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A Man Digging (Cockpit v.2) Installationsansicht WKV

A Man Digging (Cockpit v.2)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Das Private ist das Öffentliche,  ist das Private, ist das Öffentliche, ist das Private.

‚To come out of the closet‘ bezeichnet im Englischen die Offenbarung, das Bekenntnis zu etwas bisher im Schutze der Privatsphäre verborgenen. ‚Closet‘ ist dabei nicht nur das bisherige Geheimnis, sondern ebenso der Raum als solcher, ein Schrank, ein Geheimzimmer, ein Kabinett.

Der Akt der Bekenntnis ist im besten Fall ein freiwilliger, das Umfeld selbstgewählt, ebenso die Empfänger.

Bestimmte Räume lassen die freie Wahl der Empfänger einer bestimmten Nachricht dagegen nicht – oder nur sehr eingeschränkt zu.

Codes Of Honor (cockpit v.3) Installationsansicht WKV

Codes Of Honor (cockpit v.3)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Der Besuch einer Ausstellung ist ein Statement. Dieses beinhaltet im besten Fall Kenntnis von Künstler, Werk und Institution, im Mindesten jedoch Interesse. Der Besuch ist aber immer auch eine offenbarende Auseinandersetzung mit dem Raum als sozialer Interaktionsfläche.

Hier geht es immer auch um ‚sehen und gesehen werden (können)‘.

Das Private wird das Öffentliche.

Jon Rafmans Arbeiten gehen auf der Ebene des körperlich Erfahrbaren den einen Schritt weiter: Sie sind die Abbilder einer privaten Landschaft mit Schränken, einem Bett, einer Couch, einem Pool, einer Schaukel.

Das Private wird das Öffentliche, wird das Private.

Um sich mit der nächsten Ebene der künstlerischen Arbeit auseinandersetzen zu können, müssen (oder besser sollen) diese privaten Räume genutzt werden.

Es gilt gleichsam wieder in einen privaten Raum einzudringen, der sich schließlich als Projektionsfläche für eine Erzählung entpuppt, die dem vermeintlich öffentlichsten Raum gewidmet ist, den der ‚digitale Flaneur‘, als den Rafman sich auch selbst bezeichnet, betreten kann: der virtuellen Welt, dem Internet.

Über seine Selbstwahrnehmung als Künstler äußert er in einem Interview 2013:

Erysichthon Installationsansicht WKV

Erysichthon
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

‚I have an interest in  finding the past in the present and following the legacy of the Romantic tradition today and seeing how in video games or on the Internet a lot of these traditions live on. It relates to my interest in virtual exploration as connected to the figure of the Romantic explorer. I’m interested in how these new worlds change culture at large, but culture is such a huge thing that I’d rather focus on very specific subcultures, in the tradition of Walter Benjamin and ethnography in general. You can learn a lot by looking at extremely marginal cultures and cultural objects in society. The more marginal, the more ephemeral, the culture is, the more fleeting the object is, I think the more it can actually reflect and reveal “culture at large.”‘ (http://jonrafman.com/PU_JonRafman.pdf)

Das Private wird das Öffentliche, wird das Private, wird das Öffentliche.

Konsument und Konsum treffen aufeinander und werden sichtbar. Subjekt und Objekt verbinden sich, wie es die Schlange in Rafmans Video ‚Erysichthon‘ tut. Sie verzehrt sich selbst und ist hier  die wiederkehrende Referenz an die Erzählung vom titelgebenden König aus der griechischen Mythologie, der, ob seiner Untat vom Fällen eines heiligen Baumes und der Inkaufnahme eines unschuldigen Todes, mit unstillbarem Hunger gestraft wird und in der Selbstzerfleischung endet.

‚The drama of loss is the core theme of my work‘, sagt Jon Rafman.

In diesem starken Motiv der Schlange, die sich selbst frisst, verbinden sich für mich die Elemente der einzelnen Arbeiten und eben diese Aussage.

‚Community, love, memory, data…‘ – die möglichen Verluste sind vielfältiger Art.

A Man Digging (Cockpit v.2) Installationsansicht WKV

A Man Digging (Cockpit v.2)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

 

In ‚A Man Digging (cockpit v.2)‘ von 2014 begibt sich der Künstler als virtueller Beobachter und Erzähler seiner eigenen Reise auf die Schlachtfelder geschlagener Schlachten verschiedener Multiplayer Online Role-Playing Games. Rafman wird zum digitalen Flaneur durch eine postapokalyptische Stadtlandschaft, die von den Wunden vergangener Kämpfe gezeichnet ist und deren Straße und Wege gepflastert sind mit Opfern der virtuellen Schlachten.

