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Was als Persönlichkeit wirkt, ist das Leuchten aller Möglichkeiten eines Charakters hinter seinen wirklichen und zufälligen Lebensäußerungen. (Arthur Schnitzler)

‚Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?‘ fragt der Philosoph und Publizist Richard David Precht im Titel eines seiner Bücher über die Geschichte der Philosophie.

Die Frage nach der eigenen Identität – oder besser: den eigenen Identitäten – stellt sich dabei allerdings nicht nur in einem eher verkopft daherkommenden, philosophischen Kontext, sondern tatsächlich und in jeder Lebenslage.

Lynn Hershman Leeson, Reach, 1986, Foto/©: Lynn Hershman Leeson

Lynn Hershman Leeson, Reach, 1986, Foto/©: Lynn Hershman Leeson

Identität als Summe der Möglichkeiten und als Ausdruck der Gegebenheiten zu verstehen offenbart schon eine grundlegende Entwicklungslinie in der Definition und Auseinandersetzung: wo die Möglichkeiten die Gegebenheiten ständig verändern, ist die Ausprägung der eigenen Persönlichkeit eine dauerhafte Anpassung an die Umstände, im besten Fall zusammengehalten vom Charakter.

Die Künstlerin Lynn Hershman Leeson gehört mit ihrem Oeuvre zu den Pionierinnen der künstlerischen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen gesellschaftlicher und damit auch technologischer Veränderungen und deren Wirkung auf die Definition von Identität.

Mit der Ausstellung ‚Liquid Identities – Identitäten im 21. Jahrhundert‘ unternimmt das Lehmbruck Museum Duisburg den Versuch, die Arbeiten von Lynn Hershman Leeson in Kombination mit Werken von Künstlerinnen und Künstlern wie Cindy Sherman, Mike Kelley, Laurie Simmons, Paul Thek oder Aram Bartholl als Spiegel der Veränderungen in der Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Identität‘ in der Kunst zu präsentieren.

Meiner Meinung nach ein gelungener Versuch!

Und das liegt vor allem an der überzeugenden Aktualität der Arbeiten von Hershman Leeson.

Ihre Arbeiten zeigen schon früh eine erschreckende Hellsichtigkeit im Bezug auf die Wechselwirkungen zwischen den Veränderungen der Medienwelt, deren Rezeption und den folgenden Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Lynn Hershman Leeson, TV Legs, 1985, ©/Foto: Lynn Hershman Leeson

Lynn Hershman Leeson, TV Legs, 1985, ©/Foto: Lynn Hershman Leeson

Hershman Leeson fordert den Betrachter heraus, den eigenen Standpunkt auch im Hinblick auf Geschlechterrollen zu hinterfragen. In der Idee von ‚Wir sind, was wir sehen‘ geht es um den verstärkenden Effekt einer medialen Konfrontation mit Geschlecht, Rolle, Klischee. Explizit erkennt die Künstlerin dabei die Frau und das Thema der ‚Weiblichkeit‘ als Subjekte eines notwendigen Diskurses.

Mit ‚Roberta Breitmore‘ erschafft sie schon in den 70er Jahren eine Person, die als ihr Alter Ego – oder besser: eine andere Persönlichkeit – ein künstlerisch dokumentiertes Alltagsleben führt. Was zunächst ‚nur‘ wie ein verschwinden wollen oder eine Umdeutung der eigenen Rolle in der Gesellschaft wirkte, endete schließlich in einer kompletten Aufgabe von Individualität durch deren Multiplikation: bis zu drei Schauspielerinnen übernahmen diese Rolle und wurden ‚Roberta Breitmore‘.

Lynn Hershman Leeson, Roberta Breitmore Construction Chart#1, 1975, C-Print, ©Lynn Hershman Leeson, Slg. Lehmbruck Museum

Lynn Hershman Leeson, Roberta Breitmore Construction Chart#1, 1975, C-Print, ©Lynn Hershman Leeson, Slg. Lehmbruck Museum

Cindy Sherman, Untitled Film Still #2, 1977, Silbergelatine, ©Cindy Sherman, Metro Pictures, Slg. Kunstmuseum Wolfsburg

Cindy Sherman, Untitled Film Still #2, 1977, Silbergelatine, ©Cindy Sherman, Metro Pictures, Slg. Kunstmuseum Wolfsburg

In ihrem Textbeitrag zur Ausstellungsbroschüre schreibt Hershman Leeson:

‚Von der Illusion der Selbstbestimmung haben wir uns verabschiedet. Früher haben wir angenommen, dass das Konzept einer Identität konstruiert werden kann. Eine Methode, das Selbst zusammenzusetzen, war die Kombination mehrerer traditioneller Identitätsfaktoren, wie Ausweise, Genehmigungen oder Blutproben. das genügt nicht mehr.‘

Die Arbeiten der Künstlerin nehmen im weiteren Verlauf einen deutlichen Bezug auf diese Veränderungen.

