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Ich muss über meinen Eindruck von den Bildern Francisco de Zurbaráns erzählen, indem ich zu Beginn etwas über mein Gefühl für Musik erzähle.

Sie ist ein Verstärker für Emotionen, kann mich auffangen und tragen, mich trösten und begeistern, mich aufrütteln, wachrütteln, kann meinen Puls verlangsamen, meinen Atem kontrollieren, mich fesseln und entfesseln.Empfindungen, die ich sicher mit vielen teile.

Vor allem Kirchenmusik und Choräle, explizit geschaffen zum Lobpreis Gottes, Jesus, Marias, der Schöpfung, der Glaubenswelt etc., entfalten bis heute, selbst wenn einem – wie mir – viele der Themen und Themenwelten, der Rituale, Zeichen, Zusammenhänge und Verweise fremd und unwirksam sind, eine schier ungeheuerliche Kraft. Ich muss nicht verstehen, um zu empfinden.

Der Atem verlangsamt sich, alles wird still, Ruhe und Ehrfurcht erfüllen den Raum, den Körper, den Augenblick.

Vor Zurbaráns ‚Agnus Dei‘ zu stehen, ist eine Eindruck, der unvermittelter, stärker und emotionaler gar nicht berichten könnte von der Stärke christlicher Bildwelten und der meisterhaften Könnerschaft dieses Malers.

Francisco de Zurbarán, Agnus Dei, 1639, Öl auf Leinwand, 47,6 × 55,9 cm, Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, © Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, Foto: Hélène Desplechin. Museo Thyssen Bornemisza

Francisco de Zurbarán, Agnus Dei, 1639, Öl auf Leinwand, 47,6 × 55,9 cm, Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, © Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, Foto: Hélène Desplechin. Museo Thyssen Bornemisza

Man ist im ersten Teil der Ausstellung ‚Zurbarán‘ im Museum Kunstpalast, der ersten Retrospektive zum Werk des Malers in Deutschland, bereits an zwei Varianten dieses Themas und ohnehin zahlreichen Meisterwerken vorbeigekommen.

Gleich zu Beginn empfangen uns drei Mönche aus dem Orden der Mercedarier, ihre Gesichter erzählen von ihrer Hingabe zu Gott, aber auch von ihrem Wissen über die Welt und ihren Auftrag, Vermittler, Lehrer, zu sein. Sie alle sind zu großen Persönlichkeiten ihres Ordens und der Kirche geworden, und sie zu ehren sind diese Bilder entstanden. Ihre Gesichter sind die von Individuen, jeder von ihnen trägt Charakter in diesen Zügen, den Augen, dem Blick, den Händen.

Francisco de Zurbarán Fray Pedro de Oña, um 1630 Öl auf Leinwand, 207 × 136 Colección Municipal. Ayuntamiento de Sevilla © Colección Municipal, Ayuntamiento de Sevilla

Francisco de Zurbarán
Fray Pedro de Oña, um 1630
Öl auf Leinwand, 207 × 136
Colección Municipal. Ayuntamiento de Sevilla
© Colección Municipal, Ayuntamiento de Sevilla

Sie alle stehen vor einem dunklen Hintergrund. Nichts lenkt von ihrer Gestalt ab. Ihre Gestalt ist dabei vor allem ihr weißes Ornat, die einheitliche Kluft des Ordens, die Uniform und Aussage ist. Zurbaráns Mönche tragen dieses Ornat nicht nur mit Würde. Die vermeintliche Leere im Weiß der Bekleidung wird mit dem Blick und dem Pinsel Zurbaráns zu einer lebendigen Landschaft, in der Weiß nicht gleich Weiß, Schatten nicht gleich Schatten ist.

Aus Farbe wird empfundene Stofflichkeit und der Meister der Details beweist auch mit den feinsten Pinselstrichen, den Nuancen, dem Spiel mit Licht und Schatten, Hintergrund und Vordergrund, sein Können, wie hier, bei Fray Pedro de Oña.

Immer wieder erinnern mich die Porträts in der Ausstellung, seien es jene für seine kirchlichen Auftraggeber oder für jene aus den betuchten Adelshäusern der Zeit, an sorgsam inszenierte Fotoshootings, bei denen der Fotograf immer darauf bedacht ist, die beste Seite des Modells hervorzuheben, immer auch eine Charakterstudie zu liefern und doch auch zu zeigen wie gut er selbst sein Handwerk versteht.

Mit welch unangestrengter Würde Santa Casillas sich hier dem Maler vor dunkelgrauer Leinwand stellt. Selbstsicherheit, Ruhe, Stärke liegen in ihrem Blick.

