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„Conflict – Time – Photography“ im Museum Folkwang, Essen

Etwas Wiederkehrendes, etwas Stetiges, etwas Menschengemachtes. Conflict, Time, Photography.

Luc Delahaye US Bombing on Taliban Positions, 2001 © Courtesy Luc Delahaye & Galerie Nathalie Obadia, Paris/Bruxelles

Luc Delahaye
US Bombing on Taliban Positions, 2001
© Courtesy Luc Delahaye & Galerie Nathalie Obadia, Paris/Bruxelles

Die Ausstellung in Essen befasst sich in bewegender, erhellender und überraschender Weise mit drei Konstanten menschlichen Seins, die in Ursache und Wirkung auf unterschiedliche Weise ein Ziel verfolgen: Ordnungssystem zu sein. Wie der Mensch die Zeit zur Definition von Erlebtem und Erlebbarem benötigt, wie er Konflikte zur Erschaffung einer jeweils sehr subjetiven Idee von Ordnung nutzt, so ist die Fotografie seit ihrer Erfindung Medium für Erinnerung, Weitergabe und Vermittlung.

„Conflict – Time – Photography“ ist in zwölf Räumen nicht als thematische, sondern als chronologische Rückschau auf die fotografische Dokumentation, sei es journalistisch oder künstlerisch, von Konflikten konzipiert.

Von Momente später über Tage, Wochen, Monate später, 10 – 15 Jahre später bis 75 – 100 Jahre später wird so in jedem der Räume Zeitpunkt und Zeitraum des Erinnerns definiert. So wird eine gleichberechtigte Darstellung der Ereignisse ermöglicht.

Don McCullin Shell Shocked US Marine, Vietnam, Hue, 1968, printed 2013 © Don McCullin, courtesy Hamiltons Gallery, London

Don McCullin
Shell Shocked US Marine, Vietnam, Hue, 1968, printed 2013
© Don McCullin, courtesy Hamiltons Gallery, London

Im ersten Raum (Momente später) hängen so Aufnahmen der Pilzwolke der Atombombenexplosion über Hiroshima 1945 (aufgenommen weniger als als zwanzig Minuten nach der Explosion), das verstörende Porträt eines US-Marine unter Granatenschock (siehe Foto) von 1968 und das, bei aller Dokumentation, schon bald künstlerische Bild eines Bombenangriffs der USA auf Stellungen der Taliban (2001) (Titelbild) nebeneinander.

Ein Raum des Zeitabschnitts 5 – 20 Jahre später widmet den Möglichkeiten künstlerisch-fotografischer Ausdrucksformen in der Darstellung von drei Konflikten und zeigt dabei auch das Potenzial der Häufung und und Wiederholung von Motiven zur Unterstützung einer Aussage. Das Werk „Mein Hals ist dünner als ein Haar: Motoren“ widmet sich als Sammlung von zahlreichen postkartengroßen Fotos der Dokumentation von Anschlägen mit Autobomben während des Libanonkrieges von 1975 – 91 und zeigt die einzigen „Überlebenden“ dieser Attentate: die Motorblöcke der benutzen Fahrzeuge, journalistisch dokumentiert, wie sie zum Teil weit entfernt vom Anschlagsort aufgefunden wurden. Adam Broomberg und Oliver Chanarin thematisieren und dokumentieren mit „Menschen in Aufruhr Lachend Zu Boden gestoßen“ die Arbeit eine Fotoarchivs zum Nordirlandkonflikt. Hier ausgeliehene und für die journalistische Arbeit genutzte Motive wurden mit einem roten, grünen oder gelben Punkt markiert. Die beiden Künstler haben diesen Klebepunkt entfernt und nutzen nur den bisher so verborgenen Ausschnitt zur Darstellung der Geschehnisse (siehe Foto).

Adam Broomberg & Oliver Chanarin Untitled (Man grieving), People in Trouble Laughing Pushed to the Ground, 2011  © The Artists and Courtesy the Artists and Lisson Gallery, London

Adam Broomberg & Oliver Chanarin
Untitled (Man grieving), People in Trouble Laughing Pushed to the Ground, 2011
© The Artists and Courtesy the Artists and Lisson Gallery, London

Taryn Simon schließlich thematisiert in ihrer großen Bildfolge „Ein für Tot erklärter Lebender und andere Kapitel I – XVIII“ (hier ausgestellt Kapitel VII) durch Fotos Angehöriger, Blutsverwandter, eines Opfers die zutiefst persönliche Seite des Krieges, Schicksal, Zufall, Abhängigkeit von Umständen.

