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‚Tätige Nächstenliebe‘, das ist das große und hochaktuelle Thema der ‚Caritas‘ Ausstellung im Diözesanmuseum Paderborn, die mit einem Überblick über die Darstellung dieser Grundfeste christlichen Glaubens von den frühen Christen bis in die Gegenwart begeistert.

Sie ist nicht nur in der Auswahl der Werke und im Arrangement  derselben ein kunst- und kulturhistorischer Meilenstein, sondern ihr gelingt mit der eindrücklichen Vermittlung dieses christlichen Kerngedankens darüber hinaus zweierlei, bald unbezahlbares: den vorurteilsfreien Blick zu erlauben, der unabhängig von der Institution Kirche den Caritas-Begriff als wünschenswert verbindliches und über aller kirchlicher Tradition stehendes Credo im Wortsinne erhoffen lässt und darüber hinaus die Beschäftigung mit einem Thema zu erlauben, dass gerade in diesen Tagen so brennend aktuell ist.

Twitteraccount @pontifex_de, 24.1.2025

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Nicht zuletzt der aktuelle Papst hat mit seinen Verweisen auf den Stellenwert der Nächstenliebe, mit seinen Besuchen bei den Ärmsten der Armen und in den Flüchtlingsunterkünften in Lampedusa, in seiner Rolle als Oberhaupt der katholischen Kirche, auf die Bedeutung dieses Themas für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen häufig verwiesen. Und er tut dies, wie man sieht, auch sehr wohl mit den Möglichkeiten moderner Kommunikation.

Wie sehr er hierin in der Tradition steht, bedeutet dem Besucher dieser Ausstellung gleich zu Beginn der Ausstellung das vielleicht beeindruckendste Ausstellungsstück. In einer ovalen Vitrine, nur schwach beleuchtet, um das kostbare wie anfällige, 22 cm x 14 cm kleine ,Papyrus (um. 175 – 225) und die filigrane Schrift aus Tinte darauf nicht zu beschädigen, liegt eine Seite aus einem der Briefe des Apostel Paulus an die Korinther, in dem er einen, wenn nicht den zentralen Begriff der Christenheit einordnet:

‚Wenn ich mit Menschen-, ja mit Engelszungen redete

und hätte aber die Liebe nicht,

so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle (…)

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;

aber die Liebe ist die größte unter ihnen.’

(1 Kor 13,1 – 13)

Das kennt wohl jeder, der auch nur einmal auf einer Hochzeit war. Und doch wirkt es hier, an diesem Ort und eingebettet in die weiteren Stücke frühchristlichen Lebens, so erstaunlich, beeindruckend und neu, wie ich mir nur wenige andere Objekte, welcher Form auch immer, vorstellen kann.

Konsulardiptychon des Flavius Taurus Clementinus (Detail) Konstantinopel, 513, Liverpool, The Board of Trustees of National Museums Liverpool, World Museum, Inv.Nr. M 10036 © Courtesy National Museums Liverpool

Konsulardiptychon des Flavius Taurus Clementinus (Detail)
Konstantinopel, 513, Liverpool, The Board of Trustees of National Museums Liverpool, World Museum, Inv.Nr. M 10036
© Courtesy National Museums Liverpool

Im direkten Kontrast zum Konsulardiptychon des Flavius Taurus Clementius (513), das in seiner Darstellung die Wohltätigkeit in erster Linie als Instrument zum Machterhalt definiert, propagiert Paulus in seiner Definition den Begriff der Liebe, und damit der Nächstenliebe und -hilfe, als gleichberechtigt für alle menschen geltende Tugend und Maxime.

Was für eine Veränderung!

Wann wird man schon einmal auf so engem Raum, und mit solch beeindruckenden Werken und Inhalten auf eine so elementare Veränderung im sozialen Miteinander von Menschen, von Hierarchien und Abhängigkeiten hingewiesen.