Francisco de Zurbarán, Santa Casilda, ca. 1635, Öl auf Leinwand, 171 x 107 cm, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid, © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Francisco de Zurbarán, Santa Casilda, ca. 1635, Öl auf Leinwand, 171 x 107 cm, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid, © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Uns als hätte Zurbarán sie darum gebeten, präsentiert sie mit leichtem Griff nicht nur die Rosen, die Teil ihrer Legende sind, sondern vor allem die ganze Pracht ihres Kleides, die Kunstfertigkeit, den schweren Stoff, die Liebe für die Details, und präsentiert damit in einem Zirkelschluss vor allem wieder eines: das Genie Zurbarán mit seinem Blick für die Details, denn dieses Kleid, diese Kleidung, ist ganz und gar seiner kenntnisreichen Phantasie entsprungen.

Ein malender Fotograf als Modeschöpfer mit dem Blick für die Kraft des Bildes, des Blickes, der Inszenierung. Ein wahrer Geschichtenerzähler mit dem Selbstbewusstsein, zu interpretieren.

Ein Raum in der Ausstellung ist den atemberaubenden Abbildungen des Heiligen Franziskus von Assisi gewidmet, der in sich gekehrt, die Vergänglichkeit des Lebens tragend, im Gespräch mit Gott versunken ist. Sein Blick richtet sich gen Himmel, eine Hand liegt an der Brust, die andere auf einem Totenschädel. Sein Ornat ist so einfach, eher schon Lumpen, aus grobem Stoff. Es erinnert eher an Jute und schon nur beim Betrachten spürt man die Stofflichkeit auf der Haut und erinnert sich vielleicht an den ein oder anderen Pullover, der einem beim Anziehen mit seiner Grobheit fast schon körperliche Schmerzen bereitet hat.

Francisco de Zurbarán, Der Heilige Franziskus von Assisi, um 1658 -1660, Öl auf Leinwand, 64,7 × 53,1 cm, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Alte Pinakothek, © bpk - Bildagentur Kunst, Kultur, Geschichte / München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Alte Pinakothek

Francisco de Zurbarán, Der Heilige Franziskus von Assisi, um 1658 -1660, Öl auf Leinwand, 64,7 × 53,1 cm, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek, © bpk – Bildagentur Kunst, Kultur, Geschichte / München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek

Franziskus ist ungerührt davon, ihm scheint es um ganz anderes zu gehen, und indem wir ihn so sehen, erzeugt er dieses Gefühl für Prioritäten, für die Bedeutung eines Augenblicks, auch in mir.

In dieser Wunderkammer der ‚Augenblicke‘ hängen noch weiter wunderbare Beispiele der großen Kunst, mit einer eigentlich doch sehr eingeschränkten Farbpalette aus Erdtönen, eine Welt der Ehrfurcht zu erschaffen, die einen als Betrachter zum Teilnehmer des Geschehens werden lässt, so nahbar, so real erscheint Franziskus. Gerade das frisch restaurierte Gemälde ‚Heiliger Franziskus in Meditation‘ erzeugt mit seinen neuen alten, satten Farbflächen, der neuen alten Sichtbarkeit der feinsten Details in Gewand, Gesicht und Umgebung des Heiligen eine eindrückliche Vision davon.

Francisco de Zurbarán, Heiliger Franziskus in Meditation, ca. 1630-35, Öl auf Leinwand, 124,5 x 163,5 cm, Museum Kunstpalast, © Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTOTHEK

Francisco de Zurbarán, Heiliger Franziskus in Meditation, ca. 1630-35, Öl auf Leinwand, 124,5 x 163,5 cm, Museum Kunstpalast, © Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTOTHEK

 

 

 

 

 

Biblische Motive sind, dem ist Zurbarán durch seine kirchlichen Auftraggeber verpflichtet, Hauptmotive seiner Werke.

Sie zu entschlüsseln braucht es den eigenen Glauben, verwurzelt in der Kenntnis von Ritualen, Bildern, Themen, Objekten, Personen. Oder man liest sich diese Informationen an. Ich denke, nicht alles geht von der Stärke und Aussagekraft eines Gemäldes verloren, das ursprünglich für ein Kloster oder eine Kirche gemalt wurde, nur weil wir an der ein oder anderen Stelle nicht mehr die Bedeutung jedes Details entschlüsseln können. Zurbaráns Bilder hängen inzwischen in den bedeutendsten Museen. Diese Häuser sind der Kunstvermittlung verschrieben und verpflichtet, und an ihnen ist es, auch das Gefühl für die Besonderheit jener Details und den Wunsch nach Erkenntnis wiederbringen erwachen.

Wie viel reizvoller wird doch der Blick auf ein Gemälde wie ‚Die Verkündigung‘, wenn man um die Bedeutung all der Details, aber auch um die Geschichte, die es erzählt, weiß. Die Lilien, die Taube, die Engel, die Hände, die Blicke: alles spricht.

