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‚Harmonie und Umbruch – Spiegelungen chinesischer Landschaften‘ im Marta Herford

Wie sehr es sich lohnen kann, manchmal einfach nur einem Impuls – vielleicht war es nur der Ausstellungstitel ‚Harmonie und Umbruch‘ – zu folgen, um positiv überrascht zu werden, hat mir die aktuelle Ausstellung im Marta Herford bewiesen.

Ausstellungsansicht 'Harmonie und Umbruch' Marta Herford

Ausstellungsansicht ‚Harmonie und Umbruch‘ Marta Herford

‚Harmonie und Umbruch – Spiegelungen chinesischer Landschaften‘ setzt sich mit einer sehr traditionellen Kunstform der chinesischen   (Landschafts-)Malerei auseinander ohne dabei ein klassisches Werk zu präsentieren. Und doch ist ‚Harmonie‘ – oder auch die formalistische Darstellungsweise des sogenannten Shan-Shui – im ‚Umbruch‘ in und mit den hier gezeigten Werken eine häufig spürbarer und integraler Bestandteil.

Nebel in bewaldeten Bergen Gao Kegong (1248–1310)

Nebel in bewaldeten Bergen
Gao Kegong (1248–1310)

Shan-shui, die ‚Berg-Wasser-Malerei‘, ist im klassischen Sinne die Darstellung einer geistigen Landschaft durch die Objekte und Elemente der Landschaft und mit besonderem Bezug auf ihre Wechselwirkung. Himmel und Erde, Nebel, Wasser, Bäume, Berge, Wege sind in ihrer Anordnung, in ihrer Präsenz im Bild, in ihrem Wechselspiel geladen mit Emotionen, Philosophie, religiösen Vorstellungen, der Gedankenwelt des Künstlers.

Und so wie diese Kunst seit Anbeginn auch Ausdruck für Befindlichkeit war, so kann sie gerade darin ja ebenso die Schablone sein für die Darstellung von ‚Umbruch‘. Entweder, indem sich zeitgenössische Künstler in unterschiedlichsten Ausdrucksformen an den traditionellen Linien des Shan-Shui bewegen, oder indem sie den Begriff weiterdenken, das Landschaftsbild verlassen, und  dieses doch mit ihren Mitteln im eigenen Werk spiegeln.

Darren Almond Fullmoon@Huangshan – Infrared, 2009 Silberbromidabzug unter Acrylglas 2-teilig, je 270,7 x 121,2 cm Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris

Darren Almond
Fullmoon@Huangshan – Infrared, 2009
Silberbromidabzug unter Acrylglas
2-teilig, je 270,7 x 121,2 cm
Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris

Ein Künstler, dessen Werk in besonders augenscheinlicher Weise den Traditionen des Shan-Shui verpflichtet zu sein scheint, ist der Brite Darren Almond, dessen Fotografien ‚Fullmoon@The Sea of Clouds‘ (2008), ‚Fullmoon@Huangshan – Infrared‘ (2009) und ‚Fullmoon@Guilin‘ (2009) hier ausgestellt sind. Dargestellt sind Landschaften im gleißenden Licht des Vollmondes, zu Taghelle gebracht durch extreme Langzeitbelichtung. In ihnen bekommen die Berge, Schluchten, Bäume, der Nebel, das Wasser, Nähe und Ferne, eine bald mystisch geladene Tiefe. Kein Mensch ist zu sehen und Helligkeit und Tageszeit passen so sehr nicht zusammen, dass auch diese Orte wie Innere Orte des Künstlers und wie eine Resonanzfläche für den Betrachter wirken.

