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„Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen“ im Haus der Kunst, München

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Mein Besuch der Ausstellung „Louise Bourgeois – Strukturen des Daseins: Die Zellen“ im Haus der Kunst in München liegt nun schon einige Zeit zurück. Die Eindrücke, die sie hinterlassen hat, sind aber weiterhin so präsent, dass ich meine Begeisterung gerne noch teilen möchte.

In der sich über sieben Jahrzehnte spannenden Schaffensphase von Louise Bourgeois nimmt der Werkkomplex der von ihr sogenannten Cells zwar einerseits „nur“ zwei Dekaden ein, andererseits ist aber – so mein Eindruck – kein Werk oder Werkkomplex ihrer künstlerischen Tätigkeit in seiner Präsenz so prägend und eindrücklich wie die Zellen.

Das liegt meiner Meinung nach in erster Linie an ihrer Charakteristik, sich im Spannungsfeld von einerseits einladend, fordernd und offen, andererseits aber in Format und Darstellung häufig auch extrem abstoßend, ausschließend, geheimnisvoll zu bewegen.

Was sind diese Cells:

Im Prinzip sind sie ganz tatsächlich, ihrer Definition folgend, Räume eines Gebäudes. Gemacht, um eine bestimmte Personengruppe einzuschließen, abzuschirmen, zu separieren.

 

Das sind die Zellen, die man in dieser Ausstellung zu Gesicht bekommt. Die einen Raum definieren, sei es durch alte Holztüren als Wände, sei es durch Stahlgitter oder durch Glas, durch Scheiben oder offene Türen einsehbar, manche komplett verschlossen andere bis zu einem gewissen Punkt zugänglich.

Und in diesen (Raum)zellen ist immer der Mensch (hier die Mutter, der Vater, die Künstlerin, die Familie), seine Körperlichkeit, dargestellt durch die Objekte, Gläser, Spiegel, Scherben, Kleidungsstücke, Stoffe Skulpturen aus Bronze, Mamor, Stahl etc., die Louise Bourgeois in ihnen unterbringt und arrangiert.

Diese Räume mit ihren „Menschen“ sind darüber hinaus und vor allem aber schließlich Körperzellen der Erinnerung, wenn sie mit dem Atem der Biographie belebt werden. Und der Betrachter wird durch sein Eindringen in diese zutiefst privaten, persönlichen Räume zum Voyeur der Leidenswelten einer Künstlerin.

Viele Gegenstände thematisieren Wut und Schmerz, Trauer und Kränkung. Nadeln, eine Guillotine, schmerzverdrehte Hände aus Mamor, Messer, Scheren.

Viele stellen mit Betten den intimsten Raum dar – den Rückzugsraum, den Ort der Fortpflanzung wie des Sterbens, den Ort von Begierde und Scham. Die Kleidungsstücke in einigen sind, aus dem Besitz der Künstlerin, ihrer Mutter oder beider Eltern stammend, Ausdruck einer bestimmten Phase bzw. Stimmung. Sie definieren Seelenzustände durch Farbe, Flüchtigkeit durch die Stoffe, sind biographische Anknüpfungspunkte durch den Ursprung.

So wie Louise Bourgeoise viele ihrer Zellen über Struktur und Inhalt zu Erinnerungszellen an die früh verstorbene Mutter macht (wie in Cell (Clothes) mit Kleidungsstücken der Mutter), so werden andere durch die Wut auf den Vater, den Fremdgänger, gespeist, wie etwa in Destruction of the father von 1974 – einem Vorläufer der Cells – in der fleischfarbene Latexformen in einer rot beleuchteten Höhle gleichsam die Reste des Vaters nach einem üppigen Mahl darstellen.

Wieder andere, wie Spider, erinnern mit den Tapisserieresten an die Arbeitswelt, die Marmorarbeit in Cell (Choisy) an den Arbeitsplatz, das Wohnhaus der Eltern, den Ort der Kindheit und die Guillotine über dieser Zelle weist schon drohend auf deren Verlust hin.

