search instagram arrow-down
Kai Eric Schwichtenberg

ME

Europeana Trusted Blogger

HIGH 5

BACKWARD

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

FORWARD

@retrospektiven on Twitter

Follow RETROSPEKTIVEN on WordPress.com
münsterBLOGs

Statistik

Michael Part, Artie Vierkant „Para/Fotografie“ im Westfälischen Kunstverein, Münster

Im Gegensatz zum analogen Foto oder einem Gemälde, zieht das digitale Bild seinen Reiz nicht zuletzt aus der unendlichen Reproduzierbarkeit bei identischer Qualität und in der körperlosen und gewichtslosen Form ist es ein Mitnahmeartikel ohne materiellen Wert. Der „Wert“ eines Fotos wird bestimmt durch Faktoren wie Kontext, emotionalen Bezug zum Motiv, Technik, Auflagenhöhe, Künstlerrenommee. Darüber hinaus gilt das Kunstwerk als solches bisweilen – und trotz seiner digitalen Ausgangsposition – nur im Raum und damit als analoges Objekt. Sein digitaler Ursprungsort ist eher zweitrangiger Lagerraum der Bildinformationen.

Artie Vierkant  „Image Object“, 2011-andauernd Installationsansicht Westfälischer Kunstverein 2015 Foto: Thorsten Arendt

Artie Vierkant
„Image Object“, 2011-andauernd
Installationsansicht Westfälischer Kunstverein 2015
Foto: Thorsten Arendt

Der US-amerikanische Künstler Artie Vierkant arbeitet in seinem Werk an der Befreiung des Digitalen aus der Situation des Entweder-Oder und verbindet den digitalen Raum und den Ausstellungsraum zu einer gleichwertigen Ebene der Darstellungsmöglichkeit. Dies gelingt ihm durch die Erzeugung eines verfremdeten „Echos“ einer fotografischen Ausstellungsansicht in der Wiedergabe am Computer, auf weiteren Fotos oder wie in Münster durch die Übertragung auf eine der bodentiefen Fenster im Foyer des Kunstvereins.

Artie Vierkant Image Object, 2011-andauernd UV-Drucke auf Dibond, bearbeitete Dokumentationsfotos

Artie Vierkant
Image Object, 2011-andauernd
UV-Drucke auf Dibond, bearbeitete Dokumentationsfotos

Das physisch erfahrbare Werk (Objekt) wird wieder zum digitalen Abbild (Image) und schließlich durch Veränderung/Erweiterung eine neue Arbeit für einen (digitalen oder tatsächlichen) Raum. Im ersten Raum der zweigeteilten Ausstellungsfläche des Kunstvereins zeit Vierkant motivisch irritierend und amorphe Fotografien auf Dibond. Zu erkennen sind Gesichter, Haare, Körperteile, Kleidungsstücke. Sie alle hängen einerseits aneinander, bilden aber anderseits in ihrer Flüchtigkeit und Zuordnung keine vorstellbare Person ab. Eher geht von ihnen etwas abschreckend Entmenschlichtes aus. Verstärkt wir dieser Eindruck nicht zuletzt durch die beschriebene Formlosigkeit der einzelnen Werke.

Artie Vierkant Installationsansicht WKV

Artie Vierkant
Bodyscan Object
Installationsansicht WKV

Sie wirken eher wie die sich zufällig ergebende Tropfenform von Wasser oder Öl auf einer Oberfläche, in der sich, verzerrt, gestaucht, zerrissen, etwas – oder in diesem Fall jemand – spiegelt. In „Wirklichkeit“ sind diese Darstellungen die zweidimensionalen Projektionsansichten menschlicher Körper, die ein Computer in der digitalen Vorlage zur Projektion auf einen dreidimensionalen Körper benötigt, wenn dort ein 3D-Objekt mit – wie in diesem Zusammenhang – menschlichem Antlitz erzeugt werden soll. Wie beim Versuch einer Projektion der Erdoberfläche auf eine flache Oberfläche Verzerrungen und Freiräume entstehen müssen, so entstehen natürlich auch bei der Gegenbewegung, d.h. der Überlagerung eines Körpers mit einem Bild, Stellen mit Nullinformation, Weissflächen in der Darstellung bei Vierkant, und gruselig verzerrte und verdrehte Ansichten von Körpern und Gesichtern.

Artie Vierkant Installationsansicht WKV

Artie Vierkant
Bodyscan Object
Installationsansicht WKV

Artie Vierkant gelingt es, die immer stärker bildschirmbasierten Darstellungsweisen der Fotografie beeindruckend erfahrbar in den physischen Raum zu projizieren und zu Objekten zu machen, die nicht zuletzt unseren Umgang mit und in der digitalen Welt hinterfragen.

