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Installationsansicht im K21, Alberto Burri. Das Trauma der Malerei, für die Werke von Alberto Burri: © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Installationsansicht im K21, Alberto Burri. Das Trauma der Malerei, für die Werke von Alberto Burri: © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Museen sind Räume für Geschichte und Geschichten. Sie alle, welchem Thema, welchem Künstler oder welcher Epoche sie sich auch widmen mögen, bieten dem Besucher die großartige Möglichkeit, sich mit dem Gezeigten in einen Dialog zu begeben und Geschichte und Geschichten für sich selbst geltend zu machen, sie zu empfinden, sie zu entdecken. Für mich zeigt sich die wahre Größe und Kraft einer Ausstellung dann, wenn mir die Werke und die Narration nahe gehen, wenn sie mich anrühren und wie gute Romane mehr sind als bedrucktes Papier zwischen zwei Deckeln.

Zumeist sind dies jene Ausstellungen, die mich mit Fassetten meiner eigenen Lebenswelt konfrontieren und sie hinterfragen oder die ein Werk als integralen Bestandteil einer Künstlerbiografie präsentieren.

Auf erschreckend aktuelle Art und Weise, berührend und begeisternd, gelingt all dies in ‚Alberto Burri – Das Trauma der Malerei‘ im K21 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf.

Alberto Burri in seinem Studio in Case Nove di Morra, Città di Castello, Italien, 1982, Foto: Aurelio Amendola, © Aurelio Amendola, Pistoia, Italien

Alberto Burri in seinem Studio in Case Nove di Morra, Città di Castello, Italien, 1982, Foto: Aurelio Amendola, © Aurelio Amendola, Pistoia, Italien

Burris Werk war mir bis dato völlig unbekannt und seine ‚Wiederentdeckung‘ verdankt sich der Erinnerung an seinen hundertsten Geburtstag 2015, zu dem das New Yorker Guggenheim Museum eine große Retrospektive ausrichtete, die nun in Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung in Deutschland zu sehen ist.

Beim Blick auf einige seiner Werke musste ich immer wieder an Arbeiten von Otto Piene denken, insofern, als sie von einem experimentellen Umgang mit Material und Leinwand – oder besser: Bildfläche – geprägt sind.

Burri nutzt Teer, Leinen, Sackleinen, Eisen, Holz, Plastik, Harzkleber, Hartfaserplatten und den Effekt von Feuer auf Material für seine Werke.

Alberto Burri, Combustione legno, 1957, Holzfurnier, Papier, Verbrennung, Acryl und Vinavil auf Leinwand, 149.5 x 99 cm, Privatsammlung, Courtesy Galleria dello Scudo, Verona, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Alberto Burri, Combustione legno, 1957, Holzfurnier, Papier, Verbrennung, Acryl und Vinavil auf Leinwand, 149.5 x 99 cm, Privatsammlung, Courtesy Galleria dello Scudo, Verona, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied, der im Titel derAusstellung schon mehr als nur anklingt: Burris Malerei zeigt Traumata, nach der medizinischen Definition die Verletzung und Beschädigung lebenden Gewebes, weil sie sich mit einem Trauma beschäftigt. Wo Piene die Feuersonnen strahlen lässt, Regenbögen malt und entfaltet und mit den Elementen und ihrer Leichtigkeit spielt, um mit ihnen und durch sie einen optimistischen und positiven Blick in eine friedliche Zukunft zu weisen, wirken Burris Werk wie eine ewige Erinnerung an die Schrecken von Vergangenheit und Gegenwart.

Alberto Burri, Grande sacco BS (Großes Sackleinen BS), 1956, Sackleinen, Stoff, Faden, Acryl und PVA auf Leinwand, 150 x 250 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / SIAE, Rom

Alberto Burri, Grande sacco BS (Großes Sackleinen BS), 1956, Sackleinen, Stoff, Faden, Acryl und PVA auf Leinwand, 150 x 250 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / SIAE, Rom

Seine Arbeiten, die für Burri doch immer Malerei sind, zeigen in ihrer Collagenhaftigkeit die Wunden, die der Mensch dem Menschen zufügt und die Kraft der Natur, vor der wir häufig hilflos stehen.

Die Räume in der Ausstellung sind betitelt mit den Gruppennamen der gezeigten Werke, die in erster Linie ein direkter Verweis auf das prägende Material sind, das Burri jeweils nutze: ‚Catrami‘ (Teer), ‚Sacchi‘ (Säcke), ‚Ferri‘ (Eisen), ‚Legni‘ (Hölzer) oder ‚Cellotex‘ ( Celotex-Hartfaserplatten). Andere Gruppen wiederum beziehen ihre Namen vom Herstellungsprozess, beziehungsweise ihrer Ausdrucksform: ‚Gobbi‘ (Bucklige), ‚Bianchi‘ (Weiße), ‚Combustioni plastiche‘ (Plastikverbrennungen) oder ‚Cretti‘ (Risse).

