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Petrit Halilaj „She, fully turning around, became terrestrial“ in der Bundeskunsthalle, Bonn

Vermutlich ist es nicht immer von Vorteil für die eignen Erwartungen, wenn eine Ausstellung als „poetisch“ oder „berührend“ beschrieben wird.

Vermutlich ist es manchmal aber doch von großem Vorteil, sich beim Besuch einer Ausstellung in einer Stimmung zu befinden, die einen eben dies spüren lässt, die berührt, erzählt und die nachklingt, noch lange nachdem man sie verlassen hat.

So erging es mir mit meinem Besuch der Ausstellung „She, fully turning around, became terrestrial“ des kosovarischen Künstlers Petrit Halilaj in der Bundeskunsthalle Ausstellung Petrit Halilaj. Halilaj hat 2013 den ersten Auftritt des Kosovo auf der Venedig Biennale mit seiner Installation „I’m hungry to keep you close. I want to find the words to resist but in the end there is a locked sphere. The funny thing is that you’re not here, nothing is.“ gestaltet und auch hier, in seiner Arbeit mit einfachsten Materialien wie Erde, Stroh, Holz, Beton, einen Raum greifbarer Erinnerung geschaffen.

Die Notwendigkeit, Erinnerungen wieder greifbar machen zu können, zu müssen, ist auch Ausgangsbasis für die Installation in der Bundeskunsthalle. Die ergreifend großartige Leistung liegt meiner Meinung nach auch darin, dass er dafür nicht viel Platz benötigt: ein großer Raum genügt. In ihm ist alles was es braucht, um Verlust und Erinnerung zu erleben.

In diesem Fall bezieht sich der Verlust auf die Schließung und daraus resultierende Nicht-Existenz des Naturhistorischen Museums in Pristina während des Kosovo Krieges 1998-99. Dieser Krieg (wie jeder Krieg), der mit dem Verlust von Leben, Heimat, Zuhause, Identität, Geschichte, Menschlichkeit, einhergeht, ist im Werk von Halilaj  permanent. An ihm und den Auswirkungen auf die eigene Biografie arbeitet er sich ab und erschafft dabei neue Identitäten, die sich aus der Erinnerung ergeben.

Die Exponate des Museums, in erster Linie Tierpräparate, waren in ihrer Zerbrechlichkeit und unter den gegeben Umständen eines verlassenen und sich selbst überlassenen Hauses, dem Zerfall ausgesetzt. Mit ihnen verschwand hinter den verschlossenen Türen von Räumen und Schränken, in Vitrinen und Regalen, in Schubladen und Gläsern langsam aber sicher ein Teil des kulturellen Erbes des Landes.

Halilaj hat sich mit großem Einsatz und Aufwand der Archivierung und Aufarbeitung dieses Erbes angenommen. Für die Ausstellung „She, fully turning around, became terrestrial“ hat er zahlreiche Tiere, die sich in der Sammlung des Museums befanden, aus Erde und Stroh neu erschaffen.

 

 

Zwar sind sie nun alle quasi zu der Erde geworden aus der sie stammen, aber doch haben sie ihre Substanz zurück, sind erkennbar Lebewesen. Aber Halilaj belässt es nicht bei einer musealen Neupräsentation von Exponaten. In dieser Ausstellung bekommen die Tiere Leben eingehaucht. Sie erobern den neuen Lebensraum, suchen Unterschlupf, kriechen aus ihren Höhlen, erkunden neugierig die Räume, suchen Nistmaterial, suchen die Nähe zu Artgenossen oder versammeln sich ganz einfach in einer kleinen Gruppe wie auf der Arche weil sie sich – so scheint es – so wohl und beschützt fühlen.

Schlangen, Echsen, Kaninchen, Fische, Adler, Eulen, Uhus, Hirsche, Bären, Gänse, Wildschweine, Mäuse haben sich den Raum erobert, ihre Schränke und Kisten verlasen und ihre Hülle, so simpel sie aus Erde und Stroh auch erscheinen mag, gibt ihnen verlorene Würde zurück.

 

Die Höhle, aus der das Kaninchen kriecht, ist ein goldener Bau, die Äste, die der Adler sammelt, sind golden, eine Gans beschützt unter sich einen „Goldbarren“ und ein Bär liegt nicht mehr in seiner einfachen Holzkiste, wie noch im Museum, sondern in einem goldenen Sarkophag, während einer der Fische den Ausweg aus dem Aquarium gefunden zu haben scheint, und nun auf dessen goldenem Rand sitzt.

Diese Ausstellung ist wirklich zutiefst berührend. Eben nicht nur, weil sie Objekt gewordenen Subjekten ihre Würde zurückgibt, sondern weil sie so deutlich vor Augen führt, wie sensibel und zerbrechlich kulturelles Erbe ist und wie viel Substanz  verloren geht, auch dann, wenn nur etwas vermeintlich unbedeutendes wie die Sammlung des Naturhistorischen Museums in Pristina den Kriegswirren geschuldet in Vergessenheit gerät.

Die Tiere sind nur Stellvertreter für die Gefühle, die Menschlichkeit, das Miteinander, die Erinnerungskultur, die im Krieg auf der Strecke bleiben, und mir kommt es vor, als wollte Halilaj in dieser Form der Auseinandersetzung auch deutlich zum Ausdruck bringen, dass am Ende bei aller Anstrengung doch nichts mehr so sein wird wie zuvor. Die tierischen Exponate sind zu Stroh und Erde in Tierform geworden und die sensible Konstruktion menschlichen Miteinanders wird erst recht nach einem Krieg nur noch eine Kopie der Substanz sein die sie vermeintlich einmal war.

Petrit Halilaj hat eine Videoarbeit zur Situation des Auffindens und Rettens der Exponate aus dem Museum in Pristina zu einem integralen Bestandteil der Ausstellung gemacht. Hier lässt sich eindrucksvoll und bestürzend erleben, in welchem Zustand dieses Erbe bei der erstmaligen Öffnung der Räume war.

Vielleicht sind es diese ganz besonderen Ausstellung, die es schaffen, ein Bewusstsein für die Kostbarkeit kulturellen Erbes, den Respekt vor der Schöpfung, der Natur und vor allem dem eigenen Nachbarn gegenüber neu zu schaffen. Vielleicht ist das auch ein wenig zu viel verlangt.

Sicher aber ist, dass es „She, fully turning around, became terrestrial“ gelingt, eben darüber nachzudenken, und das ist so viel mehr als die meisten Ausstellungen in der Lage sind zu leisten.

Petrit Halilaj „She, fully turning around, became terrestrial“, Bundeskunsthalle bis zum 18.10.2015, Di. u. Mi. 10 – 21 Uhr, Do., So. und an Feiertagen 10 – 19 Uhr

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