Hans Op de Beeck The Lake, 2014 Wasserfarbe auf Arches Papier 136 x 280 cm Sammlung Wemhöner

Hans Op de Beeck
The Lake, 2014
Wasserfarbe auf Arches Papier
136 x 280 cm
Sammlung Wemhöner

Einen Schritt zurück und doch auch einen Schritt weiter geht Hans Op de Beeck mit ‚The Lake‘ (2014). In Darbietung und Umsetzung bleibt er durch die Einfarbigkeit, durch den Gebrauch dunkler Wasserfarbe auf Papier und den Rückbezug auf die ‚Regeln‘ des Shan-Shui (Berge, Bäume, Wasser, Nebel) der Tradition, der ‚Harmonie‘, verhaftet. Dadurch aber, dass er dem Bild Menschen auf Booten, einen Steg und die Pfahlhäuser hinzufügt, bricht er auch in gewisser Weise mit der Tradition. Das Bild wird nicht mehr als Ausdruck einer Inneren Sicht, sondern als konkrete Ansicht dieses Sees verstanden. Hier hat der Mensch in mehrfacher Hinsicht Besitz ergriffen und für einen Umbruch gesorgt.

Umbrüche, bzw. Brüche mit Traditionen haben in der Geschichte Chinas einen festen Platz. In der nahen Vergangenheit hat aber sicher kein Umbruch so einschneidend negative Auswirkungen auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben Chinas gehabt, wie die sogenannte Kulturrevolution von 1966 bis 1976. Ihr fiel auch der Rückblick auf die reiche Blüte künstlerischer Ausdrucksformen der Vergangenheit zum Opfer.

Huang Yan Chinese landscape: Tattoo, No. 5, 1999 Chromogendruck 50 x 61 cm M+ Sigg Collection

Huang Yan
Chinese landscape: Tattoo, No. 5, 1999
Chromogendruck
50 x 61 cm
M+ Sigg Collection

Der Umgang mit Zensur, Tradition, Durchlässigkeit und Brüchigkeit derselben ist das Thema von Huang Yan in seiner Fotoreihe ‚Tattoo No. 2‘ (1999). Der Oberkörper des Künstlers ist dabei bedeckt mit einer klassischen Landschaftsmalerei: Berge über die Brust, eine Schlucht, Bäume hier und über die Arme und alles grundiert mit weisser Farbe, leicht brüchig durch ihre Substanz und die Haut als Leinwand, die wie der Nebel wirkt, der alles durchdringt. Das traditionelle Motiv wird auf dem Körper darüber hinaus zu Body-Art, bei der der Mensch sein Inneres Bild auf dem eigenen Körper ausdrückt. Der Künstler sagt dazu: „Eine Landschaft zu malen heißt, einen Menschen zu malen, sich selbst zu malen.“ (Guide zur Ausstellung, S. 31).

So sehr also dieses Bild Ausdruck des Menschen darin ist, so intim, verschlossen und vergänglich bleibt es aber für jene, die es verbieten und verbannen wollen.

Zuoxiao Zuzhou To Add One Meter to an Anonymous Mountain, 1995 Silbergelatine-Abzug 120 x 160 cm © Zuoxiao Zuzhou Sammlung Wemhöner

Zuoxiao Zuzhou
To Add One Meter to an Anonymous Mountain, 1995
Silbergelatine-Abzug
120 x 160 cm
© Zuoxiao Zuzhou
Sammlung Wemhöner

Tradition und Bruch mit Tradition thematisiert auch Zuoxiao Zuzhou in ‚To Add One Meter to an Anonymous Mountain‘ (1995). Die Schwarzweiß-Fotografie zeigt hintergründig ein klassisches Shan-Shui Motiv, bei dem der Betrachter von einem Berggipfel aus in die nebeldurchzogene bergige Landschaft schaut. Hier aber endet die Tradition. Denn im Gegensatz zu ihr, in der die Darstellung von Menschen nicht gewollt und gewünscht war, liegen in diesem Bild im Vordergrund und übereinander „gestapelt“ die nackten Körper mehrerer chinesischer Künstler, aufgetürmt zu eben diesem weiteren Meter, der nicht nur mehr Höhe, sondern vor allem mehr (im Sinne von „anderen“) Inhalt bedeutet und sich so mit künstlerischen wie gesellschaftlichen tabu beschäftigt.

