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Die Rolle und die Verortung des Menschen in der Gesellschaft sind besonders auch in der künstlerische Auseinandersetzung  bekannte Themen. Wie notwendigerweise vielschichtig die Auseinandersetzung mit diesen Koordinaten vor dem Hintergrund sich rasant verändernder technischer Möglichkeiten und sozialer Umstände ist, zeigen derzeit zahlreiche Künstler und Ausstellungen.

Dabei geht es von der Materialisierung von Gedankenräumen, wie bei Yves Netzhammer oder Heimo Zobernig, über die Flucht in virtuelle Welten als erlebbare Alternative, wie bei Jon Rafman, oder die Auseinandersetzung mit der (notwendigen) Flexibilität / ‚Liquidität‘ der Identität, wie bei Lynn Hershman Leeson, bis zur Auflösung der Vergewisserungsqualität des Porträts an zahlreichen Beispielen in der Ausstellung ‚Mit anderen Augen – Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie‘ im Kunstmuseum Bonn (und mit einem etwas anderen Fokus in der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln).

Unser Gesicht ist der im wörtlichen Sinne sichtbarste Ausdruck der Persönlichkeit, eine extrem detaillierte Karte unserer Individualität. An ihm sind aber auch Prozesse und Effekte ablesbar, die Alterung, Lebensumstände und Stimmungen mit sich bringen und auf die eine Einflussnahme nur in Grenzen möglich ist.

Ein Gesicht zu (er)kennen bedeutet immer auch, viel von dem Menschen zu wissen, der es trägt – ihn zu erkennen. Ein wichtiges, ein teures Gut.

 

Zum Porträt in der Kunst heißt es in der Begriffsdefinition:

‚Das Porträt soll neben der physischen Ähnlichkeit auch die Persönlichkeit, die subjektive Empfindung oder die konkrete psychosoziale Situation des wiedergegebenen Menschen charakterisieren. Deshalb erfährt das Gesicht im P. besondere Beachtung.‘ (Reclam, Lexikon Kunstwissenschaft, Hundert Grundbegriffe)

Ob face swap oder Porträt in der Kunst:

Porträts erzählen also Geschichten. Sie sind aus sich heraus nie der Schlüssel zur Wahrheit über eine Person. Sie sind inszenierte Realität oder Schauspiel.

Gerade das hat mich an ihnen immer schon fasziniert: der Blick in die Augen, die Gesichter, auf die Körper einer dargestellten Person und dabei die Notwendigkeit, den eigenen Blick und den, der einem entgegengeworfen wird, zu hinterfragen. Sowohl in der Malerei als eben auch in der Fotografie gibt es hinlänglich Beispiele für diese Idee der Inszenierung, Verfremdung, Umdeutung, für das Schauspiel im Bild.

Die Ausstellung ‚Mit anderen Augen – Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie‘ widmet sich der künstlerischen Entwicklung und den Ausdrucksformen der Porträtfotografie in der Gegenwartskunst. Gezeigt werden Werke von Künstlern wie Katharina Bosse, Dunja Evers, Annette Kelm, Peter Piller, Timm Rautert, Thomas Ruff, Michael Schmidt, Thomas Struth, Wolfgang Tillmans, Christopher Williams, Tobias Zielony u.a.m..

Im Rundgang durch die Ausstellungsräume wird dabei der Titel ‚Mit anderen Augen‘ zum programmatischen Leitgedanken. Von ihm kann man sich dabei tatsächlich führen lassen oder ihn als Anlass für einen eigenen Blick nehmen.

Thomas Struth, Alte Pinakothek, Selbstportrait, München 2000, C-Print © Thomas Struth

Thomas Struth, Alte Pinakothek, Selbstportrait, München 2000, C-Print © Thomas Struth

Ich habe nach mehreren Gängen durch die Ausstellung bemerkt, dass mich der Weg immer wieder zu einem Werk zurückgeführt hat, dass mir den Leitgedanken – meinen Leitgedanken – offenbart hat:

Zum ‚Selbstporträt‘ von Thomas Struth aus dem Jahr 2000.

Dieses Porträt ist Reflexion, Umdeutung und Weiterdeutung des Porträtbegriffs. Es zeigt nicht nur ein Abbild, ein Selbstbild des selbstbewussten Albrecht Dürer in der Pose des Christus, es zeigt auch Thomas Struth, den Fotografen des Selbstbildes, als Rückansicht in seinem eigenen Werk, in einer klassischen Pose also, vor allem aber mit dem Blick auf Dürer.

