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„Und kaum waren wir auch einige Schritte gegangen, so traten wir in einen majestätischen Tempel mit prächtigen Bogen, die auf schönen Pfeilern ruhten, welche die Hand des künstlichsten Baumeisters gebildet zu haben schien. Dieser unterirdische Tempel, woran keine Menschenhand gelegt war, schien mir in dem Augenblick an Regelmäßigkeit, Pracht und Schönheit, die herrlichsten Gebäude zu übertreffen. Voll Ehrfurcht und Erstaunen sah ich hier in den inneren Tiefen der Natur die Majestät des Schöpfers enthüllt, die ich in dieser feierlichen Stille, und in diesem heiligen Dunkel anbetete, ehe ich die Halle dieses Tempels verließ.“ (Carl Philipp Moritz, Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782, Berlin 1783)

Installation view, Austrian Pavilion, Giardini della Biennale, Venice, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Photo: Archive HZ

Installation view, Austrian Pavilion, Giardini della Biennale, Venice, 2015
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Photo: Archive HZ

Heimo Zobernigs Arbeit für die Reihe ‚Hier und Jetzt im Museum Ludwig‘ beginnt im österreichischen Pavillon der Kunstbiennale Venedig 2015. Die Räume des ‚White Cube‘ sind leer. Mit einem schwarzen Einbau ist die Decke abgesenkt und der Boden erhöht. Nur wenige Bänke stehen da im Raum – schlicht, weiss, einladende Skulpturen. Sonst ist da Nichts.

Installation view, Austrian Pavilion, Giardini della Biennale, Venice, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Photo: Archive HZ

Installation view, Austrian Pavilion, Giardini della Biennale, Venice, 2015
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Photo: Archive HZ

Ich kann mir gut vorstellen, wie der gestresste Besucher der Giardini dem Trubel hierher nur allzu gerne entflieht. Wahrscheinlich hat es im ersten Augenblick etwas Meditatives, dort zu sein. Vielleicht sprechen alle leiser, vor Ehrfurcht oder weil alle es tun oder weil der Raum ein Resonanzkörper ist, den man nicht anstimmen möchte.

Vielleicht aber auch, weil er doch ein Museum ist? Jedenfalls ein Ausstellungsort. Und nun ist er so leer wie sonst nur in den Wintermonaten zwischen den Biennalen.

Heimo Zobernig Untitled, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Photo: Rheinisches Bildarchiv Köln / Britta Schlier

Heimo Zobernig
Untitled, 2015
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Photo: Rheinisches Bildarchiv Köln / Britta Schlier

Heimo Zobernig hat sich sogar entschieden eine Skulptur, die er für diesen Ort angefertigt hatte, nicht aufzustellen. Der Raum bleibt sich selbst und dem Besucher überlassen und andersherum.

Ich kann mir auch vorstellen, dass er so wirkt wie eben jene Höhle, von deren Besuch Carl Philipp Moritz so ergriffen berichtet. Vielleicht würde ich die Wirkung nicht mehr mit solchen Trompeten und Posaunen beschreiben, die da einem Schöpfer huldigen, aber einige Begriffe würden da doch stehen bleiben: ‚Tempel‘, ‚Halle‘, ‚Bogen‘, ‚Pfeiler‘, ‚Regelmäßigkeit‘, ‚Stille‘, ‚Dunkel‘. Daraus wird schon erkennbar, dass es sich um einen Eingriff in die Architektur mit Mitteln der Architektur handelt. Es geht um Größenverhältnisse, Abmessungen, den Grundriss, Stilelemente. Alles in allem geht es ums die Wirkung des geschaffenen Raumes auf den Menschen oder besser: um die Bewusstwerdung der Wirkung von Raum auf den Menschen.

Für mein Gefühl aber hat Zobernig mit diesem Raum noch etwas gemacht, das man im Wortsinne ‚elementar‘ nennen kann: er hat den Raum den Elementen überlassen. Es bleibt ein glänzend schwarzer Strom erkalteter Lava, ausgewaschen in Jahrmillionen zu einer Höhle, die dort wo Licht in sie hereindringt einen Garten zulässt. Und wenn man diesen Raum betritt ergibt sich das ehrfurchtsvolle Verinnerlichen von allein. Bald aber steigt die Unruhe auf. Das wird dieselbe Unruhe sein, die man gerade vor der Tür noch dankbar abschütteln konnte. Die eines Ausstellungsbesuchers, der vielleicht in einer Höhle, wie sie die Natur geschaffen hat, seine Ruhe finden könnte, nicht aber in einem Raum wie diesem, gestaltet von Heimo Zobernig, Künstler aus Wien. Da fehlt doch was, denke ich.

