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In seinem Vorwort zur ‚Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa‘ schreibt Hansjörg Küster:

‚Landschaft ist stets von Natur und menschlicher Gestaltung bestimmt. Sie wird außerdem von Menschen interpretiert. Landschaft entsteht im Kopf des Betrachters und ist eigentlich das, was der Maler auf seine Leinwand bannt: das Sichtbare und dessen Interpretation.‘ (Hansjörg Küster, ‚Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa‘, Verlag C.H.Beck 2013, S. 12)

‚Weltsichten. Landschaft in der Kunst seit dem 15. Jahrhundert‘ heißt die Ausstellung, die jetzt eine spektakuläre Bleibe im ‚Museum unter Tage‘ in Bochum gefunden hat, und für die in mehrfacher Hinsicht all das gilt, was Küster so treffend charakterisiert.

Aussenansicht_1Zunächst gilt es für die Lage des Museums, in Verbindung zu der Idee, eine Geschichte der Landschaftsdarstellung zu erzählen. Das Ruhrgebiet ist sicher eine der durch menschliches Zutun am exzessivsten genutzte und den eigenen Vorstellungen und Notwendigkeiten unterworfene und veränderte Landschaft, zumindest in Europa. Der Bergbau und die daran gekoppelte Industrie haben Stadtlandschaften geschaffen und geprägt, sie haben Infrastrukturen notwendig gemacht und hervorgebracht, die bis heute die ‚Metropole Ruhr‘ gestalten. Der gestalterische Eingriff – über dessen Umfang und ‚Qualität‘ man trefflich streiten kann – des Menschen in diese Landschaft hat dauerhafte Spuren hinterlassen.

Museum unter Tage Innenansicht, Eingangsbereich Foto: Eric Polenz, Vervoorts & Schindler Architekten BDA

Museum unter Tage
Innenansicht, Eingangsbereich
Foto: Eric Polenz, Vervoorts & Schindler Architekten BDA

Der menschliche Gestaltungsdrang liegt im Umgang mit der ihn umgebenden Landschaft in den meisten Fällen auch in der Gestaltung der Landschaft durch die Natur begründet. Die Natur und die ihr innewohnenden Prozesse haben diese spezielle Landschaft mit ihren Kohleflözen gestaltet und damit der Interpretation durch den Menschen den Raum geöffnet. Das Ruhrgebiet hat in dieser Folge quasi zwei durch menschlichen Eingriff gestaltete Landschaften hervorgebracht: eine oberirdische Stadt- und Industrielandschaft und eine sie bedingende unterirdische Landschaft von Flözen, Stollen und Schächten – eine Welt unter Tage.

Das ‚Museum unter Tage‘ interpretiert wiederum den Umgang des Menschen mit der Natur und ihren Landschaften. Es ist in seiner Lage (unter Tage) dieser gängigen Landschaftsform verpflichtet. Es könnte sich dabei vielleicht auch auf die ehemaligen Katakomben der angrenzenden Schlossruine beziehen, aber namentlich und thematisch ist es der Industrielandschaft verbunden.

Und was für eine großartige Herausforderung damit für den Betrachter der über 180 ausgestellten Werke einhergeht!

Museum unter Tage Ausstellungsansicht Foto: Eric Polenz, Vervoorts & Schindler Architekten BDA

Museum unter Tage
Ausstellungsansicht
Foto: Eric Polenz, Vervoorts & Schindler Architekten BDA

Man steht vor all den großen und kleinen Landschaftsdarstellungen, die aus der künstlerischen Interpretation seit Jahrhunderten entstanden sind, schaut weit in eine Landschaft hinein und befindet sich doch in einigen Metern Tiefe, in einer absolut horizontlosen Umgebung. Da wo sich in klassischen Museumsgebäuden noch der Blick hinter die Mauern ins Freie weiterdenken lässt, sind hier die Wände die Grenze zwischen ‚Kulturlandschaft‘ und Erdreich.

Die Bilder an den Wänden werden zum wertvollen Rohstoff einer Vorstellungskraft, die weiter reicht als die Wahrnehmung des rein Faktischen.

‚Landschaft entsteht im Kopf des Betrachters‘, schreibt Küster. Und dieser Kopf ist der Kopf des Betrachters ebenso wie der Kopf des Künstlers.

Philips Wouwerman Reisende bei Rast vor tiefer Flusslandschaft, 1649, Öl auf Leinwand, 68 x 98,5 cm © Stiftung Situation Kunst

Philips Wouwerman
Reisende bei Rast vor tiefer Flusslandschaft, 1649,
Öl auf Leinwand, 68 x 98,5 cm
© Stiftung Situation Kunst

Viele der gezeigten Landschaften sind reine Phantasie. Vor allem in den hier gezeigten Landschaftsdarstellungen holländischer Künstler des 17. Jahrhunderts ist deutlich der Wunsch zu erkennen, eine Geschichte der Landschaft, bzw. mit Landschaft eine Geschichte erzählen zu wollen. Alle Elemente einer erträumenswerten Landschaft finden in vielen dieser Gemälde ihren Platz: der Fluss, ein Wasserfall, Wald, Wiese, Wege, Täler, Berge. Hinzu kommen allegorische Merkmale der Vanitas-Darstellung, wie etwa Ruinen.