100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges widmet sich das fotografische Werk von Chloe Deze Mathews im Raum 75 – 100 Jahre später schließlich dem, was an Erinnerung und Dokumentation noch möglich ist, wenn keine Zeitzeugen mehr berichten können: es bleibt, den Ort zu zeigen. „Erschossen im Morgengrauen“ (siehe Foto) heisst die Reihe von Fotos und jedes von ihnen trägt als Titel neben Datum und Uhrzeit auch die Namen derer, die zu diesem Zeitpunkt an eben jenem Ort als Deserteure erschossen wurden.

Soldat Ahmed ben Mohammed el Yadjizy Soldat Ali ben Ahmed ben Frej ben Khelil Soldat Hassen ben Ali ben Guerra el Amolani Soldat Mohammed Ould Mohammed ben Ahmed 17:00 / 15.12.1914 Verbranden-Molen, West-Vlaanderen

Soldat Ahmed ben Mohammed el Yadjizy
Soldat Ali ben Ahmed ben Frej ben Khelil
Soldat Hassen ben Ali ben Guerra el Amolani
Soldat Mohammed Ould Mohammed ben Ahmed
17:00 / 15.12.1914
Verbranden-Molen, West-Vlaanderen

In Zeiten extrem plakativer Darstellung von Krieg und Gewalt in den Medien zeigt diese Ausstellung, dass zur Erinnerung an Gräuel nicht notwendigerweise Opferbilder gezeigt werden müssen. In dem indirekten Blick auf Geschehnisse, sei es durch den verbliebenen Staub, aufgewirbelt durch eine Explosion, auf zerstörte Militärfahrzeuge, sei es auf die Utensilien und Bekleidung von Opfern der Atombombenabwürfe, die alles sind was von diesen übrig blieb, seien es Straßenzüge, Orte in Ostberlin während des Mauerbaus etc., liegt die wahre Stärke des Gedenkens.

Auch wenn die Bilder für sich stehen: erst der Kontext, erst das Erinnern, macht sie zu den brauchbaren und nützlichen Dokumenten einer Erinnerungskultur. Und indem der Betrachter in der Zeit zurückwandert ergibt sich bei ihrer Betrachtung eben der bedrückende Eindruck: Da waren wir schon einmal, das haben Menschen Menschen schon vor Zeiten angetan.

Es ist erschreckend zu sehen, wie selbst fast ikonographische Darstellungen von Kriegsfolgen, Verlust und Zerstörung, etwa durch „Blick vom Rathausturm nach Süden, Dresden, 1945″ (siehe Foto) nur einen Ausschnitt immer wiederkehrenden Drangs nach Ordnung durch Konflikt und nach notwendiger Dokumentation seiner Folgen, zeigen. Die Ausstellung orientiert sich in ihrer zeitlichen

Richard Peter sen. Blick vom Rathausturm nach Süden, Dresden, 1945 publ. in: Dresden. Eine Kamera klagt an, 1949 Bromsilbergelatine, 17 x 22,8 cm Museum Folkwang, Essen © SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Richard Peter sen.

Richard Peter sen.
Blick vom Rathausturm nach Süden, Dresden, 1945
publ. in: Dresden. Eine Kamera klagt an, 1949
Bromsilbergelatine, 17 x 22,8 cm
Museum Folkwang, Essen
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek, Richard Peter sen.

Einordnung, d.h. im Ausgangspunkt dieser Erfahrung durch Dokumentation, an den Gedenkjahren 1914 und 1945. Sie sind offensichtlich die Höhe- und Fixpunkte menschlichen Versagens im Zusammenleben von Menschen, wenn es darum geht, die Betrachtung im 20. Jahrhundert beginnen zu lassen. Das es keine Fantasie, sondern reines Geschichtswissen braucht, um zu erkennen, dass es auch Räume mit Titeln wie 100 – 200 Jahre später etc. geben könnte (wenn es zumindest um die fotografische Dokumentierbarkeit geht), steht dabei ausser Frage.

„Conflict – Time – Photography“ ist eine Lehrstunde dazu. Aber eben auch eine Lehrstunde über Qualität und Notwendigkeit des fotografischen sich Erinnerns. Im Museum Folkwang wird sie, in ihrer zweiten Station nach der Tate Modern und bevor sie in die Kunstsammlung Dresden weiterwandert, sinnvoll ergänzt und erweitert durch einen Themenraum zur Region Ruhrgebiet und Rheinland und schafft so einen wichtigen regionalen Bezugspunkt.

„Conflict – Time – Photography“, Museum Folkwang, 10. April – 5. Juli 2015, Di., Mi. und Sa., So. 10 – 18 Uhr, Do., Fr. 10 – 20 Uhr

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