Ich weiss ja von der Skulptur, sie ist ja hier im Katalog abgebildet und beschrieben! Und jetzt fehlt sie, dieser Teil des Werkes, dieser Bezug zu Geschichte und Ort.

Installation view, Kunsthaus Bregenz © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Photo: Kunsthaus Bregenz/Markus Tretter

Installation view, Kunsthaus Bregenz
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Photo: Kunsthaus Bregenz/Markus Tretter

Und während ich darüber nachdenke, warum das so ist, hat sich die schwarze Masse von der Decke des Pavillons gen Norden bewegt und sich mit allen Details, Öffnungen und Bögen an die Decke des Kunsthaus Bregenz gelegt. Sie hat dabei die eingezogene Glasdecke durchbrochen und entfernt, wie die Fenster und Türen in Venedig, und wie dort das Tageslicht ungehindert eindringen konnte, so leuchten nun hier eben Neonsonnen frei durch die Öffnungen einer neuen Deckschicht. Und die Skulptur ist da. Sie steht am Rand des Ereignisses, mit auf Brusthöhe erhobenen Armen. Ist das Verwunderung, Erstaunen, Abwehr, Willkommensgruß oder der Versuch den eigenen Körper als Maßstab zu nutzen?

Heimo Zobernig Untitled, 2016 Top view, CAD © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Archive HZ

Heimo Zobernig
Untitled, 2016
Top view, CAD
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Archive HZ

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Die Reise, die Bewegung, ist noch nicht zu Ende. Weiter geht es nach Norden. Alles fließt Richtung Köln und endet (zunächst?) hier: im Museum Ludwig.

Direktor und Kurator Yilmaz Dziewior und die kuratorische Assistentin Leonie Radine sind als Team mit der Auftaktausstellung der neuen Reihe ‚Hier und Jetzt‘ dort in mehrfacher Hinsicht ein Wagnis eingegangen. Zunächst, denke ich mir, stellte sich die Frage danach, ob ein an zwei Häusern – Ausstellungshäusern ohne eigene Sammlung – erprobtes Projekt nun auch in Räumen eines klassischen Museumsbaus mit eigener Sammlung Bestand haben könnte. Und zwar nicht nur vor bzw. in den Räumen, sondern vor allem auch einem ‚verwöhnten‘ Publikum gegenüber, welches das Künstlergenie fordernd skandieren könnte und enttäuscht ist, wo es dies nicht findet. Ist das nicht nur lahmes Ideenrecycling?

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig Marino Marini, Reiter, 1947, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Lucio Fontana, Concetto spaziale, Natura N 19 (Raumkonzept: Natur N 19), 1959-1960 © Lucio Fontana by SIAE / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig
Marino Marini, Reiter, 1947, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Lucio Fontana, Concetto spaziale, Natura N 19 (Raumkonzept: Natur N 19), 1959-1960
© Lucio Fontana by SIAE / VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Außerdem wagt diese Ausstellung meiner Meinung nach etwas, weil ihre Kuratoren dem Künstler die Freiheit gegeben haben, nicht nur den Ort und den Raum, sondern erstmals auf dieser ‚Ideentour‘ auch die Kunst zu nutzen, die das Museum sein Eigen nennt, und sie so nutzen zu dürfen, wie es sonst eben nicht üblich ist in diesem räumlichen Kontext.

Mein langer Text mag ein Hinweis darauf sein, dass ich von der Wirkung angetan bin. Dies reicht von der Wahl des Materials über die Idee der Wiederholung und die Kontextveränderung bis hin zur Auswahl der Kunstwerke, die hier in Köln kongeniale Begleiter eben dieser Idee sind.

Von der Skulptur des Künstlers ist in Köln schließlich auf den ersten Blick nur noch ihr Kopf da. Er liegt in einer Vitrine vor den Ausstellungsräumen, in die sich die schwarze Masse nun von der Decke auf den Boden ergossen hat und wie eine erkaltete Lavazunge zum Stillstand gekommen ist.

