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Danh Võ ‚Ydob eht ni mraw si ti‘ im Museum Ludwig, Köln

Danh Võ We The People, Armpit, 2011–13 Kupfer 2220 kg Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier © Danh Võ

Danh Võ
We The People, Armpit, 2011–13 Kupfer
2220 kg
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier
© Danh Võ

Freiheit ist ein Sehnsuchtsort für alle, denen sie fehlt. Sie erscheint wie das Paradies oder jedenfalls wie das Erlebnis paradiesischer Zustände. Sie ist das Land wo Milch und Honig fließen, das Land von Gleichheit und Brüderlichkeit, alles was glänzt ist auch tatsächlich Gold. Freiheit ist Unabhängigkeit, Geborgenheit, Schutz, die Freiheit des Andersdenkenden. Freiheit ist ein Versprechen. Und Freiheit hat ihren Preis.

Der Künstler Danh Võ hat als kleines Kind erfahren, wie stark der Drang, das Verlangen nach Freiheit ist und erfahren müssen, was Menschen bereit sind, auf sich zu nehmen, um sie zu erreichen. Auf einem Boot flüchtete seine Familie mit dem damals vierjährigen aus der Heimat Vietnam. Ein dänisches Containerschiff griff sie auf und so führte der Weg in die Freiheit nach Europa, nach Dänemark. Diese Geschichte bildet den Kern jeder Erzählung zu Werk und Werden des Künstlers. Sie ist ebenso wahr wie sie auch ein Bild geworden ist für das, was Danh Võ durch seine Arbeiten vermittelt.

Auch seine speziell für das Museum Ludwig konzipierte Ausstellung ‚Ydob eht ni mraw si ti‘ thematisiert Migration, Identität, Freiheit und Freiheitsversprechen. In blattgoldenen Lettern, vom Vater des Künstlers aufwändig kaligraphisch geschrieben, zitiert Võ aus dem Aschenputtel-Märchen just jene Szene, in der die Schwester von Aschenputtel bereit ist, sich die Ferse abzuschneiden, um in die Schuhe zu passen, die sie zur Prinzessin werden lassen würden. Ein Fragment aus einem deutschen Märchen, eine blutige Szene, eine die von Ständen erzählt, von Abhängigkeit, vom Wunsch nach Aufstieg, von Verheissung und vom Preis der Freiheit. Hier geht es nur um den Eigennutz der Schwestern, den finanziellen und gesellschaftlichen Aufstieg, aber trotzdem beschreibt gerade dieser Ausschnitt aus dem Märchen die Arbeitsweise des Künstlers: zum Gewinn von Freiheit und um ihre Vorzüge geniessen zu dürfen, gehört der Verlust, das sich fügen müssen, Unterordnung, Einordnung.

© Danh Võ

© Danh Võ

Danh Võ zersägt eine antike Statue gerade so passend, dass ihr Hinterteil in eine Holzkiste mit der Aufschrift ‚Keep in a cool dry Place‘ passt. Ein vorstellbar schöner Ort, die Adjektive versprechen Beständigkeit und Verlässlichkeit. Dafür braucht es jedoch die Bereitschaft zur Anpassung und manchmal gehört auch mehr dazu:

 

© Danh Võ

© Danh Võ

die Holzkiste steht vor einem Spiegel, in dem sich ihre Aufschrift ‚ecalP yrd looc a ni peeK‘ liest und an den Ausstellungstitel erinnert. Dieser aber ist ein Ausspruch des Teufels im Film ‚Der Exorzist‘, aus dem Võ mit den Titeln seiner Arbeiten immer wieder verstörend obszön zitiert. Die Freiheit also als Pakt mit dem Teufel.

Break my face in, it was the kindest touch you ever gave, 2015 Holz, Spiegel, Gravur von Phùng Võ 306 x 517 x 135 cm Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier © Danh Võ

Break my face in, it was the kindest touch you ever gave, 2015
Holz, Spiegel, Gravur von Phùng Võ 306 x 517 x 135 cm
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier
© Danh Võ