So setzt sie sich intensiv mit den technischen Komponenten zur Identitätsfindung und -definition auseinander. Der Computer als Ausdrucksmöglichkeit, Ausdrucksform und Ausdruck der Persönlichkeit rückt in den Fokus, und es stellt sich die Frage: verschwinden wir eigentlich wirklich in den sozialen Netzen, den digitalen Welten und den fiktiven Charakteren, oder verstärkt das Medium nicht nur die oben schon beschriebene Definition von Identität als Summe der Möglichkeiten und als Ausdruck der Gegebenheiten?

Hershman Leeson offeriert dazu frappierend aktuelle und eindringliche Antworten. ‚Liquid Identities‘ bedeutet für sie offensichtlich nicht nur die Veränderung der Identität, sondern auch die Veränderung der Verantwortlichkeit als Individuum. So, wie wir uns in allen uns zur Verfügung stehenden Räumen die Persönlichkeit erschaffen können, die wir dort sein möchten und in aller Konsequenz auch sind, so können wir auch unsere Rolle als Akteure oder Beobachter analysieren und bestimmen.

Unser Blick auf und in die Welt ist also immer auch ein Blick in den Spiegel, der uns unsere eigenen Handlungsmaxime vorhält. Hershman Leesons Arbeiten zeigen den Menschen, den Ausstellungsbesucher, den Betrachter auch als den Voyeur, der er sein kann wenn die Umstände es zulassen.

Lynn Hershman Leeson, CyberRoberta, 1995-1998, Fotograf: Henning Rogge, Deichtorhallen Hamburg, © Lynn Hershman Leeson, Slg. Falckenberg

Lynn Hershman Leeson, CyberRoberta, 1995-1998, Fotograf: Henning Rogge, Deichtorhallen Hamburg, © Lynn Hershman Leeson, Slg. Falckenberg

Hier also endet die Selbstbestimmung: auf welcher Seite wir auch stehen, wir werden beobachtet und diese Beobachtung verändert uns. So sehr wir in den technologischen Entwicklungen der Vergangenheit auch eine Demokratisierung des Wissens und eine Globalisierung des Egos gesehen haben, so sehr erscheinen wir inzwischen eher als gefühlte Opfer eines Überwachungssystems in dem unsere Individualität verloren zu gehen droht.

Gerade an dieser Stelle verbindet die Ausstellung auf überzeugende Weise die Arbeiten Hershman Leesons mit aktuellen Positionen einer jungen Künstlergeneration, die sich in ihren Werken in erster Linie mit den Bedrohungen und der Formlosigkeit einer liquiden Identität in der Welt z.B. sozialer Netzwerke auseinandersetzt.

Von der selbstbestimmten Definition der eigenen Identität über die Multiplikation derselben und schließlich die Um- und Neudefinition in virtuellen Räumen mit dem deutlichen Hinweis auf den Verlust der Handlungsfähigkeit, reichen die Arbeiten von Lynn Hershman Leeson schließlich bis zu einer hochaktuellen Auseinandersetzung mit den Gefahren und Möglichkeiten einer genetischen Manipulation.

Lynn Hershman Leeson, The Infinity Engine, 2015, Modern Art Oxford, Foto: Andy Stagg, © Lynn Hershman Leeson

Lynn Hershman Leeson, The Infinity Engine, 2015, Modern Art Oxford, Foto: Andy Stagg, © Lynn Hershman Leeson

Wie verändert sich Identität im Zeitalter von Bioprinting oder programmierbarer DNA? Muss uns diese Welt als notwendige Konsequenz aus der Erfahrung und Erfahrbarkeit der liquiden Identität erscheinen? Das alles was gedacht werden kann, irgendwann auch gemacht werden wird, offenbart ganz offensichtlich das Dilemma der Identitätsfindung: wo keine Grenzen des Machbaren mehr erkennbar sind, verschwindet der Charakter hinter den Möglichkeiten.

‚Lynn Hershman Leeson – Liquid Identities‘ beweist eindrucksvoll, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit den Wechselwirkungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse ein wichtiger Impuls für eine intensive Beschäftigung mit dieser Thematik in den individuellen Alltagswelten sein kann und sein sollte.

Wenn wir Kunst nicht – wie auch die Philosophie – als abgehobene und realitätsferne Diskursplattform verstehen, sondern hier wie dort auch die innewohnende menschliche Schaffenskraft sehen, kann ja vielleicht auch der Weg aus der gefühlten aber selbstbestimmten Opferrolle gelingen.

P.S.: Die Dollie Clones (CybeRoberta – die puppegewordene Roberta Breitmore (s. Abbildung oben) – und Tilli, the Telerobotic Doll) sind alles andere als süßes Kinderspielzeug. Sie sind Überwachungsapparate und beweisen: über unser Bild von uns selbst haben wir doch schon längst die Kontrolle verloren. Wir sind die besorgten Eltern, die ihre Kinder immer im Blick behalten möchten, egal wo wir sind. Voyeurismus unter dem Deckmantel der Aufsichtspflicht? Von zu Hause aus lässt sich ganz unverhohlen anonym ein Blick durch Puppenaugen wagen: www.lynnhershman.com/cyberoberta/ und www.lynnhershman.com/tillie

‚Lynn Hershman Leeson – Liquid Identities. Identitäten im 21. Jahrhundert’‚ im Lehmbruck Museum, Duisburg, bis zum 5. Juni, Dienstag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr

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