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Pavel Büchlers Arbeit ‚The Problem of God‘ könnte bald nicht unscheinbarer sein. Auf einem weissen Sockel, unter Glas, liegt ein Buch. In ihm ein Vergrößerungsglas, das das Buch leicht aufschlägt. Und aus einem bestimmten Blickwinkel liest man darin ‚Invisible‘.

Pavel Büchler, The Problem of God, 2007, Gefundenes Buch, und Vergrößerungsglas, ca. 20 × 27 × 5 cm, Privatsammlung Bern, © Pavel Büchler

Pavel Büchler, The Problem of God, 2007, Gefundenes Buch, und Vergrößerungsglas, ca. 20 × 27 × 5 cm, Privatsammlung Bern, © Pavel Büchler

Christliche Bildsprache ist auch die Bildsprache eines jahrhundertealten Transformationsprozesses. Längst schon sind die Motive der christlichen Tradition in der Gegenwartskunst angekommen. Hier werden sie aufgenommen, weitergedacht, losgelöst und hinterfragt. Das Problem mit Gott mag dabei tatsächlich seine – im Wortsinne – unbegreifliche Anwesenheit sein, eben ‚Unsichtbarkeit‘. Aber in dieser ‚Problematik‘ liegt vielleicht gerade die große Chance in der künstlerischen Auseinandersetzung mit christlicher Bildsprache.

Wo Kräfte wirken, deren Ursprung und auch deren Wirkung wir gar nicht zu bemessen wissen, da löst sich auch die künstlerische Arbeit vom Konkreten.

Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Foto: © Achim Kukulies
© Kunstsammlung NRW

Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Foto: © Achim Kukulies
© Kunstsammlung NRW

 

 

 

 

 

 

The Problem of God‘ im K21 der Kunstsammlung NRW versammelt 33 künstlerische Positionen, die die christliche Bildsprache nutzen, um auch über den religiösen Kontext hinaus Geschichten zu erzählen, die essentielle Themen ansprechen, die nicht zuletzt die Position des Menschen in der Welt, sei es als Teil einer göttlichen Schöpfung oder ohne Bezug zu dieser Idee, berühren und vielfältig ausdrücken.

Kris Martin 'For Whom' Installationsansicht der Ausstellung im K21 Foto: Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Kris Martin ‚For Whom‘
Installationsansicht der Ausstellung im K21
Foto: Foto: © Achim Kukulies
© Kunstsammlung NRW

Schon im Treppenhaus in die großen Räume des Untergeschosses erwartet den Besucher mit Kris Martins Glocke ohne Klöppel mit dem Titel ‚For Whom‘ eine so imposante wie stille Auseinandersetzung mit einer der prägnanten Ausdrucksformen christlicher Tradition. ‚Ihm zu Ehren‘ klingen die großen Glocken der christlichen Kirchen überall auf der Welt. ‚For Whom‘ ist keine Frage, ‚Für Wen‘ scheint mir eher der bronzene Ausdruck der Unbegreiflichkeit zu sein, die sich hier auf nicht zuletzt humorvolle Weise in Kunst manifestiert.

Diese Idee der Erfahrbarmachung von etwas Undarstellbaren widmen sich in der Ausstellung noch weitere Künstler wie Ad Reinhardt mit seinem ‚Black Painting‘, Robert Rauschenberg mit ‚White Painting‘ und besonders beeindruckend James Turrell mit ‚Grey Dawn‘.

‚Grey Dawn‘ ist die Rauminstallation gewordene Bewusstmachung des Unsichtbaren. Aus tiefster Dunkelheit des Raumes, die alle Sinne fordert, aber besonders die Augen zu Zeugen einer Transzendenzerfahrung werden lässt, erhebt sich eine graue Dämmerung, die so eindrücklich wie verwirrend ist, wie sie wohl nur Turrell zu schaffen in der Lage ist.