Struth inszeniert sich vor einer Inszenierung und es lässt sich nicht auflösen, ob der Titel des Bildes Bezug auf Dürer oder den Fotografen selbst nimmt. Ein Selbstporträt in einem Selbstporträt, in dem der porträtierende Fotograf die Perspektive des Museumsbesuchers einnimmt, nicht aber seinen Standpunkt.

‚Verortung des Menschen in der Gesellschaft‘ bedeutet in diesem Zusammenhang auch die Verortung des Künstlers im Kanon der Kunstgeschichte, hier mit einem gehörigen Maß an Selbstsicherheit und einer ausgewählten Selbstvergewisserung.

Für mich als Betrachter bedeutet dieser Blick ‚mit anderen Augen‘ also immer auch die Betrachtung des Werkes als anderer Blick auf die Stellung des Künstlers.

Wolfgang Tillmans, Domestic scene, Remscheid, 1991, C-Print; Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln

Wolfgang Tillmans, Domestic scene, Remscheid, 1991, C-Print; Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln

Wolfgang Tillmans’ ‚Domestic scene, Remscheid‘ (1991) ist die humorvolle und tiefgründige  Auseinandersetzung mit dem Blick des Künstlers und eine Fotografie, die den Betrachter als Teilnehmer in die Geschichte einlädt. Die Ähnlichkeit zur Arbeit von Struth ist dabei augenscheinlich: Porträt einer Rückansicht vor gemaltem Porträt. Dass es hier aber nicht um die Stellung des Fotografen als Künstler in einer bestimmten Tradition geht, wird ebenso deutlich.

Der dargestellte Raum ist nicht nur dem Titel nach kein musealer. Hier wird vor den Porträts gearbeitet, der Haushalt geführt, hier werden Alltagsaufgaben erledigt. Das Porträt wird zu einer Referenz der sozialen Situation. Die Dargestellte und die Dargestellten teilen diese Gemeinsamkeit, jedoch sichtbar mit unterschiedlicher Ernsthaftigkeit zum Zeitpunkt der Darstellung. Wolfgang Tillmans ist sich selbstverständlich der Stellung seiner Arbeit im kunsthistorischen Kontext bewusst; für sein Porträt aber steht die Veränderung des sozialen Umfelds, in dem seine Arbeit stattfindet, im Vordergrund. Mir scheint es so, dass das Paar fast schon entsetzt und anklagend aus den Porträts heraus auf die Situation blickt, die sich ihm bietet und damit auf diese Veränderungen zu reagieren scheint.

‚Mit anderen Augen‘ sehen bedeutet also immer auch, die Veränderung des künstlerischen wie des betrachtenden Blickes auf ein Thema oder einen Gegenstand im Laufe der Zeit wahrzunehmen.

Clegg & Guttmann, Group Portrait of Bundesministers, 2000, 113 x 169 cm; Courtesy Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln

Clegg & Guttmann, Group Portrait of Bundesministers, 2000, 113 x 169 cm; Courtesy Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln

In den Gruppenporträts des Künstlerduos Clegg & Guttmann verbinden sich die Auseinandersetzung mit der Stellung des Künstlers und die Veränderungen von Thema und Gegenstand im Laufe der Zeit.  Sie wollen – so ihre Selbstauskunft im Katalog – ihre Werke einerseits als Auftragsarbeiten verstanden wissen – wobei ein konkreter Auftrag oder seine Ablehnung keine Rolle für die Durchführung spielt – anderseits aber mit den Dargestellten nur einen ‚Genotyp, die Ahnenreihe von Menschen ihrer Herkunft‘, abgebildet sehen. Ebenso verhält es sich ja z.B. mit dem ausgestellten Werk ‚Group Portrait of Bundesministers‘ (2000), das seine Anlehnung an Gruppenporträts niederländischer Meister nicht verhehlt, dabei die Dargestellten aber der Anonymisierung durch die Zeit überlässt. Wenn man vor diesem Hochglanzporträt steht, und sich selbst darin spiegelt und erkennt, weiss man: ich bin ein Kind dieser Zeit, in der ‚Machtmenschen‘ so aussehen.

Annette Kelm, American Portrait, 2007, C-Print; Courtesy: die Künstlerin und Galerie Johann König, Berlin

Annette Kelm, American Portrait, 2007, C-Print; Courtesy: die Künstlerin und Galerie Johann König, Berlin

Noch einen Schritt weiter geht die Fotografin Annette Kelm mit ihren Porträts. Für sie rücken die abgebildeten Personen für die Bedeutung und das Gelingen eines Bildes so weit in den Hintergrund, dass sie sagt:

‚[Gelungen ist das Porträt dann] wenn die Person, die auf dem Bild zu sehen ist, auch als Platzhalter für etwas anderes stehen könnte, für eine Idee, eine Erinnerung, ein Zeichen, ein Symbol oder eine Aussage.[…] Gut und gelungen finde ich ein Bild, wenn sich die Person quasi im Bild auflöst […].‘

Die abgebildeten Personen sind also als reale Personen erkennbar, die menschliche Komponente der Individualität spricht ihnen die Künstlerin aber vor dem Hintergrund eines erweiterten Porträtbegriffs ab. In ihnen bleiben neben den Themen auch die Elemente der fotografischen Arbeit sichtbar, wie in diesem Fall die Fototapete, und verweisen auf Traditionen der Fotografie.