You’re gonna die up there/ Keep away! The sow is mine/Fuck me, fuck me, fuck me/ Let Jesus fuck you, let Jesus fuck you! Let him fuck you/ Lick me, lick me/ Do you know what she did, your cunting daughter?/ You might loosen the straps then/ I'm not Regan/ And I'm the Devil! Now kindly undo these straps/ That's much too vulgar a display of power, Karras/ In here. With us/ Can you help an old altar boy Father?/ Your mother's in here with us Karras, would you like to leave a message? I'll see that she gets it/ What an excellent day for an exorcism/ Intensely/ It would bring us together/ You and us/ Uh Huh/ In time/ In time/ Mirabile dictu, don't you agree?/ Ego te absolvo/ Bon Jour/ La plume de ma tante/ Until she rots and lie stinking in the earth/ What's that?/ You keep it away/ Ahhhhhhhhhhh/ Ahhhhhhh/ It burns, it burns/ Emit su evig/ Ydob eht ni mraw si ti/ Uoy ees I/ Tseirp a si eh/ Emit su evig/ Nirrem, Nirrem/ Tseirp a si eh/ Eno on ma I/ Eno on ma I/ Ahhhhhhhhhhh/ Stick your cock up her ass, you mother-fucking, worthless cocksucker/ Your mother sucks cocks in Hell, Karras, you faithless slime/ Bastards, stop/ Shove it up your ass, you faggot/ Fuck him, Karras/ You killed your mother/ You left her alone to die/ She'll never forgive you/ Bastard/ Dimmy, why you did this to me?/ Please Dimmy, I'm afraid/ Dimmy please!/ Dimmy, είσαι πολύ κουρασμένος να πας στο κρεβάτι/ Ο Θεός μαύρο/ Why, Dimmy?, 2015 Holz, polychrom gefasst 114 x 27 x 22 cm Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier © Danh Võ

You’re gonna die up there/ Keep away! The sow is mine/Fuck me, fuck me, fuck me/ Let Jesus fuck you, let Jesus fuck you! Let him fuck you/ Lick me, lick me/ Do you know what she did, your cunting daughter?/ You might loosen the straps then/ I’m not Regan/ And I’m the Devil! Now kindly undo these straps/ That’s much too vulgar a display of power, Karras/ In here. With us/ Can you help an old altar boy Father?/ Your mother’s in here with us Karras, would you like to leave a message? I’ll see that she gets it/ What an excellent day for an exorcism/ Intensely/ It would bring us together/ You and us/ Uh Huh/ In time/ In time/ Mirabile dictu, don’t you agree?/ Ego te absolvo/ Bon Jour/ La plume de ma tante/ Until she rots and lie stinking in the earth/ What’s that?/ You keep it away/ Ahhhhhhhhhhh/ Ahhhhhhh/ It burns, it burns/ Emit su evig/ Ydob eht ni mraw si ti/ Uoy ees I/ Tseirp a si eh/ Emit su evig/ Nirrem, Nirrem/ Tseirp a si eh/ Eno on ma I/ Eno on ma I/ Ahhhhhhhhhhh/ Stick your cock up her ass, you mother-fucking, worthless cocksucker/ Your mother sucks cocks in Hell, Karras, you faithless slime/ Bastards, stop/ Shove it up your ass, you faggot/ Fuck him, Karras/ You killed your mother/ You left her alone to die/ She’ll never forgive you/ Bastard/ Dimmy, why you did this to me?/ Please Dimmy, I’m afraid/ Dimmy please!/ Dimmy, είσαι πολύ κουρασμένος να πας στο κρεβάτι/ Ο Θεός μαύρο/ Why, Dimmy?, 2015
Holz, polychrom gefasst 114 x 27 x 22 cm
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier
© Danh Võ

Auch die Jesusfigur an der Wand ist nur noch Fragment. Arme und Kopf fehlen ebenso wie das Kreuz, das sie sonst trägt. Dem Freiheitsversprechen, dem Heilsversprechen der Religion(en) ist Gewalt angetan worden. Vielleicht ja auch ein Zeichen dafür, dass diese Gewalt nur zurückgefallen ist auf den ursprünglichen Aggressor? Integration und Gewalt, Freiheit und Gewalt. Im Werk von Danh Võ sind das zwei Seiten einer Medaille.

Come to where the flavor is, 2015 Blattgold und Tinte auf Karton Maße variabel Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier © Danh Võ

Come to where the flavor is, 2015 Blattgold und Tinte auf Karton Maße variabel
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier
© Danh Võ

 

 

 

 

 

 

‚Come to where the flavor is – Come to Marlboro Country‘ ist mehr als nur ein Werbespruch. Dieser Satz ist gleichsam eine Aufforderung geworden und die Definition dessen, was der amerikanische Traum ist. Er ist zur 20. Jahrhundert-Version von ‚Give me your tired, your poor, your huddled masses…‘ geworden. Er ist ein Versprechen, dass sich an der Realität messen lassen muss, und keine Erfüllung findet. Es ist Blendwerk geworden, die goldene Schrift auf einer leeren Verpackung. Danh Võ hat gebrauchte, leere Kartons verschiedener Zigarettenmarken nach Thailand geschickt, um dort den aufgedruckten Schriftzug in Blattgold nachbilden zu lassen. Die so aufgewerteten Hüllen erzählen zusammen mit den herumstehenden und -liegenden, Cola- und Whiskeyflaschen irgendwie auch vom Ende einer Party und von Desillusion.

