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Malte van de Water, Vato Cozicozo „864.000“, Vier Wände #17, Münster

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Zuhause heisst Intimität, Lust, Freizeit, Unbeschwertheit, Freunde, Leben. Zuhause ist ein Gefühl und Zuhause ist ein Ort. Orte – und Menschen – wollen erobert werden, um zu begeistern, um begeistert zu sein.

Wie viel Zeit braucht es, um einen Ort zu verstehen? Nicht viel, wenn man seine Typographie kennt. Wenn einem der Gedanke an eine Wohngemeinschaft als Ort vertraut ist, wenn man vielleicht akzeptiert, dass die Menschen, die dort leben, als Individuen austauschbar, in der Idee davon wie Zusammenleben funktioniert aber unverwechselbar sind: dann sind es eventuell genau 864.000 Sekunden.

10 Tage also – das ist die Frist, die es im Fall von Vier Wände #17 galt einzuhalten. 10 Tage bis zur Eröffnung der Ausstellung und als kreative Deadline für die Eroberung eines fremden Raumes.

Wie immer bei Vier Wände, ist dieser Raum eine private Studierenden-WG in Münster, den ausstellenden Künstlern zumeist fremd.

Für die Dauer einer Ausstellung ist dieser Raum der denkbar beste Gegenentwurf zur sprichwörtlichen White Cube Galerie. Hier sind Leben und Interaktion, hier ist Privates und Öffentlichkeit im besten Sinn vereint.

Malte van de Water und Vato Cozicozo ist mit 864.000 etwas bisher – jedenfalls meiner Meinung nach – einmaliges gelungen. Sie haben sich, quasi in der Tradition der skulpturprojekte, einen Ort erobert und mit ihrer unkonventionellen Kunst die Wirkung seiner Gegebenheiten verstärkt. Für Vier Wände #17 haben sie während der 10 Tage an jedem Tag ein Werk für diese Ausstellung, für diese Räume, geschaffen.

OCB, ist womit ich dreh'

OCB, ist womit ich dreh‘

Zur Begrüßung hängt im Flur ein filigranes „Wandgemälde“ aus Zigarettenblättchen, von einem Ventilator in sanft wiegende Bewegungen versetzt. Wenn bloß die Vorräte an Blättchen immer so groß und greifbar präsent wären, mögen sich einige Raucher gedacht haben.

Das Bad ist vermeintlich ständig besetzt, denn hinter einem Paravent vor der Badewanne hört man vertraute Duschgeräusche, das Radio tönt und der duschende Bewohner singt mit, ruft, kommuniziert mit den Mitbewohnern. All das kommt jetzt selbstverständlich vom Band, ist aber doch eine Dauerschleife der Realität. Und wenn ich als Besucher hier auf die Toilette gehe – jemand, der hier lebt, ist schon und immer da.

X

X

Der nächste Raum ist verschlossen, seine Tür zusätzlich mit einem improvisiert wirkenden Holzkreuz eindeutig versperrt. „Hier kein Zutritt“, Privatsphäre. Zum nächsten Zimmer, dem Wohnzimmer der WG, ist kurzzeitig sogar eine neue Wand eingezogen worden und hat so die Wahrnehmung der Räume, die Laufwege und die Aufenthaltsmöglichkeiten verändert.

Wand

Wand

Die „Wand“ aus Papier, die sich in Farbe und Relief perfekt in das vorherrschende Rauhfasertapetenweiß der echten Wände fügt, ist aber schnell durchbrochen. Zuerst nur ein schmaler Durchgang, später zu Bequemlichkeit erweitert, bleiben die Reste hängen, als wären die Abbrucharbeiten unterbrochen worden um die laufende Party nicht zu stören.

Der Kuss

Der Kuss (Videostill)

Die meiner Meinung nach beeindruckendste Arbeit bespielt einen der privaten Räume der WG: Ein in slow motion abgespieltes Video zeigt – untermalt von feinster Liebesschnulzenmusik – die Künstler im Profil. Ihre Köpfe, ihre Münder, nähern sich immer wieder bis auf kürzeste Distanz an. Die Lippen und Augen vermitteln dem Gegenüber Lust und Begehren, und doch weichen sie immer wieder im letzten Moment voneinander. Erwartung und Spannung bauen sich auf, auch der Betrachter wünscht sich den befreienden Kuss, der schließlich auch, nach einigem sich Zieren und Zaudern, kommt. Es sind vielleicht vor allem die Reaktionen der Zuschauer, die den wahren Reiz ausmachen: Überraschung, Begeisterung, befreites Lachen: was ein Kuss – und sei es zwischen Männern (oder gerade darum?) – doch noch in der Lage ist hervorzurufen! Eine wunderbar einfache Idee, perfekt umgesetzt in diesem Zimmer, das Rückzugs- und privater Ort ist, den meisten der Besucher an diesem Abend zum willkommenen Aufenthaltsraum wird und doch gerade durch das Video seine Integrität und Intimität wahrt.

Stau

Stau (Videostill)

Ein weiteres Video im Wohnzimmer der WG zeigt einen Spielzeug-Ferrari, der in Flammen aufgeht, lichterloh mit schwarzer Rußwolke, die Plastikkarosserie schmilzt, sackt in sich zusammen und vom Spielzeug eines Kindes und dem Traum vieler Erwachsener bleibt: ein undefinierbarer Klumpen unerfüllbarer Wünsche. Kann man Erwachsenwerden pointierter künstlerisch umsetzen und darstellen? (Rhetorische Frage, meine Antwort ist hier Nein!)

Match me if you can

Match me if you can

Täuschung und Verführung: so lässt sich vermutlich die übliche Handlungsweise von Nutzern der App „Tinder“ auf den Punkt gebracht beschreiben. „Tantris“, der getarnte, betörende Tristan, ist das Ziel der Begierde bei „Match me if you can“, der Darstellung eines fakeaccounts bei Tinder auf einem iPad. Der Betrachter wird zum Benutzer, nimmt die Identität von Tantris, aufgeladen mit seinen eigenen Vorstellungen von Begehr und Ideal an, und richtet durch eine Streichbewegung Pro oder Contra. Dating im 21. Jahrhundert: hier, in diesem Umfeld sicher keine fremde Idee.

Diese und alle weiteren kleinen und feinen Ideen und Werke sprühen vor Fantasie, sind einfach in der Umsetzung und bestechend in der Wirkung. Sie sind persönlich, wenn man sich darauf einlässt und unterhaltend allemal. Sie sind die Ergebnisse von zwei positiv verrückten und extrem kreativen Menschen von denen ich bitte noch viel sehen möchte!

Nur Scheisse mit Rahmen

Nur Scheisse mit Rahmen

Walwichser

Walwichser

Ausdrücklich möchte ich hier zum Abschluss das Team von Vier Wände loben, das mit dieser Ausstellung Mut bewiesen und gezeigt hat, dass    es sich lohnt neue Wege zu beschreiten.

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