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Frank Auerbach im Kunstmuseum Bonn

Frank Auerbach  Self-portrait 1958  Daniel Katz Gallery, London  © Frank Auerbach  Photo: Prudence Cumings Associates Ltd

Frank Auerbach
Self-portrait 1958
Daniel Katz Gallery, London
© Frank Auerbach
Photo: Prudence Cumings Associates Ltd

Als das LWL-Museum für Kunst und Kultur Ende 2014 seine Neueröffnung mit der Sonderausstellung „Das Nackte Leben“ feierte, war das für mich nicht nur ein lange ersehntes und schon darum äusserst erfreuliches Wiedersehen mit den Werken Lucian Freuds.

Es war – was ich vorher nicht ahnen konnte – vor allem ein Neusehen mit Bildern eines Künstlers, dessen kraftvoll, pastos, farbiges Werk mir unbekannt war: Frank Auerbach.

Umso dankbarer bin ich, nach Ende der Ausstellung in Münster, in deren Gang durch die „Londoner Schule“ der 50er – 80er Jahre Frank Auerbach für mich zu einem Protagonisten wurde, seinen Werken in einer großen Soloausstellung schon jetzt wieder begegnen zu dürfen.

Das Kunstmuseum Bonn Ausstellung Auerbach präsentiert mit der Schau und über sechzig Werkendes Künstlers, dessen letzte Ausstellung in Deutschland bald 30 Jahre zurückliegt, einen großartigen Überblick über alle Schaffensphasen Auerbachs von den 50er Jahren bis in die Gegenwart. Dabei sind die Werke glücklicherweise nicht in erster Linie chronologisch gehängt, sondern wollen vielmehr durch ihren Bezug zueinander und doch in der Darstellung absoluter Einmaligkeit, Wirkung entfalten.

In einem Wandtext erklärt Auerbach seine Idee der Ausstellungsgestaltung so:

„I have been allowed to suggest a form for this exhibition. Six distinct groups of diverse images, chosen by me, and a mixed room chosen by Catherine Lampert, the curator, without interference from me. My hope is that items might not be considered too relatively – that is, not over-chronologically, stylistically or by subject or context – but that each be considered as an absolute which works (or does not work) by itself.“

7 Räume führen also durch das Werk Frank Auerbachs und zeigen etwas erstaunlich Abwechslungsreiches: die Beständigkeit. Auerbachs „Motive“ sind seine direkte Umgebung, sein Atelier, die Straßenzüge des Londoner Stadtteils Camden, in dem er seit den 50ern lebt, und die Menschen seiner direkten Umgebung, die immer wieder als „Köpfe“ in seinen Porträtreihen auftauchen. Diese motivische Wiederholung wirkt in Zusammenspiel mit seiner Maltechnik jedes mal so erstaunlich neu, weil in jedem Bild eine neue Stimmung schwingt, die – so jedenfalls macht es den Eindruck – dem Motiv innewohnte, just in dem Moment da es gesehen, erkannt, gezeichnet, gemalt, erfasst wurde.

Frank Auerbach  E.O.W. half-length nude, 1958  Privatsammlung / Private collection Courtesy of Eykyn Maclean, LP  © Frank Auerbach Foto / Photo: Douglas M. Parker Studio

Frank Auerbach
E.O.W. half-length nude, 1958
Privatsammlung / Private collection
Courtesy of Eykyn Maclean, LP
© Frank Auerbach
Foto / Photo: Douglas M. Parker Studio

Besonders beeindruckt haben mich in der Ausstellung in Bonn, wie auch schon in Münster, die Porträts. Sie sind nie erkennbare Abbilder der titelgebenden Person. Nie würde ich Catherine Lampert, die wunderbare Kuratorin beider Ausstellungen und mit Auerbach seit Ende der 70er Jahre bekannt, erkennen, nur weil sie so oft von ihm porträtiert wurde. Vielmehr erscheinen die dargestellten Personen, sei es als „Köpfe“ oder als „half-length nude“, in den Bildern als Ausdruck ihrer inneren Strahlkraft, kombiniert mit den äusseren Einflüssen des Schaffensprozesses. Dies wird vor allem im von Lampert „bestückten“, siebten Raum deutlich, in dem z.B. drei Porträts von ihr nebeneinander hängen, alle erschaffen in kurzen Abstand. Deutlich gemeinsam ist ihnen dabei ausschließlich die erkennbar gleiche Studiosituation und eine ähnliche Pose der Porträtierten. Das Licht des Raumes, im Raum, und die Situation und Stimmung in der sich Künstler und Modell befanden, machen aber jedes dieser Bilder zu einem einmaligen Ausdruck.