Einen völlig anderen und doch in der Konsequenz eindrücklich vergleichbaren Weg des Umgangs mit dem Medium und der Technik wählt der Wiener Künstler Michael Part. Sein, ausschließlich analog produziertes, Werk widmet sich in beinahe alchemistischer Tradition der Manifestation von Licht in und durch Materie. Er zerlegt den Prozess der Fotografie, vom Umgang mit Fotopapier, dem Fotografieren bis zur Entwicklung des Bildes und darüber hinaus, in Einzelschritte und erschafft in jedem dieser Schritte mit den zur Verfügung stehenden Materialien eigenständige Werke.

Michael Part Installationsansicht WKV

Michael Part
Installationsansicht WKVart bedient sich dabei den chemischen Prozessen aus der Frühzeit der Fotografie im 19. Jahrhunderts.

Part bedient sich dabei den chemischen Prozessen aus der Frühzeit der Fotografie im 19. Jahrhunderts. Im Westfälischen Kunstverein demonstriert er mit einem minimalistischen Eingriff in den Raum dabei, wie Fotografie immer ein durch Licht geschaffenes Abbild der Umgebung liefert. Fünf, mit Silbergelatine bestrichene Glasplatten sind am Boden über die Räume verteilt. Zwei liegen zu Beginn und Ende des „Schaufensters“ und jeweils eine über der Schwelle zu den Ausstellungsräumen. Das einfallende, natürliche Licht, die künstliche Beleuchtung der Räume, die Bewegungen, der Tagesablauf bilden sich über die Dauer der Ausstellung auf den Platten ab und hinterlassen so einen geisterhaften Abdruck, der allerdings nach der Entwicklung und Fixierung sichtbar werden wird. In Foyer und Videoraum liegen darüber hinaus auf Sockeln bereits entwickelte und fixierte Glasbilder, die die, in einem maßstabsgetreuen Nachbau der Räume nachempfundene und aus der Draufsicht erkennbare, „Eroberung“ der Räume durch das Licht eindrucksvoll und doch  filigran demonstrieren.

Michael Part Installationsansicht WKV Foyer

Michael Part
Installationsansicht WKV Foyer

Mich fasziniert an der Arbeit von Part besonders, dass er im Rückgriff auf und mit Mittel der klassischen Fotografie und unter Zuhilfenahme auch schon vergessener oder nicht mehr genutzter Produktionswege „Fotos“ erschafft, die alles Konkrete vermissen lassen und doch eine elementare Gemeinsamkeit aufweisen, die sich hier erleben lässt: „Sichtbarwerdung“ von Licht. Ausserdem begeistert mich die experimentelle Herangehensweise, die  Verwendung der Materialien, Techniken und Verfahren und das daraus resultierend ergreifende Abbild von Umgebung, Bewegung, Aktion und Reaktion. Kristina Scepanski hat es im Künstlergespräch treffend zusammengefasst: Part arbeitet mit Mitteln der Fotografie ohne dabei tatsächlichh Fotos zu produzieren.

Michael Part Installationsansicht WKV

Michael Part
Installationsansicht WKV „Videoraum“

Bei aller Unterschiedlichkeit in Technik, Umsetzung und Fragestellungen, mit denen die beiden Künstler sich des Themas Fotografie in ihrem Werk annehmen, ist diese Ausstellung, wohl gerade auch darum, eine sehr gelungene Präsentation dazu, wie, wo und in welchem Ausmaß Fotografie unsere Lebenswelt prägt oder zumindest prägen kann. Sie zeigt welche Möglichkeiten analoge wie digitale Fotografie über die konkrete Darstellung hinaus haben, indem sie neue Räume erobern und Sichtweisen ermöglichen. Der Kunstverein präsentiert in der Gegenüberstellung der beiden so unterschiedlichen künstlerischen Positionen einen aufregenden und anregenden Diskussionsraum. Michel Part, Artie Vierkant „Para/Fotografie“, Westfälischer Kunstverein, bis zum 13.09.2015, Di. – So. 11 – 19 Uhr

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

RETROSPEKTIVEN

Kunst, subjektiv

MusErMeKu

Museum | Erinnerung | Medien | Kultur

Kulturtussi

Kultur aus meiner Sicht

fashion@society

Mode trifft Museum.

Pilotstories

Der Luftfahrt Blog

museumlifestyle

a lifestyle blog about the art scene

Vogelsfutter

Kulturblog von frau Vogel

kultur und kunst

aus Leidenschaft

MuseumsGlück

Ein Blog rund um digitale Projekte in Museen

%d Bloggern gefällt das: