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Cindy Sherman, Untitled # 96, 1981 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Cindy Sherman, Untitled # 96, 1981 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Das erste Mal bin ich erst 2011 auf Fotografien von Cindy Sherman gestoßen. Damals hingen Bilder aus ihrer Serie ‚Society Portraits‘ als Bestandteil der Ausstellung ‚Street Life and Home Stories‘ mit Werken aus der Sammlung Goetz in der Villa Stuck. Der Raum bot mit seiner aufwändigen Kassettendeck, den Türpfeilern und Ornamenten und dem wunderbar dunklen Holzboden bei gedimmtem Licht und schwarzen Wänden, den idealen Rahmen.

Wie die meisten ihrer Werke, so sind auch diese ‚Untitled‘ und schon insofern bei aller Individualität Abbilder eines Klischees. Sherman zeigt Damen der Upper-Class vor opulentem Hintergrund, die ihren Reichtum, die Pracht ihrer Wohnsitze und Wohnräume im Hintergrund als Kulisse nutzen, um in feinster Garderobe ihren selbstempfunden Stellenwert in der Gesellschaft zu unterstreichen.

Cindy Sherman, Untitled # 475, 2008 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Cindy Sherman, Untitled # 475, 2008 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

In der Ausstellung ‚Cindy Sherman – Works from the Olbricht Collection‘ im ‚me Collectors Room Berlin‘ bin ich nun erneut auf zwei Motive aus dieser Serie gestossen, von denen hier ‚Untitled #475‘ zu sehen ist.

Aufrecht und stolz präsentieren sich die gut frisierten Damen in einem vermutlich imposanten Raum. Ihre offenherzig farbenfrohe Kleidung erzählt von Lebensfreude und  einer Idee von Jugendhaftigkeit. Doch der Wunsch bricht mit der Realität, sobald man in die Gesichter der beiden Personen schaut. Sie sind entstellende Masken, die dem Gesicht als Leinwand der Individualität alles Lebendige rauben. Make Up, Rouge Lidstrich, Haare: alles ist zur Fratze erstarrter übertriebener Wunsch nach Perfektion, die das Individuum hinter eine ganz eigene und erschreckend beliebige Vorstellung von Individualität verbannt. Das ist lächerlich, zutiefst traurig und doch vermutlich bezeichnend treffend dargestellt.

Cindy Sherman - Works from the Olbricht Collection, Installationsansicht, installation view, 2015 © me Collectors Room Berlin, Photo Bernd Borchardt

Cindy Sherman – Works from the Olbricht Collection, Installationsansicht, installation view, 2015 © me Collectors Room Berlin, Photo Bernd Borchardt

Die Ausstellung ist mit über 60 Fotografien retrospektiv angelegt, und so erlauben die Bilder dieser Serie einen Blick auf ein eher jungen Werkkomplex. Alles beginnt, auch hier, mit zahlreichen Werken aus der Serie ‚Untitled Film Stills‘ aus den 70er Jahren. Diese Bilder sind noch, im harten Kontrast zu den fast schon übertrieben kitschig, farbigen Fotografien ab den 80er Jahren, schwarz-weiss. Sie wirken dabei tatsächlich wie Zufallsprodukte, eben Standbilder, und zeigen Frauenfiguren der 40er und 50er Jahre, wie sie uns bekannt vorkommen können aus Filmen dieser Zeit.

Cindy Sherman, Untitled Film Still # 48, 1979 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Cindy Sherman, Untitled Film Still # 48, 1979 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Auch sie sind klischeebeladen und stellen doch nur eine vergangene Realität und Gesellschaft nach, die die Frauen in bestimmte Rollen zwischen Hausfrau und Sexsymbol einzuordnen gedachte. Und doch habe ich beim Blick in die Gesichter dieser Figuren immer auch den Eindruck, dass diese Frauen etwas wissen von den Regeln, nach denen sie spielen, und entweder verzweifeln oder sich entscheiden mitzuspielen. Sie mögen Teil einer fiktiven Filmwelt sein, aber sie sind ebenso Teil einer realen Gesellschaft.

Wer gerade in Berlin auf der Suche nach einer großartigen Ausstellung ist, wird nicht nur hier fündig, sonder, wie hier im Blog bereits ausführlich beschrieben, auch in der Gemäldegalerie mit ‚The Botticelli Renaissance‘. Dort, im ersten Raum, der sich der Auseinandersetzung mit Botticelli in der Gegenwartskunst widmet, findet sich eine Fotografie von Cindy Sherman, auf die man nun auch hier im ‚me‘ trifft. ‚Untitled #225‘ heisst sie und stammt aus der Serie von ‚History Portraits‘ aus den 90er Jahren.