Jan van Goyen Blick über eine weite Flachlandschaft, 1647, Öl auf Holz, 33,5 x 58 cm © Stiftung Situation Kunst

Jan van Goyen
Blick über eine weite Flachlandschaft, 1647,
Öl auf Holz, 33,5 x 58 cm
© Stiftung Situation Kunst

 

Das gerade die holländischen Maler sich der Landschaftsdarstellung über die Interpretation und eine Wunschvorstellung nähern, Landschaft also zum Sehnsuchtsort wird, mag im völligen Fehlen zahlreicher Landschaftsattribute in der heimatlichen Umgebung begründet liegen. Jan van Goyens ‚Blick über eine Flachlandschaft‘ (1647) gibt darauf zumindest einen Hinweis, vor allem weil hier in der Bildaufteilung der Landschaft im Vergleich zum Himmel nur ein Drittel der horizontalen Fläche eingeräumt wird. Nichts hält den Blick auf, nichts die Wolken. Der Horizont ist bald eher eine gedachte als eine gesehene Linie, über die Blick und Wolken weit hinauszureichen scheinen.

Liam Hanley Encapsulated country, 1986, Öl auf Leinwand, 76,2 x 116,8 cm © Stiftung Situation Kunst

Liam Hanley
Encapsulated Country, 1986,
Öl auf Leinwand, 76,2 x 116,8 cm
© Stiftung Situation Kunst

Liam Hanley nähert sich der Idee einer ‚Horizontfreiheit‘ in der Darstellung von Landschaft in seinem Gemälde ‚Encapsulated Country‘ (1986) mit formal wie inhaltlich ‚modernen‘ Mitteln. Wir sehen eine Landschaft als Insassen eines Autos, sowohl durch die Frontscheibe, wie durch Rück- und Seitenspiegel. Der Blick in die Umgebung ist in allen Fällen ein ‚gerahmter‘ – sei es durch die Karosserie oder die Spiegelrahmen –, er ist eingekapselt. Darüber hinaus ist er auch zeitlich eingekapselt, weil er nur einen kurzen Augenblick festhält, sich die Umgebung im nächsten Moment schon wieder verändert haben wird, der Blick nach vorn und zurück ein anderer sein wird. Landschaft wird in diesem Moment Erinnerung, Projektion und Zukunft.

Zwischen diesen beiden hier ausgewählten Enden einer Geschichte der Landschaftsdarstellung in der Kunst liegen weitere, zahlreiche und erstaunliche Ideen der künstlerischen Verarbeitung von Eindrücken, Situationen und Gefühlen in und mit Landschaft, die in dieser Ausstellung thematisch wie chronologisch präsentiert werden.

Lovis Corinth Das Meer bei Zoppot, 1906, Öl auf Malpappe, 48 x 71 cm © Stiftung Situation Kunst

Lovis Corinth
Das Meer bei Zoppot, 1906,
Öl auf Malpappe, 48 x 71 cm
© Stiftung Situation Kunst

Ich möchte beispielhaft für diese Idee davon ‚Sichtbares und seine Interpretation‘ darzustellen, drei  ausgestellte Werke erwähnen. Lovis Corinth zeigt in seinem Gemälde ‚Das Meer bei Zoppot‘ (1906) die stürmisch bewegte See an einem grauen (Herbst-?)tag. Der Fokus liegt deutlich auf der Wasserfläche mit Wellen und Gischt und auf der Betonung einer eher düster kühlen Stimmung. Auf diesem Gemälde spielt die Lage dieses Meeresausschnitts zunächst keine Rolle. Zoppot ist allerdings ein Ostseebad, dessen Reiz vor allem in der Strandpromenade und dem breiten Sandstrand liegt, der diese Stadt zu einer beliebten Kurstadt gemacht hat.

Corinth wird diese Stadt und die Annehmlichkeiten ihrer Landschaft gekannt und genossen haben. Und doch wählt er ein anderes Thema für seine Darstellung. Wenn diese düstere Darstellung nicht ein Ausdruck eigenen Empfindens ist, so vielleicht aber ein Hinweis auf die Kräfte der Natur gegen und jenseits von menschlicher Einflussnahme.

