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Cyprien Gaillards 3D-Video „Nightlife“ aus der Ausstellung „Where Natur Runs Riot“ bei Sprüth Magers, Berlin

Cyprien Gaillard Nightlife, 2015 3D motion picture, DCI DCP 14:28 min installation view, Cyprien Gaillard:

Cyprien Gaillard
Nightlife, 2015
3D motion picture, DCI DCP 14:28 min
installation view, Cyprien Gaillard: „Where Nature Runs Riot“, Sprüth Magers Berlin, May 2 – July 18, 2015

Alton Ellis‘ Rocksteady Klassiker „Black man’s world“ von 1969 behandelt, nicht zuletzt durch den Refrain „I was born a loser“, die Problematik der Rassentrennung, die Herabsetzung von Schwarzen in den USA zu jener Zeit. In einer neuen Version von 1971 wird ihm seine ursprüngliche Bedeutung genommen: Jetzt heisst das Stück „Black man’s pride“, der Refrain „I was born a winner“.

1970 zerstört ein Bombenanschlag der sogenannten Weathermen, einer linksmilitanten Untergrundorganisation, die gegen den weissen Rassismus in den USA kämpft, den Sockel der Rodin-Skulptur „Der Denker“ vor dem Cleveland Museum of Art, bringt diese zu Fall und beschädigt ihre Beine irreparabel. Sie wird in diesem Zustand wieder aufgerichtet.

Der chinesische Wacholder in Kalifornien heisst „Hollywood Juniper“ und ist so, wie die ebenfalls „eingewanderte“ Palme, assimiliert und durch die Namensgebung seines Ursprungs beraubt worden. Heute prägen beide Pflanzen wie selbstverständlich das Landschaftsbild.

1913 wird James Cleveland „Jesse“ Owens geboren, gewinnt bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 vier Goldmedaillen, die Anerkennung bleibt ihm in der durch Rassentrennung geprägten Heimat allerdings über Jahrzehnte verwehrt.

Das Maifeld, Aufmarschort nationalsozialistischer Propagandaveranstaltungen am Olympiastadion in Berlin, ist alljährlich Austragungsort der Pyronale, eines Feuerwerksfestivals.

Auf dem Gelände der James Ford Rhodes High School in Cleveland steht eine der wenigen noch erhaltenen „Olympia-Eichen“, erwachsen aus dem Setzling, der jedem Goldmedaillengewinner 1936 überreicht wurde. Diese stammt von Jesse Owens, der hier trainierte.

Fünf Bilder, ein Soundtrack. Das sind die „Kapitel“ der 3D-Videoarbeit „Nightlife“ von Cyprien Gaillard, die zentraler Bestandteil seiner aktuellen Ausstellung „Where Nature Runs Riot“ in der Galerie Sprüth Magers ist.

Und diese Bestandteile fügen sich zu einem fesselnden, magischen, bisweilen hypnotischen Ganzen.

(Alle Szenen wurden Nachts gedreht.)

Zunächst fährt die Kamera um die Rodin Skulptur in Cleveland und erschafft diese, durch die Zerstörung ihrer ursprünglichen Vollkommenheit beraubt, quasi neu. Die Szene inszeniert sie damit nicht nur als die Bronze, die sie ist, sondern eben auch als das Denkmal, das sie durch den Anschlag wurde und gibt ihr eine neue Bedeutung.

„I was born a loser/I was born a winner“, der Refrain aus „Black man’s world“ läuft als neun-sekündiges Sample im Hintergrund, durch Hall und Delay verfremdet, in der Musiktradition seiner Zeit damit, bei aller Entfremdung vom Original, als eigenständiges Werk neu erschaffen.

Cyprien Gaillard Nightlife, 2015 3D motion picture, DCI DCP 14:28 min installation view, Cyprien Gaillard:

Cyprien Gaillard
Nightlife, 2015
3D motion picture, DCI DCP 14:28 min
installation view, Cyprien Gaillard: „Where Nature Runs Riot“, Sprüth Magers Berlin, May 2 – July 18, 2015

Die Hollywood Juniper und Palmen der nächsten Einstellung geben sich diesem Rhythmus gleichsam hin, ihre Äste und Blätter wiegen sich zur Musik wie Tänzer, die mit ihren Körpern dem musikalischen Inhalt eine Ausdrucksform geben. Unter dem Titel „Where Nature Runs Riot“ kann man ihre Bewegungen auch als Aufbegehren verstehen. Mit ihren Möglichkeiten „wehrt“ sich die Pflanze gegen ihre Vereinnahmung und Entwurzelung.

Wie Stämme, Äste, Baumkronen wirken die Feuerwerksbilder auf der Pyronale. Sie verbinden die Pflanzen der vorherigen Szene mit dem Blick auf das Olympiastadion in Berlin. Als Zuschauer befindet man sich dabei auf „Explosionshöhe“ der Feuerwerkskörper und durchfliegt die Verästelungen und Blüten, die entstehen, in einer faszinierenden, übermenschlichen Perspektive, schließlich sogar oberhalb der Explosionen und mit Blick auf das Olympiastadion und Berlin.