Berlinde de Bruyckere, Schmerzensmann IV, 2006, Wachs, Eisen, Epoxid, 415 × 102 × 98 cm, Ursula Hauser Collection, Switzerland, Courtesy Hauser & Wirth, © Berlinde De Bruyckere

Berlinde de Bruyckere, Schmerzensmann IV, 2006, Wachs, Eisen, Epoxid, 415 × 102 × 98 cm, Ursula Hauser Collection, Switzerland, Courtesy Hauser & Wirth, © Berlinde De Bruyckere

Kreuzigung und Tod, das Kreuz und die Wiederauferstehung, Leiden und Leben – auch die ‚profane‘ Kunst nimmt sich der religiösen Symbolik an, um über diesen Weg Lebensthemen wie gesellschaftliche Ausgrenzung, körperliches Leid, Verzweiflung und Ängste zu thematisieren. Die ‚Schmerzensmänner‘ von Berlinde De Bruyckere sind entmenschlichte Fleischstücke, die auf eisernen Pfeilern aufgespiesst, aufgehängt scheinen. Bei aller Seelenlosigkeit ist in diesen Figuren Leben, das sich festklammert und wehrt, da ist angespannte Muskulatur. Wie in Francis Bacons ‚Fragment of a crucifixion‘, das in direktem Bezug zu dieser Arbeit hängt, nimmt es klar Bezug auf das ikonographische Bild der Opferbereitschaft in der christlichen Überlieferung und Bildtradition: Leid und Sterben Christi am Kreuz.

Boris Mikhailov, Case History – Requiem, 1997/98, C-print, Courtesy the artist und Galerie Barbara Weiss, Berlin, © Boris Mikhailov

Boris Mikhailov, Case History – Requiem, 1997/98, C-print, Courtesy the artist und Galerie Barbara Weiss, Berlin, © Boris Mikhailov

Boris Mikhailov macht aus der Lebens-, Leidens- und Schmerzerfahrung in seiner Fotoreihe ‚Case History‘ ein Abbild heutiger Lebensgeschichten, die von Leid und Schmerz, aber auch von Liebe und Zuneigung erzählen. So entfernt diese Abbilder des Lebens auch von der opulenten Darstellungsweise christlicher Bildwelten ist, findet sich doch gerade hier der Hinweis darauf, dass diese Tradition ein großer Themenspeicher ist, der unabhängig vom religiösen Kontext menschliches Leben berührt.

Ebenso wie die Unbegreiflichkeit des Göttlichen, wird sich auch das Kreuzigungsthema und das Kreuz als Symbol im weiteren Verlauf der Ausstellung immer wieder als Vehikel für eine künstlerische Botschaft zeigen, wie etwa in Gary Hills Videoinstallation mit dem vielsagenden Titel ‚Crux‘.

Katarzyna Kozyra, Looking for Jesus, 2012-, Video, Courtesy of the Katarzyna Kozyra Foundation, project supported by ATLAS SZTUKI (PL), W&W A LIMITED LIABILITY COMPANY (DE), PA?STWOWA GALERIA SZTUKI W SOPOCIE (PL), © Katarzyna Kozyra

Katarzyna Kozyra, Looking for Jesus, 2012-, Video, Courtesy of the Katarzyna Kozyra Foundation, project supported by ATLAS SZTUKI (PL), W&W A LIMITED LIABILITY COMPANY (DE), PA?STWOWA GALERIA SZTUKI W SOPOCIE (PL), © Katarzyna Kozyra

In ihrem Video ‚Looking for Jesus‘ begibt sich die polnische Künstlerin Katarzyna Kozyra auf die Suche nach dem Messias, indem sie Menschen aufsucht, die sich so sehr mit biblischen Charakteren, nicht zuletzt eben auch und gerade mit Jesus, identifizieren, dass sie im Ausdruck dieser Identifikation ihr Leben gestalten. So wie sie selbst Wiedergänger eines solchen Charakters werden, nehmen sie auch seine Fähigkeiten an und werden schließlich im Kosmos christlichen Wunderglaubens zu anbetungswürdigen Verkündern hier Botschaft.

Michaël Borremans, The Bread, 2012, 46,0 × 38,0 cm, gerahmter 19-Zoll-LCD-Bildschirm, HD Video (fortlaufender Loop), ca. 4‘, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen, Videostill: Zeno X Gallery, Antwerpen, © Michaël Borremanns

Michaël Borremans, The Bread, 2012, 46,0 × 38,0 cm, gerahmter 19-Zoll-LCD-Bildschirm, HD Video (fortlaufender Loop), ca. 4‘, Courtesy Zeno X Gallery, Antwerpen, Videostill: Zeno X Gallery, Antwerpen, © Michaël Borremanns

Michaël Borremans’ Arbeit ‚The Bread‘ ist ein goldgerahmtes Video, das dem Betrachter lange als Standbild im Stile eines Ölgemäldes erscheint. Die dargestellte Person ist nur die Büste eines Mädchens, ihre makellos helle Haut, die Stofflichkeit des zartblauen Pullovers, die gescheitelten, dunkelblonden Haare, ein ehrfurchtsvoll schüchtern gesenkter Blick und der konturlos braune Hintergrund, stehen für diesen Eindruck. Bald aber löst sich die Starre und eine Hand führt ein Stück Brot zum Mund. Das ‚Porträt‘ wird zum Ritual der Hostiengabe.

