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Hybris, Unterwerfung, Machtstreben, Ausnutzung, Überlebenswille, Schaffenskraft, Genie: that´s politics.

Thomas Struth zeigt mit seinen aktuellen Arbeiten die Willensstärke und -kraft des Menschen, die sich in einer prozesshaften Auseinandersetzung mit den natürlichen oder menschengemachten Gegebenheiten in Maschinen, Instrumenten, Anlagen und Experimenten manifestiert.

Seine zumeist großformatigen Fotografien, von denen 34 jetzt in der Ausstellung im Museum Folkwang gezeigt werden, sind auf der einen Seite die beeindruckenden Dokumente der technischen und gedanklichen Fähigkeiten des Menschen als Erfinder, Entdecker, Ingenieur, Wissenschaftler, Krieger, zum anderen aber vor allem Ausdruck einer tief sitzenden Unsicherheit.

Diese Unsicherheit stellt Fragen: Wer bin ich? Welche Rolle spiele ich? Bin ich alleine? Sind wir alleine? Was wird aus mir? Wo will ich hin?

Diese Unsicherheit ist auch der Verletzlichkeit geschuldet, der Menschen unterworfen sind – bis hin zur unumstößlichen Tatsache der Sterblichkeit.

In diesen Fotografien von Thomas Struth ist der Mensch nur noch durch seine Abwesenheit anwesend, oder er wird reduziert auf seine Abhängigkeit oder zur Veranschaulichung eines Maßstabs. Dort wo er nicht ist, bleibt das, was er geschaffen hat einsam zurück. Dort wo er ist, ist er einsam und klein.

Aquarium, Atlanta, Georgia 2013 Chromogenic Print, 207,5 x 357,0 cm Museum Folkwang Essen © Thomas Struth

Aquarium, Atlanta, Georgia 2013
Chromogenic Print, 207,5 x 357,0 cm
Museum Folkwang Essen
© Thomas Struth

Die Ausstellung eröffnet mit ‚Aquarium, Atlanta, Georgia 2013‘.

Von all den großen Maschinen und Instrumenten, die dem Betrachter im Laufe des Rundgangs hier erwarten, ist diese ‚Menschenmaschine‘ vielleicht die nahbarste. Der Effekt ist hier, vor einer Fotografie, ebenso verblüffend wie bei einem tatsächlichen Aquariumsbesuch: Ehrfurcht und Erstaunen.

Die Frage bleibt: wovor/worüber?

Zunächst erscheint es , als würde uns nur eine Scheibe von der sichtbaren Natur jenseits trennen. In Wahrheit aber trennen uns Welten davon: Nichts auf der anderen Seite der Scheibe ist Natur. Nur ‚natürlich‘, eben das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dieser Natur. Das ist ‚Nature and Politics‘. Und dann ist da noch der Fotograf, der mit seinem Bild eine Wirklichkeit erschafft, die Künstlichkeit im Sinne von ‚Kunst‘ ist. Zwei Ebenen der Betrachtung, zwei Ebenen der Sehnsucht, zwei Ebenen der Realität.

Nur durch eine Scheibe getrennt sind Betrachter und Fotograf auch von unerklärlichen Vorgängen in ‚Chemistry Fume Cabinet, The University of Edinburgh 2010‘.

Chemistry Fume Cabinet, The University of Edinburgh 2010 Inkjet Print, 120,5 x 166,0 cm © Thomas Struth

Chemistry Fume Cabinet, The University of Edinburgh 2010
Inkjet Print, 120,5 x 166,0 cm
© Thomas Struth

Zunächst, und aus der Entfernung, wirkt alles eher wie das fröhliche Standbild eines Kindergeburtstags mit bunten Ballons auf einem Tisch.

Jeder Schritt näher entfernt den Betrachter weiter von der nachvollziehbaren Realität.