Und das war erst der erste Raum der Ausstellung, die nun in mehreren chronologischen Abschnitten durch das Diözesanmuseum mäandert, und dabei, egal in welchem Bereich man sich gerade befindet, immer wieder den Blick auf den Paulussatz als Kerngedanken des Glaubens erlaubt, der über die gesamte Höhe der Räume auf einer Leinwand im Treppenhaus immer wieder erscheint.

Die folgenden ‚Kapitel‘ widmen sich der Institutionalisierung der Caritas vor allem im mittelalterlichen Umfeld von Bischöfen, Königen und Klöstern.

Rückwärtige Einbandtafel des sog. Melisende-Psalters mit sechs Medaillons, die die Werke der Barmherzigkeit zeigen, Elfenbein, 2. Viertel 12. Jh., London, British Library, Inv.-Nr. Eggerton Ms. 1139 © British Library Board

Rückwärtige Einbandtafel des sog. Melisende-Psalters
mit sechs Medaillons, die die Werke der Barmherzigkeit zeigen,
Elfenbein, 2. Viertel 12. Jh., London, British Library, Inv.-Nr. Eggerton Ms. 1139
© British Library Board

Bibel von Floreffe Einführende Doppelseite zum Buch Hiob, um 1155, London, British Library, Sign. Ad.Ms. 17738, fol. 3v © British Library Board

Bibel von Floreffe
Einführende Doppelseite zum Buch Hiob, um 1155, London, British Library, Sign. Ad.Ms. 17738, fol. 3v
© British Library Board

 

Prachtvoll verzierte Einbände aus Elfenbein, wie der des Melisende-Psalters (um 1135), die Tugenddarstellungen auf Reliquiaren oder in aufwändigen Malereien in Bibeln, vermitteln einen guten Eindruck davon, wie die Vorstellung einer Entlohnung im Himmel für ein gutes Werk auf der Erde die Menschen leitet und beschäftigt.

Diese Vorstellung ist nicht zuletzt auch der Leitgedanke bei der Armen- und Krankenfürsorge in Begleitung entstehender Städte in Italien und nördlich der Alpen. Barmherzigkeit wird zur Handlungsmaxime und Krankenhäuser, Waisenhäuser und Armenhäuser ihr gemauerter Ausdruck.

In der Ausstellung demonstrieren die Modelle verschiedener mittelalterlicher Bauten diesen Anspruch, wie etwas das des Heiligen-Geist-Hospitals in Lübeck, dass als eine der ältesten Sozialeinrichtungen Europas (1286) beeindruckend von der gelebten Wohltätigkeit in Verbindung von Hospital und Kirche erzählt.

Antwerpener Meister, Das Weltgericht, die Sieben Werke der Barmherzigkeit und die Sieben Todsünden 1490/1500, Antwerpen, Maagdenhuismuseum (OCMW Antwerpen), Inv.Nr. 134 Bildnachweis © Collection Maagdenhuismuseum (OCMW ANTWERPEN, B), Photocredit: KIK / IRPA, Brussels

Antwerpener Meister, Das Weltgericht, die Sieben Werke der Barmherzigkeit und die Sieben Todsünden
1490/1500, Antwerpen, Maagdenhuismuseum (OCMW Antwerpen), Inv.Nr. 134
Bildnachweis
© Collection Maagdenhuismuseum (OCMW
ANTWERPEN, B), Photocredit: KIK / IRPA,
Brussels

Kein Werk in diesem Kapitel verdeutlich Wohl und Wehe, Auftrag und Strafe, so wirkmächtig wie ‚Das Weltgericht, die Sieben Werke der Barmherzigkeit und die Sieben Todsünden‘ (um 1490 – 1500). Eine bildgewordene Handlungsanweisung, unmissverständlich und zielgerichtet.

In Humanismus und Aufklärung wird der Caritasgedanken schließlich zum Bild der liebenden Mutter. Viele Darstellungen im 16. Jahrhundert thematisieren ihr selbstloses, beschützendes, vermittelndes, liebendes Wesen.