 

Danh Võ We The People, Armpit, 2011–13 Kupfer 2220 kg Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier © Danh Võ

Danh Võ
We The People, Armpit, 2011–13 Kupfer
2220 kg
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier
© Danh Võ

Im Zentrum der Ausstellung steht schließlich ein großes Fragment aus Danh Võs bekanntester und meiner Meinung nach auch beeindruckendsten Arbeit: ‚We the people‘. In Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt verteilt finden sich inzwischen über 250 Stücke  dieses großangelegten       Skulpturprojektes, für das der Künstler die Freiheitsstatue – beziehungsweise eben Fragmente aus ihr – im Maßstab 1:1, aus Kupfer und in traditioneller Fertigungsweise nachgebaut hat.

Danh Võ We The People, Armpit, 2011–13 Kupfer 2220 kg Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier © Danh Võ

Danh Võ
We The People, Armpit, 2011–13 Kupfer
2220 kg
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Britta Schlier
© Danh Võ

Im Museum Ludwig steht nun das größte Stück aus diesem Projekt, der über zwei Tonnen schwere ‚Armpit‘, die rechte Schulter der Statue, in deren weiterem Verlauf sich Arm und Hand finden würden, die die Fackel tragen. So massiv der Eindruck von der Aussenseite auch ist und so eindrucksvoll, wie dieses Stück in seiner Größe und auf den Boden geholt, auf Augenhöhe gebracht, auch erscheint, so fragil und zerbrechlich ist es doch. Aussen stützen einfache Holzbalken den Arm ab. Das wirkt eher improvisiert als geplant. Und die Innenseite zeigt mit ihrem Aluminiumskelett und den Schweißnähten ebenfalls, wie zerbrechlich die gesamte Konstruktion in Wirklichkeit ist und wie viel Unterstützung es bedarf, um sie aufrecht zu erhalten.

Für mich versinnbildlicht diese Skulptur einmal mehr die Fragilität persönlicher Freiheit und des Freiheitsgedanken im Allgemeinen. Durch die Verteilung der einzelnen ‚Trümmer‘ über die ganze Welt demonstriert dieses Werk zudem, wie sehr der Freiheitsbegriff ‚pulverisiert‘ wurde, wie wenig Substanz er noch hat und wie nur noch die Erinnerungen an den Statue gewordenen Gedanken einen Eindruck vergangener Stärke hervorruft.

Wenn heute Flüchtlinge überall auf der Welt, aber gerade aktuell eben auch in Europa, dem ‚Heimatkontinent‘ der Freiheitsstatue, versuchen ihr Heil, Wohl, Unversehrtheit in einer neuen Heimat zu finden, gilt ‚Give me your tired, your poor, your huddled masses…‘ nicht mehr uneingeschränkt. Wie die Statue von Danh Võ nur in Stücken existiert, so aufgelöst uneinheitlich erscheint auch unsere Idee von Freiheit inzwischen. Jedes Stück wirkt wie ein ‚Ja, aber…‘.

Peter Hujar, Pascal, Scarred Abdomen, 1980, Silbergelatine Abzug. Signiert, betitelt und datiert von Stephen Koch (Nachlassverwalter von Peter Hujar), verso mit Bleistift, 50,8 x 40,6 cm (Blatt). ©The Estate of Peter Hujar, courtesy of Fraenkel Gallery, San Francisco; Pace/MacGill Gallery, New York; Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York; Galerie Thomas Zander, Köln

Peter Hujar, Pascal, Scarred Abdomen, 1980, Silbergelatine Abzug. Signiert, betitelt und datiert von Stephen Koch (Nachlassverwalter von Peter Hujar), verso mit Bleistift, 50,8 x 40,6 cm (Blatt). ©The Estate of Peter Hujar, courtesy of Fraenkel Gallery, San Francisco; Pace/MacGill Gallery, New York; Galerie Buchholz, Köln/Berlin/New York; Galerie Thomas Zander, Köln

Võ setzt alle Arbeiten in dieser Ausstellung in einen freien, aber doch beeindruckenden und berührenden Bezug zu ausgewählten Schwarzweissfotografien des amerikanischen Fotografen Peter Hujar, dessen Bilder von Verletzung, Fragmentierung, gesellschaftlichem Exil, Abnormität und Tod erzählen und damit den Freiheitsgedanken der Migration erweitern zu einem Freiheitsgedanken, der körperliche Unversehrtheit, selbstbestimmtes und vorurteilsfreies Leben, Freiheit in der sexuellen Orientierung und ihren uneingeschränkten Ausdruck konsequent einschliesst.

 

 

 

Eine großartige Ausstellung, assoziativ, frei, direkt, verstörend und vielleicht das Beste, was Kunst bieten kann, um in einer Zeit, in der der Freiheitsgedanke und -begriff in vielerlei Hinsicht bedroht oder bereits beschädigt ist, daran zu erinnern, wie viel er Wert ist, wenn er mehr bedeutet als ein leeres Versprechen.

Danh Võ ‚Ydob eht ni mraw si ti‘ im Museum Ludwig, bis zum 25. Oktober 2015, Di bis So: 10 – 18 Uhr, je­den er­sten Do: 10 – 22 Uhr

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