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Vor einiger Zeit habe ich mir ein Buch von Le Corbusier gekauft. ‚Städtebau‘ heisst es und ist 2015 zum 50. Todestag des Architekten als Reprint der Originalausgabe von 1925 erschienen. Darin geht es – konkreten und utopischen Stadtentwürfen folgend – um nicht weniger als die Prinzipien moderner Stadtplanung. Mich hat allerdings weniger der Inhalt als eher die ‚Verpackung‘ zum Kauf verleitet und so stand es eben bis vor kurzem als schöner Rücken im Regal.

Le Corbusier, Étude pour 'Verres et bouteilles (avec vermillon)', 1928, Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Le Corbusier, Étude pour ‚Verres et bouteilles (avec vermillon)‘, 1928, Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Jetzt, zur Ausstellung ‚Le Corbusier – Zeichnen als Spiel‘ im Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster, erinnerte ich mich wieder daran. Das lag sicher auch nicht unerheblich daran, dass mir zuvor gar nicht bekannt war, dass Le Corbusier – den ich bis dato nur als Architekten kannte – tatsächlich seinen Arbeitsalltag zur gleichen Teilen der Architektur und der Kunst widmete. Wobei ich hier gleich einfügen muss, dass gerade sein Werk auch lehrt, dass diese Passionen kein Nebeneinander, sondern im besten Fall ein Miteinander sind.

In ‚Städtebau‘ schreibt er – vermutlich gar nicht einmal über die eigene Arbeit, aber wie ich finde doch sehr treffend auch über seine Kunst:

‚Die Arbeit des Verstandes addiert sich ohne Ende; ihre Kurve ist eine ansteigende; sie schafft das Werkzeug; man nennt dies Fortschritt. Die Leidenschaftsgefühle sind bleibend: sie sind niedrig oder hoch zwischen zwei Linien, an denen die Jahrtausende nichts geändert haben. Man kann die Behauptung wagen, dass die großen packenden Werke, die Kunstwerke, aus einem glücklichen Zusammentreffen von Leidenschaft und Wissen entstehen.‘ (Le Corbusier, ‚Städtebau‘, S. 41, Reprint der Originalausgabe, DVA 2015)

Ich glaube, Le Corbusier war ein leidenschaftlicher Mensch, der seine Kunstfertigkeit auf dem Fundament seines Wissens über die Strukturen, Abhängigkeiten, Ordnungen, Systeme und Rationalitäten von Lebenswelten gründen konnte.

Zeichnen war für ihn, so liest der Besucher auf dem Wandtext zu Biografie und Werk, Erkennen, Analysieren und Interpretieren zum Ergebnis einer Verinnerlichung. Was sich so kühl und berechnend anhört, ist in Wahrheit doch in erster Linie die Stärke des Architekten, der Wunsch, aus der Erkenntnis eines Raumes und über die Analyse der Notwendigkeiten zu einer künstlerischen, d.h. baukünstlerischen Interpretation zu gelangen.

In ‚Städtebau‘ schreibt Le Corbusier: ‚Das Auge sieht, das Gehirn registriert, das Herz schwingt mit: gleichzeitige Erscheinungen, die jeden angehen, den Rohling wie den Auserlesenen.‘ (S.52).

Der nächste Schritt, nämlich der zur ausschließlich der Leidenschaft folgenden Betätigung, erscheint da zwingend.

Gerade zu Beginn seiner künstlerischen Betätigung zeigen Le Corbusiers zeichnerische Arbeiten eine Rationalität, Klarheit und Statik, die in ihrer puristischen Anmutung Bauzeichnungen gleichen, zumindest aber eine Hervorhebung von Linien, Strukturen, Flächen und ‚technischen‘ Details  bedeuten, die er aus den sichtbaren Strukturen filtert.

Le Corbusier, Trois nus féminins allongés, 1935, kolorierte Zeichnung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Le Corbusier, Trois nus féminins allongés, 1935, kolorierte Zeichnung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Diesem Purismus folgt Le Corbusier bis zum Beginn der 20er Jahre, bevor die genannten Elemente schliesslich die sklavische Ordnung eines Grundrisses verlassen und sich Formen, Linien, Strukturen und Flächen in einer transparenten Überlagerung in Bewegung setzen und neue Formen und Umrisse schaffen, die den Betrachter und seine Sehgewohnheiten herausfordern und in meinen Augen im besten Sinne die oben genannte Kombination von Leidenschaft und Wissen sind.

Aus ‚Erkennen, Analysieren, Interpretieren‘ entwickelt sich konsequent ‚Bestätigung, Anregung, Mahnung‘.

So lautet die Überschrift des letzten Kapitels in ‚Städtebau‘, in dem es zu Beginn heisst:

‚Ich hatte diese Studie beendet. Mein Compagnon fragte mich: warum bringen Sie nicht zum Nachdenken eine vollkommene Muschel, das Schema des Blutkreislaufs, einen schönen Schnitt von einer Zentralheizung… Das Naturgeschichtsbuch, das ich mir kaufte, brachte mir die Bestätigungen, die Mahnungen, die Anregungen; Alles ist beruhigend, was vollkommen lebensfähig ist; alles funktioniert wunderbar, was bis ins kleinste durchgearbeitet ist. Ein Ganzes besteht aus unendlich vielen kleinen Teilen, die vollkommen sind, deren jedes selbst wieder ein Ganzes ist, ein auf das Wesentliche beschränktes System. […] Das Wunder liegt in der Exaktheit. Die Dauerhaftigkeit liegt in der Vollendung. […] Leben, leben! Wir ermessen seine Herrlichkeit, indem wir tief hinabsteigen in das Wesen der Dinge.‘ (S. 255)

Die Natur als Baumeister wird zum Vorbild für die Arbeiten Le Corbusiers. In der Ausstellung werden Muscheln und Steine aus seinem Besitz präsentiert und in direkte Verbindung zu Werken gesetzt, in denen sie als Motive auftauchen.

