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Ausstellungsansicht "The Botticelli Renaissance" Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Ausstellungsansicht „The Botticelli Renaissance“ Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Was für ein Auftritt! Botticelli in Berlin. Oder zumindest eine überwältigende Auswahl an Werken, die Kunsthistoriker Botticelli, seiner Werkstatt, Schule oder Nachfolgern zuschreiben können. In ‚The Botticelli Renaissance‘ in der Gemäldegalerie Berlin spielt dabei die Zuweisung gar keine Rolle, sie wird nicht einmal erwähnt. Und ich finde sie auch nicht wirklich entscheidend, vor allem auch deshalb, weil diese Ausstellung sich ja gerade den Variationsmöglichkeiten und -fähigkeiten eines Werkes, sowohl einzelner Motive als auch bestimmter Gestaltungselemente, widmet.

Und weil sie viel mehr noch die Geschichte einer Wiedergeburt in mehrfacher Hinsicht, die der Kraft eines Bildes, eines Blickes und die der Fähigkeit eines Werkes, sich in den Händen anderer Künstler neu- und weiter zu entwickeln erzählt.

Wie sehr Botticellis Werk bis in die Gegenwartskunst zitiert wird, zeigt sich gleich im ersten Raum. Arbeiten von Cindy Sherman, Rineke Dijkstra, Bill Viola, Tomoko Nagao oder David LaChapelle rahmen Botticellis Venus ein. Sie verweisen auf den reichen Schatz an Geschichten, die seine Bilder erzählen und auch auf die vielen Rätsel, die sich in einigen offenbaren.

Tomoko Nagao: Botticelli - The Birth of Venus with Baci, Esselunga, Barilla, PSP and EasyJet, 2012 Tomoko Nagao

Tomoko Nagao: Botticelli – The Birth of Venus with Baci, Esselunga, Barilla, PSP and EasyJet, 2012
Tomoko Nagao

Tomoko Nagao treibt die Idee der Übertragung in seinem Werk ‚Botticelli – The Birth of Venus with Baci, Esselunga, Barilla, PSP and EasyJet‘ auf die Spitze, in dem die zauberhaft fragile Mangagestalt einer Venus auf einer PSP einem Meer aus Baci Pralinen und Barilla Nudeln entsteigt, vom Westwind in Begleitung von Hello Kitty sorgsam an die Küste geweht, erwartet von einer der Horen, um ihr ein Gewand zu reichen, während der Himmel statt mit zarten Blüten erfüllt ist von Flugzeugen von easyjet.

Alles ist Ware, Kommerz, Konsum, Alltag. Und doch schafft es ein Motiv, dessen Geschichte aus der griechischen Mythologie vielen in ihren zahlreichen Verweisen und Details gar nicht bekannt sein wird, seine Integrität zu wahren. Bei allem Konsumterror und bei allem Beschleunigungswahn, zeugt dieses Bild immer noch von der stillen und entschleunigten Kraft der Mythologie.

David LaChapelle: Rebirth of Venus, 2009 Courtesy David LaChapelle Studio

David LaChapelle: Rebirth of Venus, 2009 Courtesy David LaChapelle Studio

David LaChapelle erzählt in seinen Werken ‚The Rape of Africa‘ und ‚Rebirth of Venus‘ die Geschichten aus Botticellis Werken mit seinen Mitteln weiter. Die Themen Krieg und Liebe, Verderben, Mord und Schönheit, die ewig gültigen Wahrheiten der Mythologie entwickeln sich bei ihm zu bunten und sexuell aufgeladenen Arrangements, in denen Supermodels zu Protagonisten werden, Nacktheit nicht mehr verschämt verdeckt wird und aus Venus und Mars die gewalttätige und unrühmliche Geschichte der Ausbeutung Afrikas wird.

Die Ausstellung ‚The Botticelli Renaissance‘ widmet sich der Auseinandersetzung mit dem Werk Botticellis rückwärts chronologisch. Und so trifft man nach der Auseinandersetzung der Gegenwartskunst in der zweiten Abteilung zunächst auf ein Werk, das wohl ohne Frage zum Ikonenstatus der Venus Botticellis beigetragen hat und gleichzeitig auch die Geschichte eines Motives als Massenware erzählt: Andy Warhols ‚Details of Renaissance Paintings (Sandro Botticelli, Birth of Venus, 1482)‘.