‚This was the far edge of the Real‘, ‚When I finally managed to get lost…‘, I know memory is not a tool of exploring the past. But a medium. It is the medium of experience. Just like the earth is the medium in which ancient cities lie buried‘ – Aussagen zu Ort und Zeit, über Realität und Einbildung, Emotionen, das Verlorengehen als Wunsch und schließlich über die Erinnerung als Speichermedium der Vergangenheit, verbinden die (möglichen) Erfahrungswelten des Erzählers und Protagonisten mit jenen des Zuschauers.

A Man Digging Video Still

A Man Digging
Video Still

‚The drama of loss‘, hier ist es angelegt, das Thema, das sich durch die Ausstellung zieht, als roter Faden, als Erfahrung und als Ergebnis.

 

 

 

‚Mainsqueeze (Hug Sofa)‘ (2015) ist eine düstere und doch auch ironische Auseinandersetzung mit Kontrollverlust, Fetisch, Individualität und Massenphänomenen.

Mainsqueeze (Hug Sofa) Installationsansicht WKV

Mainsqueeze (Hug Sofa)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Mainsqueeze (Hug Sofa) Installationsansicht WKV

Mainsqueeze (Hug Sofa)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

 

 

 

 

 

 

 

 

Im nur scheinbar gemütlichen Sofa und in Wahrheit eher gefangen als umarmt, zum Zuschauen gezwungen, wird hier der Beobachter Zeuge der Abseitigkeiten und Absurditäten menschlichen Verlangens. Welche Form der spürbaren Gemeinschaft hier den Menschen auch verlorenen gegangen sein mag, welche Anpassungsleistung an die Geschwindigkeiten sozialer oder anderer Veränderungen ihres nicht durch sie selbst beeinflussbaren Umfelds ihnen nicht möglich gewesen sein mag: ‚Mainsqueeze‘ erzählt verstörend wie eindrucksvoll von den Strategien, die wir finden, um den Verlust auszugleichen. Verlangen bis hin zur Zerstörung von Leben, die Neuerschaffung von Individualität in der Gruppe eben durch die Gruppe, der Wunsch nach Aufmerksamkeit und absoluter Nonsens. Der menschliche Geist scheint ein schier unerschöpflich gefülltes Wellenbad der Möglichkeiten.

Das ‚Drama of loss‘ geht weiter.

‚As you look at the screen, it is possible to believe you are gazing into eternity.‘

‚You see the things that were inside you. This is the womb, the original site of the imagination. You do not move your eyes from the screen, you have become invisible.‘

Still Life (Betamale) - (Ball Pit) Installationsansicht WKV

Still Life (Betamale) – (Ball Pit)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Unsichtbar werden in der virtuellen Welt, oder besser: sich unsichtbar machen, verschwinden. Als Troll, dessen Lebensinhalt aus dem Blick auf den Bildschirm, in die Welt dahinter, die zur Welt im Kopf wird, besteht. Einem Blick der so essenziell wird, das nur noch er zählt. Das Umfeld sozialer Standards und Regeln verschwindet, Selbstoptimierung als Teil der Maschine wird bis zur Selbstaufgabe notwendige Herausforderung an das Leben. Der Blick geht in eine Welt, deren integraler Bestandteil man wird und die einem – gleichsam als Belohnung – das ICH offenbart.

Still Life (Betamale) - (Ball Pit) Installationsansicht WKV

Still Life (Betamale) – (Ball Pit)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Das Internet als Fundgrube und Manege menschlicher Bedürfnisse. Ob ‚Furries‘ oder ‚Hentai‘, ein Spiegel der Seele, der Sehnsüchte, eine Traumwelt, Untiefen, Abgründe.

Sie präsentiert Rafman in seiner Arbeit ‚Still Life (Betamale)‘, während wir als Betrachter im Bällebad zu Teilnehmern werden, Beobachter und Beobachtete in diesem speziellen Refugium.

In ‚Codes of Honor (cockpit v.3)‘ nimmt uns der Künstler mit in die untergegangene Welt der Arcades, dieser großen Spielhallen, wie sie vor allem in Nordamerika verbreitet und berühmt waren. Über Jahrzehnte waren sie, zwar den technologischen Weiterentwicklungen unterworfene, mit ihren Automaten aber in der physischen Gemeinschaft generationenübergreifend erfahrbare Spielräume. In ihnen wurden Helden geboren, Kämpfe gewonnen, Highscores geknackt. ‚The fight is all‘, das fühlen und leben die Helden und Kämpfer dieser Welt.