Lucas Cranach d. Ä., Caritas nach 1536, Luxemburg, Musée national d‘histoire et d‘art, Inv.Nr. 1948-003/001 © MNHA/Tom Lucas

Lucas Cranach d. Ä., Caritas
nach 1536, Luxemburg, Musée national d‘histoire et d‘art, Inv.Nr. 1948-003/001
© MNHA/Tom Lucas

In Paderborn sticht neben der fast schon verführerischen Darstellung der Caritas durch Lucas Cranach d. Ä. und an der Seite Christi bei Peter Paul Rubens vor allem ein wunderschönes Altartafelbild der Caritas mit 5 (!) Kindern, die sie hütet und beschützt, flankiert von Liebe und Barmherzigkeit, heraus.

Raffael, Personifikation der Caritas mittlere Predellentafel des Retables aus der Grabkapelle der Familie Baglioni in Perugia, 1507 Vatikanstadt, Pinoteca Vaticana, Inv Nr. 40311. ©Archivio Fotografico dei Musei Vaticani, Musei Vaticani

Raffael, Personifikation der Caritas
mittlere Predellentafel des Retables aus der Grabkapelle der Familie Baglioni in Perugia, 1507
Vatikanstadt, Pinoteca Vaticana, Inv Nr. 40311.
©Archivio Fotografico dei Musei Vaticani, Musei Vaticani

Die Ausstellung lässt die Veränderungen, die sich in der katholischen Tugendlehre durch die Reformation ergeben haben, nicht aus.

Am Beispiel der Niederlande und seiner Teilung in einen calvinistischen Norden und einen katholischen Süden, wird mit Bildbeispielen der Wandel verdeutlicht, den der Wegfall der Relevanz von Fürsorge für das Seelenheil bedeutete. Die Bildsprache der Darstellungen aus dem jeweiligen Landesteil vermittelt einen Eindruck von standesbedingter Beharrlichkeit im Süden und Profanität im Norden.

Peter Paul Rubens (1577-1640) Christus, Beschützer der Waisen Öl auf Holz, Maagdenhuismuseum (OCMW Antwerpen), Inv.Nr. 140 Bildnachweis© Collection Maagdenhuismuseum (OCMW ANTWERPEN, B), Photocredit: KIK / IRPA, Brussels

Peter Paul Rubens (1577-1640)
Christus, Beschützer der Waisen
Öl auf Holz, Maagdenhuismuseum (OCMW Antwerpen), Inv.Nr. 140
Bildnachweis© Collection Maagdenhuismuseum (OCMW ANTWERPEN, B),
Photocredit: KIK / IRPA, Brussels

Den gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, die die Industrialisierung im 19. Jahrhundert mit sich bringen, widmen die Ausstellungsmacher ein bemerkenswerte Zusammenstellung von Gegenständen und Kunstwerken.

Leben und Wirken des evangelischen Theologen Theodor Flieder und der katholischen Ordensfrau  Pauline von Mallinckrodt vermitteln einen Eindruck von der selbstlosen Aufopferung auch und vor allem für die Verlierer dieser Veränderungen.

Ein Abteil dieses Kapitels widmet sich den staatlichen und kirchlichen Initiativen und Institutionen, die ausgehend von den sozialen Umständen, in dieser Zeit den Kampf gegen Hunger, Armut, Krankheit, Elend aufgenommen haben.

In der Kunst werden diese einschneidenden Veränderungen, die nicht zuletzt auch die Kriege jener Zeit bedingten und beförderten, immer auch im Rückgriff auf biblische Motive aufgegriffen.

Ferdinand Hodler, Der barmherzige Samariter, um 1883, Zürich, Kunsthaus Zürich, Leihgabe der Gottfried Keller-Stiftung © 2014 Kunsthaus Zürich. Alle Rechte vorbehalten.

Ferdinand Hodler, Der barmherzige Samariter,
um 1883, Zürich, Kunsthaus Zürich, Leihgabe der Gottfried Keller-Stiftung
© 2014 Kunsthaus Zürich. Alle Rechte vorbehalten.