Cyprien Gaillard Nightlife, 2015 3D motion picture, DCI DCP 14:28 min film still Copyright Cyprien Gaillard Courtesy Sprüth Magers

Cyprien Gaillard
Nightlife, 2015
3D motion picture, DCI DCP 14:28 min
film still
Copyright Cyprien Gaillard Courtesy Sprüth Magers

Vom Ort des Triumphs für Jesse Owens kehrt die nächste Einstellung zurück an den Ort seiner Vorbereitung darauf: Das Trainingsgelände der James Ford Rhodes High School in Cleveland. Die Scheinwerfer eines Helikopters durchleuchten, sie umfliegend, die Baumkrone der Olympia-Eiche. Aus den Lichtbäumen in Berlin wird hier der „erwachsene“ Setzling in Cleveland, der in sich die Erinnerung an einen Triumph trägt, der aber auch von Kampf, Entwurzelung, Zurücksetzung, Niederlage erzählt.

So wie Jesse Owens im Triumph und im Leben nie wirklich dazugehörte, dazugehören durfte, so wie die Hollywood Juniper und die Palmen Kaliforniens bei aller Selbstverständlichkeit in der sie ihren neuen Lebensraum ausfüllen doch immer „Einwanderer“ bleiben, so wie die Erinnerung an einen Anschlag eine weltbekannte Skulptur ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt und sie an diesem fremden Ort zu einem Denkmal werden lässt, so ist dieser urdeutsche Baum an diesem speziellen Ort, aufgeladen mit seiner Geschichte, ein Mahnmal, ein Bildnis für Entwurzelung, Fremdheit, Heimatlosigkeit, sei es geistige oder körperliche.

Und so wie Bronze, Juniper, Palme und Eiche gegen alle Umstände und über alle Widrigkeiten überleben passt vermutlich auch „I was born a winner“: „Seht her, ich werde siegen! Was immer ihr versucht, wo immer ihr mich lasst – ich werde überstehen und wachsen.“

„Nightlife“ ist für mich, wie Camille Henrots „Grosse Fatigue“  und Robert Boys „Xanadu“, eine Videoarbeit, deren Wirkung über den Moment hinaus trägt und deren Komplexität man sich im Nachhinein und bei jedem neuen Betrachten stärker bewusst wird. Mich fasziniert neben der Perfektion in der Umsetzung, neben der fatalen Langzeitwirkung ihres Soundtracks – der dabei ja vor allem den Inhalt trägt und das einzige bleibt, das ich als Betrachter „mitnehmen“ kann – die Tiefsinnigkeit und Komplexität ihrer Aussage. Wie sich mit jedem Bild, mit jedem Kapitel eine Geschichte zusammenfügt, wie alles für sich und schließlich alles zusammen einen Sinn ergibt, ist verstörend schön, fast schon zu schön.

Es gibt diese Bilder, die einen nicht wieder loslassen, die sich einbrennen in die Hornhaut der Erinnerung und die man immer wieder aufrufen möchte. Für mich hat „Nightlife“ diese Bilder erschaffen. Ich werde noch lange an die wiegenden Hollywood Juniper, die atemberaubende Perspektive inmitten explodierender Feuerwerkskörper, die mystisch, unheimlich beleuchtete Olympia-Eiche und die zerstörte Perfektion der Bronze denken, noch lange das Sample im Ohr haben.

Und bei aller berechtigter Erwartung, dass das Video irgendwann im Internet auftaucht: dort lässt es sich nicht erfahren. Man muss es vor Ort, in 3D sehen und nicht zuletzt auch in der Größe, in der es bei Sprüth Magers präsentiert werden kann. Ich bin jedenfalls dankbar es gesehen zu haben und empfehle allen, die sich nun angeregt fühlen dringend einen Besuch!

Cyprien Gaillard „Where Nature Runs Riot“, Galerie Sprüth Magers Berlin London, 2. Mai – 18. Juli, Di. – Sa. 11 – 18 Uhr

installation view, Cyprien Gaillard:

installation view, Cyprien Gaillard: „Where Nature Runs Riot“, Sprüth Magers Berlin, May 2 – July 18, 2015

Cyprien Gaillard Sober City (Jackie Robinson & Pee Wee Reese), Detail, 2015 Triple exposure polaroid, mat, aluminium and plexi frame 103 x 73 x 4,5 cm (framed) 40 1/2 x 28 3/4 x 1 3/4 inches (framed) Copyright Cyprien Gaillard Courtesy Sprüth Magers

Cyprien Gaillard
Sober City (Jackie Robinson & Pee Wee Reese), Detail, 2015 Triple exposure polaroid, mat, aluminium and plexi frame
103 x 73 x 4,5 cm (framed)
40 1/2 x 28 3/4 x 1 3/4 inches (framed)
Copyright Cyprien Gaillard
Courtesy Sprüth Magers

Cyprien Gaillard Ammonite Dub, 2015 Ammonite, record needle Copyright Cyprien Gaillard Courtesy Sprüth Magers installation view, Cyprien Gaillard:

Cyprien Gaillard
Ammonite Dub, 2015
Ammonite, record needle
Copyright Cyprien Gaillard
Courtesy Sprüth Magers
installation view, Cyprien Gaillard: „Where Nature Runs Riot“, Sprüth Magers Berlin, May 2 – July 18, 2015

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