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‚Ich würde gerne die Frau als eine Marilyn Monroe geben, aber immer gerät sie mir schmaler, länger, länger….‘

So urteilt Alberto Giacometti selbst, nicht wirklich ernst zu nehmend, aber in einem wunderbaren Spiel mit Erwartungen, Erfahrungen und seinem ‚Bild von einer Frau‘, über seine Arbeit. Über einen Werkkomplex, der nicht zuletzt mit den ‚Frauen für Venedig‘ einen geballten Ausdruck findet, und in der Ausstellung ‚Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght‘ im Kunstmuseum Pablo Picasso prominent präsentiert wird.

Porträt von Diego, 1919 © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Porträt von Diego, 1919
© Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Alles beginnt jedoch mit einer Erkundung des frühen Werkes (zunächst sogar mit Bildern, die der jugendliche Giacometti, seinem Vater nacheifernd, auf Leinwand schuf, und die den großen Künstler schon erkennen lassen), und es ist den Ausstellungsmachern hoch anzurechnen, dass sie an dieser Stelle die Chance genutzt haben, gerade in der Präsentation sehr früher Skulpturen einen Weg aufzuzeigen, Themen anzusprechen, die Giacometti lebenslang begleiten werden.

In diesen frühen Werken zeigt sich die Verbundenheit zur außereuropäischen Kunst, zur Stammeskunst Afrikas und zur altägyptischen Kunst. Die Skulpturen, die die Ausstellung hier zeigt, verdeutlichen diesen Einfluss hervorragend, und sind doch zugleich in der gewählten Formensprache auch schon ein Ausblick auf ein eigenständiges Werk.

So wie in der ‚Löffelfrau‘ oder bei ‚Das Paar‘ Details der Physiognomie in Anlehnung an die afrikanische Stammeskunst nur angedeutet und abstrakt sind, so wird auch das skulpturale Werk der späteren Jahre von Andeutungen leben und Freiraum schaffen für Interpretationen oder Projektionen.

Alberto Giacometti, Femme de Venise V, 1956, Bronze, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADAGP, Paris) 2015

Alberto Giacometti, Femme de Venise V, 1956, Bronze, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADAGP, Paris) 2015

In Zusammenhang mit den in der Ausstellung präsentieren Skulpturen, die seine Frau Annette darstellen, ohne sie explizit zu sein, hat daher Jean Paul Sartre schon 1948 geäussert, dass sie doch eher ‚Entschwindungen‘ als ‚Erscheinungen‘ zu sein scheinen.

Allen Skulpturen ist die Andeutung gemeinsam. Sie sind immer eher Raum als Individuum, scheint es. Die Individualität seiner eigenen Frau erkennt man denn dann in den Skulpturen vielleicht am ehesten noch an der ‚Frisur‘.

Alberto Giacometti ist seiner Idee eines Atelierraums zeitlebens treu geblieben. Immer war es ein kleiner, in allem sehr spartanisch eingerichteter Raum in einem der Viertel von Paris, in denen man einen solchen Künstler, mit dem Rang seiner späten Jahre zumindest, nicht erwarten würde.

Die Ausstellung in Münster präsentiert einen wunderbaren Dokumentarfilm, der kurz vor Giacomettis frühen Tod fertiggestellt und nach seinem Ableben noch um einige Szenen ergänzt wurde.

Der Film begleitet den Künstler auch in seinem städtischen Umfeld, und vor allem zeigt er ihn in eben diesem kleinen Atelier, das ähnlich einer Höhle von Vorzeitmenschen in Gänze zu einer Leinwand geworden ist, und dessen Wände von den täglichen Kämpfen mit Material und Kunstwerk zeugen. Und wir sehen die Tische, den Schrank, die Farbtuben und Pinsel, die Leinwände und kleinen Skulpturen, denen wir dann im weiteren Verlauf der Ausstellung in seinen Zeichnungen wieder begegnen. So  schließt sich der Kreis aus Atelier als Schaffensraum, Teil des Werkes, Lebensraum, Werk.

Atelier II, 1954, Lithografie, 50 x 65 cm, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint Paul

Atelier II, 1954, Lithografie, 50 x 65 cm, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint Paul

Überall auf den Zeichnungen begegnet man den Utensilien eines produktiven Lebens im Atelier.

Stehender Akt II, 1961 © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Stehender Akt II, 1961
© Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Überhaupt die Zeichnungen: sie haben mich besonders fasziniert. Vielleicht auch besonders darum, weil mir dieser Teil des Werkes von Alberto Giacometti bis dato nahezu unbekannt war. Und ich finde in den Zeichnungen etwas, dass seine Idee der Skulpturen nicht nur konsequent, sondern genial auf Papier, in die Zweidimensionalität bringt: nämlich auch hier Leben als Andeutung und Möglichkeit darzustellen.Auf den Blättern fliegen die Linien nur so dahin, bilden Körper, Strecken, Linien, Räume, Möbel, Stoffe, werden zu Gesichtern, Händen, Gebäuden, Straßen. Es kommt mir bald so vor, als wären es dieselben ‚Striche in der Landschaft‘, die seine Skulpturen sind, die sich hier zu neuer Form gefunden legen, stellen, winden, formen, und so etwas Neues bilden.

Projet pour un livre VI © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Projet pour un livre VI
© Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADGAP, Paris) 2015

Auch diese Zeichnungen stellen nicht notwendigerweise Erkennbares dar. Auch nicht die Porträts. Aber gerade darin liegt für mich ihre Stärke.

