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Hesselholdt & Mejlvang ‚The Situation Room‘ in der FB69 Galerie Kolja Steinrötter, Münster

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Das muss schon ein beeindruckendes Spektakel gewesen sein, als am 15. Juni 1219 in der Schlacht von Lyndanisse den gegnerischen Esten eine große Flagge auf die Köpfe fiel, sie so vernichtete und die dänischen Truppen unter Waldemar II. zu einem schon unerwarteten Sieg führte.

The Birth of a Nation, 2015

The Birth of a Nation, 2015

So jedenfalls erzählt sich die Legende von der Entstehung der dänischen Flagge, die auch ohne dies zu einer der ältesten Flaggen der Welt zählt und in ihrer Verwendung als Dannebrog, als Ausdruck nationaler Identität und Stärke und in ihrer engen Verbindung zum Königshaus, für Dänen ein bedeutungsschweres Symbol ist.

In ihrer Ausstellung ‚The Situation Room‘ in der FB69 Galerie Kolja Steinrötter, erzählt Sofie Hesselholdt vom Künstlerduo Hesselholdt & Mejlvang vor einem Exemplar ihrer Arbeit ‚Skin Colored Union‘ (2015) davon, wohin der künstlerische Umgang mit einem solchen Staatssymbol führen kann:

Skin Colored Union (Münster), 2015

Skin Colored Union (Münster), 2015

Der ursprüngliche Plan war es, den Dannebrog, reduziert auf die Umrisse und komplett in Hautfarben, über der Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen zu hissen. Nicht zuletzt, da sich diese allerdings als Königlich Dänische Kunstakademie in einer ehemaligen Residenz des Dänischen Königshauses befindet, wurde diese künstlerische Intervention jedoch unter Hinweis auf den Umgang mit der Flagge als Symbol für Staat und Königshaus untersagt.
Im Ergebnis führte diese Zensur schließlich zur jetzigen Variante als ‚Skin Colored Union‘, einer Flagge, die vier bekannte Gestaltungsvarianten von Staatsflaggen vereint: das Kreuz, das X, die senkrechte und die waagerechte Dreiteilung der Fläche. Auch wenn also hier mit dem Kreuz die dänische Flagge weiterhin klar erkennbar ist, durfte diese Variation schließlich als künstlerische Arbeit auf dem Dach der Akademie gehisst werden.

Flesh Tint Flag I - IV, 2015

Flesh Tint Flag I – IV, 2015

Sofie Hesselholdt und Vibeke Mejlvang widmen sich in ihren Arbeit unter anderem der Frage nach der Legitimation der ‚weissen Rasse‘ als ‚Herrschaftsrasse‘ und eben jener am Beispiel des Dannebrog demonstrierten Verknüpfung aus Herrschaftsanspruch in Verbindung mit staatlichen Symbolen oder Heraldik.
Ihre Flaggenbilder und -arbeiten sind daher zumeist in Fleischfarben gehalten. So gelingt es den beiden, die abstrakte Idee einer Legitimation durch Symbole mit dem Menschentyp zu verbinden, der sich eben jenen Machtanspruch im wahrsten Sinne des Wortes ‚auf die Fahnen geschrieben‘ hat.

4-8-16, 2015

4-8-16, 2015

In zahlreichen Arbeiten verwandeln Sie die hautfarbene Flagge auch spielerisch und gleichzeitig provozierend in Symbole nationalsozialistischer Prägung. In der unschuldig ‚4-8- 16‘ betitelten Arbeit mit kleinen Flaggenspießen ist dabei jeder Schritt grafisch nur die Weiterführung des Vorhergehenden. Das erste Motiv ist jedoch so deutlich eine Swastika, dass eine Umdeutung bzw. Weiterdeutung gewollt sein muss.
Eine Flagge, ein staatliches Symbol, reduziert auf die Größe einer Mini-Papierfahne als Holzpicker für den heimischen Gebrauch und farblich reduziert auf die Hautfarbe der arischen Rasse, verwandelt sich in eine bedrohliche Erinnerung.