Alberto Burri, Grande ferro M 4 (Großes Eisen M 4), 1959, Geschweißtes Eisenblech auf Holzrahmen, 199,8 x 189,9 cm, Solomon R. Guggenheim Museum, New York 60.1572, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / SIAE, Rom

Alberto Burri, Grande ferro M 4 (Großes Eisen M 4), 1959, Geschweißtes Eisenblech auf Holzrahmen, 199,8 x 189,9 cm, Solomon R. Guggenheim Museum, New York 60.1572, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / SIAE, Rom

Alles beginnt hier aber mit einem erschreckend schaurigen Einblick in die Anfänge von Burris künstlerischem Schaffen, verbunden mit der unausweichlichen Erkenntnis, von welchem Trauma hier die Rede sein wird. Fast schon versteckt und unscheinbar gegenüber den Großformaten der umgebenden Wände hängen seine Kriegszeichnungen, die nach seiner Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach 1946 anfertigte. Ihre schmerzverzerrten Gesichter, die Verstümmelungen, die Angst, sind in einfachen Strichen verewigte Erinnerungen an die Grauen des Krieges, den Burris als Feldarzt erleben muss. Auch wenn er die figurative Darstellungsweise schon bald hinter sich lässt: hier sind die Wunden, die Traumata offensichtlich, die sein Werk prägen werden.

Auf mich wirken die Werke in allen Gruppen wie die bildhafte Darstellung verwundeter, zerstörter Seelenlandschaften. Wie Narben klaffen vom Rost und Behandlung orangerot gefärbte Spalten zwischen den den Stahlplatten oder tiefschwarze Furchen der Verbrennungen im Holz.

Alberto Burri, Rosso plastica (Rotes Plastik), 1962, Plastik (PVC), Acryl und Verbrennungen auf schwarzem Stoff, 65 x 100 cm, Privatsammlung, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / SIAE, Rom

Alberto Burri, Rosso plastica (Rotes Plastik), 1962, Plastik (PVC), Acryl und Verbrennungen auf schwarzem Stoff, 65 x 100 cm, Privatsammlung, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / SIAE, Rom

Wie tiefe Wunden in der Haut wirken die Löcher in den ‚Combustioni plastiche‘. Die Leinenflächen wirken wie neue Haut oder dreckige Verbände. Und grobe Stiche versuchen etwas wieder zu einem Ganzen zu fügen, das vielleicht schon verloren ist.

Seine späten Arbeiten, die ‚Cellotex‘ – schwarze Hartfaserplatten, bei denen Burri mit einem scharfen Werkzeug die inneren Strukturen des Materials in Flächen unterschiedlicher Tiefe und Form freilegt – erinnern frappierend an seine frühesten Werke mit Teer. Und vielleicht ist es so, dass sich für ihn ein Kreis schließt, der künstlerisch und als Lebenserfahrung Anfang und Ende verbindet. Auf mich wirken die letzten Arbeiten in dieser Einordnung wie das Eingeständnis in die Erkenntnis, dass die Schwärze der menschlichen Seele sich nicht zum Hellen freilegen lässt, und das die Traumata bleiben und neu aufbrechen werden, solange das so ist.

Gibellina Vecchia

Gibellina Vecchia

Wenn man mit Google Earth über Sizilien den Ort Gibellina Vecchia anfliegt, nähert man sich einer Geisterstadt. Gibellina wurde am 15. Januar 1968 durch ein Erdbeben vollständig zerstört und einige Kilometer westlich davon neu errichtet. Die Wunden des alten Gibellina sind weiterhin sichtbar. Mit dem Anflug nähert man sich auch einem Land Art-Projekt von Burri, dem ‚Il Grande cretto di Gibbelina‘ (begonnen 1985), das diese Wunden offenbart, indem es, unter weißem Zement begraben, die Ruinen der Häuserzeilen, eingefasst in Stützwände aus Beton, nachbildet. Aus der Vogelperspektive ergibt sich ein Blick auf die kalten, weißgrauen Reste einer Stadtstruktur, dem Erdboden gleichgemacht und doch durch Burris Arbeit wieder als Stadtlandschaft erfahr- und begehbar. Und aus dieser Perspektive ergibt sich auch eine deutliche Verbindung zu seinen Rissbildern, den Cretti. Hier wie dort wirken die Strukturen wie aufgeplatzter Erdboden, wie das Ergebnis unerbittlicher Trockenheit, wie unheilbar verstetigte Wunden.

