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‚Serendipity – Vom Glück des Findens‘ in der Kunsthalle Bielefeld

Niklas Luhmanns Zettelkasten, Detail © Kunsthalle Bielefeld

Niklas Luhmanns Zettelkasten, Detail
© Kunsthalle Bielefeld

Finden ohne Suchen ist Glück. Man schaut sich vielleicht verstohlen um, weil man sein Glück nicht wirklich fassen kann und wissen möchte ob man dabei beobachtet wird. Dieses Glück hat etwas Verstohlenes und ihm hängt immer der ‚Makel‘ von Einmaligkeit an, in dem Sinne, dass es nur durch die Hoffnung getragen wird, einmal wieder etwas zu finden. Das Glück des Findens ohne zu suchen ist das Glück des Zufalls.

Es gibt in der Geschichte genügend Beispiele für das Glück des Findens. Von der Entdeckung Amerikas bis zum Penicillin mäandert ein roter Faden Serendipität durch die Menschheitsgeschichte. All diese Ereignisse haben neben der Überraschung ihrer Entdeckung eine entscheidende Gemeinsamkeit: die Suche. Und damit den Weg zum Glück. Man muss also schon etwas suchen wollen, um etwas nicht nur zufällig zu finden.

Und diese Suche, in welcher Disziplin auch immer, ist notwendigerweise einer Systematik unterworfen, einer Struktur, nach der man Schubladen öffnet, Farben mischt, Gedanken sortiert, Flüssigkeiten verrührt, Abläufe skizziert, Bezüge erstellt. Auch der glückliche Finder muss ein systematisch Suchender sein.

Niklas Luhmann mit dem Zettelkasten Foto: Detlef Horster © Detlef Horster

Niklas Luhmann mit dem Zettelkasten
Foto: Detlef Horster
© Detlef Horster

Niklas Luhmann hat mit seinem Zettelkasten Suchen und Finden (können) ikonographisch materialisiert. Jeder der 90.000 Zettel steht dabei für sich und in einem klar strukturierten Ordnungssystem in Verbindung zu anderen, zu Themen, Oberbegriffen, Gedankensystemen. Diese Zettel kommunizieren untereinander, aber vor allem kommunizieren sie mit ihrem Benutzer, dem wiederum Kommunikation Ausdruck des sozialen Systems ist.

Luhmann selbst beschreibt es so: ‚Die neuen Ideen ergeben sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen. Ohne die Zettel, also allein durch Nachdenken, würde ich auf solche Ideen nicht kommen.‘

Ausstellungsansicht mit Niklas Luhmanns Zettelkasten und einer Auswahl seiner Publikationen © Kunsthalle Bielefeld

Ausstellungsansicht mit Niklas Luhmanns Zettelkasten und einer Auswahl seiner Publikationen
© Kunsthalle Bielefeld

Mit dem Zettelkasten Niklas Luhmanns, Informationen zu Leben und Werk, dem obigen Zitat und einer Erläuterung zum Ordnungssystem der Zettel und zur Systemtheorie als Hauptwerk Luhmanns, beginnt in der Eingangshalle der Kunsthalle Bielefeld die spannende Auseinandersetzung mit den Aspekten von Serendipität im künstlerischen Werk von Ulrich Rückriem und Jörg Sasse.

Und – soviel sei vorweg genommen – die Ausstellung ‚Serendipity – Vom Glück des Findens‘ vermag überzeugend und begeisternd den theoretischen ‚Überbau‘, die Komplexität der Gedankenwelt Luhmanns und die systematischen Konzepte der Werke Rückriems und Sasses zu verbinden.

Ulrich Rückriem, Großer Kosmos, 2009 102 Zeichnungen Ausstellungsansicht © Kunsthalle Bielefeld

Ulrich Rückriem, Großer Kosmos, 2009
102 Zeichnungen
Ausstellungsansicht
© Kunsthalle Bielefeld

Als glücklichen Finder kann man sich als Besucher im 1. OG der Kunsthalle Bielefeld dann allein schon deshalb fühlen, weil man doch eher selten mit dem zeichnerischen Werk Ulrich Rückriems konfrontiert wird. Seit nunmehr zehn Jahren widmet er sich in dieser Weise der Bildhauerei in konsequenter Fortsetzung und Erweiterung durch die Zeichnungen. Auch in ihnen verfolgt er die bekannten Konzepte von Teilen, Schneiden, Spalten, Ordnen, die sein Skulpturenwerk prägen. Nicht der Stein, sondern Papier wird hier durch Linien geteilt, ‚gespalten‘. Durch die Teilungen der Fläche und jeder weiteren daraus entstehenden Fläche, entstehen so neue Strukturen, ähnlich denen seines bildhauerischen Werkes.