Maurice Brianchon Sur la plage, 1949, Öl auf Leinwand, 65 x 92 cm © Stiftung Situation Kunst

Maurice Brianchon
Sur la plage, 1949,
Öl auf Leinwand, 65 x 92 cm
© Stiftung Situation Kunst

Maurice Brianchon geht genau den entgegengesetzten Weg. ‚Sur la plage‘ (1949) wählt eben einen Strand, der bei Corinth nicht stattfindet, zum bildfüllenden Thema. Und ganz im Gegensatz etwa zu den holländischen Landschaftsmalern, findet in diesem Gemälde fast kein Himmel, aber auch kaum Meer statt. Der Horizont in diesem Bild ist der Übergang vom Strand zum Wasser, von der Kulturlandschaft zum Element. Dieses Bild erzählt die Geschichte davon, wie wir diesen Raum besetzt haben und nutzen, wie wir ihm mit Stühlen, Liegen, Schildern und Zäunen Struktur geben und wie wir uns in ihm verhalten. Der Betrachter sieht sich in der Rolle des Strandgastes, der, auf den Boden blickend, nach einem geeigneten Liegeplatz Ausschau hält.

Andreas Feininger Coney Island, 1949, Vintage, Silbergelatineabzug, 26,1 x 34,8 cm © Stiftung Situation Kunst

Andreas Feininger
Coney Island, 1949,
Vintage, Silbergelatineabzug, 26,1 x 34,8 cm
© Stiftung Situation Kunst

Brianchons Strandgemälde ist im selben Jahr entstanden wie Andreas Feiningers Fotografie ‚Coney Island‘. Hier wird der Mensch selbst zur Landschaft, zu einer ‚Übergangsmasse‘ zwischen Land und Meer. Feininger kümmert sich nicht um die individuelle Sicht, nicht um die Lust des Einzelnen auf einen Tag am Meer. Ihn interessiert diese Form der Interpretation von Landschaft durch und für den Menschen. Wenn eine bestimmte Landschaft Sehnsuchtsort für Menschen ist, dann verschwindet dieses individuelle Sehnen eben nicht durch die Tatsache, dass der ersehnte Raum massentauglich erfahrbar gemacht wird. Wir möchten immer noch ans Meer und das sieht dann eben so aus, wie Feininger es uns ungefiltert vorhält.

Von dieser Idee, die Landschaft zwischen Land und Meer als nutzbar und erlebbar gemachte Kulturlandschaft in Gemälden oder Fotografien zu bannen, bis zu den ‚Stadtlandschaften‘ der Fotografien von Berenice Abbott oder Arthur Leipzig ist es dann nur noch ein kurzer Schritt. ’New York at Night: Empire State Building’ (1930) und ‚Chase Manhattan‘ (1961) demonstrieren eindrucksvoll, wie der Mensch sich eben nicht von den naturgegebenen Flächen seiner Umwelt einschränken lässt. Die Höhe, der Himmel, wird Teil seiner Landschaft, der Horizont wird auf den Kopf gestellt, wird die Straße, wird andere Gebäude.

Berenice Abbott New York at Night: Empire State Building, 1930, Sibergelatineabzug, 1970er Jahre, 34,6 x 26,6 cm © Stiftung Situation Kunst

Berenice Abbott
New York at Night: Empire State Building, 1930,
Sibergelatineabzug, 1970er Jahre, 34,6 x 26,6 cm
© Stiftung Situation Kunst

Arthur Leipzig Chase Manhattan, 1961, Vintage, Sibergelatineabzug, 20 x 27,9 cm © Stiftung Situation Kunst

Arthur Leipzig
Chase Manhattan, 1961,
Vintage, Sibergelatineabzug, 20 x 27,9 cm
© Stiftung Situation Kunst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

‚Weltsichten‘ ist eine in ihrem chronologischen wie thematischen Aufbau beeindruckend gestaltete, eigene Landschaft einer Ausstellung. Diese Ausstellung erzählt Geschichten am Beispiel dieser einen Geschichte: der der Landschaft in der Kunst seit dem 15. Jahrhundert. Das ist immer das Gegenteil von eintönig. Das ist spannend bis ins letzte Detail und mehr als genug Anlass für einen geschärften eigenen Blick auf die Landschaften, die uns umgeben und die Geschichten, die sie zu erzählen haben.

Eberhard Viegener Wintersonne, Klosterplatz, 1914 Öl auf Leinwand, 45,5 x 70 cm © Stiftung Situation Kunst

Eberhard Viegener
Wintersonne, Klosterplatz, 1914
Öl auf Leinwand, 45,5 x 70 cm
© Stiftung Situation Kunst

‚Weltsichten. Landschaft in der Kunst seit dem 15. Jahrhundert‘, bis Herbst 2016 im ‚Museum unter Tage‘, auf dem Gelände der ‚Situation Kunst (Für Max Imdahl)‘, Bochum

Mittwochs, Donnerstag und Freitag: 14 – 18 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage: 12 – 18 Uhr,  Heiligabend und Silvester geschlossen

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