The Tea Party (Detail), 2015

The Tea Party (Detail), 2015

The Tea Party (Detail), 2015

The Tea Party (Detail), 2015

Was zu einer ‚Tea Party‘ gehört, demonstrieren die Künstlerinnen mit ihren Keramikobjekten. In Schwarz gehaltene Kannen und Tassen sind dabei allerdings schon auf den ersten Blick mehr als reine Küchen- oder Wohnzimmerutensilien. Klar erkennbar ist die Referenz an die sogenannte ‚Tea-Party Bewegung‘, die sich als ultrakonservative Gruppierung in den Vereinigten Staaten vor allem mit der ehemaligen Senatorin und Präsidentschaftskandidaten Sarah Palin einen (unrühmlichen) Namen gemacht hat. Die Keramiken verarbeiten Symbole und Slogans dieser Bewegung. Aus der ‚New Wave‘ wird eine Welle in der Teetasse, ‚I have a dream – we have a nightmare‘, ein Ausspruch der Bewegung, der die Symbolkraft der Worte Martin Luther Kings mit der vermeintlichen Bedrohung durch die Politik Barrack Obamas verbindet, findet sich an der Aussen- und Innenseite einer Tasse, ebenso wie der Slogan ‚Marxist Liars‘. Auf einer Teekanne thronen Miniaturdreispitze, und erinnern so, ganz fehl am Platz, an die ‚Verkleidung‘, in der Mitglieder der Bewegung auftreten und die gleichsam als historische Legitimation der eigenen Bewegung gewertet werden kann.

 

Santa, the Storyteller, 2015

Santa, the Storyteller, 2015

Die Weihnachts- und Gedenkteller der Porzellanmanufaktur ‚Royal Kopenhagen‘ sind über die Grenzen Dänemarks weit verbreiteter Ausdruck dänischen Kunsthandwerks und dänischer Tradition. Völlig ironiefrei stellen diese Teller Szenen geschichtlicher Ereignisse nach und öffentliche wie private Orte dar. Vom Entstehungsmythos des Dannebrog über die erste Mondlandung bis zum Blick ins heimische Wohnzimmer am Weihnachtsabend reicht die Motivwahl, derer sich Hesselholdt & Mejlvang in der Ausstellung angenommen haben. Die klassische Blaumalerei der Teller erfährt dabei eine farbliche Intervention.

The Birth of a Nation, 2015

The Birth of a Nation, 2015

Conquering Space und Full Moon, 2015

Conquering Space und Full Moon, 2015

So wird der (blaue) Dannebrog auf dem Jubiläumsteller in die bereits bekannte Fleischfarbe gehüllt – eine Fehlfarbe durch eine andere ersetzt und trotzdem mit mehr als der ursprünglich vorhandenen Bedeutung aufgeladen – und der Weihnachtsmann im heimischen Wohnzimmer wird zu einer schwarz gewandeten Horrorvorstellung am Heiligabend – seine Idee und friedliche Symbolkraft für eine christlich geprägte Gesellschaft wird zu einer ungeahnten Konfrontation mit dieser Tradition.

Empty Crest I - III, 2015

Empty Crest I – III, 2015

Welche Stärke heraldische Symbole und die Symbolik von Wappen haben, beweisen Hesselholdt & Mejlvang mit einer Reihe von ‚Umrisszeichnungen‘. Dargestellt sind, nur mit etwas teuflisch zugespitzten Details versehen, wie Sofie Hesselholdt es bezeichnet, Wappen, befreit von ihren Farben und Symbolen wie Tieren oder Waffen. So werden sie quasi zu ‚Malen-nach-Zahlen‘ Objekten, in die der Betrachter seine eigene Idee von Heraldik projizieren könnte.

Empty Crest I, II, 2015

Empty Crest I, II, 2015

Bei aller Freiheit, die diese offene Darstellung mit sich bringt, bleibt aber ihre ursprüngliche Bedeutung als Herrschafts- und Statussymbol erhalten, wird vielleicht sogar noch verstärkt und konfrontiert den Betrachter mit seiner eignen Stellung zu dieser Idee von Machtdarstellung.

 

 

Wer regiert die Welt und warum überhaupt? Wie legitimiert ein Staat seine Handlungen? Welche Kraft und welchen Einfluss haben dabei staatliche Symbole? Mit welchem Anspruch findet sich darin der einzelne Mensch wieder und wie viel Individualität verliert sich eigentlich hinter staatlicher Symbolik? Wie öffentlich ist das Private und andersherum? Und wie exkludierend sind Symbolpolitik und Traditionalismus?

Hesselholdt & Mejlvang werfen mit ihren Arbeiten essentielle Fragen zu gesellschaftlichen leben auf. Gerade in der derzeitigen Situation von Ausgrenzung und Radikalisierung ist ihre Kunst hochpolitisch und aktuell. Sie öffnet den Blick für einen bewussteren Umgang mit Symbolen und Parolen und ist meiner Meinung nach im besten Sinne politische Kunst.

DSCF6897Hesselholdt & Mejlvang ‚The Situation Room‘, FB69 Galerie Kolja Steinrötter, bis zum 31. Oktober, Mi. – Fr. 12 – 18 Uhr, Sa. 10 – 14.30 Uhr

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