Isaac Julien Yishan Island, Mist (Ten Thousand Waves), 2010 Fotografie auf Endura Ultra Papier 180 x 239,8 x 7,5 cm © Isaac Julien Sammlung Wemhöner

Isaac Julien
Yishan Island, Mist (Ten Thousand Waves), 2010
Fotografie auf Endura Ultra Papier
180 x 239,8 x 7,5 cm
© Isaac Julien
Sammlung Wemhöner

Besonders eindringlich und komplex gestaltet sich die Aussage von Isaac Juliens Videoinstallation ‚Ten Thousand Waves‘ (2010), die hier in einer 3-Kanal Ausführung zu sehen ist. In ihr verweben sich Tradition und Moderne, Rückschau und Aufbruch der chinesischen Gesellschaft und Kultur. Dabei geht es in mehreren Handlungssträngen sowohl um die Migrationsbewegungen in und aus China, um die Herausforderungen der modernen chinesischen Gesellschaft, aber eben auch um einen Rückblick auf vergangene Kultur und mythische Ausdrucksformen. Gerade hierbei greift Julien auf die ‚Berg-Wasser‘ Tradition zurück, im Standbild exemplarisch festgehalten in ‚Yishan Island, Mist‘ (2011)

Dies war nur ein kleiner Einblick in die umfangreiche Präsentation. Besonders hinweisen möchte ich noch auf das Werk von Roy Lichtenstein ‚Tall Mountains‘ (1996), das in einer besonderen Auseinandersetzung mit der chinesischen Bildkultur über die typischen Rasterpunkte eine aufregende und überraschende Verbindung schafft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Harmonie und Umbruch. Ebenso auf die Fotografien von Nadav Kander – etwa ‚Xiling Gorge I, Hubei Province‘ (2007), auf denen die klassische Landschaftsansicht, den Regeln des Shan-Shui folgend, gestört wird durch den menschlichen Eingriff in die Natur.

‚Harmonie und Umbruch‘ ist eine äusserst bereichernde Ausstellung, die den Blick weitet. Sie lehrt Tradition und Moderne und Widerspruch und Verbindendes zwischen ihnen. Sie lehrt den neuen und anderen Blick und sie schafft es, dass ein Ausstellungskonzept aufgeht. Man nimmt jedem Werk und der Auswahl jedes Werkes seinen Bezug zum Thema ab, und dies bei doch überraschend vielfältigen Darstellungsformen von der Malerei, über Skulptur bis zu Videoinstallation.

Der begleitende Kurzführer ist eine erhellende Bereicherung und meiner Meinung nach verpflichtend einzusetzen. Auf die weitere, noch folgende Dokumentation bin ich sehr gespannt.

‚Harmonie und Umbruch – Spiegelungen chinesischer Landschaften‘ im Marta Herford, bis zum 4. Oktober 2015, Di – So und an Feiertagen 11–18 Uhr, jeden 1. Mittwoch im Monat 11–21 Uhr

Der „Guide“ ist für 5€ an der Museumskasse zu erwerben.

2 comments on “‚Harmonie und Umbruch – Spiegelungen chinesischer Landschaften‘ im Marta Herford

  1. Tanja Praske sagt:

    Lieber Kai Eric,

    eine wunderbare Rezension der Ausstellung, die mir nicht-Wissende Appetit auf die Kunst macht, wenn Herford nicht so unsäglich weit entfernt wäre. Über den Facebookpost des Martamuseums bin ich auf deinen Artikel gekommen – prima! Es freut mich immer sehr, wenn ich subtile Berichte von Kulturbloggern lesen kann.

    Sonnige Grüße aus München
    Tanja Praske

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    1. kaieric sagt:

      Das ist so lieb!! Danke! Auf nach Herford! 🙂

      Gefällt mir

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