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‚EGO UPDATE‘ – wem machen wir eigentlich etwas vor, wenn wir Selfies als Massenware produzieren? Wer sind eigentlich die Adressaten dieser Selbstdarstellungswut? Stellen wir uns da eigentlich tatsächlich selbst dar, oder sind wir nicht Selbstdarsteller in sofern, als wir uns ein Ego kreieren, ein Alter Ego der Perfektion, Lebenslust, Aggressivität, Sexualität, der Wünsche, Träume, Hoffnungen etc.? ‚Ich fotografiere, ich dokumentiere – also bin ich‘ ist mehr als der Untertitel der Ausstellung ‚EGO UPDATE. Die Zukunft der digitalen Identität‘ im NRW-Forum.

Evan-Baden Technically-intimate-2008-2011-©-NRW-Forum Foto-Andreas-Kuschner-ALIMONIE

Evan-Baden Technically-intimate-2008-2011-©-NRW-Forum Foto-Andreas-Kuschner-ALIMONIE

Der Satz formuliert auch die eine Hälfte der großen Klammer, die diese großartige Ausstellung thematisch, philosophisch, soziologisch umschließt.

Da ist auf der eine Seite die Frage nach dem Stellenwert des physischen Ich in der Gesellschaft und seiner Herausforderungen in einer Welt, die in Arbeit- und Freizeitleben Optimierung, Effizienz und Effektivität auch im zwischenmenschlichen Agieren in den Fokus rückt. Und auf der anderen Seite gilt der Blick dem digitalen Ich, seinem Stellenwert in der Gegenwart und seiner Zukunftsperspektive, vielleicht gar seiner Überlebenschance.

Ausstellungsansicht-On-the-Roofs Honkong-Japan-Europa-2013-2015 ©-NRW-Forum-Düsseldorf Foto-Andreas-Kuschner ALIMONIE

Ausstellungsansicht-On-the-Roofs Honkong-Japan-Europa-2013-2015 ©-NRW-Forum-Düsseldorf Foto-Andreas-Kuschner ALIMONIE

Mit Alain Bieber als neuem künstlerischen Leiter des NRW-Forum und Kurator dieser Ausstellung, ist dem Haus endlich wieder Leben eingehaucht worden, und ich will hoffen, dass diese Ausstellung eine Marschroute für zukünftige Projekte vorgibt.

Bieber versammelt 23 nationale und internationale Positionen zum Thema und scheut dabei nicht davor zurück, ihr die Barrierefreiheit zu nehmen, die sich Ausstellungsmacher ansonsten – nicht gänzlich zu Unrecht – auf die Fahnen schreiben.

‚EGO UPDATE‘ ist nämlich in meinen Augen in erster Linie die Selbstpositionierung der Generation ‚Selfie‘ und hinterlässt bei all jenen, die mit dem Thema ‚digitale Identität‘ qua Alter nichts anfangen können Ablehnung, Kopfschütteln, im besten Fall Verwunderung.

Martin Parr: Autoportrait. Russia, 2008 © Collection Martin Parr / Magnum Photos

Martin Parr: Autoportrait. Russia, 2008 © Collection Martin Parr / Magnum Photos

Martin Parr: Autoportrait. Benidorm, Spain, 1997 © Collection Martin Parr / Magnum Photos

Martin Parr: Autoportrait. Benidorm, Spain, 1997 © Collection Martin Parr / Magnum Photos

 

 

 

 

 

 

Einer kann da vielleicht aber auch ein wenig aushelfen: der wunderbare Martin Parr mit seiner Reihe ‚Autoportraits‘, die ihn selbst in verschiedensten absurden, komischen, lächerlichen, verwunderlichen Posen als Teil einer durch Fotowände oder Fotoautomaten vorgegebenen Situation zeigt. Welche Aussage trifft es über uns selbst, wenn wir uns im Urlaub in Benidorm als Opfer einer Haiattacke inszenieren, bei der der gewählte Gesichtsausdruck vielleicht noch mehr über uns erzählt, als der unmögliche Hintergrund. Und jedem Besucher, der dieser Idee einmal selbst ausgeliefert sein möchte, hat Parr einen Fotoautomaten in die Ausstellung gestellt.