Ulrich Rückriem Talking Head, 2013 © Kunsthalle Bielefeld

Ulrich Rückriem
Talking Head, 2013
© Kunsthalle Bielefeld

Rückriem folgt in dieser Arbeitsweise von Teilung und Neuordnung einem System, das neben der ‚Teilung‘ mit den ‚Gebundenen Figurationen‘ und den ‚Freien Figurationen‘ noch zwei weitere Methoden grafischer Arbeit umfasst. Nicht zuletzt durch diese Systeme, verbunden mit einer Herangehensweise, die jeden Arbeitsschritt nachvollziehbar dokumentiert und so auch als eigenständigen Bestandteil des Gesamtwerkes wirken lässt, wird schon hier der Bezug zum Zettelkasten und zum Glück des Findens deutlich: neue Zusammenhänge fördern überraschende Ergebnisse ohne dabei die theoretischen Grundlagen zu verkennen.

So orientieren sich die ‚Gebundenen Figurationen‘ an einem festen Raster als Grundlage der folgenden Arbeitsschritte. In Schichten darüber und eben teils ‚gebunden‘, das heisst der Rasterstruktur durch schachbrettartig organisierte Flächen folgend, teils aber auch ‚frei‘ (in den ‚Freien Figurationen‘), das heisst vom Raster befreit, durch die Verbindung von frei gesetzten Punkten immer wieder neue Flächen erzeugend, erschafft Rückriem Abstraktion aus der Variabilität eines festen Systems.

Ausstellungsansicht Ulrich Rückriem © Kunsthalle Bielefeld

Ausstellungsansicht Ulrich Rückriem
© Kunsthalle Bielefeld

Auch zu Rückriems Arbeitsweise gibt es ein auf die Wand gebrachtes Zitat des Künstlers, das dem Betrachter Werk, Arbeitsweise und Wirkung einordnet: ‚(…) Die von mir am Material vorgenommenen Bearbeitungen bestimmen das Objekt selbst und dessen Beziehung zum neuen Standort.‘ Auch hier wird also der Gedanke der Kommunikation als System klar erkennbar. Objekt, Raum und Betrachter finden sich auch hier in untrennbarer, weil sich definierender Beziehung zueinander.

Ulrich Rückriem Holzskulptur aus 23 ausgelegten Balken, 1979, © Ulrich Rückriem © Foto: Baumann Fotostudio GmbH

Ulrich Rückriem
Holzskulptur aus 23 ausgelegten Balken, 1979,
© Ulrich Rückriem
© Foto: Baumann Fotostudio GmbH

Für mich bleibt neben dem ungewohnten und faszinierenden Blick auf diesen Werkkomplex und die zugrundeliegende Arbeitsweise hier vor allem die Möglichkeit eines neuen Blicks auf die bildhauerischen Werke Rückriems hängen. In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff des ‚glücklichen Findens‘ durch frühe Bodenskulpturen des Künstlers aufgegriffen, in denen er die Idee der ‚Ergänzung‘ als Notwendigkeit zur Vervollständigung am Beispiel gefundener, gebrauchter Materialien verdeutlicht. Die Kombination z.B. von alten, gefunden mit neuwertigen Kanthölzern organisiert sich zu einer neuen, quadratischen Fläche, in der aber die Grundlage, d.h. die Kombination von Alt und Neu, weiterhin sichtbar bleibt.

Das Glück des Findens erlebt sich nicht zuletzt durch die Idee davon, einen Suchweg aus einem vorgegebenen Kontext zu lösen, ihn umzulenken, sich auf neue Pfade zu begeben, die sich im Suchen erst ergeben.

Jörg Sasse Block 12 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Jörg Sasse
Block 12
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Fotografie spielt in der Auseinandersetzung mit Suchen und Finden dabei insofern eine entscheidende Rolle, als das Bild als Abbild neben einem Ausschnitt an Information immer auch die Limitierung durch das Format bedeutet. Ein Foto löst die Abbildung aus dem Kontext und macht sie zu einem eigenständigen Werk, dass immer auch für sich genommen Bedeutung und Inhalt transportiert.

Der Künstler Jörg Sasse demonstriert im 2. OG der Kunsthalle die Möglichkeiten und Freiheiten eines Kunstbegriffs den er dort zitiert so beschreibt: ‚Kunst funktioniert nicht nach dem statischen Weltbild Newtonscher Physik. Kunst ist unvorhersehbar, sie entsteht oder verschwindet in einem Prozess, der nicht linear ist und von ständigen Rückkopplungen chaotischer oder zufälliger Ereignisse traktiert wird. daran ändert keine Setzung, keine Methode und kein Konzept etwas. Der Zugang zu Kunst verspricht Projektionsflächen.‘

Ausstellungsansicht Jörg Sasse © Kunsthalle Bielefeld

Ausstellungsansicht Jörg Sasse
© Kunsthalle Bielefeld

Den vier hier gezeigten Werkgruppen ‚Stillleben‘, ‚Tableaus‘, ‚Speicher‘ und ‚Cotton Paintings‘ ist auf unterschiedliche Weise genau diese Definition gemeinsam. Aus der Darstellung des Faktischen und in Anlehnung an die Malerei wird in den Stillleben ein eigenständiges Bild. Ein Detail der dargestellten Realität bekommt in einem neuen Kontext eine eigene Wahrheit. Das künstlerische Element überlagert den dokumentarischen Blick durch die Farb- und Formensprache der gewählten Bildausschnitte, ohne das hierzu jedoch die zugrundeliegende Realität verändert wird. Genau dies geschieht wiederum in den ‚Tableaus‘. Hier bearbeitet Sasse nicht eigene, sondern gefundene Fotografien.

