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‚Magie und Macht‘ im Marta Herford ist eine dieser seltenen Ausstellungen, die gar nicht lange mit der Erwartungshaltung des Besuchers spielen, sondern in der Auswahl der gewählten Werke und der damit einhergehenden Auseinandersetzung mit einem Thema, eine überzeugende Leichtigkeit an den Tag legen.

Und ich möchte das bitte ausdrücklich als positives Votum verstanden wissen, allemal, weil gerade zeitgenössische Kunst in der Art und Weise, in der sie sich zeitgeschichtlichen oder gesellschaftlich relevanten Themen widmet, eben nicht immer von einer Zugänglichkeit oder Durchlässigkeit geprägt ist.

‚Magie und Macht‘ verknüpft im wortwörtlichen Sinne die märchenhaft romantische Vorstellung vom fliegenden Teppich mit der negativen Konnotation des Begriffs ‚Drohne‘ als ebenfalls und wie von Geisterhand fliegendem Objekt.

MartaHerford_MagieundMacht_2016_Cierpiszewski_Vader_2016_Panamarenko_Deltavliegtuig_1975_Foto_Hans-Schröder

Ausstellungsansicht im Marta Herford: Im Vordergrund: Panamarenko, Deltavliegtuig P-1 (Piewan), 1975, Aluminium, Holz, Plexiglas, Gummi, Metall. Collection S. M. A. K., Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Ghent. Im Hintergrund: Wandmalerei von Tim Cierpiszewski, VADER, 2016, Wandarbeit, Acryl. Produziert mit Unterstützung des Marta Patronatsfonds für neue Kunst Foto: Hans Schröder, Marta Herford

Magie und Macht lassen sich dabei auf beiden Seiten verorten. Denn so, wie der fliegende Teppich Machtsymbol war, so ist es heute die Drohne und so, wie der Teppich durch Magie zum fliegen befähigt wurde, bleibt die Steuerung der Drohne zumeist unsichtbar, ja absichtlich verborgen.

Und Magie und Macht sind, wie Drohne und fliegender Teppich, Instrumente zu einem bestimmten Ziel: Sie dienen Überwachung und Machterhalt.

Im Wissen um diese Kraft gewinnt die geopolitische Einordnung des Themas an Bedeutung.

Gerade dort, wo 1001 Nacht von den märchenhaften Begebenheiten erzählt, wo diese Magie und damit der fliegende Teppich seinen Ursprung hat und König Salomon als weisem, gerechtem und vermittelndem Herrscher nutzbar war, gerade dort also, wo der fliegende Teppich Teil einer einladenden und phantasievollen Welt war, bestimmen heute die militärischen Instrumente der Überwachung über Leben und Tod.

Drohnen fliegen als Boten einer unmittelbaren oder zukünftigen Gefahr über die Länder und Menschen. Sie sind die Boten einer fremden Macht, die ihre zerstörerische Botschaft zumeist unentdeckt oder indirekt überbringen. Allemal sind sie ‚Invader‘, Eindringlinge, die sich ganz offensichtlich nicht um Grenzen welcher Art auch immer kümmern. Sie sind die maschinengewordenen ‚Vader‘, die dunkle Seite der Macht, der Tim Cierpiszewski mit seinem Wandbild gleichen Namens Struktur gibt. So wie sich Drohnen ihr scharfes Bild von den Gegebenheiten aus der Ferne machen, so wird auch diese Schrift erst aus der Entfernung lesbar und dann, wenn wir uns vergewissert haben, ist es auch schon zu spät. Dem Schrecken der Erkenntnis folgt der Schrecken der Zerstörung häufig direkt nach.