Le Corbusier, Nu féminin lisant, 1932, kolorierte Zeichnung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Le Corbusier, Nu féminin lisant, 1932, kolorierte Zeichnung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Bildelemente verschmelzen, eine Morphologie der Dinge, in der Neues aus Bekanntem entsteht, um eine Geschichte zu erzählen.

Konstruktion und Dekonstruktion, Natur und Schöpfung, Muschel und Weiblichkeit:

Gedachte und künstlerisch umgesetzte Verbindungen. Le Corbusier feiert die Perfektion der natürlichen Form auch durch die ‚Rückkehr zur weiblichen Geologie‘, wie es in der Ausstellung heisst.

Das Natürliche wird zum Bildelement und als solches der künstlerischen Veränderung unterworfen, dem Blick auf das ‚Wesen der Dinge‘. Die Zeichnungen, von den Studien bis zum ‚vollendeten‘ Bild,  dienen gleichsam als Beweis für die These von der Perfektion des Systems. Die Dinge lassen sich reduzieren, dekonstruieren, neu ordnen, versetzen oder in einen neuen Kontext setzen: ihre Integrität bleibt gewahrt, ‚Die Dauerhaftigkeit liegt in der Vollendung‘.

Und es überrascht auch nicht, dass viele Objekte und Subjekte der Arbeiten ab dem Ende der 20er Jahre auch dem Blick des Architekten standhalten. Sie lassen sich in der Dekonstruktion wieder zu Grundrissen minimieren – es wirkt wie ein Spiel mit den Möglichkeiten moderner Bildbearbeitung, bei der Kontraste, Umrisse, Farben, Linienstärken nach Belieben verändert werden. Dieses Spiel mit den Reglern moderner Möglichkeiten wirkt hier im Nebeneinander der Studien zu einem Motiv und ist eine sehr eindrückliche Bestätigung für Le Corbusiers Selbstreferenz:

‚Ich bin ein Akrobat der Form, ein Erschaffer von Formen, ein Spieler mit den Formen.‘

In diesem Anspruch erkennt man in der Ausstellung nicht zuletzt auch die Nähe zu prägenden Inspirationsquellen: Picasso und Légers.

Der Mensch als Landschaft, Weiblichkeit, Träume, Vergänglichkeit.

‚Le Corbusier – Zeichnen als Spiel‘ ist an diesem Ausstellungsort, wie auch schon zuvor im Musée Picasso, Antibes, eine wunderbare Präsentation des Nebeneinander und Miteinander zweier bedeutender Kunstschaffender des 20. Jahrhunderts.

Le Corbusier, Je rêvais, 1960, Zeichnung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Le Corbusier, Je rêvais, 1960, Zeichnung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Le Corbusier hat diese Inspiration vor allem in den Werken der 50er Jahre genutzt, indem er z.B. mit dem Minotaurus oder dem Stier auch von Picasso bekannte Themen übernahm und für sich weiterentwickelte. Die Tuschezeichnungen dieser Zeit, deren Wirkung vor allem durch die Einfachheit der Linienführung als reine Umrisszeichnung geprägt ist, greifen dabei, so mein Eindruck, bei aller Unterscheidung in den Themenwelten – Alltagsgegenstände vs. Mythologie und Figur – doch wieder zurück auf den künstlerischen Ausdruck der ‚puristischen Periode‘. Körper, Räume, Elemente überlagern sich. Anders aber als in den Werken der 20er Jahre erzählen diese Zeichnungen Geschichten und sind nicht mehr reine Abbilder von Gegenständlichkeit aus künstlerischer Perspektive.

‚Die Körperlichkeit des gebauten Bereichs ist der Ausdruck der Solidarität der drei wesentlichen Künste‘, wird Le Corbusier mit einem Wandtext zitiert.

Diese Solidarität heisst nicht Verharren in der Gewissheit einer Gemeinsamkeit. Sie bedeutet Aufbruch, Weiterentwicklung, Evolution und wenn es notwendig wird auch Revolution.

Le Corbusier, Femme debout, mains croisées sous la poitrine, ohne Datum, Bleistift und Pastellfarbe auf Papier © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Le Corbusier, Femme debout, mains croisées sous la poitrine, ohne Datum, Bleistift und Pastellfarbe auf Papier © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Fondation Le Corbusier

Die Ausstellung ‚Le Corbusier – Zeichnen als Spiel‘ im Kunstmuseum Pablo Picasso feiert zurecht einen zu unrecht vernachlässigten Aspekt im Werk des Architekten als integralen Bestandteil seines künstlerischen Lebens und in der erfahrbaren Auseinandersetzung mit Vorbildern.

Dafür muss man den Ausstellungsmachern als Besucher erneut sehr dankbar sein!

Einzig der Katalog will gestalterisch so gar nicht passen. Weder das Format noch die Bilddarstellungen oder die ausschließlich verwirrende Zweisprachigkeit, die Bild und Text immer wieder unpassend voneinander trennt, wollen dem Werk Le Corbusiers gerecht werden.

‚Le Corbusier – Zeichnen als Spiel‘ im Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster, bis zum 24. April 2016

Dienstag bis Sonntag und Feiertage: 10.00 bis 18.00 Uhr

 

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