Frank Auerbach  E.O.W. Nude, 1953-4  Öl auf Leinwand / Oil paint on canvas 50,8 x 76,8 cm  Tate  © Frank Auerbach

Frank Auerbach
E.O.W. Nude, 1953-4
Öl auf Leinwand / Oil paint on canvas
50,8 x 76,8 cm
Tate
© Frank Auerbach

Eine weitere Stärke der Porträts liegt für mich in der Notwendigkeit des Abstands, den sie vom Betrachter einfordern. So nahe die dargestellten Personen dem Künstler stehen, und so intim der Eindruck ist, den er im Werk festhalten möchte, so weit muss man sich als Aussenstehender von ihm entfernen, um in den dicken Farbschichten, den Linien, Brüchen, Strukturen, Flächen, ein Porträt entdecken zu können.

In seinem großartigen Essay im Katalog beschreibt T.J. Cark diese Herangehensweise sehr treffend:

„Impasto ist für Auerbach (…) in erster Linie eine Sehweise. In gewisser Hinsicht läuft das der Intuition zuwider. Von dick und üppig aufgetragener Farbe erwarten wir doch vor allem erst einmal, dass sie uns Textur und Substanz fühlen lässt (…). Aber sie sind zweitrangig. In erster Linie zählt Sichtbarkeit. Doch der weg zum sichtbaren führt über das Handgreifliche (…). Vielleicht weil (…) Impasto bei Auerbach immer auch ein Weg ist, nicht zu sehen, oder nicht klar zu sehen; sich nicht sicher zu sein, was man sieht, bis, anscheinend unkontrollierbar, die hingeworfenen Striche die Erscheinung auf der anderen Seite des Werkes offenbaren.“

Und diese Offenbarung gilt nicht nur für die Betrachtung der Porträts, sondern auch für die Strassen- und Landschaftszenen Auerbachs. Wie bei den „Köpfen“, so ist auch hier die Motivauswahl zunächst sehr eingeschränkt und definiert sich über die direkte Nachbarschaft zum Atelier des Künstlers in Camden.

Frank Auerbach  To the Studios, 1979-80 Öl auf Leinwand / Oil paint on canvas 123,2 x 102,6 cm Tate  © Frank Auerbach

Frank Auerbach
To the Studios, 1979-80
Öl auf Leinwand / Oil paint on canvas
123,2 x 102,6 cm
Tate
© Frank Auerbach

In der Ausstellung finden sich daher zahlreiche Werke, deren Titel genau darauf verweisen: „Mornington Crescent“  – Straße und Underground Station – und „Primrose Hill“ – ein Hügel auf der Nordseite des Regnet Park mit ländlichem Charakter und ungestörten Blick auf die Londoner Innenstadt. Die Stadtszenen in der „Mornington Crescent“ Reihe wirken aus der Nähe wie wild und ungeplant übereinander und nebeneinander gelegte Farblinien, Flächen und Verläufe. Erst aus einiger Entfernung lassen sich Gebäude erkennen, wird die Straßenbeleuchtung sichtbar, der Straßenverlauf. Und erst in Beziehung der Bilder zueinander werden die unterschiedlichen Stimmungen sichtbar und erfahrbar. Unterschiedliche Tageszeiten oder das über die Jahre veränderte Straßenbild finden ihren Ausdruck.

Und einige der Szenen aus Primrose Hill erinnern auf der einen Seite überraschend an klassische Landschaftsmalerei, indem sie Himmel und Erde, Strukturen und die atmosphärische Stimmung klar definieren. Im Auftrag der Farbe, der Farbwahl, der Linienführung und der Reduzierung des Dargestellten geht es dann aber doch schon wieder viel eher um eine innere Stimmung und die Verfassung des Künstlers im Schaffensprozess.

Ich bin sehr dankbar, dass die Zusammenarbeit zwischen Tate Britain, Kunstmuseum  Bonn, Künstler und Kuratorin diese Ausstellung ermöglicht hat und nun für ein hoffentlich zahlreiches und interessiertes Publikum die Chance eröffnet, Frank Auerbachs Werk zu erleben.

Frank Auerbach  The Origin of the Great Bear, 1967-8  Öl auf Holz / Oil paint on board 114,6 x 140,2 cm Tate  © Frank Auerbach

Frank Auerbach
The Origin of the Great Bear, 1967-8
Öl auf Holz / Oil paint on board
114,6 x 140,2 cm
Tate
© Frank Auerbach

Nicht ganz nachvollziehbar ist bei aller Freude über die Ausstellung die Lieblosigkeit des Katalogs, die sich auch darin ausdrückt, dass er zwar vom Kunstmuseum Bonn herausgegeben wurde und der Rückentext auch auf Deutsch ist, alle Texte im Katalog dagegen auf Englisch. Vorwort und Essay finden sich zwar übersetzt in einem Beiheft, allerdings gilt dies ausgerechnet nicht für das erhellende Interview zwischen Catherine Lampert und Frank Auerbach von 1978, das immerhin Ausgangspunkt für ihre intensive Zusammenarbeit wurde. Das ist sehr bedauerlich.

 

 

„Frank Auerbach“, im Kunstmuseum Bonn bis zum 13.09.2015, danach in der Tate Britain. Di. – So. 11 – 18 Uhr, Mi. 11 – 21 Uhr

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