‚Mit anderen Augen‘ heißt demnach auch, sich als Betrachter von der direkten Erfahrung und Interpretation des Blickes zu lösen und die ausschließlich funktionale Rolle des Menschen als Bestandteil eines Porträts zu akzeptieren.

Jan Paul Evers, Ehepaar mit Hund, 2012, Silbergelatine-Abzug, 75,5 x 61,5 cm, Unikat, Copyright: Jan Paul Evers; Courtesy Galerie Max Mayer, Düsseldorf

Jan Paul Evers, Ehepaar mit Hund, 2012, Silbergelatine-Abzug, 75,5 x 61,5 cm, Unikat, Copyright: Jan Paul Evers; Courtesy Galerie Max Mayer, Düsseldorf

In diese Richtung zielen auch die Arbeiten von Jan Paul Evers. ‚Ehepaar mit Hund‘ (2012) etwa zeigt ganz offensichtlich Helmut und Hannelore Kohl mit einem Schäferhund. In der Weise, wie dieses Bild in schwarzweiss und grober Körnung wie ein deutlich älteres Dokument wirkt, drängt sich mir aber einerseits der Bezug zu Fotodokumenten, die Adolf Hitler, Eva Braun und ihren Schäferhund zeigen, auf. Andererseits wird aus der Kombination ‚Mann, ‚Frau‘, ‚Hund‘ ein Spiel mit einem Klischee, einer bestimmten Maske, die sich verallgemeinernd nutzen lässt und hinter der erkennbare Individuen oder vermeintliche Bezüge verschwinden.

Evers schreibt dazu im Katalog:

‚[…] ich lege Maske über Maske. Es entstehen somit Bilder von Bildern, die nicht von der Idee geleitet sind, den Charakter einer Person einzufangen.‘

Die Vorstellung des Porträts als Maske erinnert mich schließlich stark an den aktuellen Hype um ‚face swap‘, und belegt die Bedeutung der ‚psychoasozialen Situation‘ und  der ’subjektiven Empfindung‘ für ein Porträt.

‚Mit anderen Augen‘ bedeutet auch Anpassung, ‚Neue Augen‘ und die Suche des Menschen nach einem vermeintlichen Idealzustand oder zumindest einer selbstgewählten Wahrheit im Porträt zu offenbaren.

Sabrina Jung, Aus der Reihe: Schöne Frauen, 2011

Sabrina Jung, Aus der Reihe: Schöne Frauen, 2011

Sabrina Jung greift mit ihren Porträts aus der Reihe ‚Schöne Frauen‘ (2011) diese Idee auf. Die Künstlerin montiert die ausgeschnittenen Gesichter von Models auf die Gesichter alter Porträtfotografien. Aus der Selbstvergewisserung traditioneller Porträts wird durch Gesichtertausch endgültig Selbsttäuschung.

Wer sind wir und was macht uns aus? Wer möchten wir sein und wie inszenieren wie uns?

Das Porträt kann uns nicht zuletzt auch unsere Eitelkeit vor Augen halten.

‚Mit anderen Augen – Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie‘ präsentiert das Medium auf der Höhe der Zeit, wenn es darum geht, mit Erwartungen zu spielen, aus Erfahrungen zu lernen, Hoffnungen zu wecken, Sehgewohnheiten zu hinterfragen und dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten.

Die mit dem Kurzführer angebotene thematische Führung durch die Ausstellungsräume schafft eine hervorragende Orientierung zu diesem Ziel und die gezeigten Positionen erlauben einen umfassenden Überblick über die künstlerischen Positionen.

Zur Vorbereitung und/ oder zur vertiefenden Auseinandersetzung empfehle ich darüber hinaus einen Besuch der Website zur Ausstellung unter http://www.mit-anderen-augen.info/.

‚Mit anderen Augen – Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie‘, bis zum 8. Mai im Kunstmuseum Bonn, Di bis So 11.00 – 18.00 Uhr, Mi 11.00 – 21.00 Uhr

Bei Snoeck ist ein Katalog mit ausführlichen Essays zum Thema und Interviews mit den Künstlern beider Ausstellungsorte erschienen.

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