Gegen die unerkannte Überwachung hilft vielleicht nur die Möglichkeit, sich selbst unkenntlich zu machen. Die militärische Waffe der Stealth Technologie wird zum zivilen Instrument der Tarnung. Tatsächlich möchte Adam Harvey seine ‚Stealth Wear‘ als Möglichkeit der ästhetischen Auseinandersetzung mit Überwachung verstanden wissen. Dem zugrunde liegt allerdings meinem Eindruck nach auch die tief verstörende Erwartung – wenn nicht gar bereits Akzeptanz – einer umfassenden, und die Lebenswelten der Zivilgesellschaft nachhaltig störenden Kontrolle durch diese Form der Überwachungsinstrumente. Es geht nicht mehr allein um militärische Ziele, sondern um die Alltagswelt.

Ruben Pater Drone Survival Guide, 2014 Druck auf Aluminiumpapier, 72 x 102 cm © der Künstler

Ruben Pater
Drone Survival Guide, 2014
Druck auf Aluminiumpapier, 72 x 102 cm
© der Künstler

Wer und was da eigentlich aus der Luft beobachtet, vermittelt der ‚Drone Survival Guide‘ von Ruben Pater, der, einem vogelkundlerischen Tableau gleich, die Silhouetten von Drohnen samt Namen, Ursprungsland und Fähigkeiten aufzeigt. Der Betrachter soll so befähigt werden, die eventuelle Gefahr einer bestimmten Drohne für Leib und Leben beurteilen und Gegenmaßnahmen ergreifen zu können, die sein Überleben sichern. Diese Idee ist dabei nicht weniger zynisch als die sprechenden Namen zahlreicher dieser Maschinen. In welchem geopolitischen Umfeld dieser ‚Survival guide‘ zum Einsatz kommen soll oder könnte, zeigt sich nicht zuletzt durch die zusätzliche arabische Beschriftung.

Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Macht und Magie am Beispiel von fliegenden Teppichen und Drohnen kann dabei die religiöse Komponente nicht außer Acht lassen und muss auf den unterbrochenen Dialog zwischen den Religionen verweisen. Es geht, wie bei Magie und Macht, also immer auch um ein Unverständnis in der Beurteilung der Ursachen und Zusammenhänge.

Slavs and Tatars PrayWay, 2012 Seide, Wolle, Stahl, MDF, Neon, 50 x 390 x 280 cm. © die Künstler Courtesy die Künstler und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin Foto: Benoit Pailley

Slavs and Tatars
PrayWay, 2012
Seide, Wolle, Stahl, MDF, Neon, 50 x 390 x 280 cm.
© die Künstler
Courtesy die Künstler und Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin
Foto: Benoit Pailley

‚PrayWay‘ von Slavs and Tatars nimmt Elemente des Unverständnisses auf und verbindet sie gleichsam mit der Einladung zu einem Dialog. Ich sehe einen Teppich, der in seiner Lage auf dem Boden einerseits den Eindruck eines, vielleicht in Start oder Landung befindlichen, fliegenden Teppichs macht, dessen Form aber andererseits auch dem Lesefaltpult im islamischen Orient nachempfunden ist. Außerdem ist dieser Teppich eben gerade nicht abgehoben, sondern einladend wie die Teppiche in orientalischen Teestuben. Wissen durch Aneignung und Dialog: eine magische Macht.

Vielleicht führt dieses Wissen ja dazu, dass wir die Gesetze der Abhängigkeit und der Gravitation überwinden können und selbst zu den magischen Vehikeln werden.

Li Wei Beyond Gravity #6, 2010 C-Print auf Dibond, 150 x 100 cm © der Künstler Courtesy Galerie Paris-Beijing, Bruxelles/ Paris

Li Wei
Beyond Gravity #6, 2010
C-Print auf Dibond, 150 x 100 cm
© der Künstler
Courtesy Galerie Paris-Beijing, Bruxelles/ Paris

 

Der chinesische Künstler Li Wei setzt sich mit dieser Vision in ‚Beyond Gravity‘ auseinander. Und für ihn hat diese märchenhafte Idee einer absoluten Freiheit des Körpers eine wortwörtliche Tragweite, die eine allein traumhafte und abenteuerliche Auseinandersetzung mit dem Wunsch nach Freiheit weit hinter sich lässt: im Kontext der politischen Situation seines Heimatlandes – und übertragbar auf alle Staaten, in denen die Freiheit des Individuums beschnitten wird – ist der Wunsch nach selbstbestimmter Entfaltung, danach, die Gesetze der Gravität zu überwinden um die Freiheit zu finden, so nachvollziehbar, wie er derzeit Illusion ist.