Francisco de Zurbarán Die Verkündigung 1650 (?) Öl auf Leinwand, 217,5 x 316,2 cm Philadelphia Museum of Art: Purchased with the W.P. Wilstach Fund, 1900 © Philadelphia Museum of Art: Purchased with the W.P. Wilstach Fund, 1900

Francisco de Zurbarán
Die Verkündigung
1650 (?)
Öl auf Leinwand, 217,5 x 316,2 cm
Philadelphia Museum of Art: Purchased with the W.P. Wilstach Fund, 1900
© Philadelphia Museum of Art: Purchased with the W.P. Wilstach Fund, 1900

Bei der Einordnung der Gemälde, ihre Geschichten, ihrer Inhalte, der Details, zur Entstehungsgeschichte und zur Bedeutung, hilft ein exquisiter Ausstellungskatalog, der nicht nur Werkkomplexe gliedert und Entwicklungslinien erkennbar macht, sondern vor allem mit seinen Essays, seinen fundierten Texten zu den Bildern und der Qualität der Abbildungen eine mehr als dankenswerte Ergänzung zur Ausstellung ist. Der im Hirmer Verlag erschiene Katalog ist ein Kunstwerk für sich.

Viel erfährt man dort auch über das Gemälde, über das ich zu Beginn schon kurz berichtet habe: ‚Agnus Dei‘, das Opferlamm, das mit Würde und Gottvertrauen, offenen Auges seinem Schicksal entgegensieht.

In seiner Meisterschaft schließt sich für mich in diesem Bild der Gang durch die Ausstellung, indem es auf so kleinem Raum und mit farblich so eingeschränkten Mitteln versteht, den Besucher und Betrachter in den Atem verlangsamenden und den Puls senkenden Zustand von Ruhe und Ehrfurcht zu bringen. Und gerade an diesem vergleichsweise kleinen Bild zeigt sich auch, dass es nicht immer den ursprünglichen Kontext braucht, in dem ein Bild hing oder in dem es sich erklärte.

Francisco de Zurbarán, Agnus Dei, 1639, Öl auf Leinwand, 47,6 × 55,9 cm, Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, © Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, Foto: Hélène Desplechin. Museo Thyssen Bornemisza

Francisco de Zurbarán, Agnus Dei, 1639, Öl auf Leinwand, 47,6 × 55,9 cm, Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, © Museo de la Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, Foto: Hélène Desplechin. Museo Thyssen Bornemisza

Vor diesem Bild steht man immer alleine, in einer kleinen Kapelle, bei absoluter Ruhe. All der Trubel, der die Räume hier erfüllt, dringt nicht mehr durch für diesen Moment. Und die Kraft des Bildes klingt weiter, wie Musik, auch wenn man längst schon wieder im lauten und hektischen Gedrängel der Stadt versunken ist.

Diese Erfahrung zu machen, bietet die Ausstellung in Düsseldorf mehr als genügend Gelegenheiten. Mit ihrem Untertitel ‚Meist der Details‘ wird man ja alleine schon deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit gerade diese suchen und ergründen.

Hier hilft ein ausgezeichneter Audioguide weiter, den ich für den Rindgang empfehlen möchte.

Und ich möchte auch sehr empfehlen, das Kabinett mit Stillleben vom Sohn Juan de Zurbarán nicht zu verpassen, der in seinem viel zu kurzen Leben – hingerafft durch die Pest – als Mitarbeiter der väterlichen Werkstatt wie als eigenständiger Maler zu unverkennbarer Stärke und Können gefunden hat.

Juan de Zurbarán, Birnen in Porzellanschale, um 1645, Öl auf Leinwand, 82,6 × 108,6 cm, The Art Institute of Chicago, Wirt D. Walker Fund, © The Art Institute of Chicago

Juan de Zurbarán, Birnen in Porzellanschale, um 1645, Öl auf Leinwand, 82,6 × 108,6 cm, The Art Institute of Chicago, Wirt D. Walker Fund, © The Art Institute of Chicago

 

‚Zurbarán. Meister der Details‘, im Museum Kunstpalast, bis zum 31.01.2016,

Di-So 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr, Mo geschlossen Feiertage 11–18 Uhr,

Weihnachtsfesttage und Neujahr 13–18 Uhr Heiligabend und Silvester geschlossen

 

2 comments on “‚Zurbarán. Meister der Details‘ im Museum Kunstpalast, Düsseldorf

  1. hansboesch sagt:

    „Ich muss nicht verstehen, um zu empfinden.“ Kurzer, großer Satz und sehr guter Blog.

    Gratuliere! Hans Bösch

    Gefällt 1 Person

    1. Ganz herzlichen Dank!!

      Gefällt mir

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