Als ‚Entfernung durch Nähe‘ wird das beschrieben, was Giacomettis Kunst ausmacht. Er sucht sich Freunde und Bekannte als Modelle, aber das, was wir am Ende von ihnen sehen, ist der Blick des Künstlers, ist eine Interpretation, ist vielleicht eine tiefere Ebene der Persönlichkeit des Dargestellten.

Eines seiner liebsten Modelle in der Skulptur war sein Bruder Diego. Eine der meisterhaften, großen Abbilder Diegos findet sich (neben kleineren Variationen) in der Ausstellung (Bild u. rechts). Der schmale, hohe, gepresst wirkende und von einer Zinkennase dominierte Bronzekopf steht exemplarisch und stellvertretend für eine Devise, von der wir in der Ausstellung lesen:

Ausstellungsansicht 'Alberto Giacometti - Meisterwerke aus der Fondation Maeght'

Ausstellungsansicht ‚Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght‘

 Büste von Diego, 1954, Bronze, 50 x 65 cm, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint Paul

Büste von Diego, 1954, Bronze, 50 x 65 cm, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint Paul

 

 

 

 

 

 

‚Und das Abenteuer, das große Abenteuer, besteht darin, in ein und demselben Gesicht etwas Unbekanntes hervortreten zu sehen, das ist großartiger als alle Reisen und die Welt.‘

Die Erfahrung des Menschen durch stetige Auseinandersetzung mit ihm, die Darstellung des Wandels von Körper, Charakter, Persönlichkeit in der Skulptur, und damit auch die Möglichkeit (erneut) sich zu reduzieren: das scheint Giacometti bewegt zu haben. Da braucht es ganz offensichtlich kein Abbild des Körpers, eher den eines Zustandes, der wiederum geprägt ist durch den Blick des Betrachters.

Alberto Giacometti, L'Homme qui marche, 1960, Bronze, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADAGP, Paris) 2015

Alberto Giacometti, L’Homme qui marche, 1960, Bronze, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADAGP, Paris) 2015

Giacomettis ‚Frauen für Venedig‘ und die Skulpturen aus den 50er und 60er Jahren bilden den Höhepunkt der Schaffenskraft Giacomettis und sind sicher unbestritten auch der Höhepunkt in seinem Werk. In Münster werden die Reihe der ‚Frauen für Venedig‘ – geschaffen für die Biennale in Venedig 1956 – und einer der ‚Schreitenden Männer‘ prominent präsentiert.

Und so wie die ‚Armee‘ der Frauen in ihrer Aufstellung hier wirkt wie die Aufreihung von Skulpturen des weiblichen Hofstaates in einem pharaonischen Grab, so steht der schreitende Mann daneben in einer Pose, die ebenfalls klar erkennbar Bezug nimmt auf die Darstellungstradition altägyptischer Malerei, um dann doch in entscheidenden Details, so lehrt der Wandtext, wieder mit ihr zu brechen.

Ausstellungsansicht 'Alberto Giacometti - Meisterwerke aus der Fondation Maeght'

Ausstellungsansicht ‚Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght‘

Die in der Ausstellung gezeigten Werke, seien es Skulpturen oder Zeichnungen, teilen noch eine Gemeinsamkeit, die meiner Meinung nach nicht nur Rückgriff sind auf die Idee einer sehr ursprünglichen Kunst, sei es aus Afrika oder Ozeanien, sondern auch die Idee der Arbeit als Projektionsfläche  weiter unterstützt: eine sehr begrenze Farbpalette.

Alberto Giacometti, Le Chien, 1951, Bronze, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADAGP, Paris) 2015

Alberto Giacometti, Le Chien, 1951, Bronze, Collection Fondation Marguerite et Aimé Maeght © Succession Alberto Giacometti (Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris + ADAGP, Paris) 2015

Bronze, Braun, Schwarz, Grau, etwas Weiss, das war es schon. Nichts lenkt den Blick ab, drängt sich in den Vordergrund (ausser vielleicht der kleine, wunderbar bunte Blumenstrauss in der Hand einer weissen Frauenfigur – einer Miniaturskulptur, die Giacometti als Geschenk zu einer Hochzeit fertigte). Der Blick ‚verheddert‘ sich in den Linien der Zeichnungen und fügt ein Bild zusammen und verliert sich im Strich der Skulpturen, um etwas in ihnen zu finden.

Ausstellungsansicht 'Alberto Giacometti - Meisterwerke aus der Fondation Maeght'

Ausstellungsansicht ‚Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght‘

Den Kuratoren, wie dem gesamten Team des Museums, ist mit Werkauswahl und Präsentation eine großartige Ausstellung gelungen, der man das in sie investierte Herzblut und die Arbeit ansieht. Selten habe ich mich durch die Kombination aus Werken und begleitenden Texten, bei aller Freiheit des individuellen Blicks, so gut geführt gefühlt wie hier, und ebenso selten erlebt, wie sich im Nebeneinander und Miteinander der Ausstellungsstücke ein neues Bild, ein neues Erleben der Arbeiten eines Künstlers offenbart. Es ist ein Vergnügen auf höchstem Niveau, Alberto Giacometti hier neu zu entdecken.

‚Alberto Giacometti – Meisterwerke aus der Fondation Maeght‘ im Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster, bis zum 24. Januar 2016

Zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag ein Katalog erschienen.

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