Einen klaren Bezug auf die christliche Bildtradition nehmen auch viele der Videoarbeiten von Bill Viola. In der Ausstellung ‚The Problem of God‘ wird sein Werk ‚The Quintet of the Astonished‘ gezeigt. Viola hat sich mit zahlreichen Videoarbeiten dem Thema der Passionsdarstellung in der bildenden Kunst gewidmet. Seine Arbeiten nehmen neben diesem inhaltlichen vor allem auch Bezug auf die Bildsprache Altmeisterlicher Darstellungen im Hinblick auf Mimik, Gestik und die Farbpalette der Kleidung. Die Kraft des Videos lässt diese Elemente in einem klar erkennbar gegenwärtigen Kontext zum leben erwecken und lässt das Leid, das Erstaunen, die Verwunderung, die Abscheu und Trauer in den Gesichtern der gezeigten Personen nur noch intensiver erfahrbar werden.

Foto: © Achim Kukulies © Kunstsammlung NRW

Foto: © Achim Kukulies
© Kunstsammlung NRW

Wie sehr religiöse Bildvorlagen zu Massenware, Handelsobjekten und Geldquellen geworden sind, beschäftigt Thomas Locher in seiner Arbeit ‚GIOTTO.1.G-W-G‘ und ‚GIOTTO.2.W-G-W‘, indem er mit der Fußwaschung und dem Kuss des Judas zwei Giotto Fresken reproduziert hat. Die Motive sind dabei auf die ausgestanzten Buchstaben W und G gebracht, die in ihrer hier gemeinten Zusammensetzung die marxistische Analyse der Warenzirkulation und die Frage nach den Regeln der Transformation von Waren ‚W‘ und Geld ‚G‘ in Kapital beschreiben. Auch die gewählten Bildthemen selbst stellen dabei die Frage nach diesen Regeln, beschreiben Szenen unterschiedlicher Motivation für eine bestimmte Handlungsweise und verknüpfen so vermeintlich Unvereinbares wie marxistische und theologische Gedankenwelten.

Katharina Fritsch holt die Figuren religiöser Mythologie aus den Bildern und macht aus ihnen farbenfrohe Werke einer kontextfreien Popkultur, die erst wieder zurückgeführt und um die Kenntnis ihrer Bedeutung erweitert werden müssen, um sie über die rein skulpturale Präsenz hinaus wirken zu lassen. Die ‚Heiligenfigur (St. Michael)‘ ist ein Beispiel für diesen Prozess der Entkontextualisierung und stellt die nicht überhörbare Frage nach der Bedeutungsveränderung von Bildvorlagen gerade religiösen Ursprungs bei schwindender Kenntnisse der Bezüge.

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‚The Problem Of God‘ ist ein durch und durch faszinierender und gelungener Blick auf ein vermeintlich so sperriges Thema. Die Ausstellung beweist, dass wir bei allem Säkularismus, den die Trennung von Religion und Staat mit sich bringt, und bei wachsender Entfremdung von religiösen Bildwelten, gerade in der und durch die Kunst immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, wie brennend aktuell dabei der thematische Kanon bleibt.

Über alle Religionen hinweg, und bei allen Barrieren, die zwischen ihnen stehen mögen, zeigt sie, dass es eben keine religiöse Motivation braucht um mit Hilfe von Elementen und Symbolen aus ihrem Kontext allgemeingültig Aussagen treffen zu können. Das ist ja vielleicht auch eine der großen Stärken von Kunst: gedanklicher Freiheit Ausdruck zu verleihen, ohne dabei den Kontext zu verleugnen.

‚The Problem of God‘, K21, bis zum 24.01.2016, Di. – Fr. 10 – 18 Uhr, Sa., So. und Feiertags 11 – 18 Uhr

Zur Ausstellung THE PROBLEM OF GOD ist ein umfangreicher Katalog (dt./engl.) erschienen. Diese Publikation, herausgegeben von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Kerber Verlag dokumentiert auf etwa 400 Seiten auch die Werke der Ausstellung, die mit zahlreichen Dokumentar- Materialien der Künstler illustriert sind.

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