Alberto Burri, Grande bianco cretto, 1974, Acryl znd PVA auf Celotex, 126 x 201 cm, Privatsammlung, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Alberto Burri, Grande bianco cretto, 1974, Acryl znd PVA auf Celotex, 126 x 201 cm, Privatsammlung, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Das beschädigte Gewebe der Seelenlandschaften in Burris Bildern findet seine Entsprechung im beschädigten Gewebe einer Stadtlandschaft, die Heimat, Zuflucht, Geburts- und Erinnerungsort für viele Jahrhunderte und viele Menschen war. In der Ausstellung präsentiert eine beeindruckende Filmdokumentation dieses Werk, das erst 2015, nach einer Unterbrechung von sechzehn Jahren, fertiggestellt werden konnte.

Alberto Burri, Rosso gobbo, 1953, Acry, Stoff und Vinavil auf Leinwand, Metallgestänge auf der Rückseite, 56.5 x 85 cm, Privatsammlung, Rom, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Alberto Burri, Rosso gobbo, 1953, Acry, Stoff und Vinavil auf Leinwand, Metallgestänge auf der Rückseite, 56.5 x 85 cm, Privatsammlung, Rom, © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Alberto Burri hat sich bereits 1978 mit der Fondazione Burris einen eignen Rahmen geschaffen, in dem er, seiner italienischen Heimatstadt verbunden, sein Werk präsentiert sehen wollte. Mehr noch, als dass er damit auch die Kontrolle über seine Arbeiten und den Umgang mit ihnen behalten und  weitestgehend steuern konnte, hat er so dafür gesorgt, dass seine Bilder immer noch in der Lage sind voller Kraft ihre Geschichten zu erzählen. Sie brauchen die behutsame Zusammenstellung, den intimen Raum, die liebevolle Präsentation. Sie brauchen einen Platz in der Museumslandschaft, der ihnen Raum zur Entfaltung bietet, und dem Betrachter die Chance gibt mit dem Blick auf jedes weitere Werk tiefer in die verwundete Seelenlandschaft einzudringen um eine fast unglaubliche Heilung zu erfahren.

Installationsansicht im K21, Alberto Burri. Das Trauma der Malerei, für die Werke von Alberto Burri: © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Installationsansicht im K21, Alberto Burri. Das Trauma der Malerei, für die Werke von Alberto Burri: © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Die Ausstellungsmacher der Kunstsammlung NRW haben diesen Raum geschaffen, in den man herabsteigt und gleichsam in die Wunden eindringt, die er offenbart. Wo bei ‚Agnes Martin‘ im K20 der ebenerdige, offene und barrierefreie Raum und das großräumige Obergeschoss schon viel über die fliegende und lichte Leichtigkeit ihrer Bildwelten erzählten, die doch auch ihre Tiefe erst mit jedem weiteren Blick offenbaren, so ist das Kellergeschoss des K21 erneut ein bewegend sakraler Raum für eine Kunst, die dunkler, verletzter und abgründiger ist.

‚Alberto Burri – Das Trauma der Malerei‘ ist die wahrgenommene und ernstgenommen Chance einer Wiederentdeckung. Selten nur ist mir Kunst so nahe gegangen, auch weil sie mir erschreckend viel darüber erzählen kann, welche Wunden Menschen Menschen zufügen, zugefügt haben und wohl immer zufügen werden und wie unmöglich ihre Heilung scheint.

Installationsansicht im K21, Alberto Burri. Das Trauma der Malerei, für die Werke von Alberto Burri: © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Installationsansicht im K21, Alberto Burri. Das Trauma der Malerei, für die Werke von Alberto Burri: © Fondazione Palazzo Albizzini Collezione Burri, Città di Castello/ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

‚Alberto Burri – Das Trauma der Malerei‘, im K21 der Kunstsammlung NRW, bis zum 3. Juli 2016, Di. – Fr. 10 – 18 Uhr, Sa., So., Feiertags 11 – 18 Uhr, jeden 1. Mittwoch im Monat 10 – 22 Uhr

2 comments on “‚Alberto Burri – Das Trauma der Malerei‘ im K21, Düsseldorf

  1. Michael Seiwert sagt:

    Sehr schöner Blogpost, der die Vorfreude auf morgen (ich reise extra aus Hamburg an) nochmal steigert. Danke dafür!

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    1. Ich hoffe sehr, dass sich auch für Sie die Reise lohnt! Vielen Dank für das Lob zum Artikel und viel Freude in Düsseldorf!

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