Andy Warhol: Details of Renaissance Paintings (Sandro Botticelli, Birth of Venus, 1482), 1984. Collection of The Andy Warhol Museum, Pittsburgh. © 2015 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York

Andy Warhol: Details of Renaissance Paintings (Sandro Botticelli, Birth of Venus, 1482), 1984. Collection of The Andy Warhol Museum, Pittsburgh. © 2015 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York

Warhol macht aus Mythologie ein Individuum, indem er das Originalmotiv nicht nur farblich verfremdet, sondern vor allem auf sein individuellstes Merkmal reduziert, indem er nur das Gesicht darstellt. Dieser zarte, leicht melancholische Blick und die wehenden, gelockten Haare, dieses Gesicht findet sich inzwischen auf Tüchern, Tassen, Mousepads, Schals, Radiergummis etc. Es ist vielleicht einerseits seines Kontexts beraubt, einer Arbeitsweise der die Pop Art ja nicht zuletzt ihre Bedeutung verdankt, andererseits scheint es mir aber nahbarer, erlebbarer.

Wenn man sich vor Augen hält, mit welcher Kraft und in welchem Umfang uns heute die Motive Botticellis, sei es die Venus, sei es der Heilige Sebastian oder die Primavera und andere, begegnen, lässt sich kaum glauben, dass es bis in die 1850er Jahre gedauert hat, bis diese Meisterhaftigkeit wiederentdeckt wurde.

Ausstellungsansicht "The Botticelli Renaissance" Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Ausstellungsansicht „The Botticelli Renaissance“ Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Hier beginnt die Renaissance und sie geht von England aus, wohin die Ausstellung im kommenden Jahr dann auch zurecht weiterzieht und die Besucher im V&A begeistern wird. Treibende Kraft war der Maler Dante Gabriel Rossetti, dessen Begeisterung für die Arbeiten Botticellis zu einer wahren Welle von Zitaten und Adaptionen auch anderer Künstler führte.

Dante Gabriel Rossetti: Der Tagtraum, 1880 Victoria and Albert Museum, London

Dante Gabriel Rossetti: Der Tagtraum, 1880 Victoria and Albert Museum, London

In der Ausstellung zeigen seine Bilder ‚La Donna della Finestra‘ von 1870 und ‚Der Tagtraum‘ von 1880 exemplarisch den klaren Bezug zur Bildsprache des Renaissancemeisters. Dargestellt ist seine Muse und Geliebte Jane Morris, die aber vor allem das Abbild einer unnahbaren, starken und selbstbewussten Frauenfigur ist.

Und bald finden sich die Zitate nicht mehr nur in Bildern, sondern verbreiten sich über Teppiche, Stoffe, Plakate, Illustratione, Statuen. Botticelli wird zum Star, die Auseinandersetzung mit seinem Werk zum Hype.

Edward Burne-Jones: Die Mühle, 1870-1882 © Victoria and Albert Museum, London

Edward Burne-Jones: Die Mühle, 1870-1882 © Victoria and Albert Museum, London

Auch das offenbart die Ausstellung, indem sie den zitierenden Arbeiten von Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts ihren Platz gewährt, eigenständig und doch unverkennbar einer Tradition verpflichtet.

Edgar Degas: Venus (nach Botticelli), 1858/59 Peter Schälchli, Zürich

Edgar Degas: Venus (nach Botticelli), 1858/59 Peter Schälchli, Zürich

Antonio Donghi: Donna al caffè (Frau im Café), 1931. © 2015 Archivio Fotografico - Fondazione Musei Civici di Venezia"

Antonio Donghi: Donna al caffè (Frau im Café), 1931. © 2015 Archivio Fotografico – Fondazione Musei Civici di Venezia“

Edgar Degas’ Zeichnung ‚Venus (nach Botticelli)‘ von 1858/59 versteckt diesen Bezug gar nicht. Im Gegenteil bestätigt sie die Kraft seiner Werke vor dem Hintergrund der aufgeflammten Begeisterung. Nach dem Vorbild zu zeichnen war gängige Praxis und Botticellis Arbeiten willkommene Motive. Antonio Donghis ‚Donna al caffè‘ von 1931 wiederum zitiert die entrückt selbstbewussten und starken Frauengestalten, wie sie auch Botticellis Werk ‚bevölkern‘.

Von De Morgan, Ruskin, Burne-Jones, Morris zu Dufy, Dali, De Lempicka, Magritte und anderen spannt sich der zeitliche Bogen der Begeisterung und ‚The Botticelli Renaissance‘ gelingt es, diese überzeugend zu vermitteln.