Eine Besonderheit stellen die beiden Zellen Red Room da. Sie sind die einzigen mit direktem Bezug zueinander. Die eine widmet sich als Red Room (Parents) den Eltern, die andere als Red Room (Child) dem kindlichen Dasein.

Zellen als integraler Bestandteil des Körpers sind aber nicht nur Körperzellen, sondern stellen auch die memorierte Botschaft und Erinnerung in einer Gehirnzelle dar, wie sie Sinneseindrücke hinterlassen können. So sind etwa die Parfumflacons in Cell II Speicher der Geruchserinnerung an Personen, Orte und Ereignisse und das Marmorohr in einer anderen (Cell IV) ein Hinweis auf die die Verbindung von Geräusch und Geschehen.

So wie jede einzelne Zelle einem Thema, einer Emotion, einer Erinnerung gewidmet ist, so werden sie alle zusammen betrachtet zum Bestandteil eines Körpers. Sie fügen sich nicht zu einem Organ oder einer Extremität: Sie sind etwas wie die organische Seele oder jedenfalls ein wichtiger Teil dieser. Die hohen, rauhen Ausstellungsräume des Haus der Kunst nehmen diese Wirkmacht auf und lassen Raum für die notwendige Konzentration.

Die Ausstellung fordert den Besucher nämlich zu einer unbedingten Auseinandersetzung mit der Biografie der Künstlerin auf und Louise Bourgeois lässt mit den Zellen und durch die Zellen einen Blick darauf zu.

Wie ich zu Beginn schon geschrieben habe, macht für mich diese Einladung, aber auch die Abstoßung den Reiz der Zellen aus:

Ich hatte bei jedem Blick in die Cells, bei jedem Eintritt in diesen Raum das Gefühl beinahe verbotener Nähe, das Gefühl, dass die Künstlerin mir sagt: Nun bist du hier eingedrungen, nun komme mit diesem Schmerz, mit dieser Gefühlswelt, mit dieser Leidenschaft auch zurecht! Gerade dieses „Nun bist du schon so weit gegangen, nun werde auch ein Teil davon“, das alle Zellen ausstrahlen, gerade ihrer Zugänglichkeit bei gleichzeitiger Distanz, machen diesen Werkkomplex meiner Meinung nach zu ein einmaligen Erlebnis und diese Ausstellung zu einer einmaligen Reise.

Das die psychologische Motivation in der Kunst Louise Bourgeois’ nicht ausschließlich durch die Cells getragen wird, zeigen in der Ausstellung im Haus der Kunst weitere Objekte, wie Stickereien, die letzten Zeichnungen oder Skulpturen aus dem Werk.

Es ist schwierig, die Wirkung der Zellen zu beschreiben, ohne Bilder zeigen zu können. Es bleibt daher nur, aber mit Nachdruck, der Hinweis auf den großartigen Katalog mit einem erhellenden Essay zu Leben und Werk der Künstlerin von Julienne Lord, der Kuratorin dieser Ausstellung, und der Hinweis, dass sie noch bis zum 2. August zu sehen ist.

Im Katalog selbst kommt auch die Künstlerin mit einer Definition ihrer Zellen zu Wort:

„Jede Zelle beschäftigt sich mit Angst. Angst ist Schmerz. Häufig wird sie nicht als Schmerz wahrgenommen, da sie sich immer verstellt. Jede Zelle beschäftigt sich mit dem Vergnügen des Voyeurs, der Lust des Zuschauens und des Betrachtetwerdens.“

Ich bin dankbar für eine Ausstellung wie diese, die Gefühlswelten eröffnet, Eindruck macht, verstört, irritiert und begeistert, Tiefe und Untiefen offenbart und der beste Beweis dafür ist, dass Louise Bourgeois eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts war.

Louise Bourgeois „Strukturen des Daseins: Die Zellen“, Haus der Kunst, 27. Februar – 2. August 2015, Mo. – So. 10 – 20 Uhr, Do. 10 – 22 Uhr,

Weitere, sehr ausführliche und umfangreiche Informationen und zum Programm rund um die Ausstellung unter http://www.hausderkunst.de/ausstellungen/detail/louise-bourgeois-cells/

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