Codes Of Honor (Cockpit v.3) Installationsansicht WKV

Codes Of Honor (Cockpit v.3)
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Mit dem Untergang der Arcades aber, mit dem Verschwinden der Automaten, verschwinden auch diese Highscores und mit ihnen jene, die sie einst aufstellten, hungrig nach dem nächsten Spiel, dem nächsten Fight. Auf einmal blicken Mittzwanziger auf eine Karriere zurück, deren Höhepunkt zehn Jahre zurückliegt, wie Sporthelden, die – vielleicht verletzt – ihren Sport nicht mehr ausüben können. Die Verletzung hier ist der Verlust der Gemeinschaft durch den Verlust des Identifikationsortes: ‚The drama of loss….‘ Ein tränenreicher Rückzug in die Abgeschiedenheit privater Räume beginnt nun für viele.

Wenn Erinnerungen Daten sind, dann ist Vergessen Datenverlust. Wie

Codes Of Honor (Cockpit v.3) Video Still

Codes Of Honor (Cockpit v.3)
Video Still

Menschen durch Krankheit oder Tod als Bestandteil eines humanen Wissensspeichers gelöscht werden und sich ihr individuelles Wissen in der Form persönlicher Erzählung, Handlung und Erfahrbarmachung so der kollektiven oder individuellen Nutzung entzieht, so sind auch industriell gefertigte Wissensspeicher der Gefahr des Datenverlustes und damit dem Ende ihrer Daseinsberechtigung ausgesetzt.

Der Kampf um das Überleben eines Datenspeichers wird dann besonders erbittert geführt, wenn zur rein funktionalen auch noch die emotionale Ebene einer Bindung kommt. Generationen von Tamagotchis sind in den 90er Jahren Familienmitglieder und Schutzbefohlene Minderjähriger geworden. Ihr Wohlergehen war Priorität, ihr Verlust keine denkbare Option. Im Video ‚Sticky Drama‘ von 2015, erzählt Jon Rafman – erstmals in mit kindlichen Laiendarstellern eigens inszenierten Szenen – von den Kämpfen, die geführt werden müssen, um den drohenden Verlust, den Tod, zu verhindern.

Sticky Drama Installationsansicht WKV

Sticky Drama
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Sticky Drama Installationsansicht WKV

Sticky Drama
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedankenkreis schliesst sich. Am Ende bin ich überwältigt von den Bildern, den Eindrücken, den Stimmen, der Musik, dem Raum, der Farbe und der Bedeutung all dessen im Zusammenspiel und als Mittel zum Zweck.

Ich bin aufgefordert meine eigenen Sehnsüchte, Neurosen, Fetische, Verluste, Gewinne, Freuden, Leiden und Kämpfe zu ergründen und einzuordnen.

Jon Rafmans Arbeiten bieten eine extrem zeitgemäße und spannende Ausgangssituation für die Beschäftigung mit dem Selbst als Teil dieser Welt, sei sie real, virtuell oder untrennbar beides.

Das Private ist das Öffentliche ist das Private ist das Öffentliche ist das Private.

Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt? Vielleicht sind wir eher Meister der Selbsttäuschung und vielleicht ist das auch Selbstschutz.

New Age Demanded Installationsansicht WKV

New Age Demanded
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

Die sieben Skulpturen aus der Serie ‚New Age Demanded‘ (2014) erzählen davon. Sie sind größtenteils im 3D-Drucker entstandene, federleichte Büsten aus Polymer-Verbindungen. Sie sind glänzende Abbilder einer Idee, wie die Charaktere in einem Computerspiel angepasst an die Bedingungen ihrer Umgebung. Nur einige sind aus Marmor und nur der Nostalgiker möchte hinzufügen ‚wirklich‘. Nur er findet hier den Verlust, wo andere den Gewinn sehen.

New Age Demanded Installationsansicht WKV

New Age Demanded
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein

 

 

 

Jon Rafman, Westfälischer Kunstverein, 6. Februar – 1. Mai 2016, Di. – So. 11 – 19 Uhr

 

Die ausgestellten Werke wurden ursprünglich von der Zabludowicz Collection, London, produziert und wurden dort bis zum 20. Dezember 2015 präsentiert

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