Ausstellungsansicht Jörg Sasse © Kunsthalle Bielefeld

Ausstellungsansicht Jörg Sasse
© Kunsthalle Bielefeld

In digitalisierter Form kann er ihnen Informationen hinzufügen oder aus ihnen entfernen, so dass in jedem der gewählten Arbeitsschritte aus dem Material ein eigenständiges Werk entsteht. Grundlegendes Prinzip ist bei der Bearbeitung immer das Entfernen aller Individualität, alles Privaten aus den Aufnahmen. Das Persönliche wird Öffentlich in dem Sinne, dass es einen neuen, unvorhergesehen Charakter bekommt. Nicht mehr der Bildinhalt, der im Ursprungsbild ja noch der tragende Gedanke einer individuellen Auseinandersetzung des Fotografen mit seinem Motiv war, sondern die Bildsprache rückt Sasse in der Vordergrund. Aus Original und Originalität entsteht in seinem festen System von Ordnung und Bearbeitung so ein eigenständiges Werk.

Jörg Sasse 5960, 2008 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Jörg Sasse
5960, 2008
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Besonders beeindruckt haben mich im dargestellten Werkkomplex die sogenannten ‚Speicher‘, die ähnlich wie der Zettelkasten Luhmanns Aufbewahrungsorte und materielle Hülle eines Kommunikationssystems sind.

Jörg Sasse Speicher IV, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Jörg Sasse
Speicher IV, 2015
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Gezeigt werden zwei dieser ‚Speicher‘, jeder bestehend aus vier Blöcken aus insgesamt 512 gerahmten Bildern – Amateurfotografien, zumeist auf Flohmärkten gefunden – bei einer Höhe von knapp zwei Metern. In dieser massiven Form wirken sie dabei als eigenständiges Werk, als Skulptur, jedoch deutlich über den Zettelkasten hinaus.

Jörg Sasse Speicher IV, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Jörg Sasse
Speicher IV, 2015
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Sie sind eben nicht nur die Träger der Information, sondern in ihrer Bauweise als übereinander geschichtete, sortierte und kategorisierte Bilder in ihren Rahmen gleichsam ihr Inhalt. Der Inhalt gestaltet die Form und die Arbeit mit dem Inhalt verändert sie. Aber die Arbeit mit dem Inhalt verändert nicht nur die Skulptur des Speichers als solchen, sondern auch den aus der Auswahl resultierenden Blick auf Bildzusammenhänge. Sasse hat in seinem Speicher nämlich das gefundene Bildmaterial nach Kategorien wie ‚Brücken und Tunnel‘, ‚Rot‘, ’Heile Welt’ oder ‚Fassaden‘ sortiert und qualifiziert.

Jörg Sasse Speicher IV, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Jörg Sasse
Speicher IV, 2015
© VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Aus diesem System der Kategorien können nun wiederum nach einem festen und in Buchform am Speicher einsehbaren System der Kombinationsmöglichkeiten Bilder ausgewählt, aus dem Speicher entnommen und nebeneinander an die Wand gehängt werden. Der Künstler gibt so zwar durch diese Systematik in der Auseinandersetzung des Besuchers mit den Inhalten eine klare Richtlinie für das Suchen vor, im Ergebnis jedoch steht das Glück neuer Seherfahrungen, das sich aus jeder neuen Kombination (und Kombinationsmöglichkeit) ergibt.

 

‚Serendipity – Vom Glück des Findens‘ ist eine komplexe und herausfordernde Ausstellung. Über sie zu schreiben war ähnlich schwierig wie es die theoretischen Ansätze in den Werken von Luhmann, Sasse und Rückriem vermuten lassen.

Und doch gilt ganz erstaunlich am Ende die Erkenntnis: wenn man sich einmal aus der Tiefe der möglichen Verbindungen, die sich aus Theorien ergeben kann, aus den Details der künstlerischen Positionen löst und einfach nur ein paar Grundgedanken zu Ordnung, Neuordnung, Systematik und zu Rolle und Aufgabe des Betrachters als Teilnehmer mitnimmt durch die Räume, dann ergeben sich neue und spannende Zusammenhänge. Vor allem glaube ich, dass es die Präsentation der Werke im Miteinander, bei aller Unterschiedlichkeit der Medien, schafft, Blicke auch darüber hinaus suchend zu lenken. Das Glück des Finden ist hier das Glück des Betrachters ebenso wie das des Urhebers. Und diese Erkenntnis, dieses Ergebnis nach dem Besuch, finde ich bei all den Regeln, die diesem Suchprozess notwendigerweise innewohnen, sehr befreiend.

‚Serendipity – Vom Glück des Findens‘ in der Kunsthalle Bielefeld, bis zum 11. Oktober 2015, Di. – Fr. 11 – 18 Uhr, Mi. 11 – 21 Uhr, Sa. 10 – 18 Uhr, So. und Feiertage 11 – 18 Uhr.

Ein Katalog erscheint Ende August

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