Bescherung‘, im Museum Morsbroich, bis zum 28. August 2016, Donnerstag 11 bis 21 Uhr (außer feiertags, dann nur bis 17 Uhr)
Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr

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