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Benyamin Reich, 'Black Stars' FAK.15, Münster

Benyamin Reich, ‚Black Stars‘ FAK.15, Münster (1)

Tallit, Tefillin, Schtreimel, Pejes – die Lebenswelt streng orthodoxer Juden findet ihren Ausdruck nicht nur in Ritualen und Regeln des alltäglichen Lebens, sondern eben auch in Äußerlichkeiten wie Gebetskleidung, Gebetsriemen, Mütze und Schläfenlocken. Das Schwarzweiss der Kleidung, die Position der Gebetskapseln am Tefillin, die Schläfenlocken, deren Tragen die Tora gebietet, der Schtreimel mit dem breiten Pelzrand für jüdische Feiern und Feste. Gebote und Verbote prägen die Lebenswirklichkeit einer orthodoxen Religion in besonderem Maße. Ihre Regeln grenzen dabei den Erfahrungshorizont auch ein, wenn es darum geht, über das Verbot von Medienkonsum an den politischen, sozialen, allgemein gesellschaftlichen Gegebenheiten und Veränderungen der ‚Aussenwelt‘ eben nicht teilhaben zu dürfen.

Benyamin Reich formuliert es so: er sei zwar in Israel geboren, aber eigentlich sei er nicht mit Israel oder einer Wahrnehmung von Israel aufgewachsen, sondern mit der Religion. Und auch wenn Tel Aviv so nah war, für ihn war es unbekannte Fremde.

Ausstellungsansicht Benyamin Reich 'Black Stars' FAK Münster

Ausstellungsansicht Benyamin Reich ‚Black Stars‘ FAK Münster

Der Fotograf Benyamin Reich, voller Sehnsucht nach künstlerischem Ausdruck und Blue Jeans der engen Welt des ultraorthodoxen Lebens früh entflohen, thematisiert eben diese Enge, die sich aus orthodoxer Traditionalität ergibt und erlaubt sich und uns mit bestechender Intimität einen Einblick in diese Welt.

Die Ausstellung ‚Black Stars‘ im Förderverein Aktuelle Kunst (FAK.15) in Münster präsentiert Fotografien jüdischen Lebens in seinem Facettenreichtum, Fotografien, in denen sich Tradition und Moderne nicht als Gegensätze, sondern als Bestandteile einer Lebensrealität präsentieren.

Benyamin Reich hat in der Enge der Tradition seinen Weg zu künstlerischer Ausdrucksform gefunden und dabei den Kontakt zu seinen familiären, sozialen und kulturellen Wurzeln nicht verloren bzw. sich nicht nehmen lassen. Wenn er heute die Menschen seiner Heimat fotografiert, seine Freunde, seine Familie, dann lassen eben diese Menschen eben diesen Blick auf sie auch zu. Reich steht zwischen Tradition und Moderne, er blickt in zwei Welten, weil er beide kennengelernt hat und weil er weiss, dass sie mehr sind, als das Schwarz und Weiss der traditionellen Bekleidung orthodoxer Juden es vermuten lässt.

Ausstellungsansicht Benyamin Reich 'Black Stars' FAK Münster

Ausstellungsansicht Benyamin Reich ‚Black Stars‘ FAK Münster (2)

‚Black Stars‘ , ein Titel, der mit dieser Tradition des Schwarzweiss spielt, am Ausstellungsort in hebräisch und schwarzer Schrift auf weissem Grund an die Wand gebracht, zeigt die Arbeiten Reichs in zwei Werkkomplexen. In Vitrinen finden sich seine privaten, intimen Fotografien, Polaroid, Kleinbild-, Mittelformat, bunt, schwarzweiss. Es sind Selbstporträts, Porträts von Freunden, gestellt, spontan, in Alltagssituationen, in traditionellen Gewändern, halbnackt, nackt. Manche der Bilder wirken wie gemalte Stilleben, manche von ihnen wie spontane Schnappschüsse. Ihre Verbindung ist eine Auseinandersetzung mit der traditionellen Lebenswelt der Orthodoxie. In den Bildern der jungen Männer am Strand, im Meer, den halbnackten, nackten Oberkörpern, der zarten, liegenden Rückenansicht, dem Tefillin auf nackter Haut, schwingt dabei immer auch eine erotische Note mit.

(c) Benyamin Reich

(c) Benyamin Reich

Auch wenn die Homosexualität des Fotografen keinen expliziten Ausdruck in diesen Fotografien findet: auch sie, so scheint es mir, gehört in der Auseinandersetzung mit dem Werk notwendig dazu. Sie ist ein weiterer Bestandteil der Normalität, in der sich Reich bewegt, eine Bindeglied zwischen zwei Welten, die bei aller Fremdheit die Gemeinsamkeit möglicher Lebensentwürfe, die Idee davon was es heisst Mensch zu sein, verbindet.

Reich bagatellisiert dabei die Herausforderungen, die Probleme und die Grenzen nicht, denen sich ein selbstbestimmtes Leben unter strengen Regeln immer wieder unterwerfen muss. Ein Foto seines Freundes, in der Uniform der israelischen Armee, zusätzlich mit Kippa und Tefillin bekleidet, auf dem Bett sitzend und die Tora studierend, ist ein eindrücklicher Beweis dafür.