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig Aristide Maillol, "Ile de France" / Frau auf dem Weg zum Bad / Badende, 1925 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig
Aristide Maillol, „Ile de France“ / Frau auf dem Weg zum Bad / Badende, 1925
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Aus der Nähe wird nun auch sichtbar, wie ‚leicht‘ das Material seinen Weg hierher gefunden hat. Die glänzend schwarze Masse besteht aus Wellpappe, beschichtet mit schwarzer Lackfarbe, die das einfache Material hochglänzend veredelt hat. Im Museum Ludwig sind dafür – wie in einer gedachten Vorwärtsbewegung der Skulptur als Strom aus Bregenz – die dort verwendeten Materialien recycelt worden und offenbaren dies auch gewollt an der ein und anderen Stelle.

Da nun also nicht mehr die Decke, sondern der Boden – und damit der Laufweg der Museumsbesucher – mit schwarzen Monolithen, Kaskaden, Sockeln, Wänden belegt ist, ändert sich die Wahrnehmung des Raumes ein weiteres Mal. Diese Räume bieten auf einmal eingeschränkten Platz wo wir ihn nicht gewohnt sind, Sackgassen wo wir sie nicht erwarten, Räume hinter Räumen die wir sehen aber nicht erreichen können oder nicht sehen aber hören, Enge wo wir Weite erwarten würden.

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig © VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016/Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Heimo Zobernigs schwarze Einbauten sind mit ihrem neuen Ort nun endlich auch im Maßstab erfahrbar. Der eigene Körper und nicht mehr die Skulptur definiert die Wirkung im Raum. Und wieder setzt sich das unruhige Gefühl des Suchenden ein. Immer weiter muss es gehen und die Grenzen, die Zobernig zieht, wirken fast wie ein Ärgernis zur Freude des Künstlers. Ich möchte weiter, ich höre ja die Menschen auf der anderen Seite der erkalteten Wellpappenlavawand.

Mein Blick heftet sich an die Kunstwerke, die der Künstler aus den Beständen des Museums ausgesucht hat. Sie begleiten die Einbauten ebenso wie sie ein integraler Bestandteil sind. Sie sind Reminiszenzen an eigene Werke oder verweisen explizit auf Statuen aus der Geschichte vorangegangener Orte, wie die wunderbare Daphne von Renée Sintenis, sie spielen in der Auswahl  humorvoll ironisch mit den Herausforderungen einer minimalistischen Abbildung, der Reduzierung auf das Wesentliche, wie die Vögel von Picasso und Uhlmann, sind unerreichbare Ruheorte, wie der Stuhl von Isa Genzken, sind ein brillantes künstlerisches Ärgernis, wie Césars ‚Compression‘, das kongenial einen Gang zur Sackgasse und einen Raum unerreichbar werden lässt oder wirken wie ein Findling, den die schwarzen Elemente bis eben hierher transportiert haben, wie Lucio Fontanas ‚Concetto spaziale, Natura N 19‘.

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig César, Compression, 1981, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Heimo Zobernig
César, Compression, 1981, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Marion Mennicken

Insgesamt neun Skulpturen hat Zobernig als Begleiter ausgesucht, und es

Lucio Fontana Concetto spaziale, Natura N 19 (Spatial Concept: Nature N 19), 1959-1960 © Lucio Fontana by SIAE / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 Photo: Rheinisches Bildarchiv Köln

Lucio Fontana
Concetto spaziale, Natura N 19
(Spatial Concept: Nature N 19), 1959-1960
© Lucio Fontana by SIAE / VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Photo: Rheinisches Bildarchiv Köln

wirkt auf mich so, als wären sie schon die ganze Reise über quasi mit im Gepäck der schwarzen Masse gewesen und nun hier abgeladen worden, ein wildes Sammelsurium von César, Lucio Fontana, Isa Genzken, Marino Marini, Aristide Maillol, Claes Oldenburg, Pablo Picasso, Renée Sintenis und Hans Uhlmann. Aus der Wunderkammer der Höhle wird eine Wunderkammer im Museum. Hier zeigt sich die Kraft der Kunst als gestaltendes Element.

Heimo Zobernig überlässt es seinem Einbau, sie in Szene zu setzten und uns Besuchern überlässt er es, wie tief wir durchatmen wollen bei ihrem Anblick.

 

 

Bei aller Klarheit, bei aller Struktur: eine wunderbar verspielte Ausstellung, humorvoll, ironisch und voller feiner Verweise.

 

‚HIER UND JETZT im Museum Ludwig: Heiko Zobernig‘, bis zum 22. Mai, Di. – So. 10 – 18 Uhr

 

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