Die Party wird zum Labor, die Ballons zu Gasblasen, die Kritzeleien sind keine Glückwünsche mehr, sondern Formeln, chemische Modelle, wissenschaftliche Fragestellungen.

Für den Laien werden benennbare Gegenstände zu undechiffrierbaren Objekten und dem nervös Suchenden bleibt nichts als Ruhe in der Akzeptanz zu finden.

Die Frage, wohin das alles führen mag (und natürlich vor allem die, wofür das alles gut sein soll) bringt einen nicht weiter.

Die Fotografien in ‚Nature & Politics‘ beweisen das. Sie sind alle Darstellung eines Status Quo. Es geht nicht darum, die Bohrinsel, das Kino, das Spaceshuttle, die Roboter, die chirurgischen Geräte als nutzbare Objekte in die Zukunft weiterzudenken. Das Foto definiert einen Punkt als Endpunkt einer Schaffenskraft zu diesem Ziel.

Tokamak Asdex Upgrade Periphery, Max Planck IPP, Garching 2009 Inkjet Print, 109,3 x 85,8 cm © Thomas Struth

Tokamak Asdex Upgrade Periphery, Max Planck IPP, Garching 2009
Inkjet Print, 109,3 x 85,8 cm
© Thomas Struth

Dem Fotografen wie dem Betrachter werden Weg und Ziel der Leitungen und Kabel in ‚Tokamak Asdex Upgrade Periphery, Max Planck IPP, Garching 2009‘ vermutlich ewig fremd bleiben. Wir erkennen das menschliche Genie hinter diesem vermeintlichen Wirrwarr und der Name der Maschine verspricht große Taten. Aber auch hier sind wir aussichtslos zurückgelassen.

Was möchte ich erreichen?

Der Mensch erschafft die Maschine nach seinem Vorbild, insofern er Prozesse des menschlichen Körpers skaliert und den Größenordnungen eines gewünschten Ergebnisses anpasst. Nerven, Muskeln, Gelenke…. Alles findet sich wieder in den Apparaturen.

Und was er an sich nicht findet, bietet vielleicht die Natur mit ihren unvorstellbar unendlichen Kräften und Fähigkeiten.

Das Monster Maschine ist Frankensteins Monster, nicht ohne seinen

Hot Rolling Mill, ThyssenKrupp Steel, Duisburg 2010 Chromogenic Print, 181,0 x 212,0 cm © Thomas Struth

Hot Rolling Mill, ThyssenKrupp Steel, Duisburg 2010
Chromogenic Print, 181,0 x 212,0 cm
© Thomas Struth

Erschaffer und seine Schaffenskraft zu denken, und doch Ausdruck von Unkontrollierbarkeit und Seelenlosigkeit, wie ‚Hot Rolling Mill, ThyssenKrupp Steel, Duisburg 2010‘.

Und zur Unterhaltung gibt es noch die Orte des Grusels, die Schatzhöhlen, bewacht von Monstern und Schlangen, Geisterbahnen in den Vergnügungsparks (oder auch die Kinos), die wir uns schaffen, weil die Furcht vor der selbstgeschaffenen Realität in diesen Räumen eine unheimliche Transformation erlebt zu einem vergnüglichen Kribbeln. Wir fahren gerne ins ‚Verderben‘, wenn wir wissen, dass es keines ist. Und dafür müssen die Monster ihre Zähne gezogen bekommen. Sie sind

für nichts gut als für den Moment. Menschengemacht und dem Menschen ein Wohlgefallen, vollgepackt mit Klischees, überladen, unnütz und nur so zu ertragen, wie in ‚Ride, Anaheim 2013‘.