Und endlich, in der letzten Abteilung der Ausstellung, kann man sich selbst ein Bild machen von der Stärke, der Schönheit, der Feinheit, der Eleganz, der Direktheit, der Meisterschaft in Botticellis Werken (bzw. denen aus seiner Werkstatt etc.).

Ausstellungsansicht "The Botticelli Renaissance" Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Ausstellungsansicht „The Botticelli Renaissance“ Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Den Blick von Smeralda Bandinelli zu spüren, ist auch nach über 500 Jahren noch ein Erlebnis. Umso mehr, wenn man sich bewusst wird, wie revolutionär dieser direkte Blick damals war.

Sandro Botticelli: Portrait einer Dame (Smeralda Bandinelli), 1470-75 Victoria and Albert Museum, London

Sandro Botticelli: Portrait einer Dame (Smeralda Bandinelli), 1470-75 Victoria and Albert Museum, London

Sandro Botticelli: Tondo Raczynski, 1477 Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Sandro Botticelli: Tondo Raczynski, 1477
Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

 

 

 

 

 

 

 

 

Und den melancholisch vorausahnenden Gesichtsausdruck Marias im Tondo Raczynski zu erleben, der Geschichten von kommenden Unheil erzählt und doch Stärke und Unbeugsamkeit vermittelt, und dies neben den vielen weiteren Tondi mit diesem Motiv, die, wie viele Werke hier, aus den bedeutendsten Sammlungen der Welt in Berlin zusammengekommen sind, ist atemberaubend.

 

Sandro Botticelli: Giuliano de' Medici, 1478 Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Sandro Botticelli: Giuliano de‘ Medici, 1478
Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Sandro Botticelli: Porträt eines jungen Mannes, um 1480–1485. Andrew W. Mellon Collection, National Gallery of Art, Washington D.C. © Courtesy National Gallery of Art, Washingto

Sandro Botticelli: Porträt eines jungen Mannes, um 1480–1485. Andrew W. Mellon Collection, National Gallery of Art, Washington D.C. © Courtesy National Gallery of Art, Washingto

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ‚Porträt eines jungen Mannes‘ und das Abbild von ‚Giuliano de‘ Medici‘ beweisen eindrücklich, dass Botticelli eben nicht nur ein Meister in der Darstellung von Frauenfiguren war.

Ausstellungsansicht "The Botticelli Renaissance" Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Ausstellungsansicht „The Botticelli Renaissance“ Staatliche Museen zu Berlin, 2015 / Achim Kleuker

Und all diese wunderbaren Werke, zu denen auch der Heilige Sebastian in seiner Leid ertragender Würde und Schönheit gehört, hängen in diesem Raum an der Aussenwand eines eingezogenen Raumes, der quasi wie ein Tresor, gekleidet in Rot, zwei Schätze aufbewahrt.

Sandro Botticelli: Mystische Geburt, 1500. © The National Gallery, London

Sandro Botticelli: Mystische Geburt, 1500. © The National Gallery, London

Hier, in diesem bald sakralen Ambiente, hängen mit ‚Mystische Geburt‘ von 1500 und der Zeichnung ‚Beatrice und die Tugenden im irdischen Paradies, Dantes Bad im Fluss Eunoe‘ (1488 – 1492) zu Dantes ‚Göttlicher Komödie‘, die einzigen Werke, die durch Signatur Botticelli als Urheber definitiv zugeschrieben werden können. Was für ein Raum, was für ein Werk!!

Der Kopf ist voll am Ende dieser Ausstellung. So voll, dass man für die Sammlung der Gemäldegalerie besser noch einmal wiederkommt. Die Eindrücke der ‚Botticelli Renaissance‘ sind so mächtig, auch weil das Ausstellungskonzept überzeugt, dass sie lange vorhalten werden. Die zeitliche Spanne von 1445 bis 2015 ist inhaltlich qualitativ und quantitativ überragend überbrückt und die Demonstration einer Wiederentdeckung in Quer- und Weiterverweisen, in Geschichte und Gegenwart, als Kopie und Eigenständigkeit eine bereichernde Erfahrung und Freude. Es gibt einen Star zu entdecken!

‚The Botticelli Renaissance’ Gemäldegalerie Berlin, bis 24. Januar 2016, Di, Mi 10:00 – 18:00 Uhr, Do 10:00 – 20:00 Uhr, Fr 10:00 – 18:00 Uhr, Sa, So 11:00 – 18:00 Uhr

Zur Ausstellung ist bei Hirmer ein großartiger Katalog erschienen, der in der Museumsausgabe 29€ und in der Buchhandelsausgabe 45€ kostet.

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