Magie und Macht werden nie mehr zurückkehren in die unschuldige Hülle einer märchenhaften Welt. Die Zeiten, in denen wir in fliegenden Teppichen die fantasievollen Vehikel einer friedlichen Welt vermuten durften, sind passé, sobald unser Bild von ihnen von den Bildern der realen Welt überdeckt wird. Aus Teppichen werden Kampfflugzeuge, Teppiche zerschellen an der Wand, werden von dutzenden Pfeilen durchbohrt, bleiben reine Projektionsfläche oder sind sich selbst die Anleitung zum Bau fliegender Teppiche.

Sie sind in ihrer künstlerischen Deutung so wandlungsfähig und sprechend wie Drohnen zielorientiert und stumm sind. Die Ausstellung in Herford zeigt auch diesen Unterschied einfach, doch beklemmend einleuchtend:

MartaHerford_MagieundMacht_Panamarenko_Deltavliegtuig_1975_Foto_Hans-Schröder

Ausstellungsansicht im Marta Herford: Panamarenko, Deltavliegtuig P-1 (Piewan), 1975, Aluminium, Holz, Plexiglas, Gummi, Metall. Collection S. M. A. K., Stedelijk Museum voor Actuele Kunst, Ghent. Im Hintergrund: Fotografien auf Dibond von Jalal Sepehr aus der Serie Water and Persian Rugs, 2004, sowie aus der Serie Knott, 2011 Foto: Hans Schröder, Marta Herford

Weder für den zivilen noch für den militärischen Bereich lässt sich in Drohnen Magie erkennen. Da hilft keine aufgesetzt Clownsmaske, keine ‚Vermenschlichung‘ ihres Verhaltens durch ‚Drones Selfies‘. Drohnen sind und bleiben menschengemachte und durch Menschen gesteuerte Machtmaschinen, Überwachungskraken gleich wie der ‚Planet Space Rover‘ von Björn Schülke. Die Magie der Drohne, von der ich Anfangs im Zusammenhang mit dem fliegenden Teppich schrieb, bezieht sich also ausschließlich auf die Unsichtbarkeit ihrer Steuerung. Diese Unsichtbarkeit ist am Ende aber vielleicht nur Feigheit.

Die Ausstellung ‚Magie und Macht‘ im Marta Herford kann uns mit der Auswahl an Werken und in der Verbindung der Themen und Themenwelten eines vor Augen führen: genauso sicher, wie der Flug eines Teppichs immer unerklärlich, übermenschlich bleiben wird, ist eine Drohne immer von Menschen, also unsereins, gesteuert. Einzig das Zauberwort zur Steuerung bleibt der Kenntnis weniger vorbehalten und darin liegt die Gefahr.

Gut also zumindest, dass es Künstler gibt, die hinter Magie und Macht auch die Drohung und die Machtlosigkeit sehen und mit ihren Werken eindrücklich und einprägsam vermitteln.

Und gut, dass es Museen gibt, die dieser Betrachtungsweise, diesen Warnungen und Mahnungen, dieser Konfrontation mit den Irrwegen menschlicher Fehlkommunikation, einen Raum bieten. Es kann eben so einfach sein und so eindringlich zugleich.

„Magie und Macht – Von fliegenden Teppichen und Drohnen“ im Marta, Herford, bis zum 5. Juni 2016

Di–So und an Feiertagen 11–18 Uhr, jeden 1. Mittwoch im Monat 11–21 Uhr

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