Benyamin Reich lebt und arbeitet heute in Berlin. Mit seiner Mittelformatkamera hat er auch hier den besonderen Blick auf jüdisches Leben entwickelt, verfeinert und in aller Widersprüchlichkeit dokumentiert. Zuletzt war er als Fotograf Beobachter der European Maccabi Games eben dort. Und gerade an diesem Ort verbinden sich auf fast schon unerträgliche Weise so viele Herausforderungen und Prägungen jüdischen Lebens:

Ein homosexueller Jude, aufgewachsen in einem ultraorthodoxen Umfeld, das sportliche Betätigung als gotteslästerlich untersagt und fotografieren verbietet, dokumentiert die Wettkämpfe jüdischer Sportler an eben jenem Ort, an dem 1936 mit dem Ausschluss von Juden von der Teilnahme an den Olympischen Spielen das nationalsozialistische Deutschland seine hässliche und menschenverachtende Fratze einmal mehr offenbart hat.

Ausstellungsansicht Benyamin Reich 'Black Stars' FAK Münster

Ausstellungsansicht Benyamin Reich ‚Black Stars‘ FAK Münster (3)

Seine in Münster gezeigten Fotografien der Fechter und Schwimmer, größtenteils in Schwarzweiss – und damit wieder in direkter Anlehnung an orthodoxe Tradition wie an den Titel der Ausstellung – zeigen stolze junge Menschen, Männer wie Frauen, die ihren Sport als selbstverständlichen, herausfordernden, erschöpfenden Bestandteil ihres Lebens betrachten.

Eines dieser Sportlerporträts – ein junger Fechter, der erschöpft, entspannt im Schatten sitzend an einem Baum lehnt – findet sich unter den Bildern des zweiten Werkkomplexes, der in der Ausstellung präsentiert wird.

Ausstellungsansicht Benyamin Reich 'Black Stars' FAK Münster

Ausstellungsansicht Benyamin Reich ‚Black Stars‘ FAK Münster

In einfachen, schwarzen Rahmen sind die gezeigten Fotografien Ausdruck des künstlerischen Schaffens Reichs. Dazu gehört nicht nur das ausgewogen bewusste Spiel mit Licht und Schatten, das die Kontraste der Fotografien noch verstärkt und die Motive betonend hervorhebt, sondern auch das Spiel aus der Verbindung klassischer Gattungen wie Stillleben, Porträt, Doppelporträt oder Landschaft mit modernen Bildmotiven.

Ohne Titel (2014) (c) Benyamin Reich

Ohne Titel (2014) (c) Benyamin Reich

Wie ein erschöpfter Krieger nach dem Kampf sieht man auf einem der Bilder einen israelischen Soldaten, der auf seinem Bussitz zusammengesunken, schlafend sitzt und seine Waffe im Schoß mit den Händen schützend festhält. Aus diesem Bild sprechen Schönheit und unglaubliche Ruhe, und doch erzählt es auch von ständiger Bedrohung und Krieg.

Ein Bild zeigt verschwommen aber erkennbar zwei Menschen, einen Mann und eine Frau, die nackt nebeneinander stehen, dem Betrachter zugewandt, die Hände sich zärtlich berührend. Das Motiv verweist deutlich auf Adam und Eva im Paradies. Hier aber wird nicht der Sündenfall thematisiert, sondern die innige Verbindung der beiden. Es scheint mir aber so, dass gerade in der verschwommenen Darstellung schon die Anfälligkeit und Zerbrechlichkeit dieser Beziehung ihren Ausdruck findet.

Abba, Berlin (2011) (c) Benyamin Reich

Abba, Berlin (2011) (c) Benyamin Reich

Und schließlich möchte ich auch die Fotografie erwähnen, die nicht nur das Ausstellungsplakat und die Flyer zu ‚Black Stars‘ ziert, sondern eben hier auch für sich allein, neben dem hebräischen Schriftzug des Ausstellungstitels, hängt.

‚Abba, Berlin‘ zeigt den Vater des Fotografen, einen Rabbiner, der, in traditionellem Ornat und mit dem Schtreimel bekleidet, in einer leeren Lagerhalle auf einer Liege ruhend, den Betrachter nicht aus den Augen lässt. Er ist der ‚Black Star‘ im Leben Reichs, eine herausfordernde, ferne, nahe, kritische und doch die Arbeit und das Leben des Sohnes nicht unbeteiligt oder gar ablehnend begleitende Vaterfigur. Dieser Vater wacht gleichsam über die Ausstellung und die Werke des Sohnes und bei aller Lässigkeit, in der er dort liegt, ist er der direkte Hinweis auf die Wurzeln und Motive des eigenen Lebens, mit denen sich jeder Mensch, hier aber vor allem Benyamin Reich zu beschäftigen hatte.

Ausstellungsansicht Benyamin Reich 'Black Stars' FAK Münster

Ausstellungsansicht Benyamin Reich ‚Black Stars‘ FAK Münster (4)

Ausstellungsansicht Benyamin Reich 'Black Stars' FAK Münster

Ausstellungsansicht Benyamin Reich ‚Black Stars‘ FAK Münster (5)

Benyamin Reich ‚Black Stars‘ im Förderverein Aktuelle Kunst (FAK.15), Münster, Fernstraße 8, 48159 Münster, bis zum 2.10.2015, Do. – So. 16.00 – 19.00 Uhr

Bis zum 20.09. präsentiert ausserdem das Künstlerhaus Bethanien mit ‚Backwards‚ Werke von Benyamin Reich

alle Abbildungen: (c) Benyamin Reich

Fotos (1) – (5): Manu Gruber

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