Ride, Anaheim 2013 Chromogenic Print, 218,0 x 331,3 cm © Thomas Struth

Ride, Anaheim 2013
Chromogenic Print, 218,0 x 331,3 cm
© Thomas Struth

‚Nature & Politics‘ – Natur und ihre Nutzung für politische Zwecke. Der Mensch zieht Grenzen, willkürlich dort, wo die Natur diese mit Flüssen oder Bergketten nicht selbstständig schafft, er schafft Fakten. Thomas Struths Bilder aus dem Projekt ‚This Place‘ (2009-2012) zeigen die politische Dimension menschlichen Handelns in der Natur und mit der Natur. Sie zeigen die Wunden, die der Mensch der Natur und damit sich selbst zufügt. ‚Al-Ram Quarry, Kafr ‚Aqab, 2011‘ ist der bildgewordene Ausdruck für eine menschengemachte Ödnis auch im Geiste, der auch ein paar grüne Blätter auf der Dachterrasse nicht zur Umkehr gereichen.

Al-Ram Quarry, Kafr 'Aqab, 2011 Inkjet Print, 130,1 x 163,2 cm © Thomas Struth

Al-Ram Quarry, Kafr ‚Aqab, 2011
Inkjet Print, 130,1 x 163,2 cm
© Thomas Struth

Am Ende fühlt man sich ein wenig haltlos, hilflos, klein. Als Mensch, als Betrachter. So viele widerstrebende Eindrücke: Respekt, Ungläubigkeit, Unverständnis, Kuriosität, Freude, Leid… Was der Mensch dem Menschen erschafft, kann ihm alles sein: gut und böse, hilfreich und hinderlich, Fortschritt und Rückschritt. Es ist die unendliche Fantasie, die uns dazu beflügelt zu erschaffen und zu zerstören, zu reisen und zu verweilen, zu entdecken oder eben einfach durchzuatmen.

Am Ende – oder am Beginn, wählte man den anderen Eingang – erwartet uns alle der Blick in die Unendlichkeit der Natur, ein weiter Horizont, nur Erde, Wasser, Luft. Allein, dieser Meerblick heißt ‚Seestück‘ und zwingt uns zur Umdeutung. Die erhoffte Freiheit ist nicht mehr da, der Ausschnitt verkleinert sich, die Grenzen sind definiert. Vielleicht ist dieses ‚Seestück‘ ein ‚Sehstück‘ in dem Sinne, dass es es inszenierte Sichtbarkeit ist – Fotografie eben. Vielleicht ist auch hier nichts wie es scheint. Ist das mehr oder weniger Realität als das Aquarium? Und wer bestimmt die Realität?

Seestück, Donghae City 2007 Chromogenic Print, 167,5 x 212,2 cm © Thomas Struth

Seestück, Donghae City 2007
Chromogenic Print, 167,5 x 212,2 cm
© Thomas Struth

Thomas Struth sagt: „Ich wollte den Prozess der Imagination und Fantasie untersuchen. (…) Es geht mir darum, wie etwas, das zuvor nur ein Gedanke war, sich materialisiert und Teil der Wirklichkeit wird. ‚Sich etwas ausmalen‘, dieser Ausdruck beschreibt ja schon die Möglichkeit des Gehirns, in Bildern zu denken.“

Diese Ausstellung ist eine meisterhafte Demonstration der aufwühlenden, verwirrenden, konstruktiven und destruktiven Kraft der Imagination und des menschlichen Willens. Wer sich ein wenig die vermeintliche Sicherheit des Alltags erschüttern lassen will, sollte in die Natur dieser Fotografien eintauchen und die Wirklichkeit hinterfragen. Denn auch dazu sind wir Menschen fähig.

‚Thomas Struth – Nature & Politics‘ im Folkwang Museum Essen, bis zum 29. Mai 2016

Di, Mi 10 – 18 Uhr Do, Fr 10 – 20 Uhr Sa, So 10 – 18 Uhr Feiertage 10 – 18 Uhr

Der großartige, aber mit 45€ ziemlich teure Katalog (ISBN 9781910164471) mit Texten von Dirk Baecker, Tobia Bezzola und D. Graham Burnett ist bei MACK erschienen.

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