Ausstellungsansicht-MC-Fitti-Selfiegott ©-NRW-Forum-Düsseldorf Foto-Andreas-Kuschner ALIMONIE 2

Ausstellungsansicht-MC-Fitti-Selfiegott ©-NRW-Forum-Düsseldorf Foto-Andreas-Kuschner ALIMONIE 2

Leben ist zu einem nicht unerheblichen Teil eben Inszenierung. Und gerade Künstler bzw. Personen des sogenannten ‚öffentlichen Lebens‘, inszenieren sich, schaffen Kunstfiguren. Dirk Witek hat mit seiner Kunstfigur ‚MC Fitti‚ eine Identität erschaffen, die in der gelebten Zuspitzung kultureller Klischees der Popkultur dieser auch immer wieder den Spiegel vorhält. Seine performative Installation ‚MC Fitti Selfiegott‘, deren Mittelpunkt eine Bronzebüste des Künstlers in Selfiepose ist, macht das Ego zum goldenen Kalb, die Egomanie zum Götzendienst.

Evan Baden, Emily aus Technically Intimate 2008-2011 Copyright Evan Baden

Evan Baden, Emily aus Technically Intimate 2008-2011 Copyright Evan Baden

Evan Baden konfrontiert den Besucher mit einer sehr entscheidenden Komponente der Egomanie: der notwendigen Auflösung bzw. Neudefinition von Intimität im digitalen Raum. Ein Selfie in exponierender Pose ist schnell gemacht und noch schneller in die digitale Welt verschickt. Und doch erzählen all diese Bilder, auch wenn sie nur Lust, Sexualität, Begehr und Begierde ausdrücken wollen, ungewollt oder gewollt viel mehr über die abgebildete Person.

Oliver Sieber: Howl, Leverkusen 2007, aus der Serie Character Thieves.

Oliver Sieber: Howl, Leverkusen 2007, aus der Serie Character Thieves.

Rollenwechsel ist ein entscheidendes Thema an der Schnittstelle von digitalem und realen Leben, bzw. zeigt dabei vor allem die Auflösung einer vermuteten oder vermeintlichen Grenze zwischen diesen beiden ‚Aggregatzuständen‘.

Oliver Sieber: Cake and Mr Brown, Queens NY 2007, aus der Serie Character Thieves.

Oliver Sieber: Cake and Mr Brown, Queens NY 2007, aus der Serie Character Thieves.

In der Ausstellung demonstrieren die Fotografien von Oliver Sieber aus der Reihe ‚Character Thieves‘ diesen Vorgang der inneren wie äusserlichen Wandlung. Songenannte Cosplayer tragen die Kostüme ihrer Heldenfiguren aus Mangas, Animes, Computerspielen und verwandeln sich so in diese. Sieber hat diese Menschen aufgesucht und fotografiert. Nicht jedoch auf Treffen der Cosplayer Szene, sondern in ihrem gewohnt privaten Umfeld, vor ihren Wohnungen, in ihren Straßen. Hier wirken sie wie wunderliche Fremdkörper, denen wir aber eben auch großen Respekt für ihre ausgelebte Individualität zollen können. Das Verschwinden in einer digitalen Figur ist eben nicht notwendigerweise das Gegenteil von Selbstaufgabe.

Selbstaufgabe ist dagegen ein Thema der digitalen Welt auch insofern, als wir uns mit Fälschung und Manipulation auseinandersetzen müssen.

Dabei stellt sich immer auch die Frage nach dem Recht am eigenen Bild oder am eigenen Werk. In ‚EGO UPDATE‘ beschäftigen sich Andreas Schmidt und Alison Jackson mit diesen Themen.