 

Ernst Ludwig Kirchner, Das Bad des Kranken (Der barmherzige Samariter) um 1917/20, Privatbesitz © Wichtrach/Bern, Galerie Henze-Ketterer

Ernst Ludwig Kirchner, Das Bad des Kranken
(Der barmherzige Samariter)
um 1917/20, Privatbesitz
© Wichtrach/Bern, Galerie Henze-Ketterer

So zeigt die Ausstellung eindringliche Arbeiten von Ferdinand Hodler und Ernst Ludwig Kirchner, die den barmherzigen Samariter als Leit- und Vorbild tätiger Nächstenliebe darstellen.

Auch die Gegenwartskunst lässt die Themen Nächstenliebe und Barmherzigkeit nicht aus.

Vor allem die Videoarbeit von Bill Viola hat mich sehr beeindruckt. Ich hatte sie schon in einem anderen Rahmen, losgelöst aus dem Kontext einer kulturhistorischen Beschäftigung mit dem Thema Caritas, gesehen, doch gerade hier hat sie für mich an Tiefe und Bedeutung noch einmal gewonnen.

Bill Viola, Observance 2002, Long Beach Bill Viola Observance, 2002 Color High-Definition video on plasma display mounted on wall 47 1/2 x 28 1/2 in (120,7 x 72,4 x 10,2cm) 10:14 minutes Performers: Alan Abelew, Sheryl Arenson, Frank Bruynbroek, Carol Cetrone, Cathy Chang, Ernie Charles, Alan Clark, JD Cullum, Michael Irby, Tanya Little, Susan Matus, Kate Noonan, Paul O’Connor, Valerie Spencer, Louis Stark, Richard Stobie, Michael Eric Strickland, Ellis Williams Photos: Kira Perov

Bill Viola, Observance 2002, Long Beach
Bill Viola
Observance, 2002
Color High-Definition video on plasma display mounted on wall
47 1/2 x 28 1/2 in (120,7 x 72,4 x 10,2cm)
10:14 minutes
Performers: Alan Abelew, Sheryl Arenson, Frank Bruynbroek, Carol Cetrone, Cathy Chang, Ernie Charles, Alan Clark, JD Cullum, Michael Irby, Tanya Little, Susan Matus, Kate Noonan, Paul O’Connor, Valerie Spencer, Louis Stark, Richard Stobie, Michael Eric Strickland, Ellis Williams
Photos: Kira Perov

 

Gezeigt wird eine Gruppe von Menschen, die sich auf den Zuschauer zubewegen.

In ihrer Bewegung sind sie dabei dergestalt unharmonisch, als dass sie mal drängeln, mal trödeln, nebeneinander, Hand in Hand, oder nur in einer schnellen Drehung gehen. Ihnen gemeinsam ist jedoch der Gesichtsausdruck. Sie alle blicken auf etwas, das dem Zuschauer verborgen, gleichsam unterhalb des Bildschirmes zu liegen scheint. Die Blicke verraten Trauer, Bestürzung, Entsetzen.

Viola nimmt mit dieser Arbeit, sowohl inhaltlich, als auch in seiner Form, Bezug auf ein Motiv Albrecht Dürers, die ‚Vier Apostel‘, und thematisiert die gemeinsame Trauer, vielleicht eben auch starker Ausdruck christlicher Nächstenliebe.

Eine überaus faszinierende Ausstellung kommt mit einer kleinen, aber hervorragenden Auswahl von Werken der Gegenwartskunst zu ihrem Abschluss und schafft es damit, die Idee der Caritas als christliche Handlungsanweisung wie als künstlerisches Motiv konsequent in die Jetztzeit zu bringen, und ihr damit unter dem Hinweis auf ihre zunehmende Aktualität und Notwendigkeit eindrücklich Bedeutung (zurück) zu geben.

 

 

‚CARITAS – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart‘ im Diözesanmuseum Paderborn, bis zum 13. 12. 2015, Di. – So. 10 – 18 Uhr

Ein großartiger Katalog ist im Verlag Michael Imhof erschienen (978-3-7319-0142-6 Buchhandelsausgabe, € 49,95)

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