‚Allegorisches Porträt einer Dame‘ heisst dieses Bild bei Botticelli, und zeigt im Profil und mit Silberblick eine aufwändig frisierte und gekleidete junge Frau, die mit den Händen an einer entblössten Brust Milch aus derselben spritzt. Sherman stellt in ihrer Version, wie bezeichnend eben in allen Bildern dieser Serie, die altmeisterliche Darstellung in Kostüm, Maske und Perücke, hier bis hin zum schielenden Blick, nach. Für mich beweisen diese Fotografien vor allem eines, und ich denke, dass auch die Künstlerin nicht zuletzt daran gedacht hat: die Fähigkeit, in Perfektion zu kopieren und damit ein Bild mit modernen Mitteln in die Gegenwart und Gegenwartskunst zu übertragen, reicht bei weitem nicht aus, um es zugänglicher, erklärbarer zu machen. Das Rätselhafte und das Allegorische, das sich vielfach unserem Allgemeinwissen entzieht, bleibt integer, wird vielleicht sogar noch verstärkt.

Cindy Sherman - Works from the Olbricht Collection, Installationsansicht, installation view, 2015 © me Collectors Room Berlin, Photo Bernd Borchardt

Cindy Sherman – Works from the Olbricht Collection, Installationsansicht, installation view, 2015 © me Collectors Room Berlin, Photo Bernd Borchardt

Cindy-Sherman-Untitled-354-2000-©-Courtesy-of-the-artist-and-Metro-Pictures-New-YorkAus den 2000er Jahren stammt die Serie ‚Hollywood Hampton Types‘, die sicher die erschreckend skurrilsten und wahnhaftesten Frauendarstellungen präsentiert. Ein abgehalftertes Starlet posiert hier neben dem nächsten, buhlend um die Gunst möglicher Regisseure, sehnlich vereint im Wunsch, endlich wieder den verdienten Erfolg zu haben. Das sind alles vollkommen kaputte Charaktere, mit falschen Brüsten, zu weissen Zähnen, schrecklichen Perücken, übertriebener Bräune, falschen Posen und einer einfach völlig falschen Selbstwahrnehmung, die Cindy Sherman hier genial darstellt. Und wieder steckt vermutlich doch bei aller Übertreibung so viel Realität hinter den Masken, die hier um Aufmerksamkeit buhlen. Am Ende scheint es, dass Shermans Auseinandersetzung mit dem Frauenbild in Eigen- und Fremdwahrnehmung, von den Werken der 70er bis zu den Serien der 2000er, eine konsequent ernüchternde und erschreckende Geschichte erzählen kann.

Cindy Sherman, Untitled # 418, 2004 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

Cindy Sherman, Untitled # 418, 2004 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York

 

Dazwischen erschrecken noch die ‚Clowns‘, die, überheblich, abweisend, grimmig, düster inszeniert, jede Sympathie und die Vorstellung von Freude und Lachen schon im Keim ersticken. Von diesen, bei aller bunten Maskerade eher düsteren Gesellen möchte man sich nicht unterhalten wissen, man möchte ihnen vielleicht nicht einmal begegnen. Einmal mehr spielt die Künstlerin mit den kollektiven Klischees, bricht sie, spiegelt sie und hinterlässt einen fasziniert schaudernd.

 

Cindy Shermans Bilder sind in allen Schaffensperioden großartige Auseinandersetzungen mit sozialen und kulturellen Stereotypen, und ihre Möglichkeiten durch Maskerade und Darstellungsform auch zeitliche Horizonte zu überwinden, Bezug zu nehmen auf Vergangenes und Gegenwärtiges, auf Rollen und ihre Vermittlung in Malerei oder Kino, macht sie für mich zu einer der erlebenswertesten Künstlerinnen der Gegenwart.

‚Cindy Sherman – Works from the Olbricht Collection‘ bietet gerade die überzeugende Gelegenheit sie neu, wieder, intensiv zu erfahren.

me Collectors Room Berlin

‚Cindy Sherman – Works from the Olbricht Collection‘ im ‚me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht‘, bis zum 10. April 2016, Di. – So. 12 – 18 Uhr

Zur Ausstellung ist eine umfangreiche Broschüre erschienen.

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