Andreas Schmidt: Gerhard Richter aus Fake Fake Art (2012) © Andreas Schmidt

Andreas Schmidt: Gerhard Richter aus Fake Fake Art (2012) © Andreas Schmidt

Schmidt präsentiert in den Bildern seiner Reihe ‚Fake Fake Art‘ berühmte Künstler von Hopper bis Richter, die jeweils ein eigenes ihrer Werke in die Kamera halten. Doch was der Bildhintergrund häufig schon vermuten lässt – eher dreckige Straßenecken, Treppenhäuser, Gassen als stylische Atelierräume – wird bald Gewissheit: hier halten chinesische Fälscher ihre Fälschung und ihre Köpfe hat Schmidt digital ‚gefälscht‘. Das Gesicht des wahren Künstlers – die Frage nach der Qualität der Fälschung wird nicht gestellt – wird in der Fälschung der Fälschung wieder zum Copyrightvermerk.

EGO UPDATE Jackson Alison Seeing is Deceiving 2013 Copyright Alison Jackson

EGO UPDATE Jackson Alison Seeing is Deceiving 2013 Copyright Alison Jackson

 

Alison Jacksons Aufnahmen prominenter Zeitgenossen scheinen jede Distanz, jede Idee von Persönlichkeitsrecht vermissen zu lassen. Da sehen wir Lady Gaga, die sich offensichtlich in höchster Not, auf einem Eimer hockend, erleichtert, Brad Pitt und Angelina Jolie, die sich vor einem Regal mit verschiedenrassigen Kleinkindern nicht einig zu werden scheinen, welches es sein soll oder die junge Familie Windsor vergnügt zu dritt in einer kleinen Badewanne. Alle Bilder sind mit Lookalikes gestellt. Aber die Frage im Raum ist doch: wollen wir das sehen und wenn ja, warum? Was reizt so am Privaten, dass wir es öffentlich machen wollen?

Arvida Byström: Instagram Sculptures © Arvida Byström

Arvida Byström: Instagram Sculptures © Arvida Byström

Viele Antworten darauf geben die Kommentarfunktionen, die Plattformen wie Instagram dem Nutzer ermöglichen, Stellung zu beziehen. Hier finden sich von Eigenwerbung bis Anbiederung, von Kritik bis Lob, von Anfeindung und Beleidigung bis zu obsessiver Zuneigung die unterschiedlichsten Ausdrucksweisen der vermeintlichen Interaktion mit dem ursprünglichen Post und der dahinterstehenden Person. Arvida Biström nutzt diese Plattformen für ihre Selbstdarstellung, in der sie vor allem Weiblichkeit, Sexualität und Geschlechterrollen thematisiert. In der Ausstellung präsentiert sie mit ‚Most commented, March 2015‘ ihr mistkommentiertes Instagramfoto inklusive Kommentarstrang. Das Persönliche wird das Öffentliche wird das Persönliche, der Kreis aus Projektion und Reaktion ist geschlossen.

David Slater: Crested Black Macaque © David J. Slater

David Slater: Crested Black Macaque © David J. Slater

Viel mehr noch gibt es zu entdecken – auch der Selfie-Affe, der vielleicht ja sogar das Copyright an seinem Selfie hat, präsentiert sein Werk – in dieser modernen, bunten, aggressiven, offenen, ehrlichen, alles in allem rundum gelungenen Ausstellung. Und zwischendurch blicken wir uns als Besucher in den zahlreichen Spiegeln, die hier hängen, selbst an. Und vielleicht braucht es das auch für die entscheidenden Fragen: wo stehe ich in dieser digitalen Welt? Bin ich noch Ich? Wieviel Kontrolle habe ich über mein digitales Ich bereits verloren und wer hat sie jetzt? Wohin soll das alles führen?

Die Ausstellung gibt keine Antworten, weil es sie nicht gibt. Aber sie ist so intelligent, die Fragen aufzuwerfen.

‚EGO UPDATE. Die Zukunft der digitalen Identität‘, bis zum 17.01.2016 im NRW-Forum, Düsseldorf, Di. – So. 11 – 20 Uhr, Fr. 11 – 22 Uhr

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Zur Ausstellung erscheint eine Publikation, die das Thema mit Essays von Autoren wie Jerry Saltz, Douglas Coupland, Brooke Wendt, Adam Levin, David Rubinstein und Karen Ann Donachie weiter vertieft.

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